Das besondere Objekt: „Illuminierbuch“ von Valentin Boltz (1550)

Do It Yourself für Eingeweihte in der Blog-Reihe „Das besondere Objekt“! Ich möchte Ihnen in lockerer Folge besondere Titel aus den Beständen der Staatsbibliothek vorstellen. Unterschiedlichste Themen sollen zur Sprache kommen – diesmal die Buchmalerei.

„Illuminierbuch“
von Valentin Boltz

Künstlich Alle Farben Zu=||machen Vnd Bereiten/ Sampt || Viel Ander Schönen Stücken/ Sehr || Nützlich Vnnd Gut/ Vor || Nie Im Truck Auß=||gangen.“

Betriebsgeheimnisse im 16. Jahrhundert

Man stelle sich vor, ein vollkommen Fachfremder, noch dazu ein zugezogener Geistlicher, Theaterautor und Übersetzer, erdreistet sich, Herstellungsverfahren und Rezepte der Buchmalerei der Öffentlichkeit preiszugeben – und damit auch der Konkurrenz! Wäre das nicht skandalös? Valentin Boltz (ca. 1515 – 1560) (1) weiß das sehr wohl und schreibt in seiner Vorrede: „Gunstiger lieber Leser/ ich habe keinen Zweifel/ es werden etliche mißgünstige Künstler/ diß mein einfeltige anleytung in die Illuminierung/ sehr bekümmern/ als ob jhnen etwas Abbruchs jhrer Nahrung daraus folgen würde/ wie sich dann etliche gegen mir lassen hören/ unn vermeynen man solt diese Ding nit gemein machen/ zu verkleinerung der Kunst.“

Doch natürlich verteidigt er sein Projekt wortreich und endet mit einem damals kaum zu widerlegenden Argument: „Dann wir je alle darzu erschaffen sind/ Gott und seinen Creaturen zu dienen/ und ein jeder sein Pfund unnd Gaben nicht vergraben/ sonder darinn werben und arbeyten sol/ daß er Gott/ seim Nechsten und ihm selbs zu ehren/ fürderlich und nützlich sein möge.“ Diese Begründung kommt mir bekannt vor (wenn man sich den christlichen Bezug wegdenkt), denn ging es beim Aufbau des World Wide Web nicht auch genau um diesen Gedanken: Wissen zum Nutzen aller zu teilen?

Handschriftliche Notiz zu einem Rezept.

Ein Temperaturwasser mit Randnotiz

Boltz konnte nicht ahnen, dass er mit seinem Handbuch einen Bestseller verfasst hatte, der nach der Schweizer Ausgabe von 1549 schon 1550 ins Deutsche übersetzt und in Deutschland über 125 Jahre lang fast unverändert immer wieder aufgelegt wurde. Zahlreiche handschriftliche Randbemerkungen darin lassen ahnen, dass die Besitzer Boltz Handbuch intensiv nutzten. (2) Noch im 18. Jahrhundert, so scheint es, bezogen sich Autoren auf ihn (3). Und sicher ist es kein Zufall, dass 1550 sofort ein weiteres Buch – ohne Autorenangabe – mit Ratschlägen für Schreiber und Buchmaler in Frankfurt auf den Markt kam. (4)

Wir befinden uns in einer Zeit, in der Künstler wissen mussten, woraus Farben zu gewinnen waren und wie man weiter verfuhr, um damit malen zu können. Die Malerei ein anstrengendes Hand-Werk. Pflanzen zu pflücken und zu trocknen, um sie später zu zerkleinern und puderfein zu zerreiben oder einen farbigen Extrakt aus ihnen herzustellen, war da noch die leichteste Übung. Nein, es galt auch Steine und Metall zu zerstoßen und ein Pulver daraus herzustellen, das anschließend aufwendig weiterverarbeitet wurde. Ein wohlhabender Künstler hatte für diese schweißtreibenden Arbeiten Lehrlinge, die auf Bildern von Malerwerkstätten gelegentlich im Hintergrund dargestellt sind

Zur Herstellung gehörten auch chemische Prozesse: Verschiedene Substanzen wurden zusammengerührt und teils erhitzt, teils lange stehengelassen, lange gerührt, gefiltert, geschüttelt, schließlich in Schweinsblasen gefüllt oder zum Trocknen in Muscheln gegossen. Richtig: Muschelschalen waren die preisgünstigsten Vorläufer unserer heutigen Farbtöpfchen.

