Das analytische Drama

Durch eine gezielte Einführung in die Thematik des analytischen Dramas und seiner intertextuellen Bezüge sollen Schülerinnen und Schüler (SuS) ein erstes Verständnis für die Bedeutung von Intertextualität im Zerbrochnen Krug entwickeln. Als Einstieg dient die Vorrede, die bereits intertextuelle Bezüge zu Sophokles‘ König Ödipus aufweist. Die sprachlichen und inhaltlichen Auffälligkeiten in der Vorrede sollen herausgearbeitet werden. Im Weiteren soll näher erarbeitet werden, warum das analytische Drama auf Enthüllung angelegt ist. Nach dieser Partnerarbeit gibt es eine textorientierte Gruppenarbeit, in der SuS Adam als Figur beschreiben sollen, die gegen Enthüllung und Aufklärung arbeitet. Diese Aufgabe dient auch als Vorbereitung auf die folgende Unterrichtseinheit, in der Ödipus als aufklärungssuchend gezeigt wird und sich somit von Adam in diesem Aspekt fundamental unterscheidet.

Das Thema „analytisches Drama” kann für SuS in dem Sinne bedeutsam sein, als dass diese dramatische Struktur intermediale Beziehungen zu modernen Unterhaltungsmedien zulässt. Die Genres Kriminal- und Detektivgeschichte sind zeitgenössische Entwicklungen spannungsgeladener Literatur- bzw. Filmmedien, in denen die zentrale Tat, in der Regel ein Mordfall, häufig vor dem Einsetzen der Haupthandlung geschehen ist und retrospektiv aufgearbeitet werden muss. Kleists Der zerbrochne Krug bietet SuS somit die Möglichkeit, ihre eigenen Erfahrungen mit spannungsgeladenen Medien in Beziehung zu einem älteren literarischen Genre zu setzen, was Lesebarrieren reduzieren kann.

Die Vielschichtigkeit und Kreativität von Dorfrichter Adams Täuschungsstrategien lässt ihn in seiner Rolle als Täter und Schurke doppelbödig erscheinen, vor allem auch aufgrund seiner humorvollen Art der Kommunikation. Die von den SuS bearbeiteten Szenen in der dritten Aufgabe geben ihnen die Möglichkeit, zu reflektieren, inwieweit das Böse in literarischen Figuren vor allem dann wirksam die Aufmerksamkeit der Leser gewinnt, wenn diese Charaktere Räume für ambivalente Bewertungen zulassen. Dorfrichter Adams Erscheinungsbild sowie seine Tat erregen einerseits Ekel und Entrüstung bei Leserinnen und Lesern, andererseits entsteht eine gewisse Freude und Lust beim Lesen seiner immer komplexeren Lügengeschichten. An diese Ambivalenz schließt dann auch die Frage der weiterführenden Aufgabe an (siehe Hausaufgabe / weiterführende Aufgabe).

Das Thema Intertextualität in Der zerbrochne Krug ist in einer vertiefenden Bearbeitung für SuS für ihre weitere Lektüren im Deutschunterricht hilfreich, da ihnen intertextuelle Fragestellungen mit hoher Wahrscheinlichkeit auch in weiteren zu lesenden literarischen Texten begegnen werden. Der in gymnasialen Oberstufen häufig gelesene Roman Homo Faber. Ein Bericht (1957) von Max Frisch ist ein gutes Beispiel für eine moderne intertextuelle Bearbeitung des Ödipus-Stoffs.

Durch die Auseinandersetzung mit der Thematik des analytischen Dramas haben SuS außerdem die Möglichkeit, weitere Texte Kleists in ihren dramatischen Verfahren besser nachzuvollziehen. So geht es in der Erzählung Die Marquise von O… ebenfalls um ein aufzuklärendes vorheriges Geschehen, in diesem Fall um die Suche einer schwangeren Frau nach dem Erzeuger ihres noch ungeborenen Kindes.

Der Unterrichtsaufbau orientiert sich an den Rahmenlehrplänen Berlins und ist für die gymnasiale Oberstufe vorgesehen. Insbesondere die Auseinandersetzung mit literarischen Texten ist hier von entscheidender Bedeutung. Die Sozialformen sind divers, da sowohl Einzel-, Gruppen- und Partnerarbeit inkludiert sind. Das zentrale Lernziel für diese Unterrichtseinheit ist, das Konzept des analytischen Dramas anhand genauer Lektüre ausgewählter Textstellen anwendend zu verstehen und in Beziehung zur Hauptfigur Adam zu setzen.

