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Zeitungsmetropole Berlin – Deutsche Forschungsgemeinschaft fördert die Digitalisierung der historischen Hauptstadtpresse

Aufgrund von Umfang und Qualität ihrer historischen Zeitungssammlung sowie als Mitbetreiberin der nationalen Nachweisdatenbank für Periodika engagiert sich die Staatsbibliothek zu Berlin seit vielen Jahren für die Digitalisierung dieser in ihrer spezifischen Materialität so herausfordernden Gattung, z.B. im Rahmen von Europeana Newspapers. Dabei sind es keineswegs nur Format und Variantenvielfalt des Layouts von Zeitungsseiten, die hohe Ansprüche an die eingesetzte Scan- und Texterkennungstechnologie stellen. Auch das Urheberrecht erfordert besondere Vermittlungsformate wie unser DDR-Presseportal, denn kaum eine Quelle dürfte – zumindest für die zeithistorische Forschung – interessanter sein als die sprichwörtliche Zeitung von gestern.

Um den skizzierten Herausforderungen zu begegnen und die digitale Transformation dieses für zahlreiche Wissenschaftsdisziplinen relevanten Mediums zu befördern, organisierte die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) die Entwicklung eines nationalen Masterplans zur Zeitungsdigitalisierung – eine Initiative, an der neben der Deutschen Nationalbibliothek sowie den großen Häusern in Bremen, Dresden, Halle und München auch wir beteiligt waren.

Und auch bei der Umsetzung jenes Masterplans werden wir ebenfalls mit Förderung der DFG mit von der Partie sein, mit dem Projekt Die deutschsprachige Presselandschaft im ‚langen‘ 19. Jahrhundert – ein Beitrag zur Digitalisierung überregionaler Tages- und Wochenzeitungen aus Berlin und dem deutschen Osten. Ziel dieses Vorhabens ist es, ein Korpus von 22 Tages- und Wochenzeitungen hauptsächlich Berliner Provenienz von großer überregionaler Reichweite und Bedeutung mit einem Gesamtvolumen von etwa 2,7 Millionen Seiten zu digitalisieren und im Volltext unter der Public Domain Mark im Open Access zugänglich zu machen.

Zu den ausgewählten, das beispiellose Aufblühen der Berliner Presselandschaft im deutschen Kaiserreich dokumentierenden Zeitungen zählen so einflussreiche Titel wie Berliner Morgenpost, Berliner Tageblatt oder Deutsche Tageszeitung. Gemeinsam mit den übrigen werden diese Werke, die wir in den kommenden 36 Monaten bis zum Enddatum ihres Erscheinens, höchstens aber bis zum Jahr 1920 reproduzieren wollen, sowohl über unser Zeitungsinformationssystem ZEFYS und Europeana verfügbar sein als auch in dem ebenfalls mit unserer Unterstützung entstehenden Zeitungsportal der Deutschen Digitalen Bibliothek.

Zeitungsjunkies werden also ganz sicher auf ihre Kosten kommen – und zwar garantiert kostenfrei!

 

Auf Ihren Wunsch nennen wir Ross und Reiter!
Konkret haben wir die folgenden Titel und Zeiträume im Blick:

 

Titel und ZDB-ID Erscheinungsverlauf (vereinfacht) Zu bearbeitender Zeitraum
1. Berliner Abendpost, 9300-2 1887 – 1921 1889 – 1921
2.  Berliner Morgenpost, 749437-3 1898 – 1945; 1952 – 1898 – 1920
3. Berliner Morgen-Zeitung, 1143083-7 1889 – 1939 1891 – 1920
4. Berliner Neueste Nachrichten, 22784-5 1881 – 1919 1889 – 1919
5. Berlinische Nachrichten von Staats- und gelehrten Sachen …, 231505-1

