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Für Laien und Experten: Bildschätze des 16. Jahrhunderts

Albrecht Dürer über die menschlichen Proportionen, Nürnberg 1532 (VD16 D 2860). Abteilung Historische Drucke. Lizenz: CC-BY-NC-SA

In unserem dritten Beitrag zum Abschluss des Projektes VD16 digital stehen die Wissenschaften und neue Illustrationsformen im Mittelpunkt – zum Beispiel Arznei-  und Pflanzenbücher, Tierbücher und anatomische Werke, in denen Sie jetzt virtuell blättern können!

Ein Beitrag von Evelyn Hanisch und Friederike Willasch.

Fachbereiche wie Astronomie, Alchemie, Mathematik und Geschichte eroberten den Buchmarkt – vor allem in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts. Wissen wurde in Arznei-  und Pflanzenbüchern, Pestbüchern oder Tierbüchern vermittelt. Manche Werke richteten sich an den Experten, manche explizit an den Laien. Fachliteratur bestand neben volkssprachiger Gebrauchsliteratur, darunter Anleitungen aller Art, Nachschlagewerke oder Lehrbücher. Die Gattung der Fachprosa und die Ausstattung wissenschaftlicher Werke entwickelten sich dabei mit dem Buchdruck entscheidend weiter, zum Beispiel bei den Illustrationstechniken.

Ausführliche Beschreibung und Darstellung

Pflanzen-, Arznei- oder Kräuterbücher gehörten zu den frühesten lexikographischen und enzyklopädischen Werken im Bereich der Medizin und existierten bereits im Mittelalter. Doch die Abbildungen in den frühen Werken – sofern denn vorhanden – hatten häufig illustrativen Charakter und setzten meistens Kenntnisse über das Erscheinungsbild einer Pflanze aus praktischer Erfahrung voraus. Im 16. Jahrhundert nahmen nun Werke zu, die sich um ausführlichere und detailgetreue Pflanzenbeschreibungen und Abbildungen bemühten, um auch dem Laien als Leitfaden zu dienen. Pflanzen sollten eindeutig identifizierbar sein, auch wenn der Leser oder die Leserin das Objekt nie selbst zu Gesicht bekommen hatte.

Zu aller welt trost und gemeinem nutze

Fachprosa richtete sich in der Frühen Neuzeit nicht nur an Gelehrte. Auch Laien hatten durch diese Werke Zugang zu Wissen, konnten mithilfe eines Buches ihre Hausapotheke bestücken, einen Kräutergarten anlegen oder sich medizinischen Rat einholen. Diese Zielrichtung äußert sich – wie zum Beispiel im “Gart der Gesundheit” – häufig schon im Vorwort. Der Autor möchte „nit erlichers, nit nützers wercks od[er] arbeit thun […], dan[n] eyn buch zusamen bringen, darinne vil kreüter und ander creaturen krafft und natur mit iren farben un[d] gestalten würden begriffen, zu aller welt trost und gemeinem nutze“.

Der Hahn in einer Ausgabe des „Gart der Gesundheit“ von 1509 (VD16 H 5124)… Abteilung Historische Drucke. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Das deutschsprachige Kräuterbuch

Das spätmittelalterliche Werk der “Gart der Gesundheit” von Johannes de Cuba aus dem Jahr 1485 war eines der ersten gedruckten Kräuterbücher in deutscher Sprache. Es handelte sich um ein großes Publikationsprojekt mit zahlreichen Illustrationen. Dabei standen nicht nur pflanzliche Arzneien im Mittelpunkt, sondern auch Heilmittel tierischer und mineralischer Herkunft. Die Wirkmacht dieses Arzneibuches wird deutlich mit Blick auf die nachgedruckten, bearbeiteten, erweiterten, übersetzten Ausgaben. An die 60 Ausgaben bis ins 18. Jahrhundert belegen das Interesse der Zeitgenossen an dem Werk. Zwei in Straßburg gedruckte Ausgaben von 1509 und 1515 wurden im Rahmen des Projektes digitalisiert.

