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[die Meldungen der Jahre 2000 – 2016]

Gabel, Messer und eine Eule sind Zeugen

Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz und Sächsische Landesbibliothek, Staats- und Universitätsbibliothek geben gemeinsam Bücher an die Erben von Hedwig Hesse zurück

Ein Beitrag von Elisabeth Geldmacher.

Ein spannendes Exlibris hilft bei der Suche nach NS-Raubgut

Von Adolf Behrmann 1918 gestaltetes Exlibris für Hedwig Hesse. Lizenz: CC-BY-NC-SA

„Aus meiner Bücherei. Hedwig Hesse.“ Diese Worte auf einem Exlibris benennen Hedwig Hesse als Eigentümerin der Bücher mit eben jenem Provenienzmerkmal. Besonders markant an diesem Exlibris ist die auf einer Gabel und einem Messer thronende Eule, die mit diesen überdimensionalen Werkzeugen Bücher zu verspeisen versucht. Und das Exlibris ist sogar signiert: Der Produktgestalter und Gebrauchsgraphiker Adolf Behrmann, der 1903 bis 1933 in der Eisenacher Straße in Berlin-Schöneberg zu Hause war, schuf dieses Blatt für Hedwig Hesse im Mai 1918. Das Exlibris existiert in einer kleineren und einer größeren Variante.

Bereits bestehende Rechercheergebnisse zum Fall Hedwig Hesse belegen, dass so gekennzeichnete Bücher nicht im Besitz Hedwig Hesses oder ihrer Familie verbleiben konnten, sondern im Zuge der Verfolgungs-, Enteignungs- und Verwertungspolitik der Nationalsozialisten über Zwischenstationen in die Hände von Antiquariaten, Bibliotheken o.ä. gelangten.

Bekannt ist, dass Bücher deportierter Berliner Juden in der Städtischen Pfandleihanstalt gelagert wurden. 1943 kaufte die Berliner Stadtbibliothek ca. 40.000 dieser Bücher an. Von der Berliner Stadtbibliothek wiederum kauften oder tauschten andere Bibliotheken Bücher, sodass sich das Raubgut auf mehrere Bibliotheken in ganz Deutschland verteilte. Exemplarisch zeigen dies die Bücher aus dem ursprünglichen Besitz von Hedwig Hesse.

Sowohl die Berliner Staatsbibliothek als auch die SLUB Dresden konnten über vom Deutschen Zentrum Kulturgutverluste geförderte Projekte Exemplare mit dem Exlibris Hedwig Hesses identifizieren. Erworben wurden die Bände in beiden Fällen von der Berliner Stadtbibliothek. Ihre Nachfolgeinstitution, die Zentral- und Landesbibliothek Berlin, aber auch die  Universitätsbibliothek Rostock fanden in ihren Beständen weitere Bücher aus dem Besitz Hedwig Hesses, die sie in den letzten Jahren restituierten.

Wer war Hedwig Hesse?

Hedwig Bachur kam am 8. Mai 1880 als Tochter von Siegfried Bachur und seiner Frau Fanny, geborene Levy, in Berlin zur Welt. Sie heiratete am 1. April 1905 Max Guido Hesse, Besitzer eines Verlages für Industriedruck in Berlin. Max Hesse wurde am 30. Juli 1880 in Leipzig geboren. Das Paar hatte drei Kinder: Peter, Susi und Walter. Die Familie lebte auf der Helmstedter Straße 5 in Berlin. Die Hesses wurden in Deutschland als Juden verfolgt. Die Kinder Peter, Susi und Walter Hesse konnten rechtzeitig nach Südafrika bzw. in die USA emigrieren. Hedwig und Max Hesse wurden zusammen am 19. Januar 1942 nach Riga deportiert und dort ermordet.

Peter Hesse mit seinen Eltern Hedwig und Max in Berlin, ca. 1930 . Foto: Familienbesitz (mit freundlicher Genehmigung).

