Der indische König Dschali’ad auf dem Sterbebett mit seinem Sohn Wird-Khan

Tausendundeine Nacht: Eine illuminierte ägyptische Papierhandschrift des 17. Jahrhunderts: Kunsttechnologische Untersuchung und Restaurierung

Ein Gastbeitrag von Ina Fröhlich, Köln

Die Handschrift bildet einen Auszug aus den Märchen aus Tausendundeiner Nacht. Sie wurde in Ägypten für einen unbekannten Auftraggeber hergestellt. Auch über den Schreiber ist leider nichts bekannt. Trotzdem lassen sich über die verwendeten Materialien und Gebrauchsspuren einige Schlüsse über die Entstehung und Geschichte der Handschrift ziehen.
In einem zweijährigen Masterprojekt am Institut für Restaurierung und Konservierung der Technischen Hochschule in Köln wurde diese Handschrift unter kodikologischen und kunsttechnologischen Aspekten untersucht und auf Basis dieser Erkenntnisse ein Restaurierungskonzept entworfen, welches erfolgreich auf die Handschrift angewendet werden konnte.

Buchblock
Das Büttenpapier, aus dem sich der Buchblock zusammensetzt, zeigt Wasserzeichen, die bei der Herstellung des Papiers entstehen und einen Hinweis auf den Ort und den Zeitraum der Herstellung liefern. Über diese Wasserzeichen konnte ermittelt werden, dass das Papier im 17.Jh. in einer französischen Papiermühle hergestellt wurde und für den Export in den arabischen Raum bestimmt war.
Die häufige Nutzung der Handschrift führte zu zahlreichen Rissen im Papier. Zahlreiche Reparaturen im Falzbereich der Blätter weisen darauf hin, dass sich Seiten gelöst haben.
Die Doppelseiten des Buchblocks, die zuvor in einer Kettstichheftung geheftet waren, wurden separiert und erhielten eine Klebebindung, wie sie noch heute für Taschenbücher gebräuchlich ist. Als Klebstoff wurde zu dieser Zeit ein Proteinleim verwendet.
Der großzügig aufgetragene und versprödete Leim sowie die zahlreichen Reparaturen im Falzbereich führen dazu, dass sich die Handschrift nicht mehr gut aufschlagen ließ. Sogar Risse durch das Papier mit den Buchmalereien sind festzustellen.
Um weitere Risse zu verhindern und die Handschrift besser aufschlagen zu können, muss die Leimschicht entfernt und die Einzelblätter wieder zu Lagen zusammengesetzt werden. Diese Lagen können daraufhin wieder geheftet werden, was das Aufschlageverhalten verbessert.
Risse und Fehlstellen müssen geschlossen werden, um ein weiteres Einreißen zu verhindern.
Werden zwei Einzelblätter wieder mit Papierstreifen zu Doppelblättern zusammengefügt, entsteht ein enormer Volumenzuwachs dort, wo sich die Papiere überschneiden. Das muss so weit es geht verhindert werden, da der Buchblock wieder in seinen ursprünglichen Einband zurückgeführt werden soll. Eine Abnahme der historischen Reparaturen im Falzbereich war daher notwendig. An einigen Stellen wurden die historischen Reparaturen im Falzbereich nur gekürzt, wo es nötig war.
Durch eine ausgiebige fotografische Dokumentation durch die Digitalisierung der Handschrift in einem vorangegangenen Projekt ist die Lage der historischen Reparaturen nachvollziehbar. Alle Reparaturen in anderen Bereichen des Blattes, vor allem an den Ecken und Kanten wurden als historische Zeugnisse belassen. Durch die Abnahme der historischen Reparaturen konnte viel Platz für das zusätzliche Papier und die Heftung gewonnen werden. Außerdem wurde beschlossen, nur ein sehr dünnes, transparentes Japanpapier für die Zusammenfügung der Einzelblätter zu verwenden. Da die ehemaligen Doppelblätter im Falzbereich sehr uneinheitlich gerissen waren, überlagern sich jedoch das dünne, transparente Japanpapier mit dem Büttenpapier der Handschrift. Dessen opaker Ton kommt unter dem transparenten Papier hervor, sodass die Fehlstelle nicht mehr so deutlich ins Auge fällt. Trotzdem sind die Spuren der historischen „Reparaturmaßnahme“ für den aufmerksamen Betrachter nachvollziehbar. Die Verwendung des Japanpapiers bedeutet auch einen enormen Zuwachs an Flexibilität, der mit Ergänzungen aus Büttenpapier so nicht möglich geworden wäre. Nun lässt sich der Buchblock problemlos vollständig aufschlagen.