…und der Hahn in Konrad Gessners „Icones avium“ von 1555 (VD16 G 1732). Abteilung Historische Drucke. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Konrad Gessners Tierbuch

Wissenschaftliche Bestseller waren außerdem Tierbücher. Konrad Gessner – Arzt, Zoologe, Botaniker, Philologe und Theologe zugleich – veröffentlichte zahlreiche naturhistorische Arbeiten, doch vor allem seine „Historia animalium“ war eines der herausragenden wissenschaftlichen Werke der Zeit. Gessner arbeitete dabei mit dem Züricher Buchdrucker Christoph Froschauer zusammen. Zu dem fünfbändigen Werk Gessners gehört ein „Bildband“, die „Icones animalium“, der im Rahmen des Projektes digitalisiert wurde. Die Abbildungen stammten zum Teil von Gessner selbst oder von beauftragten Künstlern. Einen Teil der Exemplare ließ Froschauer schließlich sogar kolorieren, was besonders vermögende Kunden anzog.

Neue Illustrationstechniken

Für Gessner hatte eine wissenschaftliche Dokumentation der Tierarten und somit das Herausstellen identifizierender Details Vorrang, sodass er großen Wert auf eine annähernd naturgetreue Darstellung der Tiere legte. War das Herstellen von Holzschnitten für den Abdruck von Bildern im 15. Jahrhundert noch eine vorrangig handwerkliche Tätigkeit, arbeiteten Buchdrucker im 16. Jahrhundert verstärkt mit Künstlern zusammen. Großen Einfluss auf Buchillustrationen übten Albrecht Dürer und seine theoretischen Darlegungen zur perspektivischen Darstellung aus. Die Bilder erhielten zunehmend Tiefe, zum Beispiel durch Schraffurtechniken, was sich auch im direkten Vergleich mit früheren Holzschnitten sehen lässt. 

Vesalius‘ Durchbruch in der Anatomie

Ebenso wie Kräuter- und Tierbücher profitierte das Wissensgebiet der Anatomie im 16. Jahrhundert von den neuen technischen und künstlerischen Fertigkeiten bei Buchillustrationen. Gleichzeitig ist an der Verbreitung von Fachliteratur auch deren Bedeutung im 16. Jahrhundert abzulesen. Das lässt sich zum Beispiel an der „Anatomia deudsch“ nachvollziehen. Es handelt sich um einen von dem Wundarzt Jakob Baumann im Jahr 1551 in Nürnberg herausgegebenen Auszug eines der wohl berühmtesten Werke in der Geschichte der Anatomie.

Die lateinische Vorlage

Die „Anatomia deudsch“ basiert auf dem Werk „De humani corporis fabrica libri septem“ des in Brüssel geborenen Anatoms und Chirurgs Andreas Vesalius, später Leibarzt von Kaiser Karl V. und König Philipp II. von Spanien. Vesalius behandelte in seinem Werk den Aufbau des Körpers und wird als Begründer der neuzeitlichen Anatomie gesehen. Er war einer der Ersten, die öffentlich in sogenannten anatomischen Theatern sezierten. Die erste Leichenöffnung nahm er 1537 in Löwen vor, es folgte ein Ruf an die Universität in Padua. Seine Erkenntnisse verarbeitete Vesalius in der im Jahr 1543 erschienenen ersten lateinischen Ausgabe seines Werkes.

 

Drei Kupferstiche zum Muskelaufbau des menschlichen Körpers aus der „Anatomia Deudsch“ von Jakob Baumann, Nürnberg 1551 (VD16 V 917). Abteilung Historische Drucke. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Holzschnitt und Kupferstich

Schon Vesalius legte besonderen Wert auf die Ausstattung seines Werkes. Etwa 200 teilweise ganzseitige Illustrationen des menschlichen Körpers zeugen von großer anatomischer Exaktheit und künstlerischer Qualität. In der „Anatomia Deudsch“ wurde nun nicht auf Vesalius‘ originale Holzschnitte zurückgegriffen, die der Tizian-Schüler Jan Stephan von Kalkar angefertigt hatte. Die Ausgabe des Nürnberger Wundarztes Baumann basierte auf den vierzig – im 16. Jahrhundert im Buchdruck noch seltenen – Kupferstichen des englischen Druckers und Stechers Thomas Gemini und seiner Ausgabe “Compendiosa totius anatomie delineatio” von 1545.

