PRESSEEINLADUNG | BUSONI. Freiheit für die Tonkunst!

Der Komponist, Klaviervirtuose, Dirigent und Musiktheoretiker Ferruccio Busoni (1866–1924) zählt zu den herausragenden Künstlerpersönlichkei-ten seiner Epoche. Neben Arnold Schönberg, Igor Strawinsky und Béla Bartók und Paul Hindemith gilt er als Wegbereiter der Neuen Musik. In vielen seiner Kompositionen streift er die Atonalität der zeitgenössischen Avantgarde, seine Ästhetik kulminiert in der Vision einer freien Musik. Sein nachhaltiger Einfluss auf die Kunst und die Musik des 20. Jahrhunderts macht ihn zu einer der zentralen Figuren der Moderne.

Aus Anlass von Busonis 150. Geburtstag präsentiert die Stiftung Preußischer Kulturbesitz mit dem Staatlichen Institut für Musikforschung, der Staatsbibliothek zu Berlin und der Kunstbibliothek der Staatlichen Museen zu Berlin eine umfassende Ausstellung zu Leben und Werk des Komponisten. Im Mittelpunkt steht der Busoni-Nachlass der Staatsbibliothek zu Berlin mit mehr als 9.000 Briefen, die Busoni mit bedeutenden Protagonisten der europäischen Moderne wechselte. Eine zentrale Rolle spielen auch die Sammlungsbestände der Kunstbibliothek. Busoni besaß eine umfangreiche Bibliothek und eine erlesene Kunstsammlung. Gezeigt werden Prachtexemplare der Buchkunst und Grafik sowie einzelne Werke von Künstlern, die für Busoni eine besondere Rolle gespielt haben.

Wir laden Sie herzlich ein zur

Pressekonferenz und Vorbesichtigung
Freitag, 2. September 2016
um 11.00 Uhr
Kunstbibliothek am Kulturforum, Matthäikirchplatz, 10785 Berlin

Es erwarten Sie
Hermann Parzinger, Präsident Stiftung Preußischer Kulturbesitz
Moritz Wullen, Direktor Kunstbibliothek – Staatliche Museen zu Berlin
Thomas Ertelt, Direktor Staatliches Institut für Musikforschung
Barbara Schneider-Kempf, Generaldirektorin Staatsbibliothek zu Berlin

Im Anschluss laden Sie die Kuratoren Michael Lailach, Kunstbibliothek – Staatliche Museen zu Berlin, und Marina Gordienko, Musikabteilung – Staatsbibliothek zu Berlin, zu einem Rundgang durch die Ausstellung ein.

Anmeldung bitte bis 1. September 2016 unter: herzog@sim.spk-berlin.de
Weitere Informationen zur Ausstellung unter: www.simpk.de/busoni

Humboldts Bilder – Wissenschaft als Kunst. Werkstattgespräch am 14.9.

Wissenswerkstatt
Humboldts Bilder – Wissenschaft als Kunst
Werkstattgespräch mit Prof. Dr. Oliver Lubrich (Universität Bern)

Mittwoch, 14. September
18.15 Uhr
Schulungsraum im Lesesaal, Haus Potsdamer Straße
Treffpunkt in der Eingangshalle (i-Punkt)

Eintritt frei, Anmeldung erbeten

 

Alexander von Humboldt ist bekannt als Autor des Kosmos und der Ansichten der Natur, als “Zweiter Entdecker Amerikas” und als Protagonist der “Vermessung der Welt”. Weniger bekannt ist, dass der Naturforscher und Reiseschriftsteller auch Zeichner und Graphiker war. Seine Schriften enthalten mehr als 1.500 Abbildungen. Als Ethnologe skizzierte er Menschen, Gebäude und Alltagsgegenstände. Als Botaniker, Zoologe und Anatom zeichnete er Pflanzen, Tiere und Körperdetails. Als Geologe, Geograph und Kartograph erfasste er Gebirge, Gewässer und Kontinente. In Humboldts Bildern wird die Wissenschaft zur Kunst und die Kunst zur Wissenschaft. Oliver Lubrich macht Alexander von Humboldts Graphisches Gesamtwerk erstmals zugänglich.

Alle Veranstaltungen der Wissenswerkstatt.

