Schriftguss & Fotosatz – Interviewreihe zur Arbeit in der H. Berthold AG nach 1960

Ein Gastbeitrag von Kerstin Wallbach (Stiftung Deutsches Technikmuseum Berlin) und Dr. Dan Reynolds (Hochschule Niederrhein), Mitglied des wissenschaftlichen Beirats unseres gemeinsamen digiS-Digitalisierungsprojekts Die Sichtbarmachung des Sichtbaren – Berlins typografisches Kulturerbe im Open Access mit Stiftung Deutsches Technikmuseum Berlin, Erik Spiekermann Foundation gGmbH und Kunstbibliothek der Staatlichen Museen zu Berlin. Please find an English version of this article here.

Der Titel einer insgesamt fünfteiligen Interviewreihe des Bereichs Druck und Papier des Deutschen Technikmuseums Berlin, Constant Change, bezieht sich auf einen Satz von Manfred Weber, Schriftgießer bei der H. Berthold AG von 1960 bis 1967: „Es war immer Veränderung gewesen in der Firma, baulich, personell, es war immer Wandel. Gut, Umlernen muss man immer, auch heute. Der Beruf, den man einmal hat, bleibt auch nicht, muss man wieder umlernen. Aber das war eben damals im grafischen Gewerbe einfach extrem, was sich da revolutioniert hat.“

Das grafische Gewerbe war dabei nicht nur im Wandel, sondern ermöglichte auch viele Veränderungen, Innovationen und vor allem die Weitergabe von Wissen. Ende der 1950er Jahre gab es, im Vergleich zu den USA vor allem auch kriegsbedingt verzögert, eine neue Situation in Bezug auf die verwendeten Materialien für die Erstellung von Druckvorlagen. Während bis Ende der 1970er Jahre noch überwiegend mit Bleilegierungen (Schriftmetallen), Messing, Klischees und für größere Schriftgrade mit Holz oder Plakadur gedruckt wurde, bestanden Schriftscheiben, Schablonen und Handzeichnungen für den Fotosatz überwiegend aus Materialien wie Folien, Film, Glas, Plastik, Pappe und Papier. Dies wird deutlich durch das Interview mit Alexander Nagel, Schriftsetzer, Gründer von Nagel Fototype sowie ehemaliger Mitarbeiter u.a. der H. Berthold AG und MetaDesign in Berlin.

Das bereits verfügbare Interview mit dem Schriftgießer Manfred Weber wird in den nächsten Monaten noch ergänzt um einen Rundgang durch das ehemalige Firmengebäude der H. Berthold AG. Die Inhalte von Interview und Rundgang sind jedoch bereits jetzt überwiegend enthalten in der schriftlichen Interviewfassung.

Im Fotosatz-Atelier der H. Berthold AG
Alexander Nagel begann 1963 eine Ausbildung als Schriftsetzer in einer Akzidenz-Druckerei in Berlin-Tempelhof. Die von ihm gesetzten Arbeiten wurden zunächst im Hochdruckverfahren realisiert. 1967 absolvierte er berufsbegleitend einen Diatype-Lehrgang bei der H. Berthold AG als Abendkurs im Umfang von 40 Stunden. Um dann auch tatsächlich im Fotosatz arbeiten zu können, wechselte er zum Druckhaus Lichterfelde, die damals die „einzige Firma war, die daran Interesse hatte, in diesem Bereich neue Mitarbeiter zu bekommen.“ Frühe Anwendungsbereiche im Fotosatz lagen bei dieser Firma damals im Satz von Sprechblasen für Comics wie „Akim“, „Supermann“ oder „Tarzan“, und zwar „auf Form“. (Nagel, 2021).