Zugang zu Information im nicht-digitalen Zeitalter

Im deutschen Sprachraum fand Vesalius‘ Werk vor allem auch in der deutschen Übersetzung Verbreitung „dadurch man zu erfahrung kommenn mag, welche nicht allein den Artzten […] sonder auch den liebhabern der natur, un[d] den wundartzten hoch von nöten zuwissen“ ist, wie sich Jakob Baumann in der Widmung seines Werkes äußert. Diese Entwicklung hin zu volkssprachiger Fachliteratur ging vor allem auch von Paracelsus aus, der Anfang des 16. Jahrhunderts die erste Vorlesung in deutscher Sprache hielt und viele seiner Werke in deutscher Sprache veröffentlichte. Das war nicht nur ungewöhnlich in der medizinischen Fachwelt, sondern wurde auch größtenteils abgelehnt. Dabei hatte der volkssprachige Buchdruck großes Potential: Wissenschaftliche Themen waren allen Interessierten ohne Sprachbarriere zugänglich und die Grenzen zwischen Fach- und Gebrauchsliteratur verschwammen zugunsten einer breiteren Allgemeinbildung.

Im nächsten Beitrag zum VD16 digital geht es um Akteurinnen im Buchdruckgewerbe. Haben Sie sich eigentlich schon einmal Gedanken über Buchdruckerinnen in der Frühen Neuzeit gemacht?

Bibel, Sachsenspiegel & Co.: Recht und Religion in den deutschen Drucken des 16. Jahrhunderts

Zum Abschluss des Projektes VD16 digital möchten wir Ihnen einen tieferen Einblick in den Bestand geben, der nun digital zur Verfügung steht, und dadurch Leserinnen und Leser zum Stöbern anregen – unser zweiter Beitrag stellt die theologischen und juristischen Werke aus dem Projektbestand näher vor.

Ein Beitrag von Evelyn Hanisch und Friederike Willasch.

Das Wissensgebiet Theologie

Ein Großteil der Drucke des Projektes VD16 digital ist theologischer und religiöser Art und entspringt damit einem typischen Wissensgebiet des 16. Jahrhunderts. In der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts nahm religiöse Literatur mehr als 40% der gesamten Buchproduktion ein und spiegelte damit das Bedürfnis der Bevölkerung nach Information und Diskussion in einer Zeit des konfessionellen Umbruchs wider. Durch den Buchdruck verloren die römische Kirche und der geistliche Stand das Monopol über die Veröffentlichung von Glaubensinhalten – das kam vor allem dem reformatorischen Gedankengut zugute.

Die Lutherbibel

Die deutschsprachige Bibel war dabei ein wegweisender Druck, der die Bevölkerung unabhängiger von Priestern und Pfarrern werden ließ. Im Rahmen von VD16 digital wurden über 100 Bibelausgaben digitalisiert. Darunter sind natürlich die Bibelübersetzungen von Martin Luther. Dabei sind das Septembertestament und Dezembertestament von 1522 sowie die erste vollständige Lutherbibel von 1534 in sechs Teilen mit je einem eigenen Titelblatt von herausragender Bedeutung. Außerdem finden sich darunter auch buchkünstlerische Schätze wie die handkolorierte Prachtbibel aus dem Besitz von Joachim von Anhalt-Dessau.

Eigenhändige Unterschrift Martin Luthers in einer Wittenberger Bibelausgabe von 1541 (VD16 B 2712). Abteilung Historische Drucke. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Eine Attraktion ist die Lutherbibel von 1541 aus dem Besitz von Luthers Schüler Matthias Wanckel. Der Einband ist aufwendig verziert und mit Beschlägen und Schließen ausgestattet. Der Rückdeckel weist das Jahr 1542 als Herstellungsdatum des Einbandes und „Mathias Wanckelivs“ als seinen Besitzer aus. Dieses Exemplar wird durch die Personen einzigartig, die im 16. Jahrhundert ihre Spuren in dem Band hinterließen. Martin Luther selbst notierte eine Anmerkung zur Bibelstelle Johannes 5,39 mit eigenhändiger Unterschrift.