Wer übersetzte „Die Dämonen“ für Dostojewskis Sämtliche Werke beim R.-Piper-Verlag?

Gastbeitrag von Dr. Galina Potapova

Ein kleiner Fund in der Handschriftenabteilung der Staatsbibliothek zu Berlin wirft ein neues Licht auf die frühe Phase der Arbeit an den Sämtlichen Werken von Fjodor Dostojewski , die unter der Herausgeberschaft von Arthur Moeller van den Bruck ab 1906 beim R.-Piper-Verlag in München erschienen und das Dostojewski-Bild im Deutschland des 20. Jahrhunderts weitgehend prägten.

In der Forschung wurde bisher angenommen, frühe Manuskripte der Übersetzungen für die Pipersche Ausgabe existieren nicht mehr. Der Nachlass von Moeller van den Bruck in der Staatsbibliothek ist nämlich nur ein Teilnachlass. Der größere Teil wurde wahrscheinlich durch die Luftangriffe in Berlin am Ende des 2. Weltkriegs vernichtet. Was heute in der als „Notizen zur Herausgabe der Werke Dostojewskis“ betitelten Mappe des Teilnachlasses in der SBB liegt, sind nur wenige Blätter mit chronologischen Verzeichnissen und weiteren begleitenden Materialien. Für ewig verloren sind auch die meisten frühen Materialien zur Dostojewski-Ausgabe im historischen Archiv des Piper-Verlags  (heute im Deutschen Literaturarchiv Marbach, DLA): Ein Bombentreffer zerstörte während der Luftangriffe auf München das ganze Verlagsgebäude.

Um so wertvoller sind einige Fragmente der Übersetzung, die im Berliner Teilnachlass Moellers doch erhalten sind. Sie liegen aber nicht in der Mappe „Notizen zur Herausgabe der Werke Dostojewskis“, sondern verstecken sich unter den „Gedichtentwürfen“ und „Notizen zu Verschiedenem“ der zweiten Ehefrau Moellers, Lucy Moeller van den Bruck (geborene Kaerrick; geb. 1877 in Pernau, damals Livland, eine der ostseeischen Provinzen des Russischen Reiches; gest. 1965 in Berlin-Wilmersdorf).

Auf den Vorderseiten dieser fünf Blätter stehen Lucys Notizen, die den im Nachlassverzeichnis benannten Rubriken entsprechen. Die durchgekreuzten Rückseiten gehörten ursprünglich zum Manuskript der „Dämonen“. Das ist ebenfalls die Hand von Lucy Moeller van den Bruck. Alle fünf Seiten, die mit den Zahlen 681, 683, 685, 688 und 689 paginiert sind, stammen aus dem 3. Kapitel des 3. Teils des Romans.

Handschriftenabteilung der SBB, Nachlass Moeller van den Bruck, Arthur. Kasten 12, Mappe 11

Lucys Sofortkorrekturen treten in großer Menge auf. Stilistische Korrekturen von Arthur Moeller van den Bruck bilden die zweite Handschriftenschicht. Die Textgestalt, die im Endeffekt entsteht, entspricht dem Text der „Dämonen“-Ausgabe von 1906. „Die Dämonen“ erschienen damals als erstes Werk in der ganzen Piperschen Ausgabe. Mit dem Fund in der Handschriftenabteilung haben wir nun also ein kleines handschriftliches Fragment dieses Erstlings-Bandes.

Der Wert dieses Fundes ist nicht nur museal. Die entdeckten fünf Blätter tragen auch zur literarhistorischen Forschung bei. Sie helfen bei der Klärung der Frage, von wem in der frühen Phase der Arbeit an der Piperschen Ausgabe die Übersetzung eigentlich geleistet wurde, die unter dem Pseudonym „E. K. Rahsin“ erschien. Für gewöhnlich setzt man diesen erfundenen Namen mit der jüngeren Schwester von Lucy Moeller van den Bruck gleich: Elisabeth (Less) Kaerrick (1886-1966). Christoph Garstka wies in seiner Monographie „Arthur Moeller van den Bruck und die erste deutsche Gesamtausgabe der Werke Dostojewskijs im Piper-Verlag“ (Frankfurt am Main [u. a.], 1998) darauf hin, dass man mit solcher Gleichsetzung vorsichtig sein muss, wenn man von den Erstausgaben der Dostojewski-Bände redet. Garstka äußerte eine Hypothese, dass am Prozess der Übersetzung neben Less Kaerrick verschiedene Personen teilnahmen, u. a. Lucy Moeller van den Bruck.