Von Ende der 1960er bis Mitte der 1970er Jahre arbeitete Alexander Nagel im Fotosatz-Atelier der H. Berthold AG als Fotosetzer und Ausbilder. Gegen Ende seiner Tätigkeit dort erstellte er zudem 16-mm-Lehrfilme und Audio-Kassetten in einem firmeneigenen Aufnahmestudio für den Berthold-Kundendienst. Rückblickend beschreibt er seine ehemaligen Kolleg:innen im Fotosatz-Atelier in Berlin, bei denen es sich meistens um ehemalige Schriftsetzer:innen handelte, als „kreative Gemeinschaft von jungen Leuten aus dem Satzbereich, die offen für neue Ideen waren“. Gearbeitet wurde an 6 bis 8 Arbeitsplätzen am Diatype-Fotosatzgerät, ein Tageslicht-Gerät, in dem sich eine Kassette befand, in welche Filme im Format 22 x 29,7 cm auf eine Walze aufgespannt wurden. Die Auswahl der Zeichen erfolgte durch einen Hebel: „Da klackert es denn, mit diesem Hebel, man hat gesetzt und jeder hat vor sich hin gearbeitet“ (Nagel, 2021).

Hergestellt wurden Druckmuster, Werbemittel, Eigenprospekte und Schriftmusterbücher auf Grundlage der „neuen satztechnischen Möglichkeiten“ (Nagel, 2021). Es wurden aber auch „Imaginäre Auftrage“ erstellt in Form von kreativen Satzmustern: Anzeigen, Akzidenzien, Fahrpläne oder Tabellen als „Muster, um darzustellen, was man mit der jeweiligen Schrift machen kann“ (Nagel, 2021). Die wichtigsten Arbeitsmittel im Fotosatz waren neben den Geräten und ihrem Zubehör v. a. Zahlentafeln, Zeilen- und Schriftgrößenmaße.

Alexander Nagel mit Mitarbeitenden in seiner Layoutsetzerei Nagel Fototype.


Fotosatzgeräte der H. Berthold AG
Die H. Berthold AG stellte zahlreiche Fotosatzgeräte her: darunter Diatype, Diatronic, Staromat, ADS3000 und diatext. Bei dem ersten Fotosatzgerät der H. Berthold AG, der Diatype, gibt es die Vermutung, dass es zunächst für die Kartografie entwickelt worden war. Es ist ein optisches, später optoelektronisches Verfahren, dessen Anfänge bereits in das Ende des 19. Jahrhunderts reichen. Für die Anwender:innen war nicht sofort sichtbar, was gesetzt wurde. Die Orientierung erfolgte anhand von Koordinaten: „Mit einem Hebel wurde der jeweilige Buchstabe angefahren. Man musste also jeden Buchstaben, den man anwählte, tasten, und das war natürlich eine relativ langwierige Arbeit. Bei der Diatronic gab es dann schon eine richtige Tastatur. Da hat man zwar auch noch nicht die gesamte Form gesehen, die man auf Film gesetzt hat, sondern hatte nur ein Display von acht Buchstaben, also man konnte die letzten acht Buchstaben sehen und auch korrigieren. Aber ansonsten, wenn man über die acht Buchstaben hinaus war, und man hat bemerkt, dass man ein Wort falsch getastet hat, dann war da nichts mehr zu machen, da war der Fehler da und die musste man später wieder mühsam korrigieren. In einer Anleitung von Berthold stand drin, man sollte in einem Raum sitzen, wo sehr viel Ruhe ist und das beschreibt es auch schon, man sollte sich nicht ablenken lassen dabei. Beim ADS3000 gab es dann bereits einen Bildschirm, an dem man den Satz, dargestellt zunächst in Skelettschrift, später jedoch bereits im WYSIWYG-Format, kontrollieren konnte.“ (Nagel, 2021)

Einige Fotosatzgeräte der H. Berthold AG sind in der Sammlung des Deutschen Technikmuseum erhalten. Bei einem Funktionstest in 2019 mit Alexander Nagel entstand dort ein einzelnes Blatt: „Gesetzt im Technikmuseum auf der Diatype“. Es ist heute jedoch kaum mehr möglich, entsprechende Fotomaterialien zu bekommen.


