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[die Meldungen der Jahre 2000 – 2016]

Ausstellung „Reisende Erzählungen: Tausendundeine Nacht zwischen Orient und Europa“

Daten zur Ausstellung „Reisende Erzählungen: Tausendundeine Nacht zwischen Orient und Europa“

Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz
Haus Potsdamer Straße 33, 10785 Berlin
20. November 2019 – 18. Januar 2020
montags bis samstags  11–19 Uhr, freier Eintritt

Umfangreiches Begleitprogramm

Begleitband Nr. 2038 der Insel-Bücherei: 184 Seiten, 78 farbige Abbildungen, 18 €, ISBN 978-3-458-20038-3.

Honorarfreie Pressebilder https://staatsbibliothek-berlin.de/aktuelles/presse-news/pressebilder/aktuelle-themen/

 


Die Erzählsammlung Tausendundeine Nacht gehört zu den einflussreichsten Werken der Weltliteratur. Eine Ausstellung in der Staatsbibliothek zu Berlin zeigt mit rund 200 Objekten die vielfältigen Überlieferungswege und Erscheinungsformen.

Die Ausstellung geht zunächst auf die indischen und persischen Ursprünge der Märchen ein, sodann werden die mündlichen Überlieferungen in der arabischen Welt wie auch die orientalische Schriftkultur und die facettenreiche europäische Rezeption in Übersetzungen und literarischen Werken in den Blick genommen. Farben, Formen, Gestaltungen – in breiter Auswahl werden alte arabische Handschriften, seltene historische Drucke, illustrierte Prachtbände, Gebrauchsgrafiken und aufwändig gestaltete Kinderbücher gezeigt. Sie alle stehen für die über mehrere Jahrhunderte gewachsene, immer wieder spannungsreiche und befruchtende literarische Wechselbeziehung zwischen Orient und Europa.

Im arabischen Raum stellt Tausendundeine Nacht ein nie abgeschlossenes literarisches Werk dar. Mehr als 300 Erzählungen gehören zu seinem Umkreis, die sich in zahlreichen Varianten, oft aber auch nur fragmentarisch zeigen.

Im Europa des 18. Jahrhunderts gewannen die Erzählungen um die Hauptfigur Scheherazade durch die französische Adaption, die Antoine Galland (1646-1715) besorgt hatte, rasch große Popularität. Wie wohl kein anderes Werk prägte dieses die Vorstellungen des Abendlandes vom Orient. Während Orientalisten eine Jagd nach authentischen arabischen Handschriften begannen, regten Scheherazades Geschichten unzählige Autoren und Buchkünstler zu phantasievollen Interpretationen an. Der enorme Erfolg von Tausendundeiner Nacht in Europa bewirkte schließlich im Orient selbst eine neue Wahrnehmung dieser außergewöhnlichen Erzählungen.

 

Scheherazade und Sindbad – Grimm, Hauff und Richter

Zu den herausragenden Exponaten der Ausstellung gehören zwei der äußerst raren illustrierten arabischen Handschriften mit Geschichten aus Tausendundeiner Nacht, die aus einer koptischen Buchwerkstatt des 17. Jahrhunderts stammen. Besonders eindrucksvolle Zeugnisse der Erzählliteratur stellen die arabischen Handschriften dar, die der sächsische Orientalist und erste preußische Konsul in Damaskus, Johann Gottfried Wetzstein (1815-1905), während seines Aufenthaltes dort erworben hat. Über 1000 Jahre alte Schriftfragmente von der Seidenstraße und einzigartige indische und persische Handschriften lassen die Besucherinnen und Besucher die Reisewege der Erzählungen nachvollziehen.

Von Paris aus eroberte die französische Übersetzung mit immer zahlreicheren Illustrationen, die in der Ausstellung von den ersten Kupferstichen im 18. Jahrhundert bis zu Gerhard Richters Künstlerbuch Sindbad gezeigt werden, die europäische Leserwelt. Neben der umfangreichen Übersetzungsliteratur werden außerdem literarische Werke präsentiert, welche die Tausendundeine Nacht imitieren, parodieren und kommentieren: Mille et un jour (Pétis de la Croix), Christoph Martin Wielands Goldener Spiegel, Das Märchen der 672. Nacht Hugo von Hofmannsthals ‒ bis hin zu modernen Paraphrasen aus dem arabischen Sprachraum. Zu entdecken gibt es Erstausgaben, Rara und Sammlerexemplare, darunter Ausgaben mit handschriftlichen Einträgen von Jacob Grimm und Wilhelm Hauff, ebenso Kuriositäten des 19. Jahrhunderts wie die Komischen Tausend und Eine Nacht oder eine preußische Variation des Werks.

 

Kinderbücher aus 15 Ländern und zwei Jahrhunderten

Einen eigenen Bereich in der Ausstellung bilden Kinderbuchausgaben zu Tausendundeiner Nacht, von denen ein Querschnitt von den frühesten Beispielen in Deutschland vom Ende des 18. Jahrhunderts bis zur Gegenwart sowie eine Auswahl fremdsprachiger Kinderbücher mit Interpretationen aus 15 Ländern gezeigt wird. Besonderen Schauwert besitzen Spielbilderbücher wie Pop-ups, Karussell-Bücher und Transparent-Verwandlungsbilder zu Tausendundeiner Nacht.