Mit dem Fund in der Handschriftenabteilung der SBB kann die Mitarbeit (d. h.  z u m i n d e s t  die Mitarbeit) Lucys an der Übersetzung der „Dämonen“  als bewiesen gelten. Wenn man diesen Fund gleichzeitig mit einigen anderen, biographischen Zeugnissen analysiert, kann man weiter gehen und sich fragen: Ist die bisher als selbstverständlich angenommene These, dass auch die jüngere Schwester, Less Kaerrick, von Anfang an für die Pipersche Dostojewski-Ausgabe als Übersetzerin tätig war, wirklich gültig?

Eine definitive Antwort auf diese Frage zu geben, ist anhand der fünf Handschriftenblätter nicht möglich. Letztlich gehören sie alle zu einem einzigen Kapitel des Romans. Unzweifelhaft steht dennoch fest: Uns liegen die Seiten aus dem 3. Kapitel des 3. Teils vor, und dies bedeutet, dass drei Viertel des Romans bereits übersetzt sind. Inwieweit ist es glaubwürdig anzunehmen, dass Lucys jüngere Schwester zu diesem Zeitpunkt eventuell frühere Kapitel übersetzt haben konnte? Daran muss man zweifeln, wenn wir einen weiteren Fund in Berliner Archiven in Betracht ziehen, und zwar: im Bundesarchiv  Berlin-Lichterfelde.

Aus der dort erhaltenen Autobiographie von Less Kaerrick, die sie 1938 für die Reichsschrifttumskammer verfasste, lässt sich schließen, dass ihr „Mitarbeit an Übersetzungen“ (d. h. an den Dostojewski-Übersetzungen) nicht früher als Mitte des Jahres 1906 angeboten wurde (BArch, ehem. BDC, RKK, Akte „Kaerrick, Elisabeth“). Kaerrick berichtet in diesem Dokument, dass ihr Vater, der reiche Kaufmann August Georg Kaerrick, 1906 bankrott wurde (der genaue Monat ist nicht genannt), und dass sie selbst in der ersten Zeit nach dem finanziellen Schicksalsschlag mit Sprachunterricht ihr Geld verdiente. „Bald darauf“, setzt Kaerrick fort, „wurde mir Mitarbeit an Übersetzungen angeboten“ (ibid.). Selbst wenn wir annehmen, die Pleite des Vaters geschah am Anfang des Jahres – auch in diesem Fall müssen wir für Kaerricks Tätigkeit als Sprachlehrerin einige Monate einkalkulieren. Allerdings sind „Die Dämonen“, ein ca. 1000 Seiten dicker Roman, bereits Ende Juli 1906 erschienen. Angesichts dieser Tatsachen muss man den Schluss ziehen: Die Teilnahme an Dostojewski-Übersetzungen wurde Less Kearrick nicht am Anfang des ganzen editorischen Unternehmens angeboten, sondern zu einem Zeitpunkt, als das erste Werk in der Piperschen Ausgabe, „Die Dämonen“, vollständig übersetzt bzw. nahe dem Schluss war.

Dostojewski F. M.: Die Dämonen. München: Piper, 1906. (Hardcover); Signatur: Zn 12182-1,6

Dostojewski F. M.: Die Dämonen. München: Piper, 1906. (Hardcover); Signatur: Zn 12182-1,6

Auch einige Textproben aus den „Dämonen“ in der Erstausgabe und aus den anderen Piperschen Dostojewski-Bänden lassen ernsthaft die Hypothese erwägen, dass „Die Dämonen“ für die Pipersche Erstausgabe n i c h t von Less Kaerrick übersetzt wurden.