Restitution an die Großenkelin

Aufgrund der Verfolgungsgeschichte der Familie Hesse und der nachweislich verdächtigen Zwischenstation mit der Berliner Stadtbibliothek konnten die Bücher von Hedwig Hesse als NS-Raubgut identifiziert werden. Am 14. August gaben die SLUB und die Berliner Staatsbibliothek in einer gemeinsamen Restitution insgesamt drei Bücher, davon zwei Romane aus „Engelhorns allgemeiner Romanbibliothek“ und Friedrich Freskas „Die Notwende“ an die Großenkelin Hedwig Hesses zurück.

Einband eines der restituierten Bücher aus Engelhorns Roman-Bibliothek. Lizenz: CC-BY-NC-SA

 

Zum Tag der Deutschen Einheit: Zeitzeugen über das Zusammenwachsen der Staatsbibliotheken Ost + West

„Aus Zwei mach Eins
Vom Zusammenwachsen der beiden Staatsbibliotheken in Berlin im Prozess der Wiedervereinigung Berlins

Der Verein berlinHistory.App veranstaltet im Rahmen der

 

Geschichtsmeile zum Fest der deutschen Einheit
auf der Straße des 17. Juni (vor dem sowjetischen Ehrenmal)
im Veranstaltungszelt im Rondell G_007

am Montag, den 1. Oktober 2018
um 18:45 Uhr

ein Zeitzeugengespräch über das Zusammenwachsen der beiden Häuser der Staatsbibliothek
mit
Daniela Lülfing und Günther Baron – zwei Direktoren erinnern sich.

Die Moderation liegt in den Händen von Rainer E. Klemke, dem langjährig Verantwortlichen für Museen mit Bundesbeteiligung, Gedenkstätten und Zeitgeschichte in der Berliner Senatskanzlei – Kulturelle Angelegenheiten.

Restitution an das Institut für Sozialforschung

536 Bücher sind nach über 80 Jahren wieder in Frankfurt am Main eingetroffen.

Transparenz dank Förderung

In jahrelanger Kleinarbeit konnte im Rahmen des drittmittelgeförderten Forschungsprojektes “Transparenz schaffen” (2010 bis 2014) nach dem Verbleib der Bibliotheksbestände aus dem Institut für Sozialforschung gesucht werden. Die schwierigen Recherchen wurden von der Abteilung Historische Drucke auch nach Abschluss des Projektes weiter fortgeführt. Seit 2016 ist das Institut für Sozialforschung in die Vorbereitungen für die Rückgabe der gefundenen Bücher involviert. Möglich wurde das Projekt durch Fördermittel der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien und der Kulturstiftung der Länder, die noch über die Arbeitsstelle für Provenienzrecherche/-forschung vergeben wurden. Inzwischen ist die Arbeitsstelle in der 2015 gegründeten Stiftung Deutsches Zentrum Kulturgutverluste aufgegangen.

Karikatur aus einer 1829 in Moskau gedruckten Marx-Engels-Ausgabe. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Beschlagnahme und Verteilung

Die Vorgänge um das Schicksal der Bibliothek des Instituts für Sozialforschung in der NS-Zeit sind zuletzt von Cornelia Briel im Rahmen eines weiteren Forschungsprojektes an der Staatsbibliothek intensiv untersucht worden:

Nicht nur das Frankfurter Institut, sondern auch die dazugehörige Bibliothek wurde 1933 von der Geheimen Staatspolizei als „staatsfeindlich“ eingestuft und geschlossen. Im Mai 1933 wurde die Bibliothek zugunsten des Preußischen Staates beschlagnahmt. Noch im April 1935 bemühte sich Max Horkheimer von London aus um die Herausgabe der Bibliothek, stellte seine vergeblichen Versuche aber im Juli 1936 ein.

Die als „unbedenklich“ eingestuften Bücher erhielten Instituts- und Seminarbibliotheken der Frankfurter Universität. Die „staatsfeindliche und zersetzende Literatur“ wies das Ministerium für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung der Preußischen Staatsbibliothek zu. Im Jahr 1936 erhielt die Staatsbibliothek daraufhin eine Aufstellung dieses Bestandes, die „ungefähr 20.000 Bände und Flugschriften“ umfasste. Die Staatsbibliothek sprach sich aufgrund des Wertes dieser Spezialbibliothek mit ihrer ausländischen und vor allem russischen Literatur inklusive der seltenen Flugschriften dafür aus, den gesamten Bestand zu erwerben.