 

UNESCO-Kulturerbe: Gaukler und Erzähler in Marrakesch

Im Foyer der Staatsbibliothek wird der Besucher von eindrucksvollen Video- und Audioinstallationen des Filmkünstlers Thomas Ladenburger empfangen, die ihn in die fantastische Welt der Gaukler und Geschichtenerzähler in Marrakesch hineinziehen, wo bis in die Gegenwart Relikte dieser jahrhundertealten Traditionen zu finden sind, und die heute mit Recht zum „immateriellen Kulturerbe der Menschheit“ (UNESCO) gerechnet werden. Für sein Projekt „Al Halqa – die letzten Erzähler aus Marokko“ (https://www.alhalqa-virtual.com) dokumentierte Ladenburger die Straßenkünstler auf dem „Platz der Gehenkten“ in Marrakesch über einen Zeitraum von 10 Jahren.

 

Die Kooperationspartner

Die Ausstellung wurde in Kooperation mit der Kunstbibliothek – Staatliche Museen zu Berlin und der Universitätsbibliothek der Humboldt-Universität zu Berlin konzipiert. Darüber hinaus kommen Leihgaben aus folgenden Institutionen: Museum für Islamische Kunst und Ethnologisches Museum (beide Staatliche Museen zu Berlin), Universitätsbibliothek Tübingen, Niedersächsische Staats- und Universitätsbibliothek Göttingen, Universitätsbibliothek der Freien Universität Berlin und Privatsammlungen.

 

Band Nr. 2038 in der Insel-Bücherei

Seiner Insel-Bücherei fügt der Insel-Verlag mit der Nr. 2038 den auf 184 Seiten mit 78 Abbildungen prächtig ausgestatteten Begleitband zur Ausstellung eine eigene Pretiose hinzu, für 18 € ist dieses Buch ab 11. November 2019 im Buchhandel wie auch in der Ausstellung zu erwerben, ISBN 978-3-458-20038-3.


HINTERGRUNDMATERIAL – Die acht Stationen der Ausstellung

Mehr als 300 Erzählungen gehören zum Umkreis von Tausendundeiner Nacht, die nie ein abgeschlossenes literarisches Werk darstellten. Es ist eine offene Sammlung von Geschichten, Fabeln und Märchen, auf deren Zusammensetzung mündliche Erzähltraditionen des Orients ebenso gewirkt haben wie spätere europäische Übersetzungen und Bearbeitungen.

Eingebettet sind die Erzählungen in eine Rahmenhandlung: Aus Rache über die Untreue seiner Gemahlin gibt König Schahriyar, Herrscher einer nicht genau bezeichneten Insel zwischen Indien und China, seinem Wesir den Befehl, ihm jede Nacht eine Frau zuzuführen, die er am nächsten Morgen töten lässt. Scheherazade, die kluge Tochter des Wesirs, bedrängt ihren Vater, sie ebenfalls mit diesem grausamen Herrscher zu vermählen, um das Morden durch eine List zu beenden. Sie beginnt Schahriyar Geschichten zu erzählen, die am Ende der Nacht an einer spannenden Stelle abbrechen. Dieser schiebt die Hinrichtung auf, um unbedingt deren Fortgang zu erfahren. So geht das nun Nacht für Nacht, bis der König endlich von seinen mörderischen Plänen ablässt.

Aus Indien und über Iran kommend, gab es eine erste arabische Version der Erzählsammlung im 8. Jahrhundert. Über die Zeit wurden viele weitere Geschichten in die Sammlung eingefügt, z.B. legendäre Ereignisse um den Bagdader Kalifen Harun ar-Raschid (starb 809) oder fantastische Geschichten aus Ägypten. Für einige der in Europa populärsten Geschichten, etwa die von Aladdin oder Ali Baba, stellt die französische Ausgabe des Antoine Galland das älteste bekannte schriftliche Zeugnis überhaupt dar. Ausgelöst durch Gallands französische Adaption wurden die Erzählungen von Tausendundeiner Nacht im Europa des 18. Jahrhunderts äußerst populär. Sie prägten damals wie wohl kein anderes Werk die Vorstellungen des Abendlandes vom Orient und inspirierten unzählige Autoren und Buchkünstler zu phantasievollen Interpretationen. Die Rahmenhandlung, in der Scheherazade durch ihre Erzählkünste den König Schahriyar von seiner grausamen Tötungsabsicht abbringt, ist nicht nur zu einem Sinnbild für eine starke und einfallsreiche Frau geworden, sondern ebenso zu einer Allegorie für die Macht des Erzählens.

Ausgehend von den indischen und persischen Ursprüngen der Märchen werden in der Ausstellung orale Erzähltraditionen in der arabischen Welt ebenso verdeutlicht wie die orientalische Schriftkultur sowie die facettenreiche europäische Rezeption in Übersetzungen, literarischen Werken und Buchkunst. Alte arabische Handschriften, seltene historische Drucke, illustrierte Prachtbände, Gebrauchsgrafik und aufwändig gestaltete Kinderbücher zeigen eine über mehrere Jahrhunderte bestehende, spannungsreiche und befruchtende Wechselbeziehung zwischen Orient und Europa.