Die Pigmente zu gewinnen war die eine Sache; die andere war es, daraus eine vermalbare Substanz zu fertigen. Dazu brauchte es ein Bindemittel: das Temperaturwasser. Ich gestehe, es hat ein Weilchen gedauert, bis ich die elementare Bedeutung dieses Begriffs verstand. Ich habe etliche sehr unterhaltsame Stunden damit verbracht, dieses und viele andere mir unbekannten Worte zu übersetzen. Es handelt sich zwar bereits um frühhochdeutsch, doch einige Vokabeln scheinen noch aus dem mittelhochdeutschen zu stammen. (5)

Das Büchlein beginnt mit gleich sechs verschiedenen Arten von Temperaturwasser, beispielsweise „die Vierdte“ – aufgrund des günstigeren Buchsatzes aus dem Band von 1578.

Hier meine Übersetzung: „Nimm ein Lot Gummi Arabicum und zwei Quentchen Gummi Amygdalarum, das ist Mandelbaumharz. Gieß darüber reines Brunnenwasser und lass es vier Tage stehen. Dann wärme es vorsichtig bei einer Glut, sodass es nicht siedet. Rühre es stetig mit einem sauberen Stöckchen, seihe es durch ein Tuch in ein Glas, gieße eine Nussschale voll Rosenwasser dazu und verschließe es gut, und gebrauche so davon.“ Ja, die Maßangaben musste ich auch herausfinden. (6)

Das klang kurz und machbar. Ich hatte nämlich im Sinn, mir selbst ein paar Farben herzustellen. Aber nur Gummi Arabicum zu beschaffen ist mir gelungen – am Mandelbaumharz bin ich gescheitert – von den Pigmenten ganz zu schweigen. Um meine Lieblingsfarbe Rot herzustellen, hätte ich mich mit Quecksilber vergiften müssen, das gerade für Zinnober unerlässlich war. Zwar darf man es vor der Verwendung „tödten“ (7), aber irgendwie fehlte mir die Lust…

Malerutensilien

Malerutensilien. Titelvignette von 1578

Alternativ konnte man mühselig einen rötlichen Auszug aus Presilgenholz herstellen. Über diesem Wort habe ich lange gegrübelt. Holz aus Brasilien, das war’s! Vermutlich Mahagoni – aber das herauszufinden, müsste ich einem Experimentalarchäologen überlassen. Sollte es jemanden geben, der Lust, Zeit und Raum hat, Farben herzustellen – ich könnte von meinem unberührten Kilogramm Gummi Arabicum etwas erübrigen!

Auf jeden Fall wird man im Anschluss an die Lektüre dieses schmalen Bandes noch größeren Respekt vor der Leistung der malenden Zunft vergangener Zeiten haben. Möchten Sie nun noch ein wenig knobeln? Dann überlegen Sie doch, was Ennich bedeuten könnte. Ein Tipp: Es handelt sich um eine Farbe. Viel Vergnügen mit dem Illuminierbuch!

Literatur

Die folgenden Bücher sind nur auf Anfrage im Rara-Lesesaal einzusehen – am besten laden Sie sich diese wunderbaren Werke Zuhause einfach auf den PC!

Boltz, Valentin 151X-1560, und Hermann -1554 Gülfferich. Jlluminierbuch || Künstlich Alle Farben Zu=||machen Vnd Bereiten/ Sampt || Viel Ander Schönen Stücken/ Sehr || Nützlich Vnnd Gut/ Vor || Nie Im Truck Auß=||gangen.|| Durch Valentinum Boltz.||. Frankfurt/Main: Gülfferich, Hermann, 1550. Signatur: Nu 4738. Digitalisat

Pictorius, Johann Baptist, Johann Andreas Seitz, und Johann Leonhard Buggel Erben. Die Mit Vielen Raren Und Curiosen Geheimnüssen Angefüllte Illuminir-Kunst, Worinnen Enthalten: Wie Alle Farben Künstlich Zu Bereiten Und Nützlich Zu Gebrauchen; Item: Allerhand Rare Vergüldungen, Fürnisse Und Dergleichen Zu Machen Sind, ..: Allen Mahlern, Schreibern, Illuministen, Brief-Mahlern Und Mehrern Solcher Künsten Liebhabern Zum Besten, Mit Grosser Mühe Und Fleiß Aus Eines Berühmten Illuministen Manuscripto Zusammen Getragen, Und Mit Zweyen Nützlichen Registern Versehen. Nürnberg: Buggel und Seitz, 1730.  Digitalisat

Vom unbekannten Autor:
Gülfferich, Hermann (Verleger) -1550. Etliche Künste || Auff Mancherley Weiß Din=||ten Vnd Allerhand Farben Zu Bereiten. Auch || Goldt Vnd Silber Sampt Allen Metallen Auß Der || Feder Zuschreiben/ Mit Viel Anderen Nützlichen || Künstlin. Schreibfedern Vnnd Pergamen Mit || Allerley Farben Zu Ferben … || Etliche Zugesetzte Künststücklin/ Vormals || Im Druck Nie Außgangen.|| … ||. Frankfurt/Main: Gülfferich, Hermann, 1550. Signatur: 1 an:@Jd 3010. Digitalisat

Hintergrundliteratur:

Valentin 151X-1560, und Karl J. Benziger. Illuminierbuch: Wie Man Allerlei Farben Bereiten, Mischen Und Auftragen Soll ; Allen Jungen Angehenden Malern Und Illuministen Nützlich Und Fürderlich. München: Callwey, 1913. Signatur: Nu 5053/20-4<a> . Benutzung nur im Lesesaal.
Digitalisat

Hennig, Beate. Kleines Mittelhochdeutsches Wörterbuch, Berlin, Boston: De Gruyter, 2014.
E-Book zum Download!

Fußnoten

(1) Alles über das Leben von Valentin Boltz wurde 1913 von Karl J. Benziger aus Bern zusammengetragen. Dieses Buch wurde 1988 unverändert als Reprint herausgegeben. Die Titelvignette wurde mir freundlicherweise vom Sändig Reprint-Verlag, Vaduz/Liechtenstein, zur Verfügung gestellt.
Benziger kommt auf 16 Ausgaben, die letzte 1688. Die Staatsbibliothek besitzt Ausgaben von 1550, 1578, 1600 und 1613. Oder für Ungeduldige: Valentin Boltz – Wikipedia

(2) vgl. z. B. Scanseite 38; der Künstler lässt nur Ingwerwasser („Gilgenwasser“) gelten und streicht das Rosenwasser durch. Wie ich es lesen, weil es „Gestank“ hervorruft…

(3) Vgl. Pictorius, Vorrede. Das Inhaltsverzeichnis lässt darauf schließen, dass sich Pictorius das Buch von Boltz auch inhaltlich zum Vorbild genommen hat. Ich habe nicht alle Rezepte verglichen, Sie können also Ihre eigenen Recherchen aufnehmen.

(3) Ein unbekannter Autor, derselbe Verleger wie bei Boltz; doch offenbar war hier das Marketing weniger gut. Ein Autorenname und ein griffiger Titel – vielleicht war das der Unterschied? Auf jeden Fall eine interessante Ergänzung zu Boltz, und deutlich weniger giftlastig!

(4) Zum Nachschlagen zum Beispiel Hennig, Beate. Es gibt aber auch einige lexikalische Angebote im Internet.

(5) Ein Lot = zwischen 14 und 18 Gramm, regional unterschiedlich;
ein Lot = 4 Quentchen. Quelle: Wikipedia

(6) Boltz, 1550, Scanseite 38

 

 

2 Kommentare
    • Sanna von Zedlitz
      Sanna von Zedlitz sagte:
    • Ganz genau! Ich freue mich, dass Sie meine Anregung aufgenommen haben und hoffe, Sie haben Spaß am Stöbern im Buch. Herzlich, Sanna von Zedlitz
    • Antworten

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