Die Vorrede wird als texthistorische Kontextualisierung wie auch als inhaltlicher Aufhänger und Bindeglied zum sich anschließenden Ödipus-Thema verstanden. Dieser kurze Text exemplifiziert das für die Themen analytisches Drama und Ödipus zentrale Prinzip der Intertextualität (Aufgabe 1). Die SuS sollen hier über die Textart Vorrede in ihrer Funktion reflektieren und gleichzeitig ihre Reflexion in Beziehung zur Vorrede Kleists setzen. Neben der Sprache bei der mündlichen Mitarbeit sind insbesondere die fachbezogenen wie überfachlichen Arbeitsschwerpunkte des Sprechens und Zuhörens, des Lesens sowie der Auseinandersetzung mit Texten und anderen Medien entscheidend.

Die Folgeaufgabe, in der SuS in Paararbeit das analytische Drama als Enthüllungsdrama kontextualisieren sollen, orientiert sich im Rahmenlehrplan an dem Punkt „Verständigung mit anderen über verschiedene Sachverhalte“. Hier geht es vor allem darum, in einem zeitlich engen Rahmen in Paararbeit Begründungen und Thesen zu entwickeln und abwägend in ihrer Relevanz zu präsentieren.

Die darauffolgende Gruppenarbeit vertieft die Ergebnisse aus der vorherigen Aufgabe durch Textarbeit an ausgewählten Textauszügen. Diese zeigen die Figur Adam beim Vertuschen, Lügen oder Manipulieren. Hier muss also der Textinhalt mit „externen Wissensbeständen“ verknüpft werden. Die SuS sollen „den inhaltlichen Zusammenhang von Teilaspekten und dem Textganzen erschließen“. Sie erkennen anhand der Ausschnitte außerdem, wie sich das Enthüllungsmotiv durch das ganze Drama zieht. Durch diese Verknüpfung können sie das Spannungsverhältnis in Kleists Drama zwischen Enthüllung und Vertuschung einordnen und für weitere Diskussionen zur Folgestunde zum Thema Ödipus nutzen, vor allem, um die Differenz zwischen Adam und Ödipus zu verstehen.

In der Hausaufgabe sollen SuS die Ergebnisse aller Gruppen aus Aufgabe 3 mittels einer kurzen Charakterisierung Adams schriftlich zusammenfassen. Die weiterführende Aufgabe kann optional nach den zweiten 45 Minuten (mit Themenfokus Ödipus) angeboten werden. In dieser Aufgabe sollen SuS diskutieren, ob böse bzw. moralisch verwerfliche Figuren in literarischen Texten aus Rezipient*innensicht auch Lesarten legitimieren, die positive Eindrücke wie Sympathie akzentuieren. Diese auf Folgediskussionen angelegte Aufgabe eignet sich gut als Überleitung zu weiteren Unterrichtsthemen, deren Fokus auf gesellschaftspolitische Fragen liegt, z.B. auf die Unterrichtsthemen „Me Too“ oder „Vertrauen in Institutionen“.

Dieser Beitrag entstand im Rahmen des Hauptseminars Heinrich von Kleist, Der zerbrochne Krug – Abiturlektüre und Experiment, das Prof. Anne Fleig und Prof. Irene Pieper am Institut für Deutsche und Niederländische Philologie der Freien Universität Berlin gemeinsam mit der Staatsbibliothek zu Berlin im Wintersemester 2024/2025 angeboten haben. Erarbeitet von Qingyue Shi, Sebastian Kluge und Fatlind Lushaj.

Geeignet für

Schülerinnen und Schüler der gymnasialen Oberstufe

Voraussetzung

Textkenntnis des Dramas Der zerbrochne Krug von Heinrich von Kleist (mindestens eine Lektüre des gesamten Dramas)

Textgrundlage

Heinrich von Kleist: Der zerbrochne Krug. Studienausgabe. Hrsg. v. Bernd Hamacher. Ditzingen: Reclam, 2024

sowie Kleist Digital

Dauer der Sequenz

45 Minuten

Material

Arbeitsblätter: siehe Downloadbereich

Vorschlag für einen Ablauf

Einstieg: Brainstorming

15 Minuten

(10 Minuten Brainstorming inkl. Ausarbeitung; im Anschluss 5 Minuten Besprechung)

Aufgaben:

Welche Rolle und Funktion kann die Vorrede eines literarischen Texts haben?