 

Arabische Erzähltraditionen

Die Erzählungen von Tausendundeiner Nacht, die für sich genommen schon einen eigenen Erzählkosmos darstellen, sind wiederum Teil vielfältiger Traditionen arabischer Erzählkultur. Zu diesen gehören einerseits die im gesamten Nahen Osten und Nordafrika verbreiteten Volksmärchen, von denen sich zahlreiche in Tausendundeiner Nacht wiederfinden. Darüber hinaus bestehen enge Verbindungen zu arabischen Volksromanen (sīra). Das sind oftmals sehr umfangreiche epische Erzählzyklen. In ihnen vermischen sich Ereignisse aus der Zeit früher islamischer Eroberungen, der Kreuzfahrerzeit oder der Mongolenstürme mit phantastischen Geschichten von ritterlicher Tapferkeit, Wundern und Liebesabenteuern. Zu den bekanntesten Volksromanen gehören die Sīrat Banī Hilāl und der ʿAntar-Roman. Auch die Sīrat Iskandar (Alexanderbuch), welche über legendäre Heldentaten Alexander des Großen berichtet, gehört zu dieser Gattung. Varianten des Alexanderbuches waren weit verbreitet und auch im europäischen Mittelalter sehr populär.

Die Volksromane wurden von den Erzählern (ḥakawātī) auf öffentlichen Plätzen oder in Kaffeehäusern vor einem breiten Publikum rezitiert, oftmals mit musikalischer Begleitung. Auch Abbildungen von besonders wichtigen Szenen wurden gelegentlich gezeigt. Als der spätere Übersetzer von Tausendundeiner Nacht, Edward William Lane, 1834 in Kairo weilte, berichtete er von 30 Geschichtenerzählern (muḥaddiṯūn), die dort die Bevölkerung unterhielten. Der Volksroman vom König ʿUmar ibn Nuʿmān und seinen beiden Söhnen Šarkān und Ḏau al-Makān wurde Teil der Überlieferung von Tausendundeiner Nacht, wie die hier präsentierte illustrierte Handschrift des sogenannten Tübinger ʿUmar beweist.

Die im Foyer zu sehende Filmdokumentation von Thomas Ladenburger zeigt, dass Spuren dieser öffentlichen Erzählkultur in Marokko bis in die Gegenwart zu finden sind. Auch im berühmten Café al-Nawfara in der Altstadt von Damaskus unterhält – den schrecklichen Kriegsereignissen der letzten Jahre zum Trotz – bis heute noch abends ein Geschichtenerzähler seine Gäste.

 

Tausendundeine Nacht – indische und persische Ursprünge

Die Wurzeln von Tausendundeiner Nacht liegen im Alten Iran und in Indien. Fürstenspiegel, Weisheitsliteratur und Tierfabeln – viele im islamischen Raum verbreitete Geschichten haben ihren Ursprung etwa in buddhistischer Erbauungsliteratur. Sie verbreiteten sich auf Karawanenstraßen sowie über die Seefahrt im Vorderen Orient und wurden über die Zeit umgeformt. Das altindische Fabelbuch Pañcatantra (deutsch: Die Fünf Gewebe) baut sich um die Geschichte eines Königs auf, der einen Weisen darum bittet, seine drei ungezogenen Söhne auf den rechten Weg zu führen. Das Werk erhielt seine endgültige Form im 3. oder 4. Jahrhundert. Aus der nicht mehr vorhandenen Urform des Sanskrit-Textes haben sich zahlreiche Fassungen abgeleitet. Forschungsexpeditionen haben in der Oase Turfan an der Seidenstraße Textfragmente des Pañcatantra in altiranischer und alttürkischer Sprache entdeckt. Diese Textzeugnisse dokumentieren eindrucksvoll die Reisewege der Geschichten.

Ebenfalls aus dem indischen Pañcatantra, über eine mittelpersische Version vermittelt, ist die berühmte arabische Fabelsammlung Kalila und Dimna hervorgegangen. Kalila und Dimna sind zwei listige Schakale, die am Hof des Löwen, dem König der Tiere, leben. Die Fabeln dieses in vielen orientalischen Sprachen verbreiteten Fürstenspiegels waren bereits im europäischen Mittelalter bekannt und wurden aus dem Arabischen über eine hebräische Version ins Lateinische und schließlich auch ins Deutsche übertragen. Eine deutschsprachige Auswahl der Geschichten wurde bereits 1480 von Antonius von Pforr unter dem Titel Das Buch der Weisheit oder der Alten Weisen herausgegeben. Einige wenige Geschichten finden sich auch in Tausendundeiner Nacht wieder.

Auch die Idee der Rahmenhandlung, also einer Geschichte, welche einen Korpus von weiteren Geschichten umschließt, lässt sich nach Indien zurückverfolgen, wie bereits am Pañcatantra zu sehen ist. Über den Iran fand dieses Konzept auch Verbreitung in der arabischen Literatur. Ein bekanntes persisches Werk ist etwa das Ṭūṭī-nāme (Papageienbuch), in welchem ein Papagei seiner Besitzerin 52 Nächte lang Geschichten erzählt, bis ihr Ehemann von einer Reise zurückkehrt.

Als unmittelbarer Vorläufer von Tausendundeiner Nacht gilt das mittelpersische Buch Hazār afsān (Tausend Erzählungen). Dieses Werk ist verschollen, wird aber in frühen arabischen Quellen noch erwähnt.