Doch damit nicht genug – hinzu kommen zwei weitere Autographen vom August 1547 aus der Feder von Johannes Bugenhagen und Caspar Cruciger. Diese Provenienzspuren in ihrer Summe geben einen Einblick in das soziale Netzwerk Luthers. Alle drei waren Weggefährten Luthers und Bugenhagen und Cruciger sogar an der Bibelübersetzung beteiligt. Bugenhagen kam 1521 nach Wittenberg und wurde Pfarrer der Stadtkirche. Er war einer der engsten Freunde und Berater Luthers und hielt sogar bei dessen Begräbnis eine Predigt. Gemeinsam mit dem Theologieprofessor Cruciger durchlebte Bugenhagen die Belagerung Wittenbergs im Schmalkaldischen Krieg und die folgende Kapitulation im Mai 1547.

Nicht nur Bibeln

Damit erschöpfte sich aber keinesfalls das theologische Schrifttum des 16. Jahrhunderts. Der theologische Diskurs und Glaubenskampf – und damit auch Martin Luthers Ideen – wurden vor allem durch Flugschriften befördert. Auch das Erbauungsschriftum nahm einen breiten Platz in der Buchproduktion des 16. Jahrhunderts ein. Das Gebet als persönlicher Zugang zu Gott war ein zentrales Element der Glaubenspraxis und äußerte sich typografisch in der Literaturgattung des evangelischen Gebetbuches. Ein typisches Beispiel ist der im Rahmen des Projektes digitalisierte Band „Christliche Schul und Haußgebetlein“. Des Weiteren bot Erbauungsliteratur, die in der Tradition der spätmittelalterlichen Gattung der Ars moriendi stand, den Menschen Unterstützung und Orientierung. Diese Literatur unterstützte die Gläubigen, mit Gebeten und Anweisungen den Anfechtungen des Teufels zu widerstehen,  wie zum Beispiel das in mehreren Auflagen erschienene Buch des lutherischen Theologen Kaspar Kantz mit dem Titel „Wie man den Krancken und sterbenden Menschen ermanen, troesten, und Gott befehlen sol”. Diese Ausgabe aus dem Jahr 1568 ist – wie die meisten Ausgaben der Erbauungs- und Trostschriften für Sterbende – auf jeder Seite mit aufwendigen Randleisten ausgestattet.

Schmuck im Druck: die Initiale

Gestaltungsreichtum: links eine gerahmte Initiale zum ersten Buch Mose (VD16 B 2694), in der Mitte eine Initiale umgeben von der biblischen Szene der Opferung Isaaks (VD16 ZV 8842) und rechts eine freistehende, ornamental gestaltete Initiale (VD16 ZV 1230). Abteilung Historische Drucke. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Charakteristisch für die Buchproduktion des 16. Jahrhunderts sind außerdem schmückende Initialen. Dieses typografische Element stammte noch aus der Handschriftenproduktion, als fertige Manuskripte in Handarbeit verziert und koloriert wurden. Im Druck musste nun für den Anfangsbuchstaben Raum im Satz gelassen werden, um dann die vom Formschneider aus Holz geschnittenen Zierbuchstaben einzufügen. Für ein harmonisches Satzbild wurden Schriftsatz und illustratorische Elemente typografisch aufeinander abgestimmt.

Das Wissensgebiet Recht

Wie die Theologie hatte auch die Rechtswissenschaft bereits eine schriftliche Tradition vor dem Buchdruck. Schrift entwickelte sich zum Medium der Information und der Speicherung von Wissen. Eines der ältesten und bedeutendsten Rechtsbücher in deutscher Sprache war der Sachsenspiegel. Zunächst ohne herrschaftlichen Auftrag von Eike von Repgow im 12. Jahrhundert verfasst, wurde der Text erweitert und ergänzt, glossiert und kommentiert, gewann an Legitimität und wurde schließlich als autoritatives Rechtsbuch angenommen.