6. Nachfolger: Spenersche Zeitung, 622827-6

1740 – 1872

1872 – 1874

1800 – 1874
7. Berliner Tageblatt und Handelszeitung, 341834-0 1872 – 1939 1872 – 1877
8. Das Deutsche Blatt, 1140702-5 1886 – 1908 1886 – 1908
9. Deutsche Tageszeitung, 253736-9 1894 – 1934 1894 – 1920
10. Deutsche Zeitung, 1140542-9 1896 – 1925 1896 – 1920
11. Nationalzeitung, 984287-1 1848 – 1938 1848 – 1910
12. Der Reichsbote, 125879-5 1873 – 1936 1873 – 1920
13. Staatsbürger-Zeitung, 1139513-8 1865 – 1914

1917 – 1926

1865 – 1920
14. Der Tag (Ausgabe A), 717057-9 1901 – 1921 1901 – 1921
15. Tägliche Rundschau, 749506-7 1881 – 1923

1925 – 1928

1930 – 1933

1881 – 1920
16. Urwähler Zeitung, 532362-9

17. Nachfolger: Volkszeitung, 532361-7749588-2

1849 – 1853

1853 – 1904

1849 – 1889
18. Neue Breslauer Zeitung, 824469-8

19. Nachfolger: Breslauer Zeitung, 985332-7

1820 – 1827

1828 – 1937

1820 – 1917
20. Königsberger Hartungsche Zeitung, 982123-5 1850 – 1928

1928 – 1933

1857 – 1920
21. Die konstitutionelle Monarchie, 1134521-4

22. Nachfolger: Ostpreußische Zeitung, 1000553-5

1851 – 1934 1850 – 1920

 

Fragen zum Projekt beantwortet: Hans-Jörg Lieder

Ausschnitt aus dem prachtvollen Frontispiz der „Disputatio Iuridica“ des Wiener Respondenten Rudolph Carl Katz von 1649 (VD17 1:691924W)

Geschafft! Über 9.000 seltene Drucke des 17. Jahrhunderts online

Im August 2019 konnte das von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) geförderte Projekt VD 17-Unika in der Staatsbibliothek zu Berlin erfolgreich abgeschlossen werden. Das Projekt hatte die Digitalisierung der deutschen Drucke des 17. Jahrhunderts zum Ziel, die als Alleinbesitz der Staatsbibliothek im „Verzeichnis der im deutschen Sprachraum erschienenen Drucke des 17. Jahrhunderts“ (VD 17) nachgewiesen sind und bisher nicht online zur Verfügung standen.

Ein Beitrag von Evelyn Hanisch und Friederike Willasch.

Das Projekt

Mit Abschluss des vor vier Jahren gestarteten Projekts VD 17-Unika ist ein weiterer wichtiger Meilenstein im Rahmen des Masterplans zur Digitalisierung des VD 17 erreicht. Das Projekt ergänzt  hervorragend das bereits 2008 von der DFG in die Förderung aufgenommene, regional ausgerichtete Projekt Preußen 17 digital, das als erstes Massendigitalisierungsprojekt der Staatsbibliothek die Digitalisierung von Werken mit preußischen und nordostdeutschen Druckorten zum Gegenstand hatte.

Die Staatsbibliothek zu Berlin übernahm als VD 17-Trägerbibliothek auch jetzt wieder die Verzeichnung und Digitalisierung kleinerer Bibliotheksbestände für externe Partner: die St. Bartholomäuskirche in Röhrsdorf bei Meißen und die Bibliothek des Geistlichen Ministeriums in Greifswald sowie die Spezialbibliotheken der Bundeswehr. Auch zwei Einrichtungen der Stiftung Preußischer Kulturbesitz waren mit einschlägigen Drucken dabei, das Geheime Staatsarchiv und die Kunstbibliothek der Staatlichen Museen zu Berlin.

Durch den Abschluss der beiden Projekte VD 17-Unika und Preußen 17 digital stehen der Forschung nun mehr als 25.000 Titel des 17. Jahrhunderts als digitalisierte Ausgaben mit tiefgehenden Strukturdaten in den Digitalisierten Sammlungen zur Verfügung. Und gerade in den kleineren externen Bibliotheksbeständen identifizierten die Mitarbeiter*innen der Abteilung Historische Drucke wieder zahlreiche “Nova”, neue Titel, die nun im VD 17 erstmals erfasst und über die Digitalisierten Sammlungen online zugänglich sind.