 

Handschriften und Drucke aus der islamischen Welt

Die arabische Buchkultur ist bis weit ins 19. Jahrhundert hinein von handschriftlicher Überlieferung geprägt. Handschriften von Tausendundeiner Nacht sind allerdings vergleichsweise selten, denn sie fanden sich kaum in den Bibliotheken der Gebildeten. Die wenigen erhaltenen Manuskripte sind häufig in volkstümlichem Arabisch abgefasst und gehörten Geschichtenerzählern. Eine vollständige Handschrift des Werkes mit sämtlichen Nachterzählungen, die älter ist als Gallands Mille et une nuit, ist unbekannt. Auch ältere Bruchstücke sind vergleichsweise selten. Das älteste uns bekannte Zeugnis stammt aus dem 9. Jahrhundert, es ist aber nur eine fragmentarisch erhaltene Textseite. Zahlreiche erhaltene arabische Handschriften mit inhaltlichem Bezug zu Tausendundeiner Nacht zirkulieren als eigenständige Geschichtensammlungen oder sind eingebettet in andere literarische Werke – wenn sie nicht gar erst als Reaktion auf das gestiegene Interesse europäischer Käufer niedergeschrieben wurden.

Buchillustrationen sind in arabischen Handschriften seltener zu finden. Aus einer koptischen Buchwerkstatt in Kairo stammen mehrere illustrierte arabische Handschriften, die in der Ausstellung zu sehen sind. Dazu gehört die Geschichte vom indischen König Wird-Ḫān und seinem Minister Šimās. Insbesondere im iranischen Raum, aber auch in Nordindien und dem Osmanischen Reich entfaltete sich die Buchkunst in besonderer Weise. In einer Vielzahl prachtvoll illustrierter Handschriften und Einzelblätter aus diesen Regionen finden sich Darstellungen, deren Motive uns auch in Tausendundeiner Nacht begegnen.

Die frühen arabischen Drucke von Tausendundeiner Nacht richteten sich zunächst an ein europäisches gelehrtes Publikum. Der erste Druck erschien 1814 in Kalkutta – das Exemplar der Berliner Staatsbibliothek gehört leider zu den Verlusten des Zweiten Weltkrieges. Von nachhaltiger Bedeutung war die arabische Edition von Kairo (Bulāq) aus dem Jahre 1835. Dieser Druck bildete die Grundlage verschiedener Übersetzungen in andere – auch orientalische – Sprachen. Die hohe Popularität von Tausendundeiner Nacht in Europa führte zu einer stärkeren Wahrnehmung dieser Literatur im Orient selbst. Es erschienen zahlreiche Ausgaben in neuen Übersetzungen, neben Arabisch etwa auf Usbekisch, Persisch oder Osmanisch-Türkisch.

 

Lust am Erzählen: Übersetzungsgeschichte und literarische Nachwirkung

Die Idee, dass die Tausendundeine Nacht im französischen Klassizismus als Werk der Weltliteratur entstanden ist, mag uns heute überraschen. Doch waren es Antoine Gallands Mille et une Nuit (1704−1717), in denen verschiedene Quellen erstmals zu einer Einheit verschmolzen. Im arabischen Raum hatte die Sammlung zuvor eher unscharfe Konturen, wurde überwiegend mündlich tradiert und als volkssprachliche Literatur eher geringgeschätzt. Erst durch die europäische Rezeption erhielt die Erzählsammlung ihren heutigen Rang.

Der Orientalist Galland (1646–1715) stützte sich auf eine unvollständige syrische Handschrift aus dem 15. Jh. Dieser Quelle fügte er den Geschichtenkreis um Sindbad hinzu; weitere Märchen lernte Galland in Paris mündlich von Hannâ Diyāb kennen, einem jungen syrischen Christen. Einige dieser Erzählungen gehören ursprünglich nicht zum Kreis der Tausendundeinen Nacht, gingen jedoch in den Kanon ein und zählen heute zu den bekanntesten, etwa die von Ali Baba oder Aladdins Wunderlampe.

Gallands Werk wurde zu einem europäischen Bestseller. Durch oft reich illustrierte Reiseberichte hatte das Publikum bereits eine Vorstellung von der orientalischen Kultur und war somit auf die Lektüre vorbereitet. Auch trafen die Mille et une Nuit den Geschmack der französischen Salons, die sich um 1700 für das Wunderbare in den Feenmärchen etwa von Charles Perrault oder Marie Cathérine d’Aulnoy begeisterten.

Ab dem 19. Jh. bestimmten neue Übersetzerpersönlichkeiten die europäische Rezeption. Zur Lust am Erzählen traten philologische Bemühungen: die Suche nach weiteren Quellen oder die Rekonstruktion einer „authentischen“ Fassung. Wirkungsmächtig waren die Arabian Nights (1885) des Exzentrikers Richard Burton, die wegen ihrer erotischen Lizenzen im viktorianischen England schockierten. Die freie, elegant gestaltete Jugendstil-Version von Joseph-Charles Mardrus machte im Paris der Jahrhundertwende Furore. Enno Littmanns Übersetzung (1921−1928), die Verse und Reimprosa treu nachbildet, gilt bis heute als vorbildlich – wobei im 21. Jh. bereits eine neue Generation von Übersetzungen gefolgt ist.

