Neuer Berliner Feiertag und 100 Jahre Frauenwahlrecht – das feiern wir mit einem Kultur-Hackathon in der Staatsbibliothek zu Berlin!

Wir suchen Entwickler*innen, Kreative und Wissenschaftler*innen, die unsere frei nutzbaren Datensätze phantasievoll zum Leben erwecken: Wie steht es um die Sichtbarkeit von Frauen in Kulturdaten? Wo stoßen wir in Bibliotheken auf Geschlechter-Stereotypen? Wie wird Gender in historischen Dokumenten konstruiert und repräsentiert?

Zu diesen Themen finden sich beim Hackathon spontan Teams zusammen und entwickeln spielerische und innovative Projekte. Erlaubt ist dabei alles: Apps, Visualisierungen oder spannende Experimente, solange die Ergebnisse unter freien Lizenzen stehen. Und: Besonders herausragende Projekte werden prämiert!

Anlass

Vor hundert Jahren erlangten Frauen in Deutschland durch das Wahlrecht eine gleichberechtigte Bedeutung als Bürger*innen. Und der Internationale Frauentag, der seit diesem Jahr offizieller Berliner Feiertag ist, rückt das Augenmerk auf die Sichtbarkeit und die Rolle von Frauen in der Gesellschaft. Aber was bedeutet Sichtbarkeit und Gleichberechtigung überhaupt? Wie kommt es, dass Konstruktionen und Zuschreibungen von Geschlecht damit zusammenhängen und dies bedingen?

Motivation

Im Alltag stoßen wir ständig auf stereotype Vorstellungen und Andersbehandlungen aufgrund von Kategorisierungen nach Geschlechtern. Doch oft werden diese Kategorisierungen gar nicht bewusst vorgenommen und stehen unreflektiert im Hintergrund bestimmter Aussagen oder Handlungsweisen. Unser Anliegen ist es, solche Strukturen auch an Kultur- und Bibliotheksdaten sichtbar zu machen. Es geht also um Fragen der Kanonisierung von Werken und Autor*innen, der Klassifizierung von Inhalten, aber auch des Diskurses über Geschlecht in den Kulturobjekten selbst.

Was verstehen wir unter Gender?

Thematisiert werden kann alles, was mit der theoretischen und sozialen Konstruktion und Zuschreibung von Geschlecht (Gender) zu tun hat. Bei der Auswahl der Datensets liegt ein besonderer Fokus auf der Sichtbarkeit und Konstruktion von Frauenrollen. Dies ist durch die historischen Kulturdaten und den ihnen zugrundeliegenden Diskurs bedingt, in dem Frauen – bzw. alle nicht-männlichen Geschlechter, sofern überhaupt über eine binäre Geschlechterkonzeption hinausgedacht wird – als Abweichung von der männlichen Norm begriffen werden. Daher werden gerade im Diskurs über die angebliche Andersartigkeit von Frauen die Konstruktionsmechanismen von Geschlechterrollen überhaupt besonders deutlich.

Warum ein Hackathon?

Diese Fragen können und sollen durch wissenschaftliche und gesellschaftliche Debatten erforscht und diskutiert werden. Wir möchten aber durch die Veranstaltungsform des Hackathons darüber hinaus mit einem neuen, unvoreingenommenen Blick an die Kulturdaten herangehen und im kreativen Umgang mit ihnen neue Perspektiven eröffnen. Gerade durch den spielerischen Umgang kann die Aufmerksamkeit auf Dinge gelenkt werden, die sonst leicht übersehen würden; und indem kreative Anwendungen entstehen, öffnet sich der Diskussionsraum über die kulturbewahrenden und wissenschaftlichen Einrichtungen hinaus und lädt alle zum mitdenken und mitmachen ein.

Interessiert?

Die Zahl der Plätze ist begrenzt, deshalb schnell anmelden – spätestens bis zum 15. Juli!

 

„Möge das Werk dazu beitragen, dem Radfahrsport bei der deutschen Damenwelt immer mehr Eingang zu verschaffen und möge es ihm gelingen, die sich noch ablehnend verhaltenden Kreise für denselben zu gewinnen.”


Carl Fressel: Das Radfahren der Damen. S. VIII.

„Selten erlauben es die Kräfte einer Selbstbefleckerin, ihr Kind selbst zu säugen, und wenn dieses doch wäre, so wird nie ihre Milch dazu tauglich seyn.”


Johann Georg Klees: Ueber die weiblichen Brüste. S. 17.

„Wahre Mütterlichkeit umfaßt, wie ein Prisma die Farben, alle Weibtugenden in sich.”


Emanuele L.M. Meyer: Vor heiligen Toren: Ein Aufklärungsbuch der Jugend zum Eintritt ins Leben und in den sittlichen Kampf. S. 104.

„Betrachtet Mann und Weib; das Geschlechtsverhältnis tritt immer zwischen sie; alle ihre Empfindungen knüpfen sich an diesen Instinkt.”