Im 17. Jahrhundert kulminierten die seit der Reformationszeit schwelenden konfessionellen Konflikten und machtpolitischen Auseinandersetzungen im Dreißigjährigen Krieg, der zum zentralen Thema in Flugschriften, Streitschriften oder Predigten werden sollte. Die Literatur wurde vielfältiger, neue Gattungen drängten auf den Buchmarkt. Aus dem Projektbestand stellen wir Ihnen hier zwei Entdeckungen aus der spezifischen Druck- und Buchgeschichte des 17. Jahrhunderts vor, die zwar nicht repräsentativ für die Masse der Drucke sind, aber eindrucksvolle Zeugnisse dessen, was die Menschen im 17. Jahrhundert bewegte.

Politischer Hasenkopf und Tabakbruder

Im späten 17. Jahrhundert differenzierte sich die heute allseits bekannte Gattung des Romans weiter aus. Eine kurze Blüte erlebten in diesem Zuge in den 1680er Jahren sogenannte politische Romane in einer häufig außergewöhnlich satirischen und provozierenden Ausprägung. Zwei weniger polemische Ausgaben sind Teil des VD 17-Unika Projektbestandes. „Der Politische possirliche und doch manierliche Simplicianische Hasen-Kopff“ (VD17 1:667553C) von Erasmus Grillandus ist als Liebesgeschichte gestaltet, während im „Politischen und Lustigen Tobacks-Bruder“ (VD17 1:667564S) von Michael Kautzsch Geschichten aus dem studentischen Milieu rund um das Rauchen erzählt werden. Das Pseudonym Erasmus Grillandus wird dem Theologen Johannes Riemer zugeschrieben, der dem akademischen Umfeld angehörte, als Vertreter der Frühaufklärung zu den bedeutendsten Autoren des politischen Romans zählte und sich in seinen zahlreichen Schriften kritisch mit dem kleinstädtischen Bürgertum auseinandersetzte.

Ausschnitt aus dem Kupfertitel „Der Politische Hasenkopff“ von Erasmus Grillandus aus dem Jahr 1689 (VD17 1:667553C)

Ausschnitt aus dem Kupfertitel „Der Politische Hasenkopff“ von Erasmus Grillandus aus dem Jahr 1689 (VD17 1:667553C)

Die handlichen kleinformatigen Bände erfüllten alle Anforderungen, um ein breites Publikum anzusprechen. Der populäre Lesestoff war eine brisante Mischung aus Fiktion und Fakten, dazu gedacht, relevantes Wissen zu vermitteln. Konzipiert wurden die Romane in einer Zeit der politischen Bewegung, wobei „politisch“ als kluges, gewandtes und gefälliges Benehmen begriffen und damit die Figur des Politicus zum Rollenbild für jegliches Sozialverhalten wurde.

So ist der politische Hasenkopf im Grunde ein Verhaltensratgeber, das heißt eine „Zeit-vertreibliche Vorstellung wie man bey erbarn Gesellschafften und Zusammenkünfften junger Leute, so auch bey Frauen-Zimmer, allerhand lustige und zuläßige Schertz, in lächerlichen Discursen, und anderer Kurtzweil, wohl und bequem anbringe“. Der sozial unterlegende Protagonist ist also aufgrund seines eloquenten Verhaltens in Liebesangelegenheiten erfolgreich. Der Politicus wird in diesem Zusammenhang als jemand dargestellt, der sich mit den Damen zu unterhalten weiß, wie auch der Kupfertitel zeigt.

Der politische Tabakbruder enthält hingegen allerhand Anekdoten, wobei auch verschiedene Aspekte des Rauchens diskutiert werden. Entsprechend der im Titel genannten „Sonderlichen Beschreibung Des Edelen Krautes des Tobacks“ beinhaltet der Druck eine „Tobacks-Zunfft-Ordnung“ zum richtigen Umgang mit Tabak und schließt mit einem Anhang, der eine „Erörterung etlicher nützlicher Fragen vom Toback“ enthält. Beide Exemplare der zweiten bzw. dritten Auflage im Bestand der Staatsbibliothek zu Berlin zählen zu den seltenen Ausgaben. Zu diesem Zeitpunkt hatte die Gattung längst ihren Höhepunkt überschritten, weshalb diese Auflagen vermutlich keinen reißenden Absatz mehr gefunden hatten. Dennoch sind sie eindrücklich Zeugnisse der kurzen aber großen Popularität der politischen Romane am Ende des 17. Jahrhunderts.