Der literarische Einfluss der Mille et une nuit wirkt bis heute weiter: Jules Verne, Edgar Allan Poe oder Hugo von Hofmannsthal verfassten eigene Variationen. Im 18. Jh. verbarg sich unter dem exotischen Kostüm des conte oriental häufig eine zeitgenössische Satire. In der Romantik wurden Volks- und Kunstmärchen sowohl philologischer Gegenstand als auch bevorzugte literarische Ausdrucksform: Wilhelm Hauff war in seinen bekannten Orientmärchen sichtlich vom arabischen Vorbild inspiriert. Balzac und Théophile Gautier sahen in Scheherazade, die Nacht für Nacht um ihr Leben erzählt, ein alter ego des Schriftstellers, der um die Gunst des Publikums kämpft. Die Vielfalt möglicher Deutungen zeigt sich in den zeitgenössischen Werken der algerischen Schriftstellerinnen Assia Djebar und Leïla Sebbar. Mit feministischem Blick auf die Figur Scheherazade reflektieren sie Rollenbilder im Spannungsfeld von Orient und Europa, zwischen Tradition und gesellschaftlichen Wandel.

 

Die Orientalistik entdeckt Tausendundeine Nacht

Die Sammlung orientalischer Handschriften an der Staatsbibliothek zu Berlin fußt maßgeblich auf dem starken Interesse, das Gelehrte im 19. Jahrhundert den Literaturen und Kulturen Asiens und Afrikas entgegenbrachten. Die Exemplare in der Sammlung des bibliophilen Orientkenners Heinrich Friedrich von Diez (1751-1817) und ihre Provenienz stehen beispielhaft für die Bemühungen vieler Orientalisten, an Abschriften von Tausendundeiner Nacht zu gelangen.

Von besonderer Bedeutung für die arabische Volksliteratur und die Überlieferung von Tausendundeiner Nacht ist die mehr als 2000 Bände umfassende arabische Handschriftensammlung des Orientalisten Johann Gottfried Wetzstein (1815-1905) an der Berliner Staatsbibliothek. Wetzstein studierte in Leipzig orientalische Sprachen und wirkte danach an der Berliner Universität, bis er 1849 als erster preußischer Honorarkonsul nach Damaskus ging. Während seines dreizehnjährigen Aufenthalts lernte er das Land und seine Bewohner auf zahlreichen Reisen kennen. Um sein Auskommen zu verbessern, versuchte er sich sogar in landwirtschaftlichen Unternehmungen. Diesem Zweck diente letztlich auch der Verkauf mehrerer Handschriftensammlungen, neben Berlin auch nach Tübingen und Leipzig. Der Inhalt seiner Sammlungen ist geprägt von eigenen Forschungsinteressen. In Damaskus verbrachte Wetzstein nach eigener Aussage viele Abende mit dem Studium der arabischen Volksliteratur.

Annotierte Bücher aus Gelehrtenbibliotheken, wissenschaftliche Korrespondenzen oder Kolleghefte sind ebenfalls ergiebige Quellen für die Rezeptionsgeschichte von Tausendundeiner Nacht. Zu den bedeutenden wissenschaftlichen Nachlässen an der Staatsbibliothek zu Berlin zählt der des Orientalisten Enno Littmann (1875-1958). Er schuf die bis heute für den deutschen Sprachraum maßgebliche vollständige Übersetzung von Tausendundeiner Nacht, die ab 1921 im Insel Verlag erschien und seitdem etliche Neuauflagen erfahren hat.

Zahlreiche Orientalisten des 19. Jahrhunderts, etwa Wetzstein oder dessen Lehrer Fleischer, standen in einer wissenschaftlichen Tradition, die philologisch ausgerichtet und der Theologie verbunden war. Ihr positivistischer Forschungsansatz änderte aber nichts daran, dass sie im „realen Orient“, wie er ihnen auf Reisen oder in der Lektüre begegnete, Lebensverhältnisse sahen, die sich ihrer Ansicht nach seit biblischen Zeiten kaum verändert hatten. Für viele Orientalisten stellte deshalb auch Tausendundeine Nacht eine ethnografische Quelle dar.

 

Europäische Buchkunst

Die europäische Buchkunst von Tausendundeiner Nacht beginnt im 18. Jahrhundert mit der französischen Übersetzung von Antoine Galland. Da den Illustratoren kein illustriertes Manuskript als ikonographische Vorlage zur Verfügung stand, mussten sie neue Bilder erfinden. Die erste Pariser Ausgabe von 1704 wurde noch nicht illustriert. Erst die holländischen Nachdrucke, die wenige Jahre später erschienen, enthalten Frontispize gegenüber dem Titel. Es sind die ersten europäischen Bilder zu Tausendundeiner Nacht, die von dem holländischen Künstler David Coster entworfen wurden. Neue Bilder entstanden wieder am Ende des 18. Jahrhunderts für die Märchensammlung Cabinet des Fées. In diese Märchensammlung wurde in fünf Bänden auch die Übersetzung Gallands aufgenommen, mit insgesamt fünfzehn Textillustrationen des französischen Kupferstechers Clément-Pierre Marillier. An diesem Vorbild orientierte sich auch der englische Maler Robert Smirke für seine Illustrationen der Arabian Nights von 1802. Die französische Ausgabe des Pariser Verlegers Ernest Bourdin setzte 1838 mit vielen hundert Illustrationen verschiedenster Zeichner und Stecher neue quantitative Maßstäbe. Der englische Orientalist Edward William Lane wollte für seine zeitgleich erschienene Veröffentlichung nur Illustrationen nach seinen detaillierten ethnografischen Hinweisen akzeptieren und leitete damit eine Wende von der Genre-Illustration zu einem „authentischen“ Bild ein, die auch die Entwürfe des erfolgreichen französischen Illustrators Edmund Dulac kennzeichnen. Im 20. Jahrhundert gibt es zahlreiche Illustrationen zu Tausendundeiner Nacht, unter denen Max Slevogt mit seinen impressionistischen Lithografien zu Sindbad der Seefahrer im Berliner Verlag Bruno Cassirer und Gerhard Richter mit seinen hochpigmentierten Drucken von Hinterglasmalereien für sein Künstlerbuch Sindbad besonders auffallen. Bis heute bestimmen vielfältigste künstlerische Ideen die sehr unterschiedlichen Illustrationen und damit auch unsere Lektüre von Tausendundeiner Nacht.