Die SuS präsentieren ihre Antworten mündlich im Plenum.

1. Einzelarbeit – Die Vorrede in Der zerbrochne Krug

Im nächsten Schritt lesen die SuS die zuerst unveröffentlichte Vorrede zum Zerbrochnen Krug.

Parallel zeigt die Lehrkraft den Kupferstich, auf den in der Vorrede Bezug genommen wird. (Smartboard oder als Kopie in Papierform. )

Nach dem Lesen beantworten sie die Aufgaben in Stichpunkten.

Diesem Lustspiel liegt wahrscheinlich ein historisches Factum, worüber ich jedoch keine nähere Auskunft habe auffinden können, zum Grunde. Ich nahm die Veranlassung dazu aus einem Kupferstich, den ich vor mehreren Jahren in der Schweiz sah. Man bemerkte darauf – zuerst einen Richter, der gravitätisch auf dem Richterstuhl saß: vor ihm stand eine alte Frau, die einen zerbrochenen Krug hielt, sie schien das Unrecht, das ihr widerfahren war, zu demonstriren: Beklagter, ein junger Bauerkerl, den der Richter, als überwiesen, andonnerte, vertheidigte sich noch, aber schwach: ein Mädchen, das wahrscheinlich in dieser Sache gezeugt hatte (denn wer weiß, bei welcher Gelegenheit das Delictum geschehen war) spielte sich, in der Mitte zwischen Mutter und Bräutigam, an der Schürze, wer ein falsches Zeugniß abgelegt hätte, könnte nicht zerknirschter dastehen: und der Gerichtsschreiber sah (er hatte vielleicht kurz vorher das Mädchen angesehen) jetzt den Richter mistrauisch zur Seite an, wie Kreon, bei einer ähnlichen Gelegenheit, den Ödip, [gestrichen: als die Frage war, wer den Lajos erschlagen?] Darunter stand: der zerbrochene Krug. – Das Original war, wenn ich nicht irre, von einem niederländischen Meister.

Material

Arbeitsblatt (Pdf)

Le juge, ou la cruche cassée (Der Richter oder der zerbrochene Krug). Jean Jacques André Le Veau. Um 1800. bpk / Kupferstichkabinett, SMB / Jörg P. Anders

Der Kupferstich spielte eine zentrale Rolle bei der Entstehung von Der zerbrochene Krug. Im Jahr 1802 verabredeten Heinrich von Kleist, Heinrich Zschokke und Ludwig Wieland einen literarischen Wettstreit: Alle drei sollten das Motiv des Kupferstichs auf jeweils eigene Weise literarisch umsetzen – Zschokke als Erzählung, Wieland als Satire und Kleist als Lustspiel.

Im Zentrum sitzt ein Richter in prunkvoller Kleidung, der aufgeregt oder theatralisch gestikuliert, während eine Frau mit einer zerbrochenen Krughälfte in der Hand vor ihm steht. Weitere Figuren (u.a. der Kläger, ein junger Mann und Zuschauer) zeigen unterschiedliche Reaktionen: Staunen, Belustigung oder Entrüstung. Die Szene wirkt leicht humorvoll und bühnenhaft, der Krug als beschädigter Alltagsgegenstand wird als Beweisstück präsentiert.

1. Zentrale Gerichtsszene um einen zerbrochenen Krug:
Der Kupferstich zeigt eine humorvolle Gerichtsszene, in der ein zerbrochener Krug als Beweisstück präsentiert wird – genau wie im Zentrum von Kleists Drama, in dem der Prozess wegen eines zerbrochenen Krugs verhandelt wird.

2. Richterfigur als Teil des Konflikts:
Im Kupferstich steht der Richter im Mittelpunkt, ähnlich wie Adam in Kleists Drama, der gleichzeitig Richter und der eigentliche Verursacher des Schadens ist. Die Illustration zeigt bereits die Möglichkeit, dass das Gericht und der Richter selbst in die lächerliche Situation verwickelt sind.

3. Komödiantische Darstellung des Alltäglichen:
Beide Werke behandeln ein alltägliches Objekt (den Krug) als Anlass für ein öffentliches Verfahren, wodurch soziale und moralische Spannungen sichtbar werden. Das Alltägliche wird zur Bühne für menschliche Schwächen und das Versagen der Justiz.