Ausschnitt aus dem „Stambuch der Jungen Gesellen“, von Ludwig König 1615 in Basel gedruckt mit Kupferstichen u. a. von Crispijn van de Passe (VD17 1:078842Z)

Ausschnitt aus dem „Stambuch der Jungen Gesellen“, von Ludwig König 1615 in Basel gedruckt mit Kupferstichen u. a. von Crispijn van de Passe (VD17 1:078842Z)

Stammbücher und Studentenleben

Zu den interessanten Entwicklungen auf dem Buchmarkt des 17. Jahrhunderts zählten auch literarische Verarbeitungen von Stammbüchern. Diese Zusammenstellungen von gedruckten emblematischen Illustrationen, meist im Querformat herausgegeben, kamen zu Beginn des 17. Jahrhunderts auf und gingen im weitesten Sinne aus den Bildbeigaben von Freundschaftsbüchern (alba amicorum) hervor. Dabei handelte es sich um Erinnerungsbücher, in die sich Freunde und Verwandte eintrugen. Im 17. Jahrhundert wurden Darstellungen von Szenen aus den Studentenleben immer beliebter, darunter Motive geselliger Situationen mit Musik, Spiel und Trinkgelagen inklusive Kampfszenen, aber auch Erotisches oder Groteskes. Begleitet wurden diese Abbildungen in den Stammbüchern von lateinischen, zuweilen auch deutschen Sprüchen und Versen.

 

Kupferstich von Peter Rollos aus der „Philotheca Corneliana“ von 1619 mit Sinnsprüchen von Daniel Meisner (VD17 1:694188L)

Kupferstich von Peter Rollos aus der „Philotheca Corneliana“ von 1619 mit Sinnsprüchen von Daniel Meisner (VD17 1:694188L)

Die akademische Studentenschaft hat die Tradition der Stammbücher nicht nur weiterentwickelt sondern wurde auch als Käuferschaft explizit ins Auge gefasst. So will die Vorrede des „Stambuch der Jungen Gesellen“ (VD17 1: 078842Z) des Basler Druckers Ludwig König besonders der „lieben Studierenden Jugend dieses Büchlein befehlen unnd zuschreiben“ und betont, dass die Leser die Abbildungen „zu unterweysung ihres lebens gebrauchen wöllen“. Während Königs Motivkreis eher als eine willkürliche Zusammenstellung ohne inhaltlichen Zusammenhang erscheint, sollten die Szenen in der „Philotheca Corneliana“ (VD17 1:694188L) des  Kupferstechers Peter Rollos dem Leben des von der Universität verwiesenen Studenten Cornelius Relegatus entsprechen, der literarischen Figur eines beliebten satirischen Theaterstücks. Der wirtschaftliche Erfolg dieser Stammbücher lässt sich auch daran ablesen, dass die Werke im Laufe des 17. Jahrhunderts etliche Neuauflagen erfuhren.

Ausschnitt aus dem Frontispiz der Leichenpredigt von Johann Christfried Sagittarius auf Christian, Prinz von Sachsen-Altenburg, der 1663 im Alter von 9 Jahren an den Masern verstarb (VD17 1:068843D)

Ausschnitt aus dem Frontispiz der Leichenpredigt von Johann Christfried Sagittarius auf Christian, Prinz von Sachsen-Altenburg, der 1663 im Alter von 9 Jahren an den Masern verstarb (VD17 1:068843D)

Besondere Gelegenheiten

Über ein Drittel der digitalisierten VD 17-Unika aus dem Bestand der Staatsbibliothek zu Berlin sind Personalschriften oder auch Gelegenheitsschriften, da sie zu ganz unterschiedlichen Anlässen wie Hochzeiten, Geburtstagen, Jubiläen, Amtsantritten, Promotionen und – dies vor allem – zu Beerdigungen verfasst und gedruckt wurden. Diese Gattung zeichnet sich oft durch geringen Textumfang, niedrige Auflagenhöhe und regional begrenzte Verbreitung aus. Kein Wunder also, dass die Gelegenheitsschriften für den im Projekt digitalisierten Bestand von selten überlieferten Werken eine besondere Rolle spielen.