Tinte und Kupfer
Die Tinte besteht aus einer Mischung aus einer Eisengallustinte und einer Rußtusche.
Bei einer Eisengallustinte kann das Phänomen des Tintenfraßes vorkommen, welcher das Papier regelrecht zerfrisst. Daher müssen Maßnahmen getroffen werden, um den Schaden, der hier noch nicht weit fortgeschritten ist, so früh wie möglich einzudämmen.
Die Rußtusche ist wasserlöslich, sodass eine sehr feuchte Behandlung der Tinte dazu führen kann, dass die Tinte ausgeschwemmt wird.

Das grüne Pigment besteht aus einem Kupferchlorid. Dieses kann nicht nur den Kupferfraß ausbilden, ein ganz ähnliches Phänomen wie das des Tintenfraßes, sondern auch den Tintenfraß verstärken. Schäden lassen sich vor allem an den Stellen der Seite erkennen, an denen auf der einen Seite des Blattes eine grüne Malerei, auf der anderen Seite des Blattes in derselben Höhe, Schrift aus schwarzer Tinte aufeinandertreffen. Die Restaurierung der Handschrift muss daher beide Phänomene berücksichtigen.

Versuchsreihe
Um eine geeignete Methode zu entwickeln, dem Fraßschaden entgegenzuwirken, wurde eine Testreihe mit Probekörpern begonnen. Damit ist es möglich, die entwickelte Behandlung auf ihre Stabilität unter starken Klimaschwankungen zu überprüfen. Auch wenn die Schäden Tinten- und Kupferfraß bereits seit langer Zeit bekannt sind und untersucht werden, gibt es immer wieder neue Erkenntnisse über den Schadensverlauf. Daher muss ein eigens auf dieses Objekt abgestimmtes Verfahren entwickelt werden, bei dem die Wasserlöslichkeit der Tinte, die Fragilität und Zusammensetzung der Farben, ein gutes Alterungsverhalten der verwendeten Inhaltsstoffe und der Eignung für beide Arten der chemischen Fraßschäden entspricht.
Getestet wurden daher verschiedene Proteine, die ohnehin bereits so oder so ähnlich bei der Herstellung der Handschrift verwendet wurden und deren Alterungsverhalten dadurch bekannt ist. Verschiedene Auftragsverfahren wurden an den Probekörpern getestet und einem künstlichen Alterungszyklus ausgesetzt, in dem eine erhöhte und schwankende Temperatur und Luftfeuchte Schäden in dem Probekörper hervorruft und daher erkennen lässt, wo die Schwachstellen der entwickelten Methode liegen.
Verschiedene kunsttechnologische Untersuchungsmethoden bestätigen nicht nur den Erfolg der Methode, sondern geben auch Einblicke in einen möglichen Verlauf des Schadens, da die Probekörper im Gegensatz zum Original auch invasiv und destruktiv untersucht werden können. Damit stehen deutlich mehr und genauere Untersuchungsmittel zur Verfügung, als sie bei der Handschrift selbst angewandt werden konnten.

Einband
Der Einband ist neueren Ursprungs. Die Reste einer Urkunde, die zur Verstärkung des Buchblocks verwendet wurde, nennt ein Datum (1749) und ist in Frankreich zu verorten. Da die Urkunde zweckentfremdet wurde, kann davon ausgegangen werden, dass sie einige Jahrzehnte nach ihrer Entstehung ihre Gültigkeit verlor und für die Reparatur des Buches verwendet wurde. Auch die Technik und die Gestaltung des Einbandes lassen darauf schließen, dass das Buch Ende des 18. oder Anfang des 19.Jh. neu gebunden wurde. Die Gestaltung des Einbandes, insbesondere mit der Mandorla, die das Mittelfeld des Einbandes verziert, lehnt sich an orientalische Vorbilder an, wurde aber in europäischer Technik hergestellt.
Das Einbandleder war versprödet und zeigt Spuren eines säurebedingten Zerfalls. Ein Festigungsmittel wurde aufgetragen, um vor weiteren Abpulverungen und Verfärbungen zu schützen. Die Risse und Fehlstellen im Einband wurden mit Leder und Japanpapier ergänzt.