Aufgaben:

  1. Erfüllt Kleists Vorrede Ihre Erwartungen an eine Vorrede?
  2. Was ist auffällig bzw. ungewöhnlich an Kleists Vorrede? Beziehen Sie dabei auch den Kupferstich von Jean-Jacques le Veau mit ein.
  3. In Kleists Vorrede gibt es eine wichtige Referenz zu einem anderen literarischen Text. Um welchen Text handelt es sich und wie wird diese Referenz hergestellt?

Hinweis

Handschrift der Vorrede zu Kleists Der zerbrochne Krug

In der Handschrift der Staatsbibliothek, die um 1806 entstand, ist die Vorrede zum Zerbrochenen Krug enthalten. In der Erstausgabe, die 1811 erschien, wurde die Vorrede nicht abgedruckt, erst nach Kleists Tod wurde sie zum ersten Mal veröffentlicht.

Die Ergebnisse werden entweder an der Klassentafel oder an einer digitalen Tafel (z.B. Padlet) gesammelt.

Nach dem Sammeln der Ergebnisse führt die Lehrkraft mit Bezug auf die 3. Frage den Begriff der Intertextualität als ein zentrales Thema dieser Unterrichtstunde mit einem kurzen Zitat ein:

„I[ntertextualität] bezeichnet die Eigenschaft von insb[esondere] literar[ischen] Texten, auf andere Texte bezogen zu sein […]. Daß ein literarischer Text nicht in einem Vakuum existiert, ist seit langem bekannt.”

(Richard Aczel: „Intertextualität und Intertextualitätstheorien” in: Metzler Lexikon Literatur- und Kulturtheorie. Ansätze – Personen – Grundbegriffe. Hrsg. v. Ansgar Nünning. 3. aktualisierte u. erweiterte Auflage. Stuttgart: Metzler, 2004. S. 299.)

10 Minuten

(5 Minuten Ausarbeitung, 5 Minuten Präsentation)

2. Paararbeit – Einführung in das analytische Drama

Die Lehrkraft präsentiert den SuS eine kurze Definition zum analytischen Drama.

Hinweis

Das in der Vorrede erwähnte Drama König Ödipus von Sophokles gilt als Urform des analytischen Dramas.

Ein analytisches Drama ist eine „Dramenform, für die ein bestimmtes Handlungsschema kennzeichnend ist: entscheidende Ereignisse, die den dramat[ischen] Konflikt begründen, werden als vor dem Beginn der Bühnenhandlung geschehen vorausgesetzt.”

(Rose Schäfer-Maulbetsch: „Analytisches Drama” in: Günther u. Irmgard Schweikle (Hgg.): Metzler Literatur Lexikon. Stichwörter zur Weltliteratur. Stuttgart: Metzler 1984. S. 13.)

Im Anschluss werden Paare für die Bearbeitung folgender Aufgaben gebildet.

Aufgabe:

  1. Analytische Dramen werden auch „Enthüllungsdramen” genannt. Warum?
  2. Welche Figuren in Kleists Drama suchen Enthüllung? Wie unterscheidet sich ihre Motivation bzw. Strategie?

Die SuS sammeln in Paararbeit die Ergebnisse schriftlich auf dem Arbeitsblatt und präsentieren diese mündlich im Plenum.

20 Minuten

(10 Minuten Ausarbeitung, 10 Minuten Präsentation)

3. Gruppenarbeit – Vertiefung: Die Figur des Dorfrichter Adam arbeitet gegen Enthüllung und Aufklärung

Die SuS werden in fünf Gruppen aufgeteilt.

Die Lehrkraft formuliert folgende These im Plenum:

Die Hauptfigur Dorfrichter Adam verhält sich in seinem Handeln so, dass er gegen Enthüllung und Aufklärung arbeitet.

Aufgabe:

Suchen Sie in dem zu Ihrer Gruppe zugeordneten Textauszug in Kleists Drama Belege zur genannten These. Beschreiben Sie dabei genauer, wie Adam vorgeht und finden Sie Begriffe, die sein Handeln und Verhalten gut beschreiben bzw. zusammenfassen.