Die Leiche im Druck

Der häufigste Anlass eine Gelegenheitsschrift drucken zu lassen war der Tod. Neben der eigentlichen Predigt konnten die Hinterbliebenen der verstorbenen Person in Trauerreden, Gedichten und Liedern die letzte Ehre erweisen. Literaturgeschichtlich gehört die Leichenpredigt zur Gattung der Erbauungsliteratur und entwickelte sich zu dem Medium schlechthin, den Protestantismus, seine Werte und Ansichten in der Bevölkerung zu verbreiten. Mit der Neugestaltung der kirchlichen Begräbnisfeier ohne Fürbitten, Totenoffizium und Totenmesse, an deren Stelle der Gemeindegottesdienst trat, stand jetzt die protestantische Leichenpredigt und mit ihr die Verkündigung des Wortes Gottes im Vordergrund. Mit den ersten gedruckten Leichenpredigten von 1525 auf den Tod Kurfürst Friedrich den Weisen und 1532 auf dessen Bruder Johann den Beständigen wird Martin Luther zum Wegbereiter der neuzeitlichen Leichenpredigt. Ende des 16. Jahrhunderts entstand aus den bislang in den Predigttext eingeflochtenen Kurzbiographien ein eigenständiger Abschnitt, der ausführlich den gesamten Lebenslauf und die Sterbeszene der “bepredigten” Person eindringlich schildert und dessen Umfang im Laufe der Zeit enorm zunahm. Die erste Blütezeit der Funeralschriften setzte vor Beginn des Dreißigjährigen Krieges ein und erlebte in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts ihren Höhepunkt, oft in übersteigerter Form mit Drucken von 100, 200 und mehr Seiten.

Titelblattvignette der Abdankungs-Rede von Friedrich Rusius auf den Tod von Beata Christina Otterstedt, die im Jahr 1671 zwanzigjährig mit ihrem totgeborenen Töchterlein verstarb (VD17 1:035620K)

Titelblattvignette der Abdankungs-Rede von Friedrich Rusius auf den Tod von Beata Christina Otterstedt, die im Jahr 1671 zwanzigjährig mit ihrem totgeborenen Töchterlein beerdigt wurde (VD17 1:035620K)

Das Wichtigste auf einen Blick

Das Titelblatt zeichnet sich bei Funeralschriften durch eine sehr einheitliche Gestaltung aus. Charakteristisch ist die Einbindung elementarer Informationen des traurigen Anlasses in einem einzigen Satz, der sich – syntaktisch nicht immer ganz ausgewogen – über das gesamte Titelblatt erstreckt: Beginnend mit einem Motto wird der Name der verstorbenen Person im oberen Drittel durch eine größere Auszeichnungstype besonders hervorgehoben. Ehefrauen sind meist mit ihrem Geburtsnamen genannt, dem die Nennung des Ehemanns mit dessen Amtsbezeichnung folgt. Daran schließen sich der Todeszeitpunkt, Datum und Ort der Beerdigung, die Bibelstelle des Leichenpredigttextes sowie der Name des Predigers an.

Unzertrennlich: Leichenpredigt und Lebenslauf

Dem eigentlichen Text der Leichenpredigt ist in der Regel eine Widmung an die engsten Hinterbliebenen vorangestellt, die entweder in kurzer Form oder in ausführlicherer Form gestaltet ist. Das Herzstück der Funeralschrift stellt die christliche Leichenpredigt dar, die von einem Geistlichen vor der versammelten Trauergesellschaft gehalten wurde. Sie besteht aus der Bibelstelle, auf der die Leichenpredigt aufgebaut ist und dem Exordium oder Eingang, das in den theologischen Teil der Predigt einführt, um die Trauergemeinschaft auf die Thematik einzustimmen. Darauf folgt der Hauptteil der Predigt mit der Exegese des Bibelzitats, die dann in der Applicatio oder dem Gebrauch in Beziehung zu der verstorbenen Person gesetzt wird.