Textgestaltung am Beispiel des Sachsenspiegels

Sachsenspiegel (Lehnrecht) von 1467 (Signatur: Ms. germ. fol. 9) im Vergleich mit einem Druck des Augsburger Buchdruckers Johann Otmar von 1508 (VD 16 D 741). Handschriftenabteilung / Abteilung Historische Drucke. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Neben einer großen Anzahl an Handschriften, welche die Textentwicklung begleiteten, sind auch viele gedruckte Ausgaben bzw. Auszüge des Sachsenspiegels überliefert. Dabei wurde nicht nur der Text übernommen; bis ins 16. Jahrhundert orientierte sich auch die Seitengestaltung an der Handschrift. Vier Ausgaben bzw. Auszüge des Gesetzestextes wurden im Rahmen des Projektes digitalisiert.

Das Titelblatt im Wandel

Im Vergleich: Die Titelblätter von Sachsenspiegel-Ausgaben von 1501 (VD16 D 733) und von 1582 (VD16 D 739). Abteilung Historische Drucke. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Ein Wandel zeigt sich dagegen beim Titelblatt und führt damit eine entscheidende Entwicklung des 16. Jahrhunderts vor Augen. Bereits in einer Ausgabe von 1501 gab es eine Art Titelblatt mit einem dreizeiligen Schriftblock im oberen Drittel der Seite beginnend mit: „Hie hebt sich an der Sachssenspiegel“. Dieses Titelblatt musste aber in Zusammenhang mit dem Kolophon am Ende des Buches gelesen werden. Eine erste Seite mit Titel, Erscheinungsjahr und Druckort, das den modernen Vorstellungen eines Titelblatts entspricht, entwickelte sich erst im Laufe des 16. Jahrhunderts wie in einer späteren Ausgabe des Sachsenspiegels zu sehen ist.

Informationssysteme für Experten: Dissertationen und Disputationen

Eine weitere Gattung, die sich mit dem Buchdruck ausdifferenzierte und dessen Produktion sprunghaft anstieg, waren Dissertationen und Disputationen. Sowohl für die Theologie als auch für die Rechtswissenschaft gewannen diese Hochschulschriften als Informationsspeicher von gelehrtem Spezialwissen, Ergebnissen und Theorien an Bedeutung und befeuerten den akademisch-wissenschaftlichen Diskurs. Gleichzeitig waren insbesondere in der Theologie Dissertationen und Disputationen als Argumentationsquelle ein Mittel des Glaubenskampfes und der Verbreitung von konfessionellem Denken und vor allem eine Form der gelehrten Streitkultur – gerade in Ergänzung zu den Flugschriften, die sich eher an ein breites Publikum richteten. Etwa 10% des Projektes VD16 digital sind Dissertationen und stammen vor allem aus der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts.

Weiter geht es im nächsten Beitrag unserer Reihe zum Projekt VD16 digital mit Illustrationen in wissenschaftlichen Werken!

VD16 digital: Projekt erfolgreich abgeschlossen!

Passend zum Jahresschluss ziehen wir Bilanz aus einem herausragenden Digitalisierungsprojekt der Staatsbibliothek zu Berlin: Über 10.000 deutsche Drucke des 16. Jahrhunderts sind jetzt in den Digitalisierten Sammlungen verfügbar!

Ein Beitrag von Evelyn Hanisch und Friederike Willasch.

Illustration aus dem „Theuerdank“, 1517 (VD16 M 1649). Abteilung Historische Drucke. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Nach 6 Jahren kann das Projekt VD16 digital ein sehr erfolgreiches Resümee ziehen: 10.300 Drucke mit 1,7 Millionen Seiten wurden von 2012 bis 2018 digitalisiert und inhaltlich durch Strukturmetadaten erschlossen. Fast der gesamte VD 16-relevante Bestand der Staatsbibliothek zu Berlin – das heißt Drucke, die im 16. Jahrhundert im deutschen Sprachbereich erschienen sind – ist jetzt online zugänglich, ein Drittel davon in Berlin digitalisierte Exemplare.