Gruppe 1:
1. Auftritt, Z. 1-65

Gruppe 2:
9. Auftritt, Z 1200-1279

Gruppe 3:
10. Auftritt, Z 1453-1503

Gruppe 4:
11. Auftritt, Z 1625-1664

Gruppe 5:
11. Auftritt, Z 1710-1780

Die Gruppenmitglieder sammeln ihre Ergebnisse schriftlich auf dem Arbeitsblatt und präsentieren im Anschluss ihre Ergebnisse mündlich im Plenum.

ca. 30 Minuten

Hausaufgabe

Aufgabe:

Verfassen Sie ausgehend von allen Ergebnissen der fünf Gruppen in Aufgabe 3 eine schriftliche Charakterisierung Adams, die sein Vorgehen, gegen Enthüllung anzuarbeiten, akzentuiert und beschreibt (max. 200 Wörter).

Hinweis

Hier könnte den SuS ergänzend zur Hausaufgabe bzw. zur erweiternden Aufgabe auch folgendes Zitat aus Wolfgang Schadewaldts Artikel zur Verfügung gestellt werden:

„Der Dorfrichter Adam weiß sehr wohl, was er getan hat, und genötigt, die Wahrheit pflichtgemäß als Richter aufzudecken, sucht er sie auf alle Weise zu verhüllen, um seine armselige Existenz zu retten. Kommt auf dem Wege des Ödipus als Vorbote des sich vollendenden Schicksals der tragische Schrecken und Schauder herauf – zumal in der großen Szene mit Iokaste -, so sitzt dem Dorfrichter die kleinliche Angst im Nacken, die ihn nur um so erfinderischer in der Lüge macht. Denn dem großen Wahrheitswillen des Ödipus entspricht Adam ein fast schrankenloser Wille zur Lüge. Ja, man kann zu seinen Gunsten sagen, daß dieser Adam mit allen seinen Finten, Ausflüchten, Lügen und wieder Lügen, die sich phantastisch zu Überlügen steigern, eine Art Dämonie des Lügens an sich hat, die der Dämonie des Wahrheitswillens in Ödipus entspricht. Und weil Adam nicht lediglich kalt und zweckvoll lügt, sondern als ein phantastisch von dem Lügendämon Ergriffener, hat sein Lügen so etwas wie – nicht Größe, aber doch: Vitalität. Mit dieser Vitalität hat Richter Adam in all seiner Verschmitztheit einen Grundzug des Naiven und ist und bleibt so etwas wie ein Kerl, der trotz allem nicht widerwärtig wird, sondern mit seinen unerschöpflichen Einfällen anspricht und zu seinem Teil sogar unsere Sympathie hat.“

Schadewaldt, Wolfgang: “Der zerbrochene Krug” von Heinrich von Kleist und Sophokles’ “König Ödipus.” in: Walter Müller-Seidel (Hrsg.): Heinrich von Kleist: Aufsätze und Essays. Darmstadt 1967. (Wege der Forschung 147). S. 317-325.

Textauszug als Download (Pdf)

ca. 30 Minuten

Weiterführende Aufgabe

Aufgabe:

Dorfrichter Adam hat mehrere Dinge getan, für die er aus heutiger Sicht juristisch verurteilt werden müsste. Nichtsdestotrotz gestaltet Kleist die Figur so, dass die Leserinnen und Leser die Art seiner Kommunikation oft lustig und kreativ finden. Darf/Kann ich mir als Leserin / als Leser die Freiheit nehmen, zur Adam-Figur Sympathie zu entwickeln, obwohl seine Taten zu verurteilen sind?

Formulieren Sie einzelne Pro- und Contra-Argumente zu dieser Frage in kurzen Texten (pro Argument einen Text von ca. 100-200 Wörtern).

Vorschlag für die Folgestunde

Die Vorschläge beziehen sich auf die Folgestunde nach Abschluss der gesamten thematischen Einheit, also nach Abschluss des Ödipus-Themas.

Eine Folgestunde kann bei der Hausaufgabe ansetzen und vertiefend die Thematik der literarischen Figur, die ihre Macht auf unterschiedliche Weise missbraucht, der aber ein hohes Maß an Humor hat als auch viel kreative Impulsivität demonstriert. Hieran könnten weitere Lehreinheiten anschließen, wie z.B. die Lehreinheiten über das Thema „MeToo“ oder „Vertrauen in Institutionen“.

Ergänzend könnten SuS das Theaterstück Der zerbrochne Krug in der aktuellen Aufführung des Deutschen Theaters Berlin (Theater oder Filmversion) unter der Regie von Anne Lenk anschauen und vergleichen, inwieweit sich die Charakterisierung der Figuren mit denen aus den eigenen Lektüreerfahrungen deckt.