Abbildung 1 Diese Darstellung zeigt das schlechte Aufschlageverhalten der Handschrift. Die helleren Papiere stellen alte Reparaturen dar, die z.T. sehr großflächig ausfallen.

Abbildung 1 Diese Darstellung zeigt das schlechte Aufschlageverhalten der Handschrift. Die helleren Papiere stellen alte Reparaturen dar, die z.T. sehr großflächig ausfallen.

Abbildung 2 Durch die Spannungen der Klebebindung und des relativ steifen Papiers bildeten sich Risse im Falzbereich.

Abbildung 2 Durch die Spannungen der Klebebindung und des relativ steifen Papiers bildeten sich Risse im Falzbereich.

Abbildung 3 Die Restaurierung ermöglicht einen guten Aufschlagwinkel der Handschrift. Risse im Bereich der Miniaturen wurden rückseitig mit einem beschichteten Spezialpapier gesichert.

Abbildung 3 Die Restaurierung ermöglicht einen guten Aufschlagwinkel der Handschrift. Risse im Bereich der Miniaturen wurden rückseitig mit einem beschichteten Spezialpapier gesichert

Abbildung 4 Detailaufnahme von fol. 24v. Die Kante jedes einzelnen Blattes, wie hier bei fol.24v zu sehen, ist etwa 1cm breit von einer starken Klebstoffschicht überzogen. Die Klebstoffschicht führt zu Verwellungen des Papiers und musste abgenommen werden.

Abbildung 4 Detailaufnahme von fol. 24v. Die Kante jedes einzelnen Blattes, wie hier bei fol.24v zu sehen, ist etwa 1cm breit von einer starken Klebstoffschicht überzogen. Die Klebstoffschicht führt zu Verwellungen des Papiers und musste abgenommen werden.

Abbildung 5 Durch die Abnahmen der Reparaturen im Falzbereich wurde die Stärke der Fragmentierung der Blattkante sichtbar. Der Japanpapierstreifen verbindet die beiden Einzelblätter und sichert gleichzeitig die Blattkante, ohne dass es dabei zu einem starken Volumenzuwachs kommt.

Abbildung 5 Durch die Abnahmen der Reparaturen im Falzbereich wurde die Stärke der Fragmentierung der Blattkante sichtbar. Der Japanpapierstreifen verbindet die beiden Einzelblätter und sichert gleichzeitig die Blattkante, ohne dass es dabei zu einem starken Volumenzuwachs kommt.

 

 

Abbildung 6 Der Falzbereich wirkt im Lagenverbund nicht mehr so transparent, da der Farbton der anderen Blätter durch das Japanpapier scheint.

Abbildung 6 Der Falzbereich wirkt im Lagenverbund nicht mehr so transparent, da der Farbton der anderen Blätter durch das Japanpapier scheint.

“Ich bin nach Weisheit weit umher gefahren”- ein Museum für Chamisso

Adelbert von Chamisso (1781-1838), der Dichter der Romantik, Naturforscher, Botaniker, und Weltreisende schrieb:

Ich bin Franzose in Deutschland und Deutscher in Frankreich, Katholik bei den Protestanten, Protestant bei den Katholiken, Jakobiner bei den Aristokraten und bei den Demokraten ein Adliger… Nirgends gehöre ich hin, überall bin ich der Fremde.“

Seit dem 13. April 2019 hat Chamisso eine Heimstatt. Nach jahrelangen Bemühungen wurde in der ehemaligen Dependance des einstigen Cunersdorfer Schlosses unter großer Beteiligung von Mitgliedern des Fördervereins Kunersdorfer Musenhof, Spendern und Vertretern der Politik das weltweit erste Chamisso-Museum eröffnet.

Es befindet sich in Kunersdorf im Oderbruch, idyllisch zwischen Berlin und Frankfurt an der Oder gelegen.

Das eigentliche Schloss Cunersdorf wurde im Krieg zerstört, doch den Schlosspark von Peter Joseph Lenné gibt es noch, hier finden wir einen Gedenkstein für Chamisso.

Bei schönem Wetter sitzt man auch im Garten, unterm Obstbaum, und kann im Faksimile der Novelle “Peter Schlemihls wundersame Geschichte” lesen.