 

Tausendundeine Nacht im Kinderbuch

Als Lesestoff für Kinder wurden die Geschichten aus Tausendundeine Nacht vor mehr als 200 Jahren entdeckt. 1780 gab der Lehrer und Schriftsteller Johann Gottlieb Schummel in Leipzig eine zweibändige Auswahl in französischer Sprache für den Gebrauch an Schulen heraus, und ab 1790 publizierte der Verleger und Schriftsteller Friedrich Justin Bertuch die Blaue Bibliothek aller Nationen zum „Amüsement für alle Alter und Stände“, deren erste Bände neben französischen Feenmärchen auch Texte aus Tausendundeiner Nacht enthielten. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurden die Erzählungen aus Tausendundeiner Nacht zu einem festen Bestandteil der Unterhaltungsliteratur für Kinder. Die exotischen Schauplätze, spannenden Abenteuer, geheimnisvollen Zauberwesen und magischen Gegenstände weckten das Interesse der jungen Rezipienten und führten zu einer regen Nachfrage. Dadurch wurden auch deutsche Autoren inspiriert, Geschichten im Stil der orientalischen Märchen zu verfassen. Zu den bekanntesten Sammlungen dieser Art gehört Wilhelm Hauffs Mährchen-Almanach auf das Jahr 1826, in dem Hauff Motive arabischer Erzählungen so überzeugend verarbeitete, dass scheinbar originär orientalische Märchen entstanden, die in der Wahrnehmung vieler Leser mit den Texten aus Tausendundeiner Nacht verschmolzen.

Zum Erfolg der Kinderbuchausgaben von Tausendundeiner Nacht trugen auch die Illustrationen bei, die teilweise von namhaften Künstlern wie Johann Michael Voltz oder Johann Baptist Sonderland stammten. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts übte die Orientmalerei Einfluss auf die Kinderbuchillustrationen zu Tausendundeiner Nacht aus. Zu den Verdiensten der Orientmaler gehörte das Bemühen um eine realitätsnahe Gestaltung von Architektur, Kleidung und Alltagsszenen, anderseits wurde der Orient aber auch als Ort von Sinnlichkeit und Ausschweifungen inszeniert. Damit fanden unterschwellig erotische Darstellungen Eingang in die Jugendliteratur, die in einem anderen Kontext undenkbar gewesen wären.

Die Experimentierfreude der Buchkunst um 1900 spiegelt sich in vielen Kinderbuchausgaben zu Tausendundeiner Nacht, zu deren herausragenden Beispielen Spiel- und Verwandlungsbücher ebenso gehören wie Aladdin’s Picture Book von Walter Crane, einem der Hauptvertreter des „Arts and Crafts Movement“, das expressionistische Bilderbuch Ali Baba und die vierzig Räuber von Adolf Uzarski oder die von dem russischen Bilderbuchkünstler Ivan Bilibin illustrierte Auswahl Le tapis volant.

Für die Zeit nach 1945 wurden aus dem Bestand der Staatsbibliothek exemplarisch Kinderbuchausgaben aus zwölf Ländern – darunter aus Brasilien, Frankreich, den USA und der Türkei – ausgewählt, welche unterschiedliche künstlerische Interpretationsmöglichkeiten und Lesarten von Tausendundeiner Nacht repräsentieren.

 

Filme, Comics und populäre Gebrauchsgrafik

Zahlreiche Ausgaben von Tausendundeiner Nacht haben unsere Vorstellung von einem märchenhaften Orient geprägt. Erzählungen wie Aladdin und die Wunderlampe, Ali Baba und die vierzig Räuber oder Sindbad der Seefahrer erfreuten sich besonderer Beliebtheit. Sie lieferten den Stoff für neue grafische und optische Medien, vom Sammelbild bis zur Reklamemarke, von der Laterna Magica bis zum Kinofilm. Mit den Abenteuern des Prinzen Achmed entstand 1926 der erste abendfüllende Animationsfilm. Er beruhte ausschließlich auf Lotte Reinigers virtuosen Scherenschnitten, die mit einzelnen Szenen auch als druckgrafisches Sammelobjekt angeboten wurden. Filmtitel wie Sindbad und das Auge des Tigers (1977), Pier Paolo Pasolinis Erotische Geschichten aus 1001 Nacht (1974), farbenprächtige Kostümfilme wie Zauber des Orients (1953) oder Der Dieb von Bagdad (1925), ein Stummfilm mit phantasievoller Art Déco Ausstattung, zeigen den Erfolg von Tausendundeiner Nacht im 20. Jahrhundert. Zeichen der Popularität waren auch die Sammelbilder und Reklamemarken. Durch die Zugabe von Bildern und die Wahl attraktiver Motive sollten Sammelinteresse und Kundenbindung erreicht werden. Zahlreiche Firmen warben mit den bekannten Erzählmotiven aus Tausendundeiner Nacht. Im deutschsprachigen Raum waren es vor allem die Firmen Liebigs Fleischextrakt, die Molkerei Gebrüder Pfund und die Kaffee-Großrösterei Zuntz. Durch Ansichtskarten wurden teils klischeehafte, teils parodistische Bilder vom „Orient“ massenhaft verbreitet.

Auch im Comic gehören die Geschichten aus Tausendundeiner Nacht zu den beliebten Sujets. Der erfolgreiche Disney-Film Aladdin (1992) wurde von mehreren Buchausgaben begleitet, von August 1994 bis Juni 1995 wurde außerdem bei Marvel eine eigene Comicserie gleichen Namens herausgegeben, die insgesamt elf Nummern umfasste. Die bei DC Comics veröffentlichte Reihe Fables von Bill Willingham, die von 2002 bis 2015 in 150 Ausgaben erschien, verarbeitet unter dem Titel Arabian Nights (and Days) in sechs Heften Motive aus Tausendundeiner Nacht. Als „Weltliteratur im Comic-Format“ brachte der Brockhausverlag 2013 den aus dem Französischen übersetzten Literaturcomic Geschichten aus 1001 Nacht von Daniel Bardet mit Zeichnungen von Rachid Nawa heraus, der außer den Bildgeschichten einen Anhang mit Informationen zur Entstehung der Märchensammlung enthält.

Schlüssel für das Haus Unter den Linden erhalten

Heute wurde bei einem Festakt mit 300 geladenen Gästen der Schlüssel für die Staatsbibliothek zu Berlin im Haus Unter den Linden übergeben. Damit ist die Grundinstandsetzung und Erweiterung des über 100 Jahre alten denkmalgeschützten Gebäudekomplexes, einer der größten Kulturbaustellen im Zuständigkeitsbereich des Bundes, abgeschlossen. Seit dem Jahr 2005 wurde die Staatsbibliothek zu Berlin im Haus Unter den Linden bei laufendem Bibliotheksbetrieb unter Leitung des Bundesamtes für Bauwesen und Raumordnung (BBR) im Auftrag der Stiftung Preußischer Kulturbesitz (SPK) umfassend saniert und um einen Erweiterungsbau ergänzt.

Monika Grütters, Staatsministerin für Kultur und Medien, sagte: „Die 11 Millionen Bücher in der Staatsbibliothek zu Berlin sind, wie auch alle anderen schriftlichen Überlieferungen in deutschen Archiven und Bibliotheken, das Gedächtnis unseres Landes. Diesen unermesslichen Schatz wollen wir bewahren, möglichst vielen Menschen zugänglich machen und die Einrichtungen, in denen dieser aufbewahrt wird, pflegen. Heute steht die Staatsbibliothek frisch saniert vor uns und lädt dazu ein, sie wieder als Ganzes zu entdecken und in Besitz zu nehmen. Anstelle des alten, kriegszerstörten Kuppelsaals hat der Architekt Hans-Günter Merz einen eindrucksvollen, hellen Glaskubus entworfen, der wie ein geistiges Zentrum in der Mitte des Hauses zum Studieren einlädt, aber auch lebendiger Ort des Austausches, der Kommunikation, der Debatte ist.“

Anne Katrin Bohle, Staatssekretärin im Bundesinnenministerium erklärte: “Bauen im Bestand und bei laufendem Betrieb ist insbesondere in Zeiten guter Baukonjunktur eine Herausforderung. Mit der fachkundigen, engagierten Bauverwaltung und den Planern ist die Umsetzung hier dennoch vorbildlich gelungen.“

Hermann Parzinger, Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz: „Mit der jetzt abgeschlossenen Sanierung dieses Tempels der Bildung und Wissenschaft aus der späten Kaiserzeit rückt ein Haus wieder in den Blickpunkt, das den Boulevard Unter den Linden zu einer Prachtstraße macht. Das Haus ist Teil der historischen Bildungslandschaft in Berlins Mitte. Die Sanierung und Ergänzung des kriegsgeschädigten Hauses erfolgte bei laufendem Betrieb, denkmalgerecht, verantwortungsbewusst, mit höchster Sorgfalt und von hoher Qualität. Das Ergebnis ist eine historische und zugleich hochmoderne Bibliothek mit zentralem Lesesaal und diversen Fachlesesälen, bestens klimatisiert und gegen Brand geschützt, mit Buchtransportanlagen, Gruppenarbeitsräumen, Digitalisierungszentrum ausgestattet: ein würdiges Schatzhaus für die historischen Bestände und eine höchst funktionale zeitgemäße Bibliothek.”

BBR-Präsidentin Petra Wesseler verdeutlichte: „Dimension und Komplexität dieser Baumaßnahme suchen Ihresgleichen: Eine denkmalgerechte Sanierung war mit den Anforderungen an einen zeitgemäßen Bibliotheksbetrieb in Einklang zu bringen, Bauen im historischen Bestand mit der gleichzeitigen Einpassung eines Neubaus für den Lesesaal. Kuppel und Tonnengewölbe waren orientiert an der historischen Raumkubatur konstruktiv neu zu konzipieren.  Bei diesem Projekt wurden sowohl die denkmalpflegerischen als auch die komplexen statischen Herausforderungen hervorragend gemeistert.“