Der Lebenslauf, auch als Personalia, Ehrengedächtnis oder Curriculum Vitae bezeichnet, der unmittelbar an die Predigt anschließt, bildete sich im 17. Jahrhundert zu einem eigenen Abschnitt heraus, der in der Endphase oftmals den Umfang der christlichen Predigt übertreffen konnte. Beginnend bei der Geburt und der Aufzählung der Vorfahren väterlicher- und mütterlicherseits, wird der detaillierte Lebensweg der verstorbenen Person beschrieben, der mit der ausführlichen Schilderung des Krankheitsverlaufs und Sterbeprozesses, meist mit präziser Angabe des Todeszeitpunkts endet. Mitunter beruht dieser Abschnitt auf den eigenhändig verfassten Lebensläufen der Verstorbenen.

Trauerarbeit im Freundeskreis

Auch die Hinterbliebenen und Verwandten hatten Gelegenheit, sich schriftlich an dem traurigen Ereignis zu beteiligen. Die Abdankungsrede oder Parentatio, die meist auf den Lebenslauf folgte, stellt eine Gedenkrede profanen Inhaltes dar, die von einem nahen Hinterbliebenen gehalten und die bisweilen bis zu zwei Stunden dauern konnte.

Schließlich fehlen in keiner Leichenpredigt die Epicedia, also Trauergedichte zu Ehren der verstorbenen Person, die von Verwandten und Freunden verfasst wurden. Ihr Aufbau unterliegt einem strengen dreiteiligen Schema, dem Lob (laudatio), der Klage (lamentatio) und dem Trost (consolatio). Einen besonderen Blickfang stellen die sogenannten Figurengedichte dar, oft in Kreuzform oder seltener als Stundengläsern dargestellt, die das Verrinnen der Zeit und damit die Vergänglichkeit versinnbildlichen.

Diese vier Elemente – Text der Leichenpredigt, Lebenslauf, Abdankung und Epicedien – sind Bestandteil nahezu jeder Leichenpredigt, wenn auch in unterschiedlicher Ausprägung, die von Bekanntheitsgrad, Status der jeweils geehrten Person und natürlich von den finanziellen Möglichkeiten abhängig ist. Bei ehemaligen Universitätsangehörigen kann zusätzlich das Programma Academicum beigefügt sein, das überwiegend in lateinischer, selten auch in deutscher Sprache verfasst war. Darin werden sämtliche Universitäts- oder Schulangehörigen zur Teilnahme am Begräbnis aufgefordert und biographische Informationen über die verstorbene Person gegeben, das konnten auch die Ehefrau oder die Kinder eines Professors sein.

Schmückendes Beiwerk: Porträts und Kupfertitel

Wer es sich leisten konnte, schmückte die Leichenpredigten durch Zugabe von Zierleisten, schlichten Holzschnitten oder aufwendigeren Kupferstichen, die in ganz seltenen Fällen gleichzeitig die Krankengeschichte illustrieren konnten. Eine prachtvolle Ausstattung konnten sich jedoch nur adelige und wohlhabende Bürger leisten. In Adelskreisen wurde es zunehmend beliebter, den Leichenpredigten ein kunstvolles Frontispiz voranzustellen, das überwiegend die verstorbene Person im Porträt abbildete. Ebenso wurde die Abbildung des überreich geschmückten Sarges als beliebtes Repräsentationsmittel eingesetzt.

Zu Grabe getragen

Bereits zum Ende des 17. und spätestens in der Mitte des 18. Jahrhunderts verlor die Leichenpredigt an Bedeutung. Insbesondere die barocke Pracht und der Wetteifer, eine möglichst üppig ausgestattete Leichenpredigt herauszugeben, deren Umfang sich immer mehr aufblähte und die Druckkosten in die Höhe trieb, führte zu einem ruinösen Wettbewerb: Der teure Verstorbene wurde am Ende schlichtweg zu teuer.