Schriften lesbar machen durch Optimierung
Nach weiteren Stationen u.a. bei der Druckerei Gottschalk sowie den Firmen Rotaprint und Compugraphic gründete Alexander Nagel um 1980 zusammen mit Götz Gorissen, ehemaliger Werbeleiter der H. Berthold AG, und mit Regina Lindenlauf den eigenen Satz-Betrieb Nagel Fototype. Als eine der wichtigsten Aufgaben seiner Tätigkeit beschreibt Alexander Nagel: „Es ging darum Schriften lesbar zu machen durch Optimierung vorgegebener Laufweiten, Dickten-Werte und Buchstaben-Abstände der Schriften“.

Durch den Fotosatz haben sich ab Ende der 1950er Jahre auch „neue Möglichkeiten ergeben im Bereich Grafikdesign, die auch immer mehr genutzt wurden“. Es konnten „Zwischengrade erstellt werden, es wurde möglich, mit Schriften zu experimentieren, Schriften zu unterschneiden und Schriften ineinander zu setzen. Der Zeilenabstand konnte so eng gehalten werden, dass zwischen den Zeilen kein Raum mehr blieb“ (Nagel, 2021) – was im traditionellen Satz genauso unmöglich gewesen wäre wie sehr leichte Schriftschnitte (light, thin) im Bereich der digitalen Fonts.

Fotosatz und – kurze Zeit später – digitale Satztechniken erhöhten zudem ganz allgemein den Bedarf und die Nachfrage nach „neuen Schriften“. Dabei erfolgte der Schriftwechsel bei der Diatype noch in Form eines manuellen Austauschs der Schriftscheibe, auf der sich ca. 196 Zeichen befanden, die auch auf der Skala zu sehen sind. Die Diatronic hatte damals schon ein Magazin mit acht Schriftscheiben, bei der man auf Knopfdruck eine von acht Schriften auswählen konnte.

Original-Handzeichnungen in der Berthold-Bibliothek für den Fotosatz
Die Original-Handzeichnungen zur Erstellung der Schriftscheiben befinden sich auf Folien, welche auf die Schriftscheibe projiziert wurden. Die Verwendung des Mediums Film führte dazu, dass Zeichen und Buchstaben der Schriftscheiben klare, präzise Kanten hatten und in der Folge absolut randscharf abgebildet wurden: sie boten eine „sehr, sehr gute Diatype-Qualität“ (Nagel, 2021).

Das Deutsche Technikmuseum erhielt 1995 die „Original-Handzeichnungen der Berthold-Bibliothek, die nach dem 2. Weltkrieg für den Fotosatz entstanden sind“ als vertraglich definierte Schenkung: In roten Kartons befinden sich die Handzeichnungen der H. Berthold AG, Berlin; in blauen Kartons die Handzeichnungen der Berthold Fototypes GmbH, München. Ebenfalls erhalten sind die Mutter-Scheiben der Fotosatz-Schriftträger für die Fotosatz-Geräte Diatype, Staromat, Diatronic und Diatext.

Schriften für den Fotosatz beruhen zu einem großen Teil auf Bleisatzschriften, welche überarbeitet oder nochmal überzeichnet wurden. Andere wurden dagegen neu gezeichnet. Einige Jahre später lagen die Schriften nicht mehr physisch auf Schrifträgern bereit, sondern wurden stattdessen digital in Maschinen gespeichert. Dafür nutzen viele Schrifthersteller das Schriftdigitalisierungssystem IKARUS der Hamburger Firma URW. Auch die H. Berthold AG integrierte die Digitalisierung ihrer Handzeichnungen in die Herstellungsprozesse für ihre Fotosatzschriften. Dabei bedeutete „Digitalisierung von Schriften“ hier ein eigenständiges Datei-Format zu verwenden, um die Umrisse von Schriftzeichen beschreiben und speichern zu können. Die ersten digital-gespeicherten Fonts wurden dabei noch für den Einsatz in ihren Fotosatzgeräten entwickelt.