Christian August Fischer: Ueber den Umgang der Weiber mit Männern. S. 47.

„[W]as der Ausbreitung des Wanderns unter der weiblichen Jugend entgegentritt, das ist nicht wirkliche Gegnerschaft, die das Wandern an sich verurteilt; zu überwinden sind nur Vorurteile von früher, so z. B. daß das junge Mädchen nur ins Haus gehöre, weiter die Abneigung gegen das Ungewohnte, und manchmal wohl auch die liebe Bequemlichkeit. […] Wandern heißt ‘auf eigenen Füßen gehen, mit eigenen Augen sehen und sich einen frohen Sinn bewahren’.”


Elise von Hopffgarten [Hg.]: Das Pfadfinderbuch für junge Mädchen. S. 149.

„Mehr und mehr stellte es sich heraus, daß die Probleme und Fragen, die in der Frauenbewegung liegen, […] als ein Teil der ganzen sozialen, wirtschaftlichen und politischen Lage zu betrachten seien.”


Minna Cauer: 25 Jahre Verein Frauenwohl. S. 15.

„Wenn ein fraw einenn grossen bauch gewindt auff der rechten seiten (und ist) stets rotfarb vnderm angesicht, ist (das) ein gewis zeychen eines knäblins. So sie aber ein meydlin treget, ist sie gewonlich bleychfarb vnderm angesicht vnd schwermütig.”


Die Heimlichkeiten Alberti Magni, allen Hebammen und kindbaren Frauen dienlich. Bl. IIv.

„An der Spitze der Verfrauenzimmerung marschieren die Vereinigten Staaten, die wahrlich gut täten, ihre berühmte Freiheitsstatue im Hafen zu New York umzustürzen, da das souveräne Yankeevolk der schimpflichsten und lächerlichsten aller Arten der Sklaverei verfallen ist: der Untertänigkeit unter seine eigenen Weiber.”


Benedict Friedlaender [Hg.]: Über die Weiber. S. 3.

„Die Studentinnen selber werden ihre akademische Vorbereitung fürs Leben in einem ganz anderen Sinne betreiben können, wenn sie aus ihrer passiven Haltung heraustreten […] und mit den Kommilitonen zusammen arbeiten an einer Umwandlung des akademischen Lebens nach modernen Prinzipien.”


Julie Ohr: Die Studentin der Gegenwart. S. 42.

„Werden sie also vorzeitig durch Onanie oder geschlechtlichen Verkehr in Anspruch genommen, so [die Hoden] erzeugen sie zu wenig Blutstoffe, und die Folge hiervon sind krankhafte Zustände nahezu für das ganze Leben hindurch.”


Julian Marcuse: Geschlechtliche Erziehung in der Familie. S. 16.

„Es ist demnach eine Sache von keiner geringen Wichtigkeit, sich gegen das gefährliche weibliche Geschlecht wohl zu verwahren. Wer sich ohne diese Fürsichtigkeit hinaus in die Welt begiebet, ist weder seines Vermögens, noch seiner Person, eines Tages versichert; sondern in augenblicklicher Gefahr, den weiblichen Geyern in Pfauen-Federn in die glänzenden Klauen zu gerathen.“


Johann Adolf Scheibe: Misogynis wohlgegründete Ursachen, das weibliche Geschlecht zu verachten. Vorrede.

„Weil aber auch der beste und volkreichste Staat ohne Frau schon in der zweiten Generation aussterben müßte, entschlossen sich die Männer, ihr ein Fleckchen innerhalb der Männerschöpfung einzuräumen, den kleinen Bezirk praktischer Bevölkerungspolitik, denn Kinderproduktion ohne Beihilfe der Frau ist bis auf den heutigen Tag ein unmögliches Ding geblieben.”


Carry Brachvogel: Eva in der Politik. S. 5.

„Für uns Frauen, – für uns, die wir erst seit so kurzem studieren dürfen, […] bedeutet [das Studium] keine Askese und keine Schreibtischexistenz. […] Wir treten ja damit nun grade mitten in den Kampf hinein, – um unsre Freiheit, um unsre Rechte, – mitten hinein in das Leben!“


Lou Andreas-Salomé: Fenitschka. S. 19.

„Es werden neben und nach mir aber noch manche Komponistinnen […] erscheinen und die Musik-Geschichte wird später wohl auch einmal von dem Wirken der Damen auf diesem Gebiet Notiz nehmen wollen.”


Brief von Luise Adolpha Le Beau an die Königliche Bibliothek vom 30.06.1896

„Daß Frauen nicht männlicher Muth und Tapferkeit eigen ist, und daß sie darauf auch keinen Werth legen sollen, erkannte man, wie heutigen Tages, auch schon (im griechischen Heldenzeitalter) allgemein; dessenungeachtet finden sich doch Spuren von männlichem Heldenmuth unter weiblichen Seelen, immer aber blieb, wie die Ordnung der Natur es mit sich bringt, das Weib der schutzbedürftige, der Mann der schutzverleihende Theil.“


Friedrich David Nicolas: Denkwürdige Frauen der Griechen und Römer. S. 6.