Die Geschichte des VD 16: Mediale und politische (Um-)Brüche

Damit findet ein Projekt seinen Abschluss, dessen Vorläufer weit zurückreichen. Alles begann im Jahr 1969 mit dem kooperativen Vorhaben, eine retrospektive Nationalbibliographie aller im deutschen Sprachbereich erschienenen Drucke des 16. Jahrhunderts aufzubauen. Für Berlin gestaltete sich die Teilnahme schwierig: Bis zur Wiedervereinigung waren auch die Bestände aus dem 16. Jahrhundert zwischen den beiden Nachfolgeinstitutionen der Preußischen Staatsbibliothek in Ost und West geteilt, die Katalogisierung im VD 16 fand so unter erschwerten Bedingungen und ohne Förderung durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) statt. Dennoch konnten bis 2012 circa 85% der relevanten Drucke im VD 16 erschlossen werden. Der Nachweis der bisher nicht im VD 16 erfassten Drucke im Bestand der Staatsbibliothek zu Berlin gelang jetzt durch das Projekt VD16 digital. Dabei wurden mehr als 600 “Nova” identifiziert – neue Titel bzw. Ausgaben, die noch gar nicht im VD 16 katalogisiert waren.

Das 1969 gestartete VD 16 passte sich an die Entwicklungen des digitalen Zeitalters an und stellt seit der Jahrtausendwende neben einer 22-bändigen Druckausgabe der Nationalbibliographie auch die VD 16-Datenbank zur Verfügung. Um das deutsche Kulturerbe zu schützen und gleichzeitig allen Benutzern zugänglich zu machen, initiierte die DFG eine großangelegte Förderinitiative zur Digitalisierung von VD 16-relevanten Drucken, an der auch die Bayerische Staatsbibliothek und die Universitäts- und Landesbibliothek Sachsen-Anhalt teilnahmen.

Heute sind durch die Zusammenarbeit aller beteiligten Bibliotheken fast die gesamten 30.000 im VD 16 verzeichneten und im Bestand der Staatsbibliothek zu Berlin vorhandenen Drucke auch in einer in München, Halle oder Berlin produzierten digitalen Ausgabe zugänglich.

 

 

Die Präsentation in den Digitalisierten Sammlungen: links die Strukturdaten; das Icon mit dem Werkzeugschlüssel führt zu den Downloadmöglichkeiten.

 

Projektergebnisse in den Digitalisierten Sammlungen

Nach Abschluss des Projektes an der Staatsbibliothek zu Berlin ist etwa ein Drittel der 30.000 deutschen und deutschsprachigen Drucke des 16. Jahrhunderts aus dem Bestand der Staatsbibliothek in den Digitalisierten Sammlungen verfügbar. Bei der Präsentation haben wir uns besondere Mühe gegeben! Großer Wert und viel Sorgfalt wurde dabei auf die Strukturmetadaten gelegt, um den inhaltlichen Aufbau eines Werkes auf einen Blick entweder in der kompakten Gliederung in der Seitenleiste oder in der übersichtlicheren vollständigen Gliederung zu erfassen. So gelangt man unmittelbar zu Titelblatt, Widmung, Vorwort, Kapitel, Register oder Kolophon. Auch Illustrationen, Porträts, Druckermarken, Besitznachweise (darunter auch Exlibris) lassen sich auf diese Weise – und durch spezielle Sucheinstiege – finden. Ein zusätzlicher Gewinn: die Seitenvorschau als Mouseover!

 

Die Auslegung des Buchs Jesus Syrachs durch Caspar Huberinus aus dem Jahr 1570 (VD16 B 4104) in einem Einband von Severin Rötter von 1581 mit dem Supralibros Elisabeths von Anhalt (1563–1607), durch Heirat Kurfürstin von Brandenburg. Abteilung Historische Drucke. Lizenz: CC-BY-NC-SA

 