Desktop-Publishing-Wandel
Die nächste große Veränderung, oder auch der nächste entscheidende Wandel im grafischen Gewerbe, wurde durch die Desktop-Publishing-Revolution eingeleitet. Die von Adobe Systems entwickelte Programmiersprache PostScript könnte sowohl zur Speicherung von Text- als auch von Bildelementen einer Seite verwendet werden. Mittels Macintosh-Rechnern (1984), Apples LaserWriter-Drucker und dem Softwareprogramm Aldus PageMaker (beides 1985) wurde es möglich, ganze Seiten auf dem privaten Schreibtisch digital zu layouten. Diese digital erstellten Dateien konnten für den Offset-Druck zu einem Belichtungsgerät gesendet werden; die ersten PostScript-fähigen Geräte dieser Art stellte Linotype her.

In jedem Fall führten die neuen technische Möglichkeiten dazu, dass „die Auftraggeber:innen und Kunden plötzlich ihre Sachen selbst machten – längst nicht in der Qualität, wie wir es gemacht haben. Aber sie haben es halt gemacht. Und wenn sie vorher sich drüber aufgeregt haben oder erwartet haben, dass wir einen ganz peniblen und tollen Satz machten, dann sind die mit sich selber sehr viel unkritischer umgegangen. Und das hat auf die Satzqualität nachher im Laufe der Zeit schon sehr viel Einfluss genommen.“ (Nagel, 2021).

Ab 1991 waren die Schriften von H. Berthold auch für den Macintosh und für PCs erhältlich. Diese wichtigen Schriften in der Berthold Exklusiv (BE) Ausgabe waren für fast ein Jahrzehnt über Adobe erhältlich. Auch vertrieb die H. Berthold AG viele Fonts – nicht nur ihre eigenen Entwürfe – in einer Produktreihe namens Bertold Quality (BQ). 1989 wurde in Berlin der FontShop gegründet, über den auch die digitalen Schriften von Berthold später bezogen werden konnten.

In der Zeit des DTP-Wandels fand schliesslich eine Fusion statt zwischen Nagel Fototype und MetaDesign. MetaDesign wiederum wurde in den 1990er-Jahren zu einer der spannendsten Designagenturen Berlins, vielleicht sogar in Deutschland und Europa.

Rückwärts in die Zukunft: Das Buch wird bleiben
Seit 2015 unterrichtet Alexander Nagel u. a. als Dozent an einer privaten Design-Hochschule. Dazu sagt er im Interview, dass es manchmal gut sein kann, „wenn es wieder in die andere Richtung geht“. Und er beschreibt, dass es sehr schön sei, zu sehen, was sich durch die praktische Arbeit in den Workshops verändere, „wie sensibel die Studierenden dann auch mit der Schrift umgehen können oder lernen mit ihr umzugehen. Sie betrachten den Satz, den wir mit Bleisatz dann machen in unseren Workshops, anders als den Satz, den sie am Computer gemacht haben. Also es wird vielmehr darauf geachtet, dass ausgeglichen wird, und sie betrachten den Buchstaben und die Schrift viel sensibler. Und das macht mir eine ganz große Freude in der Richtung mit den Studierenden zusammenzuarbeiten.“

Vielen Dank an Beide. Wir sind uns einig, dass das Buch bleiben wird. Print is not dead!

Das bereits verfügbare Interview mit dem Schriftgießer Manfred Weber wird in den nächsten Monaten noch ergänzt um ein Interview mit dem Typografen Erik Spiekermann und einen Rundgang durch das ehemalige Firmengebäude der H. Berthold AG. Die Inhalte von Interview und Rundgang sind jedoch bereits jetzt überwiegend enthalten in der schriftlichen Interviewfassung.

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