Programm

Veranstaltungsort: Staatsbibliothek zu Berlin, Simón Bolívar-Saal, Potsdamer Straße 33, 10785 Berlin

Mittwoch, 28. August

Einführung & Kennenlernen

Ab 15:30Ankommen, Kaffee
16:00Begrüßung, Präsentation der Datensets
18:00Kennenlernen der Teilnehmenden, Ideenfindung und Teambildung bei Snacks & Getränken, Beginn der Projektarbeit
Spätestens 21:00Ende

Donnerstag, 29. August

Hacken

Ab 9:00Projektarbeit
Spätestens 21:00Ende

Freitag, 30. August

Endspurt & Preisverleihung

Ab 9:00Projektarbeit
12:30Mittagspause
13:30Ergebnispräsentationen der Teams
15:00Kaffeepause & Jurysitzung
16:00Preisverleihung
17:00Ausklang

FAQs

Was ist ein Hackathon?

Bei unserem Hackathon erwecken Teams Kulturdaten zu ungeahntem Leben. In zweieinhalb Tagen werden kleine Apps entwickelt, Websites entworfen, Dienste oder Spiele erstellt. Als Basis stellen wir dafür kuratierte offene Daten der Staatsbibliothek zur Verfügung und machen nur eine einzige Vorgabe für die Ergebnisse: Sie müssen unter einer freien Lizenz stehen. Spannend wird der Hackathon vor allem dadurch, dass sich die Teams erst vor Ort spontan zusammenfinden. Was passiert also mit Digitalisaten und bibliothekarischen Metadaten, wenn Personen mit unterschiedlichem fachlichen und persönlichen Hintergrund sie zum Leben erwecken? Welche innovativen Ideen werden umgesetzt, was kann aus Kulturdaten werden und wer kann mit den Ergebnissen erreicht werden?

Wer kann bei Coding Gender mitmachen?

Alle, die sich für die Themen Gender, Geschlechterstereotype, Feminismus interessieren und Spaß an der gemeinsamen und innovativen Arbeit mit Kulturdaten haben! Alle, die gerne interdisziplinär arbeiten und andere Sichtweisen kennenlernen möchten. Alle, die technikaffin sind. Alle klugen oder kreativen Köpfe. Alle, die sich für Kultur interessieren und Bibliotheken schätzen. Alle, die von 28.-30. August in Berlin sind und sich rechtzeitig anmelden!

Muss ich programmieren können?

Natürlich freuen wir uns über die Teilnahme von IT-Cracks, aber beim Hackathon sollen in den Teams unterschiedliche Kompetenzen vertreten sein. Auch Menschen ohne Programmierkenntnisse sind also herzlich willkommen! Wer  besonders kulturinteressiert ist oder sich in der Genderforschung auskennt, trägt dann vor allem inhaltlich viel bei. Wer kreativ ist und Spaß an Design hat, übernimmt den grafischen Teil etc..

Wie melde ich mich an?

Weil die Teilnehmendenzahl beschränkt ist, sind verbindliche Anmeldungen bis zum 15. Juli unbedingt nötig. Dafür kann entweder das Formular auf der Website ausgefüllt werden oder eine Mail an fachinfo@sbb.spk-berlin.de geschickt werden. Wichtig sind dabei folgende Angaben: Name, Mailadresse und ein paar Worte zum persönlichen Hintergrund. Damit während des Hackathons nämlich passende Teams zusammenfinden können, behalten wir bereits im Vorfeld im Blick, wer gut coden kann, wer Entwickler*in ist, wer ein Blick für das Schöne hat oder wer wissenschaftlichen Input geben und unsere Daten kontextualisieren kann.

Wie funktioniert das Bilden der Teams?

Die Teams bilden sich am Nachmittag des ersten Hackathon-Tages, nachdem wir unsere Datensets präsentiert haben. Mit den ersten Ideen im Kopf und in lockerer Runde finden sich dann Gleichgesinnte zusammen, die sich für ähnliche Themen und Datensets interessieren. Die Teilnehmenden kommen also als Einzelpersonen in die Staatsbibliothek und entscheiden vor Ort selbst, mit wem und in welchen Konstellationen welches Projekt entwickelt werden soll.

Was verstehen wir unter Gender?

Mit Gender meinen wir die theoretische und soziale Konstruktion von Geschlecht. In unseren Daten wird – aufgrund ihres historischen Kontextes – das männliche Geschlecht meist als Norm dargestellt und davon ausgehend wird das weibliche Geschlecht häufig als Abweichung beschrieben. Nur in wenigen Fällen werden nicht-binäre Geschlechterkonzepte überhaupt erwähnt. Anhand der Datensets sollen beim Hackathon die Themen Gender, Zuschreibung, Normierung und Transgression von Geschlechterrollen auf kreative Weise behandelt werden.

Weitere Details folgen in den nächsten Wochen.

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