Die translatorische Vorgehensweise ist in der Erstausgabe der „Dämonen“ wesentlich anders als z. B. in der Übersetzung des „Idioten“  , die 1909 erschien und definitiv von Less Kaerrick stammte (dazu s. den Brief von Less Kaerrick an Reinhard Piper vom 31.10.1915, DLA). Es genügt, nur die Anfänge der „Dämonen“ und des „Idioten“ mit den russischen Originalen zu vergleichen, um festzustellen: Im Unterschied zur Übersetzung des „Idioten“, in der grundsätzlich keine Informationen des Originaltextes verlorengehen (als Makel kann man, im Gegenteil, mehrere zu stark erläuternde und interpretierende Wendungen anmerken), trifft man in der Übersetzung der „Dämonen“ immer wieder auf Verluste kleiner, aber wesentlicher Inhalte des Originaltextes. Vgl. dazu Less Kaerricks eigene Äußerung im oben erwähnten Brief an R. Piper: „ In meinen Übersetzungen aber wüsste ich kein Wort, das ich absichtlich weggelassen hätte, außer in den Politischen und Literarischen Schriften, doch da war es etwas ganz anderes“ (DLA).

Ein indirektes Indiz dafür, dass der Roman „Die Dämonen“ noch nicht von Less Kaerrick übersetzt wurde, sind enorme Mengen an Korrekturen jeder Art, die sie später ausgerechnet bei den Revisionen der „Dämonen“ vornahm. Diese Revisionen wurden bereits für die Neuauflagen von 1918, 1919,  1921 und 1922  durchgeführt, und später dann noch einmal, bei der neuen Überarbeitung der Dostojewski-Ausgabe nach dem 2. Weltkrieg. Auch andere Bände wurden von Less Kaerrick für die Neuauflagen korrigiert; mit den „Dämonen“ geschieht dies jedoch viel radikaler als sonst. Beim Vergleich der neuüberarbeiteten Ausgabe des Romans von 1956  mit der Erstausgabe von 1906 entsteht der Eindruck: Die Übersetzungen unterscheiden sich so stark, als ob sie von zwei verschiedenen Menschen geleistet wurden. Es kann sein, der Eindruck täuscht nicht: Es war auch wirklich ein anderer Mensch, der „Die Dämonen“ für die Erstausgabe übersetzte, und Less Kaerrick korrigierte dann später nicht ihre eigenen, sondern die fremden Fehler.

In diesem Zusammenhang muss zum Schluss auf eine ungewollte Ungerechtigkeit gegenüber der Übersetzerin „E. K. Rahsin“ hingewiesen werden, die in der translationswissenschaftlichen Studie von Marina Kogut geschieht (Marina Kogut: Dostojevskij auf Deutsch. Vergleichende Analyse fünf deutscher Übersetzungen des Romans „Besy“. Frankfurt a. M. 2009). Die Autorin nahm zum Vergleich mit vier anderen deutschen „Dämonen“-Übersetzungen ausgerechnet die Pipersche Erstausgabe von 1906; die späteren massiven Überarbeitungen in mehreren Neuauflagen (von 1918 bis 1956) blieben unerwähnt. Die Vorgehensweise von Kogut ist einerseits legitim: Die Übersetzung von 1906 ist eine literarische Tatsache, und es mag scheinen, sich um den Fragenkomplex zu kümmern, wer und wann was übersetzt oder überarbeitet hat, sei eine ausschließlich biographische Fragestellung. Andererseits ist der Umstand, dass der Text der Piperschen „Dämonen“-Übersetzung mehrmals revidiert wurde und immer näher an den Wortlaut des russischen Originals kam, ebenfalls eine literarische und keineswegs nur eine biographische Tatsache. Und es ist mit Sicherheit ungerecht, das Verdienst der Piperschen Dostojewski-Ausgabe in der Geschichte der deutschen Dostojewski-Übersetzungen nur an der ersten, am leichtesten angreifbaren Probe, der Ausgabe der „Dämonen“ von 1906, zu messen, und die ganze weitere, lange und qualvolle Geschichte ihrer allmählichen Perfektionierung ganz aus dem Auge zu verlieren.

 

Frau Dr. Galina Potapova, Russische Akademie der Wissenschaften St. Petersburg, war im Rahmen des Stipendienprogramms der Stiftung Preußischer Kulturbesitz im Jahr 2016 als Stipendiatin an der Staatsbibliothek zu Berlin. Forschungsprojekt: “Arthur Moeller van den Bruck als Herausgeber der ersten deutschen Gesamtausgabe der Werke Dostoevskijs”

Werkstattgespräch zur Piperschen Dostojewski-Ausgabe am 26. 5. 2016