Download

Literaturangaben

Literaturhinweis zu Kleists Biographie:

Gerhard Schulz: Heinrich von Kleist. Eine Biographie. München: C.H. Beck, 2016.

(Diese Biographie zeichnet sich unter der Fülle der Kleist-Biographien vor allem dadurch aus, dass sie den Mangel an biographischen Dokumenten zu Kleist nicht mit überbordenden Interpretationen zur Person Kleist zu füllen sucht. Dies ermöglicht es den Leserinnen und Leser, sich Kleists Texten offen und unvoreingenommen zu nähern.)

Literaturangaben:

Aczel, Richard: „Intertextualität und Intertextualitätstheorien” in: Metzler Lexikon Literatur- und Kulturtheorie. Ansätze – Personen – Grundbegriffe. 3. aktualisierte u. erweiterte Auflage. Hrsg. v. Ansgar Nünning. Stuttgart: Metzler, 2004. S. 299-301.

Bisky, Jens u. Kluge, Alexander: „Ein Gewitterleben. Jens Bisky im Gespräch mit Alexander Kluge über Heinrich von Kleist.“ In: Alexander Kluge: Heinrich von Kleist – Ein Gewitterleben. Göttingen: Wallstein, 2023 S. 163-174. [zuerst gesendet in der Reihe News & Stories, 31.7.2011. Sat.1].
von Brand, Tilman: Deutsch unterrichten. Einführung in die Planung, Durchführung und Auswertung in den Sekundarstufen. 8. Aktualisierte Auflage. Hannover: Kallmeyer, 2022.

Frisch, Max: Homo Faber. Ein Bericht. Frankfurt: Suhrkamp, 1957.

Goethe, Johann Wolfgang von: Iphigenie auf Tauris. Studienausgabe. Hrsg. v. Rüdiger Nutt-Kofoth. Ditzingen: Reclam, 2014.

Häckl, Barbara: Heinrich von Kleist. Der zerbrochne Krug. Reclam Literaturunterricht: Sachanalysen, Stundenverläufe, Arbeitsblätter. Ditzingen: Reclam, 2024.

Keller, Gottfried: Romeo und Julia auf dem Dorfe. Hrsg. v. Wolfgang Pütz. Reclam: Ditzingen, 2021. [Reclam XL Text und Kontext]

Kleist, Heinrich von: Der zerbrochne Krug. Studienausgabe. Hrsg. v. Bernd Hamacher. Ditzingen: Reclam, 2024.

Kleist, Heinrich von: Penthesilea. Ein Trauerspiel. Studienausgabe. Hrsg. v. Ulrich Port. Ditzingen: Reclam, 2012.

Kleist, Heinrich von: Die Marquise von O…: in: Heinrich von Kleist. Sämtliche Erzählungen. Studienausgabe. Hrsg. v. Andrea Bartl. Reclam: Ditzingen, 2013. S. 122-169.

Kosenina, Alexander: Nachwort und Anmerkungen zu Heinrich von Kleists Der zerbrochne Krug. in: Kleist, Heinrich von: Der zerbrochne Krug. Studienausgabe. Hrsg. v. Bernd Hamacher. Ditzingen: Reclam, 2024.

Pfister, Manfred: Das Drama. Theorie und Analyse. 11. Auflage. Stuttgart: UTB Verlag, 2011.

Schadewaldt, Wolfgang: „“Der zerbrochene Krug” von Heinrich von Kleist und Sophokles’ “König Ödipus.” in: Walter Müller-Seidel (Hrsg.): Heinrich von Kleist: Aufsätze und Essays. Darmstadt, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 1967. (Wege der Forschung 147). S. 317-325. [erstmals in Wolfgang Schadewaldt: Hellas und Hesperien. Zürich/Stuttgart: Artemis, 1960. S. 843-850].

Schäfer-Maulbetsch Rose: „Analytisches Drama” in: Günther u. Irmgard Schweikle (Hgg.): Metzler Literatur Lexikon. Stichwörter zur Weltliteratur. Stuttgart: Metzler, 1984. S. 13.

Schulz, Gerhard: Heinrich von Kleist. Eine Biographie. München: C.H. Beck, 2016.

Sophokles: König Ödipus. Übersetzung von Kurt Steinmann. Hrsg. v. Mario Leis. Ditzingen: Reclam, 2021.