Die farbenfrohe und elegante Ausstellung im Museum zeigt in 5 Räumen Leben und Werk des Künstlers, der mehrere Monate im Cunersdorfer Schloss weilte und dort 1813 die zur Weltliteratur gehörende Novelle schrieb.

Schlemihl Bl. 5r

 

Das ist  unsere Handschrift, „Peter Schlemiels Schicksale“ Ms. germ. qu. 1809,  und auch  der Erstdruck von 1814  werden hier  vorgestellt. In einem eigenen Raum werden alle gedruckten Ausgaben des Werkes präsentiert.

Einen Zugang zum gesamten Nachlass Chamissos bieten die digitalisierten Sammlungen der Staatsbibliothek. Denn der Nachlass des Dichters und Jahrhundert-Forschers hat schon lange in der Staatsbibliothek zu Berlin seine Heimstatt gefunden.

Doch auch diese Papiere haben eine weite Reise hinter sich: Der während des II. Weltkrieges ausgelagerte Nachlass wurde nach Kriegsende beschlagnahmt und an die Lenin-Bibliothek in Moskau übergeben. 1958 erfolgte die Rückgabe des Nachlasses an die damalige Deutsche Staatsbibliothek in Berlin. Im Verbundkatalog Kalliope wurden nun sämtliche Lebenszeugnisse, Manuskripte und Korrespondenzen Chamissos aus dem Besitz der Staatsbibliothek archivalisch und wissenschaftlich erschlossen, seit 2014 ist der Nachlass online verfügbar.

Scriptorium: Codicological and Paleographical Aspects of Islamic Manuscripts, with a Special Focus on Manuscript Notes


Im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Scriptorium: Workshops on the study of Oriental manuscripts” führte die Orientabteilung der Staatsbibliothek zu Berlin gemeinsam mit der Freien Universität und der Al-Furqan Islamic Heritage Foundation vom 25.-29. März 2019 einen Workshop zum Thema „Codicological and Paleographical Aspects of Islamic Manuscripts, with a Special Focus on Manuscript Notes” durch. Obwohl sich der Workshop thematisch an ein sehr spezialisiertes Publikum mit weit fortgeschrittenen Arabisch- und Handschriftenkenntnissen richtete, gab es erfreulich viele Anmeldungen.

In einer Zeit, in der die meisten Texte in den Handschriften bekannt und erforscht sind, wendet sich der Fokus der Experten immer mehr zum Studium der Geschichte der Handschriften als Objekte hin. Die Kultur der Manuskriptvermerke/Paratexte in der „Islamicate World“ ist dabei einzigartig vielfältig und bietet erstaunliche Möglichkeiten, u. a. zur Generierung einer belastbaren Sozialgeschichte. Durch Leser- und Eignervermerke in den Handschriften können ganze historische Bibliotheken rekonstruiert oder auch Generationen von gelehrten Nutzern identifiziert werden.

Gemäß dem Anspruch des Workshops, auch als „training course“ zu dienen, wurde neben den theoretischen Einführungen und Fachvorträgen ein starker Fokus auf die so genannten „hands-on sessions“ gelegt. Damit wurde den Teilnehmern die Gelegenheit gegeben, das neu erworbene oder vertiefte Wissen direkt in der Praxis an den Handschriften umsetzen zu können. Thematisch vertieft wurden Überlieferungs-, Eigner-, Stiftungs- und Kollationsvermerke, aber auch die Bestimmung von Papier über Wasserzeichen und die Besonderheiten von „Signaturen“ in islamischen Miniaturen.

Allein in einer Handschrift konnten mehrere Besitzer und Leser identifiziert werden. Weiterhin fanden sich in derselben Handschrift aber auch datierte Vermerke zu Geburten von Söhnen und Töchtern, zu Schäden an Gebäuden bei einem Erdbeben und bei einem Hochwasser des Flusses Baradā in Damaskus; sogar die Geburt eines schwarzen Maultiers wurde festgehalten.

All diese bisher in der Kodikologie eher etwas stiefmütterlich behandelten Vermerke in Handschriften und die daraus gewinnbaren Informationen bieten also noch ein weites Betätigungsfeld für die Forscher der verschiedensten Fachrichtungen.

Das Feedback der Teilnehmer war überaus positiv. Da schon die Nachfrage bei der Anmeldung deutlich höher war als die Zahl der verfügbaren Plätze, wird die Scriptorium-Reihe auch in den nächsten Jahren kontinuierlich weitergeführt werden.