Auch der Sicherheitsdienst der SS hatte Interesse an dieser Sammlung: Der Leiter des Geheimen Staatspolizeiamtes Berlin ersuchte am 12. März 1936 darum, die Bücherei des Instituts für Sozialforschung der im Aufbau befindlichen Zentralbibliothek des Sicherheitshauptamtes zu überlassen. Das Ministerium wies die Staatsbibliothek daraufhin an zu prüfen, welche Werke bereits im eigenen Bestand vorhanden waren, um die Dubletten mit der Zentralbibliothek des Sicherheitshauptamtes zu tauschen.

Am 8. Januar 1937 erhielt die Preußische Staatsbibliothek 418 Pakete aus Frankfurt, die zunächst im Keller aufbewahrt wurden. Zu dem Dublettentausch kam es dann 1938: Die Staatsbibliothek überließ der Zentralbibliothek des Sicherheitshauptamtes ca. 750 Dubletten aus dem Bestand der Bibliothek des Instituts für Sozialforschung und erhielt im Gegenzug beschlagnahmte freimaurerische Schriften.

Schaubild aus der 1925 in Leningrad erschienenen Geschichte der russischen kommunistischen Partei von Vladimir Nevskij. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Fehlende Quellen und Kriegsverluste

Zugangsnummer der Preußischen Staatsbibliothek “IfS 148”. Lizenz: CC-BY-NC-SA

In der Preußischen Staatsbibliothek wurde 1937 mit der Einarbeitung der beschlagnahmten Bände aus Frankfurt begonnen. Die dabei separat geführten Zugangsbücher sind leider nicht erhalten: Nur so wäre über die darin verzeichneten Titel ein gezielter Zugriff auf die in Frage kommenden Exemplare möglich gewesen. Die nun auf Umwegen gefundenen Bücher tragen Zugangsnummern mit dem Kürzel “IfS” bis hin zur laufenden Nummer 1.279 bzw. Z 93 für Zeitschriften. Der überwiegende Teil der Bände aus dem Bestand der Bücherei des Instituts für Sozialforschung blieb demnach unbearbeitet und muss heute weitgehend als verschollen gelten.

Typische Signatur des Instituts für Sozialforschung. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Wegen der fehlenden Zugangsbücher gestaltete sich die Suche nach den “richtigen” Exemplaren in dem ca. 3 Millionen Bände umfassenden historischen Bestand der Staatsbibliothek zeitaufwändig und kompliziert: Zum Teil wurde nach einschlägigen Autoren im historischen alphabetischen Zettelkatalog gesucht, um so eventuell auf die gesuchten Zugangsnummern IfS/IfS Z zu stoßen, zum Teil wurden sachlich aufgestellte Magazinbestände am Regal durchgesehen und schließlich gab es noch einige Funde im Zusammenhang mit dem derzeit laufenden Forschungsprojekt zu “NS-Raubgut nach 1945”. Die Bücher selbst tragen fast durchgehend Besitzstempel des Instituts und für geübte Provenienzforschende gut erkennbare Signaturen und Nummern. Nicht immer jedoch sind die ermittelten Bände noch vorhanden, da fast ein Drittel des Bestandes der Preußischen Staatsbibliothek nach 1945 nicht aus den Auslagerungsorten zurückgekehrt ist.

 

Identifiziert wurden so nicht nur die jetzt in das Institut für Sozialforschung zurückgekehrten 536 Bücher, sondern auch weitere 97 Titel, die zu den Kriegsverlusten der Staatsbibliothek gerechnet werden müssen. Sicher wird es auch in Zukunft noch weitere Einzel-Funde aus dieser Provenienz in der Staatsbibliothek geben, die große Masse der hier vermuteten sozialistischen und marxistischen Literatur ist jedoch nicht mehr vorhanden.