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Ausschnitt aus dem prachtvollen Frontispiz der „Disputatio Iuridica“ des Wiener Respondenten Rudolph Carl Katz von 1649 (VD17 1:691924W)

Geschafft! Über 9.000 seltene Drucke des 17. Jahrhunderts online

Im August 2019 konnte das von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) geförderte Projekt VD 17-Unika in der Staatsbibliothek zu Berlin erfolgreich abgeschlossen werden. Das Projekt hatte die Digitalisierung der deutschen Drucke des 17. Jahrhunderts zum Ziel, die als Alleinbesitz der Staatsbibliothek im „Verzeichnis der im deutschen Sprachraum erschienenen Drucke des 17. Jahrhunderts“ (VD 17) nachgewiesen sind und bisher nicht online zur Verfügung standen.

Ein Beitrag von Evelyn Hanisch und Friederike Willasch.

Das Projekt

Mit Abschluss des vor vier Jahren gestarteten Projekts VD 17-Unika ist ein weiterer wichtiger Meilenstein im Rahmen des Masterplans zur Digitalisierung des VD 17 erreicht. Das Projekt ergänzt  hervorragend das bereits 2008 von der DFG in die Förderung aufgenommene, regional ausgerichtete Projekt Preußen 17 digital, das als erstes Massendigitalisierungsprojekt der Staatsbibliothek die Digitalisierung von Werken mit preußischen und nordostdeutschen Druckorten zum Gegenstand hatte.

Die Staatsbibliothek zu Berlin übernahm als VD 17-Trägerbibliothek auch jetzt wieder die Verzeichnung und Digitalisierung kleinerer Bibliotheksbestände für externe Partner: die St. Bartholomäuskirche in Röhrsdorf bei Meißen und die Bibliothek des Geistlichen Ministeriums in Greifswald sowie die Spezialbibliotheken der Bundeswehr. Auch zwei Einrichtungen der Stiftung Preußischer Kulturbesitz waren mit einschlägigen Drucken dabei, das Geheime Staatsarchiv und die Kunstbibliothek der Staatlichen Museen zu Berlin.

Durch den Abschluss der beiden Projekte VD 17-Unika und Preußen 17 digital stehen der Forschung nun mehr als 25.000 Titel des 17. Jahrhunderts als digitalisierte Ausgaben mit tiefgehenden Strukturdaten in den Digitalisierten Sammlungen zur Verfügung. Und gerade in den kleineren externen Bibliotheksbeständen identifizierten die Mitarbeiter*innen der Abteilung Historische Drucke wieder zahlreiche “Nova”, neue Titel, die nun im VD 17 erstmals erfasst und über die Digitalisierten Sammlungen online zugänglich sind.

Im 17. Jahrhundert kulminierten die seit der Reformationszeit schwelenden konfessionellen Konflikten und machtpolitischen Auseinandersetzungen im Dreißigjährigen Krieg, der zum zentralen Thema in Flugschriften, Streitschriften oder Predigten werden sollte. Die Literatur wurde vielfältiger, neue Gattungen drängten auf den Buchmarkt. Aus dem Projektbestand stellen wir Ihnen hier zwei Entdeckungen aus der spezifischen Druck- und Buchgeschichte des 17. Jahrhunderts vor, die zwar nicht repräsentativ für die Masse der Drucke sind, aber eindrucksvolle Zeugnisse dessen, was die Menschen im 17. Jahrhundert bewegte.

Politischer Hasenkopf und Tabakbruder

Im späten 17. Jahrhundert differenzierte sich die heute allseits bekannte Gattung des Romans weiter aus. Eine kurze Blüte erlebten in diesem Zuge in den 1680er Jahren sogenannte politische Romane in einer häufig außergewöhnlich satirischen und provozierenden Ausprägung. Zwei weniger polemische Ausgaben sind Teil des VD 17-Unika Projektbestandes. „Der Politische possirliche und doch manierliche Simplicianische Hasen-Kopff“ (VD17 1:667553C) von Erasmus Grillandus ist als Liebesgeschichte gestaltet, während im „Politischen und Lustigen Tobacks-Bruder“ (VD17 1:667564S) von Michael Kautzsch Geschichten aus dem studentischen Milieu rund um das Rauchen erzählt werden. Das Pseudonym Erasmus Grillandus wird dem Theologen Johannes Riemer zugeschrieben, der dem akademischen Umfeld angehörte, als Vertreter der Frühaufklärung zu den bedeutendsten Autoren des politischen Romans zählte und sich in seinen zahlreichen Schriften kritisch mit dem kleinstädtischen Bürgertum auseinandersetzte.

Ausschnitt aus dem Kupfertitel „Der Politische Hasenkopff“ von Erasmus Grillandus aus dem Jahr 1689 (VD17 1:667553C)

Ausschnitt aus dem Kupfertitel „Der Politische Hasenkopff“ von Erasmus Grillandus aus dem Jahr 1689 (VD17 1:667553C)

Die handlichen kleinformatigen Bände erfüllten alle Anforderungen, um ein breites Publikum anzusprechen. Der populäre Lesestoff war eine brisante Mischung aus Fiktion und Fakten, dazu gedacht, relevantes Wissen zu vermitteln. Konzipiert wurden die Romane in einer Zeit der politischen Bewegung, wobei „politisch“ als kluges, gewandtes und gefälliges Benehmen begriffen und damit die Figur des Politicus zum Rollenbild für jegliches Sozialverhalten wurde.

So ist der politische Hasenkopf im Grunde ein Verhaltensratgeber, das heißt eine „Zeit-vertreibliche Vorstellung wie man bey erbarn Gesellschafften und Zusammenkünfften junger Leute, so auch bey Frauen-Zimmer, allerhand lustige und zuläßige Schertz, in lächerlichen Discursen, und anderer Kurtzweil, wohl und bequem anbringe“. Der sozial unterlegende Protagonist ist also aufgrund seines eloquenten Verhaltens in Liebesangelegenheiten erfolgreich. Der Politicus wird in diesem Zusammenhang als jemand dargestellt, der sich mit den Damen zu unterhalten weiß, wie auch der Kupfertitel zeigt.

Der politische Tabakbruder enthält hingegen allerhand Anekdoten, wobei auch verschiedene Aspekte des Rauchens diskutiert werden. Entsprechend der im Titel genannten „Sonderlichen Beschreibung Des Edelen Krautes des Tobacks“ beinhaltet der Druck eine „Tobacks-Zunfft-Ordnung“ zum richtigen Umgang mit Tabak und schließt mit einem Anhang, der eine „Erörterung etlicher nützlicher Fragen vom Toback“ enthält. Beide Exemplare der zweiten bzw. dritten Auflage im Bestand der Staatsbibliothek zu Berlin zählen zu den seltenen Ausgaben. Zu diesem Zeitpunkt hatte die Gattung längst ihren Höhepunkt überschritten, weshalb diese Auflagen vermutlich keinen reißenden Absatz mehr gefunden hatten. Dennoch sind sie eindrücklich Zeugnisse der kurzen aber großen Popularität der politischen Romane am Ende des 17. Jahrhunderts.

Ausschnitt aus dem „Stambuch der Jungen Gesellen“, von Ludwig König 1615 in Basel gedruckt mit Kupferstichen u. a. von Crispijn van de Passe (VD17 1:078842Z)

Ausschnitt aus dem „Stambuch der Jungen Gesellen“, von Ludwig König 1615 in Basel gedruckt mit Kupferstichen u. a. von Crispijn van de Passe (VD17 1:078842Z)

Stammbücher und Studentenleben

Zu den interessanten Entwicklungen auf dem Buchmarkt des 17. Jahrhunderts zählten auch literarische Verarbeitungen von Stammbüchern. Diese Zusammenstellungen von gedruckten emblematischen Illustrationen, meist im Querformat herausgegeben, kamen zu Beginn des 17. Jahrhunderts auf und gingen im weitesten Sinne aus den Bildbeigaben von Freundschaftsbüchern (alba amicorum) hervor. Dabei handelte es sich um Erinnerungsbücher, in die sich Freunde und Verwandte eintrugen. Im 17. Jahrhundert wurden Darstellungen von Szenen aus den Studentenleben immer beliebter, darunter Motive geselliger Situationen mit Musik, Spiel und Trinkgelagen inklusive Kampfszenen, aber auch Erotisches oder Groteskes. Begleitet wurden diese Abbildungen in den Stammbüchern von lateinischen, zuweilen auch deutschen Sprüchen und Versen.

 

Kupferstich von Peter Rollos aus der „Philotheca Corneliana“ von 1619 mit Sinnsprüchen von Daniel Meisner (VD17 1:694188L)

Kupferstich von Peter Rollos aus der „Philotheca Corneliana“ von 1619 mit Sinnsprüchen von Daniel Meisner (VD17 1:694188L)

Die akademische Studentenschaft hat die Tradition der Stammbücher nicht nur weiterentwickelt sondern wurde auch als Käuferschaft explizit ins Auge gefasst. So will die Vorrede des „Stambuch der Jungen Gesellen“ (VD17 1: 078842Z) des Basler Druckers Ludwig König besonders der „lieben Studierenden Jugend dieses Büchlein befehlen unnd zuschreiben“ und betont, dass die Leser die Abbildungen „zu unterweysung ihres lebens gebrauchen wöllen“. Während Königs Motivkreis eher als eine willkürliche Zusammenstellung ohne inhaltlichen Zusammenhang erscheint, sollten die Szenen in der „Philotheca Corneliana“ (VD17 1:694188L) des  Kupferstechers Peter Rollos dem Leben des von der Universität verwiesenen Studenten Cornelius Relegatus entsprechen, der literarischen Figur eines beliebten satirischen Theaterstücks. Der wirtschaftliche Erfolg dieser Stammbücher lässt sich auch daran ablesen, dass die Werke im Laufe des 17. Jahrhunderts etliche Neuauflagen erfuhren.

Ausschnitt aus dem Frontispiz der Leichenpredigt von Johann Christfried Sagittarius auf Christian, Prinz von Sachsen-Altenburg, der 1663 im Alter von 9 Jahren an den Masern verstarb (VD17 1:068843D)

Ausschnitt aus dem Frontispiz der Leichenpredigt von Johann Christfried Sagittarius auf Christian, Prinz von Sachsen-Altenburg, der 1663 im Alter von 9 Jahren an den Masern verstarb (VD17 1:068843D)

Besondere Gelegenheiten

Über ein Drittel der digitalisierten VD 17-Unika aus dem Bestand der Staatsbibliothek zu Berlin sind Personalschriften oder auch Gelegenheitsschriften, da sie zu ganz unterschiedlichen Anlässen wie Hochzeiten, Geburtstagen, Jubiläen, Amtsantritten, Promotionen und – dies vor allem – zu Beerdigungen verfasst und gedruckt wurden. Diese Gattung zeichnet sich oft durch geringen Textumfang, niedrige Auflagenhöhe und regional begrenzte Verbreitung aus. Kein Wunder also, dass die Gelegenheitsschriften für den im Projekt digitalisierten Bestand von selten überlieferten Werken eine besondere Rolle spielen.

Die Leiche im Druck

Der häufigste Anlass eine Gelegenheitsschrift drucken zu lassen war der Tod. Neben der eigentlichen Predigt konnten die Hinterbliebenen der verstorbenen Person in Trauerreden, Gedichten und Liedern die letzte Ehre erweisen. Literaturgeschichtlich gehört die Leichenpredigt zur Gattung der Erbauungsliteratur und entwickelte sich zu dem Medium schlechthin, den Protestantismus, seine Werte und Ansichten in der Bevölkerung zu verbreiten. Mit der Neugestaltung der kirchlichen Begräbnisfeier ohne Fürbitten, Totenoffizium und Totenmesse, an deren Stelle der Gemeindegottesdienst trat, stand jetzt die protestantische Leichenpredigt und mit ihr die Verkündigung des Wortes Gottes im Vordergrund. Mit den ersten gedruckten Leichenpredigten von 1525 auf den Tod Kurfürst Friedrich den Weisen und 1532 auf dessen Bruder Johann den Beständigen wird Martin Luther zum Wegbereiter der neuzeitlichen Leichenpredigt. Ende des 16. Jahrhunderts entstand aus den bislang in den Predigttext eingeflochtenen Kurzbiographien ein eigenständiger Abschnitt, der ausführlich den gesamten Lebenslauf und die Sterbeszene der “bepredigten” Person eindringlich schildert und dessen Umfang im Laufe der Zeit enorm zunahm. Die erste Blütezeit der Funeralschriften setzte vor Beginn des Dreißigjährigen Krieges ein und erlebte in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts ihren Höhepunkt, oft in übersteigerter Form mit Drucken von 100, 200 und mehr Seiten.

Titelblattvignette der Abdankungs-Rede von Friedrich Rusius auf den Tod von Beata Christina Otterstedt, die im Jahr 1671 zwanzigjährig mit ihrem totgeborenen Töchterlein verstarb (VD17 1:035620K)

Titelblattvignette der Abdankungs-Rede von Friedrich Rusius auf den Tod von Beata Christina Otterstedt, die im Jahr 1671 zwanzigjährig mit ihrem totgeborenen Töchterlein beerdigt wurde (VD17 1:035620K)

Das Wichtigste auf einen Blick

Das Titelblatt zeichnet sich bei Funeralschriften durch eine sehr einheitliche Gestaltung aus. Charakteristisch ist die Einbindung elementarer Informationen des traurigen Anlasses in einem einzigen Satz, der sich – syntaktisch nicht immer ganz ausgewogen – über das gesamte Titelblatt erstreckt: Beginnend mit einem Motto wird der Name der verstorbenen Person im oberen Drittel durch eine größere Auszeichnungstype besonders hervorgehoben. Ehefrauen sind meist mit ihrem Geburtsnamen genannt, dem die Nennung des Ehemanns mit dessen Amtsbezeichnung folgt. Daran schließen sich der Todeszeitpunkt, Datum und Ort der Beerdigung, die Bibelstelle des Leichenpredigttextes sowie der Name des Predigers an.

Unzertrennlich: Leichenpredigt und Lebenslauf

Dem eigentlichen Text der Leichenpredigt ist in der Regel eine Widmung an die engsten Hinterbliebenen vorangestellt, die entweder in kurzer Form oder in ausführlicherer Form gestaltet ist. Das Herzstück der Funeralschrift stellt die christliche Leichenpredigt dar, die von einem Geistlichen vor der versammelten Trauergesellschaft gehalten wurde. Sie besteht aus der Bibelstelle, auf der die Leichenpredigt aufgebaut ist und dem Exordium oder Eingang, das in den theologischen Teil der Predigt einführt, um die Trauergemeinschaft auf die Thematik einzustimmen. Darauf folgt der Hauptteil der Predigt mit der Exegese des Bibelzitats, die dann in der Applicatio oder dem Gebrauch in Beziehung zu der verstorbenen Person gesetzt wird.

Der Lebenslauf, auch als Personalia, Ehrengedächtnis oder Curriculum Vitae bezeichnet, der unmittelbar an die Predigt anschließt, bildete sich im 17. Jahrhundert zu einem eigenen Abschnitt heraus, der in der Endphase oftmals den Umfang der christlichen Predigt übertreffen konnte. Beginnend bei der Geburt und der Aufzählung der Vorfahren väterlicher- und mütterlicherseits, wird der detaillierte Lebensweg der verstorbenen Person beschrieben, der mit der ausführlichen Schilderung des Krankheitsverlaufs und Sterbeprozesses, meist mit präziser Angabe des Todeszeitpunkts endet. Mitunter beruht dieser Abschnitt auf den eigenhändig verfassten Lebensläufen der Verstorbenen.

Trauerarbeit im Freundeskreis

Auch die Hinterbliebenen und Verwandten hatten Gelegenheit, sich schriftlich an dem traurigen Ereignis zu beteiligen. Die Abdankungsrede oder Parentatio, die meist auf den Lebenslauf folgte, stellt eine Gedenkrede profanen Inhaltes dar, die von einem nahen Hinterbliebenen gehalten und die bisweilen bis zu zwei Stunden dauern konnte.

Schließlich fehlen in keiner Leichenpredigt die Epicedia, also Trauergedichte zu Ehren der verstorbenen Person, die von Verwandten und Freunden verfasst wurden. Ihr Aufbau unterliegt einem strengen dreiteiligen Schema, dem Lob (laudatio), der Klage (lamentatio) und dem Trost (consolatio). Einen besonderen Blickfang stellen die sogenannten Figurengedichte dar, oft in Kreuzform oder seltener als Stundengläsern dargestellt, die das Verrinnen der Zeit und damit die Vergänglichkeit versinnbildlichen.

Diese vier Elemente – Text der Leichenpredigt, Lebenslauf, Abdankung und Epicedien – sind Bestandteil nahezu jeder Leichenpredigt, wenn auch in unterschiedlicher Ausprägung, die von Bekanntheitsgrad, Status der jeweils geehrten Person und natürlich von den finanziellen Möglichkeiten abhängig ist. Bei ehemaligen Universitätsangehörigen kann zusätzlich das Programma Academicum beigefügt sein, das überwiegend in lateinischer, selten auch in deutscher Sprache verfasst war. Darin werden sämtliche Universitäts- oder Schulangehörigen zur Teilnahme am Begräbnis aufgefordert und biographische Informationen über die verstorbene Person gegeben, das konnten auch die Ehefrau oder die Kinder eines Professors sein.

Schmückendes Beiwerk: Porträts und Kupfertitel

Wer es sich leisten konnte, schmückte die Leichenpredigten durch Zugabe von Zierleisten, schlichten Holzschnitten oder aufwendigeren Kupferstichen, die in ganz seltenen Fällen gleichzeitig die Krankengeschichte illustrieren konnten. Eine prachtvolle Ausstattung konnten sich jedoch nur adelige und wohlhabende Bürger leisten. In Adelskreisen wurde es zunehmend beliebter, den Leichenpredigten ein kunstvolles Frontispiz voranzustellen, das überwiegend die verstorbene Person im Porträt abbildete. Ebenso wurde die Abbildung des überreich geschmückten Sarges als beliebtes Repräsentationsmittel eingesetzt.

Zu Grabe getragen

Bereits zum Ende des 17. und spätestens in der Mitte des 18. Jahrhunderts verlor die Leichenpredigt an Bedeutung. Insbesondere die barocke Pracht und der Wetteifer, eine möglichst üppig ausgestattete Leichenpredigt herauszugeben, deren Umfang sich immer mehr aufblähte und die Druckkosten in die Höhe trieb, führte zu einem ruinösen Wettbewerb: Der teure Verstorbene wurde am Ende schlichtweg zu teuer.

Holzschnitt aus der Leichenpredigt von Friedrich Weise auf den 1693 verstorbenen Konrektor des Gymnasiums Schulpforta Christian Günther (VD17 39:118590H)

Holzschnitt aus der Leichenpredigt von Friedrich Weise auf den 1693 verstorbenen Konrektor des Gymnasiums Schulpforta Christian Günther (VD17 39:118590H)

Und heute? Die Funeralschrift lebt!

Die frühneuzeitlichen Leichenpredigten sind für die Wissenschaft von unschätzbarem Wert und stellen eine allgemeinhistorische, individual- und mentalitätsgeschichtliche Quelle ersten Ranges dar. Insbesondere die biographischen Teile sind für eine Vielzahl historischer Fragestellungen eine wahre Fundgrube. Als interdisziplinäre Quellen werden Leichenpredigten von der Literatur- und Kunstgeschichte, der Medizingeschichte, der Bildungsgeschichte, der historischen Familienforschung und vielen weiteren wissenschaftlichen Disziplinen genutzt und ausgewertet.

1.600 Leichenpredigten wurden im Projekt VD 17-Unika neu digitalisiert – damit stehen jetzt insgesamt mehr als 5.100 Leichenpredigten aus dem Bestand der Staatsbibliothek zu Berlin online zur Verfügung.

Zum Weiterstöbern:

“Ich bin nach Weisheit weit umher gefahren”- ein Museum für Chamisso

Adelbert von Chamisso (1781-1838), der Dichter der Romantik, Naturforscher, Botaniker, und Weltreisende schrieb:

Ich bin Franzose in Deutschland und Deutscher in Frankreich, Katholik bei den Protestanten, Protestant bei den Katholiken, Jakobiner bei den Aristokraten und bei den Demokraten ein Adliger… Nirgends gehöre ich hin, überall bin ich der Fremde.“

Seit dem 13. April 2019 hat Chamisso eine Heimstatt. Nach jahrelangen Bemühungen wurde in der ehemaligen Dependance des einstigen Cunersdorfer Schlosses unter großer Beteiligung von Mitgliedern des Fördervereins Kunersdorfer Musenhof, Spendern und Vertretern der Politik das weltweit erste Chamisso-Museum eröffnet.

Es befindet sich in Kunersdorf im Oderbruch, idyllisch zwischen Berlin und Frankfurt an der Oder gelegen.

Das eigentliche Schloss Cunersdorf wurde im Krieg zerstört, doch den Schlosspark von Peter Joseph Lenné gibt es noch, hier finden wir einen Gedenkstein für Chamisso.

Bei schönem Wetter sitzt man auch im Garten, unterm Obstbaum, und kann im Faksimile der Novelle “Peter Schlemihls wundersame Geschichte” lesen.

Die farbenfrohe und elegante Ausstellung im Museum zeigt in 5 Räumen Leben und Werk des Künstlers, der mehrere Monate im Cunersdorfer Schloss weilte und dort 1813 die zur Weltliteratur gehörende Novelle schrieb.

Schlemihl Bl. 5r

 

Das ist  unsere Handschrift, „Peter Schlemiels Schicksale“ Ms. germ. qu. 1809,  und auch  der Erstdruck von 1814  werden hier  vorgestellt. In einem eigenen Raum werden alle gedruckten Ausgaben des Werkes präsentiert.

Einen Zugang zum gesamten Nachlass Chamissos bieten die digitalisierten Sammlungen der Staatsbibliothek. Denn der Nachlass des Dichters und Jahrhundert-Forschers hat schon lange in der Staatsbibliothek zu Berlin seine Heimstatt gefunden.

Doch auch diese Papiere haben eine weite Reise hinter sich: Der während des II. Weltkrieges ausgelagerte Nachlass wurde nach Kriegsende beschlagnahmt und an die Lenin-Bibliothek in Moskau übergeben. 1958 erfolgte die Rückgabe des Nachlasses an die damalige Deutsche Staatsbibliothek in Berlin. Im Verbundkatalog Kalliope wurden nun sämtliche Lebenszeugnisse, Manuskripte und Korrespondenzen Chamissos aus dem Besitz der Staatsbibliothek archivalisch und wissenschaftlich erschlossen, seit 2014 ist der Nachlass online verfügbar.

Frauen in einer Männerdomäne – Druckerinnen im 16. Jahrhundert?

Unser vierter und (vorerst) letzter Beitrag zum Abschluss des Projektes VD16 digital ist den Frauen im Buchdruckgewerbe gewidmet. Obwohl die “Schwarze Kunst” seit Johannes Gutenberg fest in männlicher Hand lag, sind doch immer wieder weibliche Namen im Impressum zu lesen. Tatsächlich traten Frauen ganz offiziell bereits im 16. Jahrhundert als Druckerinnen auf. Sie wirkten als Ehefrauen im Handwerksbetrieb ihres Mannes mit, führten aber auch als Witwen die Offizin selbständig weiter.

Ein Beitrag von Evelyn Hanisch und Friederike Willasch.

Zwei Witwen in Nürnberg

Unser Beitrag rückt zwei Buchdruckerinnen des 16. Jahrhunderts ins Rampenlicht: Zum einen Kunigunde Hergot, die von 1524 bis 1547 im Buchdruckgewerbe überaus erfolgreich gewesen ist; zum anderen Katharina Gerlach (ca. 1520–1591), die unter dem Namen ihres dritten Ehemannes in die Forschung eingegangen ist. Beide Frauen übten das Handwerk in der Reichsstadt Nürnberg aus, die bereits 1525/1526 die Reformation eingeführt hatte. Beide Frauen waren aktiv daran beteiligt, den Namen ihrer Druckwerkstätten über die Stadtgrenzen hinweg bekannt zu machen. Beide Frauen waren auch selbständig in der Druckerei ihres jeweiligen Ehemannes tätig: Während Kunigunde Hergot im Laufe ihrer zweiten Ehe die Offizin insgesamt etwa zehn Jahre lang leitete, führte Katharina Gerlach erst nach dem Tod ihres dritten Ehemannes in den letzten 15 Jahren ihres Lebens das Geschäft eigenständig fort.

Kunigunde Hergot – eine der ersten selbständigen Druckerinnen

Buchdruckerinnen wurden häufig über ihre Ehen definiert – so auch zunächst Kunigunde Hergot. Sie war mit Hans Hergot verheiratet, der in den Jahren 1524 bis 1526 im Nürnberger Ämterbüchlein als Drucker mit zeitweise drei Druckergesellen und zwei Setzern aufgeführt ist. Sein buchdruckerisches Wirken endete jäh, als er am 20. Mai 1527 aus politischen Gründen auf dem Leipziger Marktplatz mit dem Schwert hingerichtet wurde. Seine Ehefrau Kunigunde versuchte noch Ende April sich beim Nürnberger Rat für ihren Ehemann einzusetzen – doch vergeblich. Der Name Hans Hergot wurde 1527 aus dem Nürnberger Ämterbüchlein gestrichen. Obwohl Kunigunde Hergot in der Folgezeit noch nicht im Ämterbüchlein eingetragen war, tritt sie dennoch erstmals als eigenständige Buchdruckerin in Nürnberg in Erscheinung.

Buchdruckerwerkstatt aus dem Ständebüchlein von Hans Sachs mit Holzschnitten von Jost Amman. Frankfurt am Main: Sigmund Feyerabend, 1574 (VD16 ZV 13547). Abteilung Historische Drucke. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Die Offizin Hans Hergot

Kunigunde Hergots späteres Wirken wurde durch ihr Umfeld und die Druckerei ihres Ehemannes geprägt. Hans Hergot hatte sich von 1524 bis 1526 als bedeutendster frühreformatorischer Drucker Nürnbergs etabliert, der ausschließlich in deutscher Sprache druckte. In diesem Zeitraum brachte er insgesamt sechs Nachdrucke des in Wittenberg gedruckten Neuen Testaments in der Übersetzung Martin Luthers heraus, darunter 1524 eine mit Holzschnitten von Erhard Schön, Hans Sebald und Barthel Beham ausgestattete Ausgabe (VD16 B 4344). Er hatte eine Vielzahl der wichtigsten politischen Werke Luthers im Programm, einschließlich der Schriften gegen radikalere Reformationsströmungen wie die Flugschrift „Wider die himlischen Propheten“, die sich gegen die Täuferbewegung richtete. Auch Werke anderer Autoren der Reformationszeit wie Philipp Melanchthon oder Argula von Grumbach kamen aus seiner Presse. Von den nicht-lutherischen Reformationsvertretern findet sich allein Thomas Müntzer in seinem Verlagsprogramm.

In der Offizin Hergot wurden bis 1527 weit über 90 Drucke herausgegeben – davon wurden knapp zwanzig Drucke über das Projekt digitalisiert.

Kunigunde Hergot übernimmt die Offizin

Kunigunde Hergot, die ihren Mann schon während seiner Reisen in der Geschäftsführung vertreten hatte, übernahm die Offizin und führte sie zunächst alleine weiter. Im ersten Jahr ihres Schaffens sind fünf unfirmierte Drucke von ihr nachgewiesen, darunter zwei Ausgaben der „Historie Lienhart Keysers”, eines lutherischen Theologen, der 1527 wegen Ketzerei auf dem Scheiterhaufen hingerichtet worden war.

Ämterbüchlein und Kolophon: Nachweise einer Druckerin

Die Kolophone der ersten firmierten Drucke von Kunigunde Hergot bzw. Wachter im Jahr 1528 (VD16 W 4083 und E 4052). Abteilung Historische Drucke. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Bereits 1528 sind sieben Drucke überliefert, in deren Kolophon der Name Kunigunde Hergot bzw. Kunigunde Wachter zu lesen ist. Das ist in zweierlei Hinsicht bemerkenswert: Nachdem sie im Dezember 1527 ihren zweiten Ehemann Georg Wachter geheiratet hatte, firmierte sie nicht nur unter ihrem neuen Namen, sondern brachte auch weiterhin Werke unter ihrem Namen aus erster Ehe heraus. Und zwar obwohl ihr zweiter Ehemann schon zu Beginn ihrer Ehe die Offizin übernommen hatte. Im Nürnberger Ämterbüchlein wechseln sich Kunigunde und Georg Wachter als eingetragene Drucker bzw. Druckerin immer wieder ab. Von 1531 bis 1540 ist die „Wachterin“ durchgängig verzeichnet, während im Jahr 1541 ihr Name erst nachträglich gestrichen wurde. Sie hatte für mindestens zehn Jahre die Leitung der Offizin eigenständig übernommen.

Insgesamt sind 444 Drucke aus der Offizin Hergot/Wachter von 1527 bis 1547, dem Todesjahr Kunigundes, in der VD 16-Datenbank nachgewiesen.

Der Name Hergot als Qualitätsmerkmal

Es kann als Geschäftsstrategie ausgelegt werden, dass die Eheleute jeweils unter ihrem eigenen Namen publizierten. Der Name Hergot hatte sich offensichtlich auf dem Buchmarkt als Qualitätsmerkmal etabliert. Auch im Verlagsprogramm knüpfte Kunigunde Hergot/Wachter daher an die Erfolge ihres ersten Ehemannes an. So erschienen unter ihrem Namen etwa 20 Luther-Drucke wie z.B. „Die Auslegung des hundertelften Psalms“, „Wider die Antinomer“, eine Streitschrift Luthers gegen Johannes Agricola, „Vom Weihwasser“ oder die „Hochzeitpredigt über den Spruch zu den Hebräern“ sowie je eine Ausgabe des Alten und Neuen Testaments in der Übersetzung Luthers (VD16 ZV 1557 und ZV 1838). Gleichzeitig veröffentlichte sie auch Schriften von Autoren, die nicht die lutherische Linie vertraten, wie zum Beispiel das 1539 von Kaspar Schwenkfeld herausgegebene „Deutsch Passional unsers Herren Christi“.

Musikdrucke in Zeiten der Reformation

Neben dem reformatorischen Schrifttum verlagerte die Druckerei Hergot/Wachter jedoch den Programmschwerpunkt auf Lieddrucke geringen Umfangs und leistete damit einen entscheidenden Beitrag zur Verbreitung des reformatorischen Kirchenliedes. Schon ihr erster Ehemann Hans Hergot war als Musikdrucker in Erscheinung getreten: 1525 brachte er die erste mit gedruckten Noten versehene deutsche Messe (VD16 M 4898) heraus. Er druckte geistliche und politische Lieder sowie drei Ausgaben des „Enchiridion geistlicher Gesänge und Psalmen“. Kunigunde Hergot/Wachter knüpfte an diese Tradition an und nahm dabei nicht nur biblische Themen wie etwa den verlorenen Sohn, sondern auch populäre Stoffe wie den der Lucretia oder eine Version des Spieles der Frau Susanna in ihr Programm auf. Mehr als 60 Liedflugschriften von Kunigunde Hergot/Wachter neben ca. 50 weiteren Lieddrucken ihres zweiten Ehemannes Georg Wachter aus dem Bestand der Staatsbibliothek sind heute digital verfügbar.

Titelholzschnitt zum Druck des Lucretia-Liedes von 1528 (VD16 B 5512). Abteilung Historische Drucke. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Kunigunde Hergot präsentierte sich auf dem bis dahin männlich dominierten Bucherdruckermarkt als eine äußerst erfolgreiche Geschäftsfrau. Sie verstand es bestens, das Lesebedürfnis eines breiten Publikums zu befriedigen und machte sich – unabhängig von ihrem zweiten Ehemann – als eine der ersten Buchdruckerinnen über die Reichsstadt Nürnberg hinaus einen großen Namen. 

Der lange Weg in die Selbständigkeit: Katharina Gerlach

Mitte des 16. Jahrhunderts tritt eine weitere Buchdruckerin in der Reichsstadt Nürnberg in Erscheinung: Katharina Gerlach. Ihre erste Ehe mit dem Fuhrknecht Nicolaus Schmid war von kurzer Dauer. Für das Buchdruckgewerbe entscheidend ist ab 1541 ihre zweite Ehe mit Johann vom Berg. Ihre Mitgift – das Haus „auf dem Neuen Bau bei der Kalkhütte“– war für ihn die Gelegenheit, eine eigene Druckereiwerkstatt zu eröffnen.

Einstieg ins Buchdruckgewerbe: Die Offizin Johanns vom Berg

Kolophon von Johann vom Berg und Ulrich Neuber (VD16 D 1570). Abteilung Historische Drucke. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Im Jahre 1542 ist Johann vom Berg im Nürnberger Ämterbüchlein als Buchdrucker mit zwei Setzern verzeichnet. In der VD 16-Datenbank lassen sich für das erste Jahr bereits 18 Drucke nachweisen. Neben einem „Psalter Davids“ handelt es sich dabei überwiegend um historische und reformatorische Flugschriftenliteratur.

Gemeinsam mit seinem Setzer Ulrich Neuber veröffentlichte Johann vom Berg bis zu seinem Tod im Jahr 1563 etwa 570 Drucke in deutscher, lateinischer und tschechischer Sprache, von denen 67 im Rahmen des Projektes digitalisiert wurden. Darunter befinden sich etwa 50 Nachdrucke der Schriften Martin Luthers, wie zum Beispiel zahlreiche Drucke seiner Hauspostille, vier Vollbibeln sowie drei Ausgaben des Neuen Testaments. Auf dem Verlagsprogramm standen außerdem Kirchenordnungen, Erbauungsschriften, Flugschriften sowie zahlreiche Musikdrucke mit Noten wie beispielsweise ein Kirchengesangbuch in deutscher und lateinischer Sprache.

Johann vom Bergs Erben: eine Witwe im Hintergrund

Etwa 20 Jahre hält die (Ehe-)Gemeinschaft. Nach Johann vom Bergs Tod wird seine Ehefrau Katharina im darauffolgenden Jahr 1564 als „Johann vom Bergs Witib“ im Ämterbüchlein mit drei Setzern verzeichnet. Sie führte die Offizin zunächst bis 1565 gemeinsam mit Ulrich Neuber weiter. In allen 43 Drucken, die in dieser Zeit von ihr veröffentlicht wurden, spiegelt sich diese Druckergemeinschaft im Impressum oder Kolophon wieder: „Noribergae, In Officina Ulrici Neuberi, & Haeredum Ioannis Montani“ oder „Gedruckt zu Nürnberg/ durch Ulrich Newber/ unnd Johann vom Bergs Erben“. Im Gegensatz zu Kunigunde Hergot signierte die Witwe Katharina vom Berg jedoch nicht unter ihrem eigenen Namen, sondern in Funktion der Erben und dies ausschließlich an zweiter Stelle. Eine Eigenständigkeit Katharina vom Bergs wird zu dieser Zeit noch nicht sichtbar.

Eine lohnende Mitgift

Schon im August 1565 heiratete die Witwe Katharina vom Berg den aus Erding stammenden Dietrich Gerlach. Nach dem Erwerb des Bürgerrechts der Reichsstadt Nürnberg übernahm er ihren Teil der Druckerei. Schon 1566 wurde Katharina aus dem Ämterbüchlein gestrichen und stattdessen ihr dritter Ehemann zusammen mit Ulrich Neuber eingetragen. Auch diese Druckergemeinschaft erwies sich als äußerst produktiv. Allein bis 1567 brachten sie fast 40 Drucke heraus und firmierten gemeinsam, wobei Ulrich Neuber weiterhin an erster Stelle genannt wurde. 1567 schied dieser jedoch aus, um seine eigene Druckerei zu eröffnen. In der Folgezeit führte Dietrich Gerlach die Offizin bis 1575 alleine weiter, erinnerte in der Firmierung aber an seinen Vorgänger: „Gedruckt zu Nürnberg/ durch Dieterich Gerlatzen/ In Johann vom Berg selig Druckerey.“ Auch das Druckprogramm blieb unverändert. Gerlach brachte zusammen mit Johann Wolff in Frankfurt eine Vollbibel in der Übersetzung Martin Luthers mit zahlreichen Illustrationen von Virgil Solis heraus. Unter den lutherischen Autoren dominierte mit über 30 Drucken Johannes Mathesius, der sich besonders mit seiner Luther-Biographie einen Namen machte. Daneben brachte Gerlach auch Verordnungen der Reichsstadt Nürnberg sowie eine Vielzahl musikpraktischer Werke und Gesangsbücher heraus. Als Dietrich Gerlach im August 1575 stirbt, hatte er etwa 140 Drucke publiziert.

40 Jahre Erfahrung im Buchgewerbe – Offizin Katharina Gerlach

Zum dritten Mal Witwe geworden übernimmt Katharina Gerlach die Druckerei zum ersten Mal in eigener Regie. 1576 wird sie im Ämterbüchlein anstelle ihres dritten Mannes unter den Buchdruckern und den Buchführern eingetragen – damit war sie zur selbständigen Druckerin und Geschäftsführerin aufgestiegen.

Druckermarke: Buchschmuck mit Botschaft

Bericht über die letzten Tage Martin Luthers von Justus Jonas sowie einer Rede und Leichenpredigt von Philipp Melanchthon und Johann Bugenhagen, Johann vom Berg 1546 (VD16 J 904). – „Musica deutsch“ von Ambrosius Wifflingseder, Dietrich Gerlach 1572 (VD16 W 3087). – Titelblatt der „Kinderpostilla“ von Dietrich Veit, Katharina Gerlach 1577 (VD16 D 1581). Abteilung Historische Drucke. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Dass Katharina Gerlach den Wert von Tradition erkannte, wird in der Verwendung der Druckermarke ihres ersten Ehemannes deutlich. Bereits seit 1542 verwendete Johann vom Berg eine Druckermarke, die er mit nur kleinen Gestaltungsvarianten bis an sein Schaffensende beibehielt.

Die Druckermarke Johanns vom Berg stellt – je nach Variante in einem Kreis, Kranzgewinde oder Rollwerkrahmen – eine Verklärungsszene Christi zwischen Mose und Elia auf dem Berg Tabor dar, darunter drei Apostel, die sich von dem gleißenden Licht abwenden. Über der Christusfigur schwebt ein Spruchband mit dem Motto „Hic est filius meus dilectus in quo mihi bene complacitum est“ (Matthäus 3,17). Meistens ist unter dem Signet das Bibelwort „Psalm LXXXIX. Wol dem volck das jauchtzen kan“ typografisch hinzugefügt. Für das 16. Jahrhundert sind emblematische Druckermarken wie die Johann vom Bergs charakteristisch. Mit dem religiösen Motiv „Christus auf dem Berg von Tabor“ wird gleichzeitig der Name „Vom Berg“ bildhaft ausgestaltet. Da diese Marke in einer Vielzahl der insgesamt etwa 570 Drucke aus der Offizin vom Berg bis 1563 verwendet wurde, entwickelte sie sich zu einem Qualitätsmerkmal und diente der Repräsentation der Druckerwerkstatt. Es ist daher wenig erstaunlich, dass sich sowohl Dietrich Gerlach als auch Katharina Gerlach diesen Wiedererkennungswert zunutze machten.

Das Wagnis Altdorf

Aber Katharina Gerlach ging auch neue Wege. Bereits 1579 gründete sie eine Zweigstelle im nahegelegenen Altdorf, in dem bislang noch kein Druckgewerbe angesiedelt war. Sie hoffte, von der dort neugegründeten „Academia Norica“, in der 1577 der Lehrbetrieb in den höheren Fakultäten aufgenommen worden war, zu profitieren. In der Altdorfer Zweit-Offizin veröffentlichte sie überwiegend Hochschulschriften, deren Urheber in engem Bezug mit Personen der Akademie standen. Hier druckte sie auch mindestens zwei Werke mit griechischem Typenmaterial (VD16 A 400 und X 62). Doch bereits 1578 trat Nikolaus Knorr, ein ehemaliger Setzer der Gerlach’schen Offizin, mit der Gründung einer weiteren Druckerei in Altdorf in ernsthafte Konkurrenz zu Katharina und stieg 1585 sogar zum offiziellen Drucker der Altdorfer Akademie auf. Als kluge Geschäftsfrau gab Katharina Gerlach die Zweigstelle auf, in der sie bis dahin etwa 25 Werke für die Altdorfer Akademie veröffentlicht hatte.

Profilschärfung

Gleichzeitig konzentrierte sich Katharina Gerlach darauf, vermehrt Musikdrucke herzustellen. Neben der Publikation von Stimmbüchern, Gesangbüchern, musiktheoretischen Werken mit Noten sowie eines lateinischen Responsoriums war sie maßgeblich an der Verbreitung italienischer Musik in Deutschland beteiligt. In den folgenden Jahren baute sie ihre Nürnberger Offizin zu einer der führenden Druckereien für musikalische Werke im deutschsprachigen Raum aus. Die Firmierung „In Officina Musica Catharinae Gerlachiae“ wurde zu einem herausragenden Qualitätsmerkmal. Gleichzeitig avancierte ihr Druckbetrieb zu einer der beiden offiziellen Druckereien des Nürnberger Rats, der ihr bis zu ihrem Schaffensende ein dauerhaftes Einkommen garantierte.

Die herausragenden geschäftlichen Erfolge, die sowohl Kunigunde Hergot als auch Katharina Gerlach als Geschäftsführerinnen der eigenen Druckerei auszeichneten, wurden auch durch die Handwerkerverordnung der Reichsstadt Nürnberg ermöglicht, die keine Organisation von Handwerkern in Zünften duldete. Während Zünfte Frauen aus den Handwerksbetrieben zu verdrängen versuchten, trat der Nürnberger Rat im 16. Jahrhundert aktiv für die Rechte der Frau in der Berufsarbeit ein. Das erlaubte es Ehefrauen, berufstätig zu sein und das Handwerk gemeinsam mit ihrem Mann auszuüben. Stimmten die Grundvoraussetzungen nutzten Ehefrauen und Witwen ihre Chance und trugen ihr Können erfolgreich über die Grenzen Nürnbergs hinaus.

Wir hoffen, die vier Beiträge zum Abschluss des Projektes VD16 digital haben Ihre Neugierde auf die vielen Schätze des 16. Jahrhunderts geweckt. In unserer Schatztruhe – den Digitalisierten Sammlungen der Staatsbibliothek zu Berlin – stehen über 10.000 Werke für Sie zum Stöbern bereit! Oder Sie blättern einmal in unseren digitalisierten Liedflugschriften aus dem Projekt VD Lied

Ausschnitt aus der von Katharina Gerlach verwendeten Druckermarke („Kinderpostilla“ 1577). Abteilung Historische Drucke. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Events

E.T.A. Hoffmann-Konferenz am 28.11.

Von Steampunk über Graphic Novel zu Disney – Der intermediale Kosmos der aktuellen E.T.A. Hoffmann-Rezeption



Abschlusskonferenz zum Projekt E.T.A. Hoffmann Portal 2

  • Termin

    Do, 28. November 2019
    10.30-17.00 Uhr

  • Veranstaltungsort

    Staatsbibliothek zu Berlin
    Simón-Bolívar-Saal
    Potsdamer Straße 33
    10785 Berlin

    Eintritt frei, Anmeldung erbeten

  • Anfahrt

    S + U Potsdamer Platz

    Bushaltestelle
    H Potsdamer Brücke (Bus M29)
    H Varian-Fry-Straße (Bus 200)
    H Kulturforum (Bus M48)



E.T.A Hoffmann Konferenz | CC BY-NC-SA


Am 28. November 2019 veranstaltet die Staatsbibliothek zu Berlin in Kooperation mit der E.T.A. Hoffmann-Gesellschaft eine kleine Konferenz unter dem Titel Von Steampunk über Graphic Novel zu Disney – Der intermediale Kosmos der aktuellen E.T.A. Hoffmann-Rezeption. Anlass ist der Abschluss des Projekts E.T.A. Hoffmann Portal 2 zum Jahresende 2019. Auf der Konferenz werden die beiden Arbeitsschwerpunkte des dreijährigen Projekts in zwei Sektionen gewürdigt: Die Digitalisierung von Hoffmanniana aus der Staatsbibliothek zu Berlin und weiteren Einrichtungen am Vormittag und die Ausweitung der Portalinhalte auf die Bereiche Einflüsse und Rezeption am Nachmittag.

Sie sind herzlich eingeladen!

28. November 2019
10.30-17.00 Uhr
Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz
Simón-Bolívar-Saal
Potsdamer Straße 33
10785 Berlin

Anmeldung

Die Anmeldung ist ab sofort bis zum 21. November 2019 möglich. Die Teilnahme ist kostenfrei.

Die Plätze für das gemeinsame Abendessen im Anschluss (Selbstzahler) sind begrenzt. Bitte teilen Sie uns bei der Anmeldung mit, wenn Sie daran teilnehmen möchten. Bei der Online-Anmeldung nutzen Sie dazu bitte das Feld „Institution/Ort“. Wir melden uns umgehend, ob wir für Sie einen Platz reservieren konnten.

Zur Anmeldung

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Programm

10.30 Begrüßung
10.45 Das Projekt E.T.A. Hoffmann Portal 2 – Ergebnisse und Ausblick

Dr. Christina Schmitz, Staatsbibliothek zu Berlin
Ursula Jäcker, Staatsbibliothek zu Berlin

11.30 Kaffeepause
11.45 Die Akte Hoffmann – Quellen aus dem Geheimen Staatsarchiv erstmals online zugänglich

Dr. Ulrich Kober, Geheimes Staatsarchiv
Dr. Christina Schmitz, Staatsbibliothek zu Berlin

12.30 Schwester Monika – Ein Apokryph

Prof. Markus Bernauer, Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften

13.15 Mittagspause
14.15 E.T.A. Hoffmann im Comic

Prof. Volker Schlecht, University of Applied Sciences Europe

15.00 E.T.A. Hoffmann und ‚Coppelius‘: Zur modernen Rezeption in Musik und Oper des 21. Jahrhunderts

Dr. Stefanie Junges, Ruhr-Universität Bochum

15.45 Kaffeepause
16.00 Von Barbie bis Disney – E.T.A. Hoffmann neu verfilmt

Dr. Anett Werner-Burgmann, Humboldt-Universität Berlin

16.45 Kleiner Rundgang zur Präsentation neuer unikaler Schätze

Ursula Jäcker, Staatsbibliothek zu Berlin

17.00 Schluss mit kleinem Weinempfang
18.00 Gemeinsames Abendessen im Lokal Joseph Roth-Diele (Selbstzahler)

Eine Veranstaltung in Kooperation mit der E.T.A. Hoffmann-Gesellschaft.