Holzschnitt aus der Leichenpredigt von Friedrich Weise auf den 1693 verstorbenen Konrektor des Gymnasiums Schulpforta Christian Günther (VD17 39:118590H)

Holzschnitt aus der Leichenpredigt von Friedrich Weise auf den 1693 verstorbenen Konrektor des Gymnasiums Schulpforta Christian Günther (VD17 39:118590H)

Und heute? Die Funeralschrift lebt!

Die frühneuzeitlichen Leichenpredigten sind für die Wissenschaft von unschätzbarem Wert und stellen eine allgemeinhistorische, individual- und mentalitätsgeschichtliche Quelle ersten Ranges dar. Insbesondere die biographischen Teile sind für eine Vielzahl historischer Fragestellungen eine wahre Fundgrube. Als interdisziplinäre Quellen werden Leichenpredigten von der Literatur- und Kunstgeschichte, der Medizingeschichte, der Bildungsgeschichte, der historischen Familienforschung und vielen weiteren wissenschaftlichen Disziplinen genutzt und ausgewertet.

1.600 Leichenpredigten wurden im Projekt VD 17-Unika neu digitalisiert – damit stehen jetzt insgesamt mehr als 5.100 Leichenpredigten aus dem Bestand der Staatsbibliothek zu Berlin online zur Verfügung.

Zum Weiterstöbern:

“Ich bin nach Weisheit weit umher gefahren”- ein Museum für Chamisso

Adelbert von Chamisso (1781-1838), der Dichter der Romantik, Naturforscher, Botaniker, und Weltreisende schrieb:

Ich bin Franzose in Deutschland und Deutscher in Frankreich, Katholik bei den Protestanten, Protestant bei den Katholiken, Jakobiner bei den Aristokraten und bei den Demokraten ein Adliger… Nirgends gehöre ich hin, überall bin ich der Fremde.“

Seit dem 13. April 2019 hat Chamisso eine Heimstatt. Nach jahrelangen Bemühungen wurde in der ehemaligen Dependance des einstigen Cunersdorfer Schlosses unter großer Beteiligung von Mitgliedern des Fördervereins Kunersdorfer Musenhof, Spendern und Vertretern der Politik das weltweit erste Chamisso-Museum eröffnet.

Es befindet sich in Kunersdorf im Oderbruch, idyllisch zwischen Berlin und Frankfurt an der Oder gelegen.

Das eigentliche Schloss Cunersdorf wurde im Krieg zerstört, doch den Schlosspark von Peter Joseph Lenné gibt es noch, hier finden wir einen Gedenkstein für Chamisso.

Bei schönem Wetter sitzt man auch im Garten, unterm Obstbaum, und kann im Faksimile der Novelle “Peter Schlemihls wundersame Geschichte” lesen.

Die farbenfrohe und elegante Ausstellung im Museum zeigt in 5 Räumen Leben und Werk des Künstlers, der mehrere Monate im Cunersdorfer Schloss weilte und dort 1813 die zur Weltliteratur gehörende Novelle schrieb.

Schlemihl Bl. 5r

 

Das ist  unsere Handschrift, „Peter Schlemiels Schicksale“ Ms. germ. qu. 1809,  und auch  der Erstdruck von 1814  werden hier  vorgestellt. In einem eigenen Raum werden alle gedruckten Ausgaben des Werkes präsentiert.

Einen Zugang zum gesamten Nachlass Chamissos bieten die digitalisierten Sammlungen der Staatsbibliothek. Denn der Nachlass des Dichters und Jahrhundert-Forschers hat schon lange in der Staatsbibliothek zu Berlin seine Heimstatt gefunden.

Doch auch diese Papiere haben eine weite Reise hinter sich: Der während des II. Weltkrieges ausgelagerte Nachlass wurde nach Kriegsende beschlagnahmt und an die Lenin-Bibliothek in Moskau übergeben. 1958 erfolgte die Rückgabe des Nachlasses an die damalige Deutsche Staatsbibliothek in Berlin. Im Verbundkatalog Kalliope wurden nun sämtliche Lebenszeugnisse, Manuskripte und Korrespondenzen Chamissos aus dem Besitz der Staatsbibliothek archivalisch und wissenschaftlich erschlossen, seit 2014 ist der Nachlass online verfügbar.