Buch-, druck- und wissenschaftsgeschichtliche Entwicklungslinien

Das Projekt ist in vielerlei Hinsicht ein Spiegel der wissenschaftshistorischen und buchhistorischen Entwicklungen des 16. Jahrhunderts. Das noch junge Berufsfeld des Buchdruckers oder Verlegers entwickelte sich weiter. In den Druckwerkstätten überwiegen Produkte aus den Wissensgebieten Theologie und Recht, deren handschriftliche Tradition bereits weit zurückreicht. Die Reformationsbewegung gibt theologischen Druckschriften einen zusätzlichen Aufschwung. Das 16. Jahrhundert war aber auch ein Zeitalter der Naturphilosophen, Entdecker und Künstler. Werke aus den Wissensgebieten Medizin, Astronomie, Botanik oder Geschichte wurden vermehrt angeboten und nachgefragt. Häufig wurde zwar noch in Latein gedruckt, aber das änderte sich im 16. Jahrhundert. Bereits die Hälfte des Projektbestandes sind deutschsprachige Drucke.

Ein Streifzug durch die Sammlungsgeschichte

Die VD 16-relevanten Drucke der Staatsbibliothek zu Berlin stammen neben der Sammlung 16. Jahrhundert vorwiegend aus der Rara-Sammlung. In dieser Sammlung werden – unabhängig von ihrem Erscheinungsjahr – besonders wertvolle oder seltene Drucke aufbewahrt. Darunter Werke, die in buchgeschichtlicher, buchkünstlerischer oder drucktechnischer Hinsicht herausragen.

Aber auch Exemplare aus der Einbandsammlung sind Teil des Projekts VD16 digital. Viele Bände des 16. Jahrhunderts sind in zeitgenössischen Einbänden erhalten und führen somit buchhistorische Entwicklungen vor Augen. Die einzelnen Werke wurden damals noch in losen Lagen ausgeliefert  und später für den Auftraggeber gebunden. Die Einbände bestanden meist aus robusten Holzdeckeln, die mit Leder bezogen und mit den für das 16. Jahrhundert charakteristischen Stempeln, Rollen oder Platten verziert wurden. Weitere exemplarspezifische Besonderheiten wie handschriftliche Besitz- und Kaufeinträge oder Exlibris können darüber hinaus interessante Hinweise auf  Vorbesitzer und die Geschichte des einzelnen Bandes geben.

Titelblatt der „Erschrecklichen, doch Warhafftigen Newen Zeitung“ über die Türken in Kroatien, 1593 bei Nikolaus Voltz in Frankfurt (Oder) erschienen (VD16 ZV 29461). Abteilung Historische Drucke. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Einen weiteren besonderen Teil des Projektbestandes machen Flugschriften aus, da es sich überwiegend um Unika handelt, wie auch das bereits 2016 abgeschlossene Projekt VD Lied für die Liedflugschriften zeigte. Auf Papier gedruckt und teilweise mit einem Titelholzschnitt versehen präsentieren sich Flugschriften als Vorläufer der Zeitung. Im Zusammenspiel mit einer billigen Herstellung verbreiteten sich die Flugschriften schnell und waren einem großen Teil der Bevölkerung zugänglich. Der Markt wurde stark von der Reformation und der Verbreitung der reformatorischen Propaganda bestimmt. So zählen 320 Flugschriften aus der Sammlung reformatorischer Flugschriften zum Projekt VD16 digital. Eine Besonderheit sind die Flugschriften, die aus der Feder Martin Luthers stammen und mit anderen zeitgenössischen Drucken in der Luther-Sammlung aufbewahrt werden oder über die Sammlung Lynar in den Bestand der Staatsbibliothek zu Berlin gelangt sind. Abseits der reformatorischen Idee brachten Flugschriften eine ganze Bandbreite an weiteren Themen zur Sprache. Von aktuellem politischen Zeitgeschehen, Kriegsereignissen, Naturkatastrophen, Prophezeiungen oder Wunderzeichen berichten etwa 650 Drucke aus der Sammlung der Historischen Flugschriften.

In drei weiteren Beiträgen werden wir bis Jahresende einige der Ergebnisse des Projektes VD16 genauer betrachten. Wir freuen uns, dass Sie dabei sind!

Und bis dahin bieten wir Ihnen hier Sucheinstiege, um in den Drucken des 16. Jahrhunderts aus unserem Bestand auf eigene Faust zu stöbern: