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Bibel, Sachsenspiegel & Co.: Recht und Religion in den deutschen Drucken des 16. Jahrhunderts

Zum Abschluss des Projektes VD16 digital möchten wir Ihnen einen tieferen Einblick in den Bestand geben, der nun digital zur Verfügung steht, und dadurch Leserinnen und Leser zum Stöbern anregen – unser zweiter Beitrag stellt die theologischen und juristischen Werke aus dem Projektbestand näher vor.

Ein Beitrag von Evelyn Hanisch und Friederike Willasch.

Das Wissensgebiet Theologie

Ein Großteil der Drucke des Projektes VD16 digital ist theologischer und religiöser Art und entspringt damit einem typischen Wissensgebiet des 16. Jahrhunderts. In der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts nahm religiöse Literatur mehr als 40% der gesamten Buchproduktion ein und spiegelte damit das Bedürfnis der Bevölkerung nach Information und Diskussion in einer Zeit des konfessionellen Umbruchs wider. Durch den Buchdruck verloren die römische Kirche und der geistliche Stand das Monopol über die Veröffentlichung von Glaubensinhalten – das kam vor allem dem reformatorischen Gedankengut zugute.

Die Lutherbibel

Die deutschsprachige Bibel war dabei ein wegweisender Druck, der die Bevölkerung unabhängiger von Priestern und Pfarrern werden ließ. Im Rahmen von VD16 digital wurden über 100 Bibelausgaben digitalisiert. Darunter sind natürlich die Bibelübersetzungen von Martin Luther. Dabei sind das Septembertestament und Dezembertestament von 1522 sowie die erste vollständige Lutherbibel von 1534 in sechs Teilen mit je einem eigenen Titelblatt von herausragender Bedeutung. Außerdem finden sich darunter auch buchkünstlerische Schätze wie die handkolorierte Prachtbibel aus dem Besitz von Joachim von Anhalt-Dessau.

Eigenhändige Unterschrift Martin Luthers in einer Wittenberger Bibelausgabe von 1541 (VD16 B 2712). Abteilung Historische Drucke. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Eine Attraktion ist die Lutherbibel von 1541 aus dem Besitz von Luthers Schüler Matthias Wanckel. Der Einband ist aufwendig verziert und mit Beschlägen und Schließen ausgestattet. Der Rückdeckel weist das Jahr 1542 als Herstellungsdatum des Einbandes und „Mathias Wanckelivs“ als seinen Besitzer aus. Dieses Exemplar wird durch die Personen einzigartig, die im 16. Jahrhundert ihre Spuren in dem Band hinterließen. Martin Luther selbst notierte eine Anmerkung zur Bibelstelle Johannes 5,39 mit eigenhändiger Unterschrift.

Doch damit nicht genug – hinzu kommen zwei weitere Autographen vom August 1547 aus der Feder von Johannes Bugenhagen und Caspar Cruciger. Diese Provenienzspuren in ihrer Summe geben einen Einblick in das soziale Netzwerk Luthers. Alle drei waren Weggefährten Luthers und Bugenhagen und Cruciger sogar an der Bibelübersetzung beteiligt. Bugenhagen kam 1521 nach Wittenberg und wurde Pfarrer der Stadtkirche. Er war einer der engsten Freunde und Berater Luthers und hielt sogar bei dessen Begräbnis eine Predigt. Gemeinsam mit dem Theologieprofessor Cruciger durchlebte Bugenhagen die Belagerung Wittenbergs im Schmalkaldischen Krieg und die folgende Kapitulation im Mai 1547.

Nicht nur Bibeln

Damit erschöpfte sich aber keinesfalls das theologische Schrifttum des 16. Jahrhunderts. Der theologische Diskurs und Glaubenskampf – und damit auch Martin Luthers Ideen – wurden vor allem durch Flugschriften befördert. Auch das Erbauungsschriftum nahm einen breiten Platz in der Buchproduktion des 16. Jahrhunderts ein. Das Gebet als persönlicher Zugang zu Gott war ein zentrales Element der Glaubenspraxis und äußerte sich typografisch in der Literaturgattung des evangelischen Gebetbuches. Ein typisches Beispiel ist der im Rahmen des Projektes digitalisierte Band „Christliche Schul und Haußgebetlein“. Des Weiteren bot Erbauungsliteratur, die in der Tradition der spätmittelalterlichen Gattung der Ars moriendi stand, den Menschen Unterstützung und Orientierung. Diese Literatur unterstützte die Gläubigen, mit Gebeten und Anweisungen den Anfechtungen des Teufels zu widerstehen,  wie zum Beispiel das in mehreren Auflagen erschienene Buch des lutherischen Theologen Kaspar Kantz mit dem Titel „Wie man den Krancken und sterbenden Menschen ermanen, troesten, und Gott befehlen sol”. Diese Ausgabe aus dem Jahr 1568 ist – wie die meisten Ausgaben der Erbauungs- und Trostschriften für Sterbende – auf jeder Seite mit aufwendigen Randleisten ausgestattet.

Schmuck im Druck: die Initiale

Gestaltungsreichtum: links eine gerahmte Initiale zum ersten Buch Mose (VD16 B 2694), in der Mitte eine Initiale umgeben von der biblischen Szene der Opferung Isaaks (VD16 ZV 8842) und rechts eine freistehende, ornamental gestaltete Initiale (VD16 ZV 1230). Abteilung Historische Drucke. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Charakteristisch für die Buchproduktion des 16. Jahrhunderts sind außerdem schmückende Initialen. Dieses typografische Element stammte noch aus der Handschriftenproduktion, als fertige Manuskripte in Handarbeit verziert und koloriert wurden. Im Druck musste nun für den Anfangsbuchstaben Raum im Satz gelassen werden, um dann die vom Formschneider aus Holz geschnittenen Zierbuchstaben einzufügen. Für ein harmonisches Satzbild wurden Schriftsatz und illustratorische Elemente typografisch aufeinander abgestimmt.

Das Wissensgebiet Recht

Wie die Theologie hatte auch die Rechtswissenschaft bereits eine schriftliche Tradition vor dem Buchdruck. Schrift entwickelte sich zum Medium der Information und der Speicherung von Wissen. Eines der ältesten und bedeutendsten Rechtsbücher in deutscher Sprache war der Sachsenspiegel. Zunächst ohne herrschaftlichen Auftrag von Eike von Repgow im 12. Jahrhundert verfasst, wurde der Text erweitert und ergänzt, glossiert und kommentiert, gewann an Legitimität und wurde schließlich als autoritatives Rechtsbuch angenommen.

Textgestaltung am Beispiel des Sachsenspiegels

Sachsenspiegel (Lehnrecht) von 1467 (Signatur: Ms. germ. fol. 9) im Vergleich mit einem Druck des Augsburger Buchdruckers Johann Otmar von 1508 (VD 16 D 741). Handschriftenabteilung / Abteilung Historische Drucke. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Neben einer großen Anzahl an Handschriften, welche die Textentwicklung begleiteten, sind auch viele gedruckte Ausgaben bzw. Auszüge des Sachsenspiegels überliefert. Dabei wurde nicht nur der Text übernommen; bis ins 16. Jahrhundert orientierte sich auch die Seitengestaltung an der Handschrift. Vier Ausgaben bzw. Auszüge des Gesetzestextes wurden im Rahmen des Projektes digitalisiert.

Das Titelblatt im Wandel

Im Vergleich: Die Titelblätter von Sachsenspiegel-Ausgaben von 1501 (VD16 D 733) und von 1582 (VD16 D 739). Abteilung Historische Drucke. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Ein Wandel zeigt sich dagegen beim Titelblatt und führt damit eine entscheidende Entwicklung des 16. Jahrhunderts vor Augen. Bereits in einer Ausgabe von 1501 gab es eine Art Titelblatt mit einem dreizeiligen Schriftblock im oberen Drittel der Seite beginnend mit: „Hie hebt sich an der Sachssenspiegel“. Dieses Titelblatt musste aber in Zusammenhang mit dem Kolophon am Ende des Buches gelesen werden. Eine erste Seite mit Titel, Erscheinungsjahr und Druckort, das den modernen Vorstellungen eines Titelblatts entspricht, entwickelte sich erst im Laufe des 16. Jahrhunderts wie in einer späteren Ausgabe des Sachsenspiegels zu sehen ist.

Informationssysteme für Experten: Dissertationen und Disputationen

Eine weitere Gattung, die sich mit dem Buchdruck ausdifferenzierte und dessen Produktion sprunghaft anstieg, waren Dissertationen und Disputationen. Sowohl für die Theologie als auch für die Rechtswissenschaft gewannen diese Hochschulschriften als Informationsspeicher von gelehrtem Spezialwissen, Ergebnissen und Theorien an Bedeutung und befeuerten den akademisch-wissenschaftlichen Diskurs. Gleichzeitig waren insbesondere in der Theologie Dissertationen und Disputationen als Argumentationsquelle ein Mittel des Glaubenskampfes und der Verbreitung von konfessionellem Denken und vor allem eine Form der gelehrten Streitkultur – gerade in Ergänzung zu den Flugschriften, die sich eher an ein breites Publikum richteten. Etwa 10% des Projektes VD16 digital sind Dissertationen und stammen vor allem aus der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts.

Weiter geht es im nächsten Beitrag unserer Reihe zum Projekt VD16 digital mit Illustrationen in wissenschaftlichen Werken!

VD16 digital: Projekt erfolgreich abgeschlossen!

Passend zum Jahresschluss ziehen wir Bilanz aus einem herausragenden Digitalisierungsprojekt der Staatsbibliothek zu Berlin: Über 10.000 deutsche Drucke des 16. Jahrhunderts sind jetzt in den Digitalisierten Sammlungen verfügbar!

Ein Beitrag von Evelyn Hanisch und Friederike Willasch.

Illustration aus dem „Theuerdank“, 1517 (VD16 M 1649). Abteilung Historische Drucke. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Nach 6 Jahren kann das Projekt VD16 digital ein sehr erfolgreiches Resümee ziehen: 10.300 Drucke mit 1,7 Millionen Seiten wurden von 2012 bis 2018 digitalisiert und inhaltlich durch Strukturmetadaten erschlossen. Fast der gesamte VD 16-relevante Bestand der Staatsbibliothek zu Berlin – das heißt Drucke, die im 16. Jahrhundert im deutschen Sprachbereich erschienen sind – ist jetzt online zugänglich, ein Drittel davon in Berlin digitalisierte Exemplare.

Die Geschichte des VD 16: Mediale und politische (Um-)Brüche

Damit findet ein Projekt seinen Abschluss, dessen Vorläufer weit zurückreichen. Alles begann im Jahr 1969 mit dem kooperativen Vorhaben, eine retrospektive Nationalbibliographie aller im deutschen Sprachbereich erschienenen Drucke des 16. Jahrhunderts aufzubauen. Für Berlin gestaltete sich die Teilnahme schwierig: Bis zur Wiedervereinigung waren auch die Bestände aus dem 16. Jahrhundert zwischen den beiden Nachfolgeinstitutionen der Preußischen Staatsbibliothek in Ost und West geteilt, die Katalogisierung im VD 16 fand so unter erschwerten Bedingungen und ohne Förderung durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) statt. Dennoch konnten bis 2012 circa 85% der relevanten Drucke im VD 16 erschlossen werden. Der Nachweis der bisher nicht im VD 16 erfassten Drucke im Bestand der Staatsbibliothek zu Berlin gelang jetzt durch das Projekt VD16 digital. Dabei wurden mehr als 600 “Nova” identifiziert – neue Titel bzw. Ausgaben, die noch gar nicht im VD 16 katalogisiert waren.

Das 1969 gestartete VD 16 passte sich an die Entwicklungen des digitalen Zeitalters an und stellt seit der Jahrtausendwende neben einer 22-bändigen Druckausgabe der Nationalbibliographie auch die VD 16-Datenbank zur Verfügung. Um das deutsche Kulturerbe zu schützen und gleichzeitig allen Benutzern zugänglich zu machen, initiierte die DFG eine großangelegte Förderinitiative zur Digitalisierung von VD 16-relevanten Drucken, an der auch die Bayerische Staatsbibliothek und die Universitäts- und Landesbibliothek Sachsen-Anhalt teilnahmen.

Heute sind durch die Zusammenarbeit aller beteiligten Bibliotheken fast die gesamten 30.000 im VD 16 verzeichneten und im Bestand der Staatsbibliothek zu Berlin vorhandenen Drucke auch in einer in München, Halle oder Berlin produzierten digitalen Ausgabe zugänglich.

 

 

Die Präsentation in den Digitalisierten Sammlungen: links die Strukturdaten; das Icon mit dem Werkzeugschlüssel führt zu den Downloadmöglichkeiten.

 

Projektergebnisse in den Digitalisierten Sammlungen

Nach Abschluss des Projektes an der Staatsbibliothek zu Berlin ist etwa ein Drittel der 30.000 deutschen und deutschsprachigen Drucke des 16. Jahrhunderts aus dem Bestand der Staatsbibliothek in den Digitalisierten Sammlungen verfügbar. Bei der Präsentation haben wir uns besondere Mühe gegeben! Großer Wert und viel Sorgfalt wurde dabei auf die Strukturmetadaten gelegt, um den inhaltlichen Aufbau eines Werkes auf einen Blick entweder in der kompakten Gliederung in der Seitenleiste oder in der übersichtlicheren vollständigen Gliederung zu erfassen. So gelangt man unmittelbar zu Titelblatt, Widmung, Vorwort, Kapitel, Register oder Kolophon. Auch Illustrationen, Porträts, Druckermarken, Besitznachweise (darunter auch Exlibris) lassen sich auf diese Weise – und durch spezielle Sucheinstiege – finden. Ein zusätzlicher Gewinn: die Seitenvorschau als Mouseover!

 

Die Auslegung des Buchs Jesus Syrachs durch Caspar Huberinus aus dem Jahr 1570 (VD16 B 4104) in einem Einband von Severin Rötter von 1581 mit dem Supralibros Elisabeths von Anhalt (1563–1607), durch Heirat Kurfürstin von Brandenburg. Abteilung Historische Drucke. Lizenz: CC-BY-NC-SA

 

Buch-, druck- und wissenschaftsgeschichtliche Entwicklungslinien

Das Projekt ist in vielerlei Hinsicht ein Spiegel der wissenschaftshistorischen und buchhistorischen Entwicklungen des 16. Jahrhunderts. Das noch junge Berufsfeld des Buchdruckers oder Verlegers entwickelte sich weiter. In den Druckwerkstätten überwiegen Produkte aus den Wissensgebieten Theologie und Recht, deren handschriftliche Tradition bereits weit zurückreicht. Die Reformationsbewegung gibt theologischen Druckschriften einen zusätzlichen Aufschwung. Das 16. Jahrhundert war aber auch ein Zeitalter der Naturphilosophen, Entdecker und Künstler. Werke aus den Wissensgebieten Medizin, Astronomie, Botanik oder Geschichte wurden vermehrt angeboten und nachgefragt. Häufig wurde zwar noch in Latein gedruckt, aber das änderte sich im 16. Jahrhundert. Bereits die Hälfte des Projektbestandes sind deutschsprachige Drucke.

Ein Streifzug durch die Sammlungsgeschichte

Die VD 16-relevanten Drucke der Staatsbibliothek zu Berlin stammen neben der Sammlung 16. Jahrhundert vorwiegend aus der Rara-Sammlung. In dieser Sammlung werden – unabhängig von ihrem Erscheinungsjahr – besonders wertvolle oder seltene Drucke aufbewahrt. Darunter Werke, die in buchgeschichtlicher, buchkünstlerischer oder drucktechnischer Hinsicht herausragen.

Aber auch Exemplare aus der Einbandsammlung sind Teil des Projekts VD16 digital. Viele Bände des 16. Jahrhunderts sind in zeitgenössischen Einbänden erhalten und führen somit buchhistorische Entwicklungen vor Augen. Die einzelnen Werke wurden damals noch in losen Lagen ausgeliefert  und später für den Auftraggeber gebunden. Die Einbände bestanden meist aus robusten Holzdeckeln, die mit Leder bezogen und mit den für das 16. Jahrhundert charakteristischen Stempeln, Rollen oder Platten verziert wurden. Weitere exemplarspezifische Besonderheiten wie handschriftliche Besitz- und Kaufeinträge oder Exlibris können darüber hinaus interessante Hinweise auf  Vorbesitzer und die Geschichte des einzelnen Bandes geben.

Titelblatt der „Erschrecklichen, doch Warhafftigen Newen Zeitung“ über die Türken in Kroatien, 1593 bei Nikolaus Voltz in Frankfurt (Oder) erschienen (VD16 ZV 29461). Abteilung Historische Drucke. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Einen weiteren besonderen Teil des Projektbestandes machen Flugschriften aus, da es sich überwiegend um Unika handelt, wie auch das bereits 2016 abgeschlossene Projekt VD Lied für die Liedflugschriften zeigte. Auf Papier gedruckt und teilweise mit einem Titelholzschnitt versehen präsentieren sich Flugschriften als Vorläufer der Zeitung. Im Zusammenspiel mit einer billigen Herstellung verbreiteten sich die Flugschriften schnell und waren einem großen Teil der Bevölkerung zugänglich. Der Markt wurde stark von der Reformation und der Verbreitung der reformatorischen Propaganda bestimmt. So zählen 320 Flugschriften aus der Sammlung reformatorischer Flugschriften zum Projekt VD16 digital. Eine Besonderheit sind die Flugschriften, die aus der Feder Martin Luthers stammen und mit anderen zeitgenössischen Drucken in der Luther-Sammlung aufbewahrt werden oder über die Sammlung Lynar in den Bestand der Staatsbibliothek zu Berlin gelangt sind. Abseits der reformatorischen Idee brachten Flugschriften eine ganze Bandbreite an weiteren Themen zur Sprache. Von aktuellem politischen Zeitgeschehen, Kriegsereignissen, Naturkatastrophen, Prophezeiungen oder Wunderzeichen berichten etwa 650 Drucke aus der Sammlung der Historischen Flugschriften.

In drei weiteren Beiträgen werden wir bis Jahresende einige der Ergebnisse des Projektes VD16 genauer betrachten. Wir freuen uns, dass Sie dabei sind!

Und bis dahin bieten wir Ihnen hier Sucheinstiege, um in den Drucken des 16. Jahrhunderts aus unserem Bestand auf eigene Faust zu stöbern:

Neu im VD 17: Spezialbibliotheken der Bundeswehr

Erfassung der bislang wenig bekannten historischen Sammlungen der Spezialbibliotheken der Bundeswehr in der VD 17-Datenbank erfolgreich abgeschlossen! Weitere 50 Nova gefunden!

Ein Beitrag von Friederike Willasch.

Die Staatsbibliothek zu Berlin als VD 17-Trägerbibliothek unterstützt immer wieder gerade kleinere Bibliotheken und Institutionen, die ihre Bestände im VD 17 nachweisen möchten. Nach der St. Nikolai-Kirchenbibliothek in Berlin-Spandau  im Jahr 2015 und der St. Bartholomäuskirche in Röhrsdorf bei Meißen im Jahr 2017 leistete die Abteilung Historische Drucke dieses Mal der Bundeswehr Schützenhilfe.

In Zahlen

Auf diesem Wege konnten jetzt insgesamt fast 500 Titel aus den militärhistorischen Sammlungen der Spezialbibliotheken der Bundeswehr verzeichnet werden, darunter überwiegend Bände aus den Bereichen Kriegskunde und Festungsbau. Zudem nicht untypisch für frühneuzeitliche Sammlungen: Etwa 40% der Titel sind Dissertationen. Besonders sind dabei die Königsberger medizinischen Dissertationen hervorzuheben, die über die Hälfte der insgesamt 50 neuen Titel ausmachen, die bisher noch gar nicht im VD 17 verzeichnet waren. Soweit konservatorisch möglich wurden die Nova durch die Staatsbibliothek zu Berlin im Rahmen des VD 17-Unika Projekts digitalisiert und sind über die Digitalisierten Sammlungen der SBB zugänglich.

 

Illustration einer Festung auf einer Felsklippe im Meer in Pietro Sardis „Couronne Imperiale De L’Architecture Militaire“ (1623). Bibliothek/Fachinformationsstelle des Zentrums für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr Potsdam. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Kriegskunde und Festungsbau

Zu den Bibliotheken, die ihre militärhistorischen Bestände im VD 17 verzeichnen ließen, gehört die Bibliothek des Zentrums für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr  in Potsdam, die neben einem ca. 250.000 Bände zählenden Bestand zur nationalen und internationalen Militärgeschichte über zahlreiche Drucke des 16. bis 19. Jahrhunderts verfügt,  darunter viele Werke mit Schwerpunkt Festungsbau aus der Burgsdorff-Sammlung.

Religionskriege in Frankreich

Für das VD 17 sind dabei 174 Titel relevant, die nun in der Datenbank nachgewiesen sind. 13 davon sind bisher nur in Potsdam nachgewiesen, so zum Beispiel Le Parfaict Capitaine von Henri de Rohan in deutscher Übersetzung aus dem Jahr 1670 und gedruckt im niederschlesischen Dyhernfurth an der Oder (das Original ist 1636 in Paris erschienen). Es war nicht das einzige, aber doch das Schlüsselwerk des Anführers der Hugenotten in den Religionskriegen des 16. Jahrhunderts in Frankreich. Er befasste sich mit dem Verhältnis von Festungs- und Belagerungskriegen und Schlacht, von Kriegskunst und Staatskunst.

Neue Waffentechnologie

Neben der strategischen Annäherung an das Thema Festungsbau kamen in der Frühen Neuzeit vor allem auch neue mathematisch-geometrische Methoden in der Militärarchitektur zur Anwendung. Bereits im 16. Jahrhundert nahm entsprechende Traktatliteratur im Militärwesen zu, darunter z.B. auch über Festungsarchitektur ggf. mit anschaulichen Illustrationen und Musterlösungen, an denen sich die Überlegungen und Argumentationen militärischer Konstruktionen nachvollziehen lassen. Denn es galt, den Veränderungen in Kriegs- und Waffentechnologie (so z.B. der zunehmende Einsatz von Eisen oder mit Schießpulver befeuerte Kanonen) gerecht zu werden. Neue Befestigungsformen, Grundrisse, Profile der Wälle etc. wurden notwendig. Soldaten wurden zu Ingenieuren.

Namenseintrag „Jac. Aug. Thuanus“ in Pietro Sardis „Couronne Imperiale De L’Architecture Militaire“ (1623). Bibliothek/Fachinformationsstelle des Zentrums für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr Potsdam. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Bekannte Provenienz: Bibliotheca Thuana

Großen Einfluss hatten dabei italienische Traktate, die auch im deutschen Reichsgebiet nachgedruckt wurden, z.B. die Corona imperiale dell’architettura militare des römischen Ingenieurs Pietro Sardi in französischer Übersetzung im Jahr 1623. Dieses Exemplar aus Potsdam verrät außerdem, in wessen Besitz es sich bereits befunden hatte: vermutlich kein geringerer als Jacques-Auguste de Thou (1609–1677) hatte seinen Namen auf dem Vorsatzpapier im Buch hinterlassen. Er hatte die sogenannte „Bibliotheca Thuana“ seines berühmten Vaters, des französischen Staatsmannes Jacques- Auguste de Thou (1553–1617), übernommen und noch ausgebaut, bis er noch zu Lebzeiten die etwa 13.000 Bände der Bibliothek abgeben musste, um angehäufte Schulden zu begleichen.

Kriegsbaukunst

Mit der Kriegsbaukunst beschäftigt sich auch ein Spätwerk des 17. Jahrhunderts aus dem Bestand der Bibliothek des Militärhistorischen Museums der Bundeswehr in Dresden. Mehrere Tafeln mit Zeichnungen – teilweise sogar koloriert – wurden in das Werk Fundamenta der Krieges-Bau-Kunst eingebunden und veranschaulichen die Ausführungen des Ingenieurs Thomas Werckner. Es handelt sich dabei um einen der 105 VD 17-relevanten Titel aus der etwa 1.000 Bände umfassenden Sammlung des Militärhistorischen Museums mit Rara-Beständen vom 16. Jahrhundert bis 1850. Einen weiteren Nachweis für das VD 17 lieferte außerdem die Bibliothek der Führungsakademie der Bundeswehr in Hamburg.

Grundriss einer Festung in Thomas Werckners „Fundamenta der Krieges-Bau-Kunst“ von 1697. Bibliothek/Fachinformationsstelle des Militärhistorischen Museums der Bundeswehr Dresden. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Medizinische Dissertationen in Strausberg

Des Weiteren steuerte die Bibliothek des Zentrums Informationsarbeit Bundeswehr in Strausberg als größte militärwissenschaftliche Fachbibliothek in Deutschland  (und zugleich zentrale Archiv- und Speicherbibliothek der Bundeswehr) 212 relevante Titel bei – darunter 33 neue Titel für das VD 17!

Stempel „Büchersammlung D. K. Pr. Medic. Chir. Friedr. Wilh. Instituts“. Bibliothek/Fachinformationsstelle des Zentrums Informationsarbeit Bundeswehr Strausberg. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Den Bestand in Strausberg kennzeichnen vor allem medizinische Dissertationen. Interessant ist dabei die Herkunft dieser zu einem Großteil an der Universität von Königsberg verteidigten Dissertationen, da sie alle ursprünglich aus derselben Sammlung stammten. Darauf weist ein Stempel der Bibliothek des Friedrich-Wilhelms-Instituts hin, der in den Bänden zu finden ist.

Das Institut ging 1818 aus der von Friedrich Wilhelm II. von Preußen gestifteten Pépinière hervor, die neben der Charité die wichtigste Chirurgenschule in Berlin und ein Institut zur Aus- und Weiterbildung von Militärärzten im Königreich Preußen gewesen war.

Im Jahr 1895 wurde das Friedrich-Wilhelms-Institut zunächst umbenannt, bevor es nach dem Ersten Weltkrieg gänzlich aufgelöst wurde. Die medizinische Fachbibliothek blieb jedoch erhalten, wurde sogar weitergeführt und unterstand in der Folge dem Reichsgesundheitsamt. Ein Teil der Bücher aus dieser deutschen Ärztebibliothek wurde vermutlich nach 1945 in die Sowjetunion gebracht. Die Exemplare aus Strausberg gelangten aber offenbar über die Sanitätsakademie der Bundeswehr – die nach diversen Umbenennungen und strukturellen Veränderungen ab 1997 als Nachfolgeinstitution des Friedrich-Wilhelms-Instituts gelten kann – in den historischen Bestand des Zentrums Informationsarbeit Bundeswehr in Strausberg.

Das VD 17 ist somit nun um einige sehr interessante Exemplare reicher! Für die gute Zusammenarbeit und die hervorragenden Vorarbeiten bedanken wir uns bei Frau Birgit Schulte vom Fachinformationszentrum der Bundeswehr in Bonn und allen anderen beteiligten Kolleginnen in den Spezialbibliotheken.