Barbara Schneider-Kempf, Generaldirektorin der Staatsbibliothek zu Berlin, erklärte, dass es „über die vielen Jahre des tiefgreifenden Bauens gut gelungen ist, den Bibliotheksbetrieb so zu gestalten, dass wissenschaftliches Arbeiten durchgängig möglich war. Den Zugang zu den oft unikalen Beständen all die Jahre offen zu halten, war für die Forschenden dieser Generation die richtige Entscheidung.“

 

In mehreren Etappen wurde bis 2012 der nördliche Gebäudeteil instandgesetzt und mit moderner Gebäudetechnik ausgestattet, dabei wurden erstmalig die Magazine klimatisiert sowie eine Kastenförderanlage installiert. Im zeitgenössischen, als Glaskubus ausgeführten Erweiterungsbau befinden sich der mehrgeschossige Allgemeine Lesesaal und Tresormagazine für die besonders wertvollen Sondersammlungen der Bibliothek. Bereits seit 2014 sind Gebäudeteile der Akademie der Wissenschaften in Betrieb. Im Frühjahr 2017 folgten der Veranstaltungsbereich, die Räume der Generaldirektion, Sonderlesesäle sowie weitere Büroflächen.

Zentrale Aufgabe beim jüngst fertiggestellten Bauabschnitt war die Wiederbelebung der für das Gebäude charakteristischen Erschließungsachse von der offenen Eingangshalle Unter den Linden über den denkmalgeschützten Brunnenhof und die zentrale Treppenhalle in das Vestibül. Von hier aus werden die Besucher künftig den Neubauteil mit dem Allgemeinen Lesesaal betreten, der dann, wie einst sein Vorgänger, architektonischer Höhepunkt am Ende der zentralen Erschließungsachse sein wird. Zugleich wurden weitere Lesesäle für Sondermaterialien saniert und nach einem einheitlichen Gestaltungskonzept mit modernem Mobiliar eingerichtet; wo immer möglich wurde die Einrichtung aus dem Jahr 1914 restauriert und mit modernem Mobiliar ergänzt.

In den kommenden Wochen schließen sich der Rückbau der Provisorien und die umfangreichen Umzüge an, die Wiedereröffnung ist durch die Staatsbibliothek für 2020 vorgesehen. Nach Öffnung des Haupteingangs Unter den Linden wird im Bereich des heutigen provisorischen Eingangsfoyers das Bibliotheksmuseum im Erdgeschoss als nachlaufende Baumaßnahme entstehen. Darin wird die Staatsbibliothek erstmals dauerhaft einen kleinen Teil ihrer Bestände ausstellen können. Die Ausbauarbeiten beginnen unmittelbar nach Rückbau der Provisorien, nach Abschluss der Grundinstandsetzung.

Die voraussichtlichen Gesamtkosten werden bei rund 470 Millionen Euro liegen. Nach der Wiedereröffnung 2020 wird die Staatsbibliothek im Haus Unter den Linden knapp 650 Benutzerarbeitsplätze und über 50.000 Quadratmeter Nutzfläche fassen, in etwa fünfmal so viel wie das Bode-Museum. Der Gesamtkomplex umfasst 107.000 Quadratmeter Bruttogrundfläche. Damit gehört die Staatsbibliothek zu den weltweit größten Einrichtungen dieser Art.

Weitere Informationen und Bildmaterial finden Sie auf der Homepage des Bundesamtes für Bauwesen und Raumordnung:

http://www.bbr.bund.de.

17./18. Oktober in Berlin: 8. Treffen des Deutsch-Russischen Bibliotheksdialogs

Am Donnerstag und Freitag, 17./18. Oktober 2019, kommen zum achten Mal führende Vertreter von Bibliotheken und Museen aus Russland und Deutschland zusammen, um vor allem Fragen zur Suche, Identifikation und Erschließung kriegsbedingt verlagerter Büchersammlungen sowie deren Nutzbarmachung für die Forschung zu beraten.

Das im Jahr 2009 erstmals ausgerichtete Treffen steht in diesem Jahr unter dem Motto „10 Jahre Deutsch-Russischer Bibliotheksdialog – Erfahrungen und Perspektiven der Zusammenarbeit“. Es findet auf Einladung der deutschen Seite in der Staatsbibliothek zu Berlin, Haus Unter den Linden statt.

Das staatenübergreifende Fachgremium wird auf deutscher Seite von der Kulturstiftung der Länder und der Staatsbibliothek zu Berlin koordiniert, Sprecherin der deutschen Seite ist Barbara Schneider-Kempf, Generaldirektorin der Staatsbibliothek zu Berlin. Die Bibliotheken und Museen auf russischer Seite werden vom Generaldirektor der Russischen Staatsbibliothek, Vadim Duda, repräsentiert und koordiniert. Die Treffen finden abwechselnd in Deutschland und in Russland statt, die Teilnehmer kommen in diesem Jahr aus Moskau, Petrosawodzk (Karelien), Rostow, Sankt Petersburg, Berlin, Bremen, Dresden, Eutin, Gotha, Halle (Saale), Hamburg, Leipzig und Wiesbaden.

Ein Höhepunkt des 8. Deutsch-Russischen Bibliotheksdialogs wird die Unterzeichnung eines Kooperationsvertrages zwischen der Deutschen Nationalbibliothek Leipzig und der Russischen Staatsbibliothek Moskau sein. Das gemeinsame Projekt hat die virtuelle Rekonstruktion dreier unikaler buchhistorischer Sammlungen Leipziger Provenienz zum Ziel.