Events

E.T.A. Hoffmann-Konferenz am 28.11.

Von Steampunk über Graphic Novel zu Disney – Der intermediale Kosmos der aktuellen E.T.A. Hoffmann-Rezeption



Abschlusskonferenz zum Projekt E.T.A. Hoffmann Portal 2

  • Termin

    Do, 28. November 2019
    10.30-17.00 Uhr

  • Veranstaltungsort

    Staatsbibliothek zu Berlin
    Simón-Bolívar-Saal
    Potsdamer Straße 33
    10785 Berlin

    Eintritt frei, Anmeldung erbeten

  • Anfahrt

    S + U Potsdamer Platz

    Bushaltestelle
    H Potsdamer Brücke (Bus M29)
    H Varian-Fry-Straße (Bus 200)
    H Kulturforum (Bus M48)



E.T.A Hoffmann Konferenz | SBB-PK CC BY-NC-SA 3.0


Am 28. November 2019 veranstaltet die Staatsbibliothek zu Berlin in Kooperation mit der E.T.A. Hoffmann-Gesellschaft eine kleine Konferenz unter dem Titel Von Steampunk über Graphic Novel zu Disney – Der intermediale Kosmos der aktuellen E.T.A. Hoffmann-Rezeption. Anlass ist der Abschluss des Projekts E.T.A. Hoffmann Portal 2 zum Jahresende 2019. Auf der Konferenz werden die beiden Arbeitsschwerpunkte des dreijährigen Projekts in zwei Sektionen gewürdigt: Die Digitalisierung von Hoffmanniana aus der Staatsbibliothek zu Berlin und weiteren Einrichtungen am Vormittag und die Ausweitung der Portalinhalte auf die Bereiche Einflüsse und Rezeption am Nachmittag.

Sie sind herzlich eingeladen!

28. November 2019
10.30-17.00 Uhr
Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz
Simón-Bolívar-Saal
Potsdamer Straße 33
10785 Berlin

Anmeldung

Die Anmeldung ist ab sofort bis zum 21. November 2019 möglich. Die Teilnahme ist kostenfrei.

Die Plätze für das gemeinsame Abendessen im Anschluss (Selbstzahler) sind begrenzt. Bitte teilen Sie uns bei der Anmeldung mit, wenn Sie daran teilnehmen möchten. Bei der Online-Anmeldung nutzen Sie dazu bitte das Feld „Institution/Ort“. Wir melden uns umgehend, ob wir für Sie einen Platz reservieren konnten.

Zur Anmeldung

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Programm

10.30 Begrüßung
10.45 Das Projekt E.T.A. Hoffmann Portal 2 – Ergebnisse und Ausblick

Dr. Christina Schmitz, Staatsbibliothek zu Berlin
Ursula Jäcker, Staatsbibliothek zu Berlin

11.30 Kaffeepause
11.45 Die Akte Hoffmann – Quellen aus dem Geheimen Staatsarchiv erstmals online zugänglich

Dr. Ulrich Kober, Geheimes Staatsarchiv
Dr. Christina Schmitz, Staatsbibliothek zu Berlin

12.30 Schwester Monika – Ein Apokryph

Prof. Markus Bernauer, Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften

13.15 Mittagspause
14.15 E.T.A. Hoffmann im Comic

Prof. Volker Schlecht, University of Applied Sciences Europe

15.00 E.T.A. Hoffmann und ‚Coppelius‘: Zur modernen Rezeption in Musik und Oper des 21. Jahrhunderts

Dr. Stefanie Junges, Ruhr-Universität Bochum

15.45 Kaffeepause
16.00 Von Barbie bis Disney – E.T.A. Hoffmann neu verfilmt

Dr. Anett Werner-Burgmann, Humboldt-Universität Berlin

16.45 Kleiner Rundgang zur Präsentation neuer unikaler Schätze

Ursula Jäcker, Staatsbibliothek zu Berlin

17.00 Schluss mit kleinem Weinempfang
18.00 Gemeinsames Abendessen im Lokal Joseph Roth-Diele (Selbstzahler)

Eine Veranstaltung in Kooperation mit der E.T.A. Hoffmann-Gesellschaft.