Triggerwarnung: Dieser Beitrag beinhaltet Gewalt, Misshandlungen, Gefangenschaft, Tierquälerei, Machtmissbrauch, Angstszenen, Amputationen, Mord und Tod.
Die Grausamkeit der Grimms
Der Ekphrase zweiter Teil
Inzwischen war eine weitere Regentin zur Gruppe um Jenny und Sören getreten. „Meine Frau, die Königin“, stellte der Soldatenkönig sie vor.
„Mein Ehemann hier ließ mich in jenen Nächten im Schlaf von einem furchterregenden Tier entführen und in seine Dachkammer verschleppen“, erzählte die Königin im Plauderton. „Ich war ein ganz junges, unschuldiges Ding! Und er mehr als doppelt so alt, innerlich verwahrlost und degeneriert durch seinen Beruf! Aber als meine wunderbaren Eltern ihn dafür bestrafen wollten, ließ er sie ermorden – sie und den ganzen Hofstaat. Alle wurden in Stücke geschleudert! Es war ein sehr blutiger Putsch, eine Selbstkrönung und Zwangshochzeit.“
Der Soldatenkönig straffte sich: „Du warst doch froh darüber! So steht es geschrieben: ‚Die Prinzessin kam aus dem kupfernen Schloss heraus und wurde Königin, und das gefiel ihr ausgezeichnet!‘“
„Paternalistische Aussagen“, lächelte die Königin. „Zitieren Sie Sie mich bitte genauso!“
Doch Jenny war abgelenkt durch einen kleinen Fliederbaum, der in einem rustikalen Topf zwischen all den Palm- und Farnpflanzen stand, die das Zimmer beherrschten. Auf einem Ast stand eine winzige Prinzessin und winkte zaghaft. Jenny lächelte ihr zu. „Däumelinchen“, jubelte sie hingerissen. ♣
„Sie heißt Maja!“, schnarrte ein daumengroßer Elfenprinz, der neben die kleine Prinzessin getreten war.
„Meine geliebte Mutter nannte mich Däumelinchen“, nuschelte schüchtern die Kleine und senkte den Kopf.
„Deine Mutter! Deine Mutter!“, meckerte der kleine Prinz. „Deine Mutter hat dich von einer Hexe bekommen!“
„Zwölf Schillinge hat sie bezahlt“, widersprach Däumelinchen leise.
„Sie hat die alte Hexe wirklich bezahlt?“, staunte der Soldatenkönig. „Ich habe meiner den Kopf abgeschlagen! Nachdem sie mich bezahlt hatte!“
„Du wirst wieder unangenehm“, mahnte seine Frau.
„Unangenehm? Ich? Die Unterlippe hing ihr bis zur Brust. Das hässliche Weib!“
Seine Frau stöhnte und wandte sich ab.
„Widerliches Weibsvolk“, brummte der König und sah hinüber zur Ecke.
Dort, in der Nähe eines offenen Fensters, saß eine große und anmutige Frau, vollkommen in ihrer Schönheit und Kälte. Ruhig sah sie einem kleinen Jungen zu, der unverdrossen Eisstücke aneinander legte, obwohl ihm ein riesiger Splitter im Herzen stak und ein weiterer aus seinem Auge ragte. ♦
Sie bemerkte die Blicke des Soldatenkönigs und sah zu ihm. „Soll ich kommen und Sie küssen?“, fragte sie frostig und ohne Verlangen. Nur ihre Augen leuchteten tiefblau auf.
Der Soldatenkönig räusperte sich und sah weg.
„Wie auch immer — Däumelinchen ist ein hässlicher Name für eine Frau, die ich heirate“, fuhr der Elfenprinz fort. „Darum habe ich sie in Maja umbenannt.“
„Und das ist für Sie in Ordnung?“, hakte Jenny bei der winzigen Prinzessin nach.
„Besser als eine Hochzeit mit der Kröte“, flüsterte die Kleine. „Oder mit dem Maulwurf.“
„Sie war unbezahlt im Housekeeping und in der Krankenpflege tätig, bevor ich ihr Flügel gab und sie heiratete“, erklärte der winzige Prinz gewichtig.
„Aber die Schwalbe … die Schwalbe wäre doch romantisch gewesen“, kam es kurzatmig vom Sofa.
Jenny sah sich um. Ein Mehlkloß lehnte an ein Kissen und lächelte schmerzhaft: „Ich war halb verlobt mit Schwalbe.“
„Oh“, machte Jenny höflich.
„Ja. Innerlich hatte ich ihr mein Ja-Wort gegeben. Doch dann fiel ich in eine Dachrinne und quoll auf.“
„O je“, bedauerte Jenny.
Ein alter, vergoldeter Kreisel, der neben dem Mehlkloß saß, nickte und sprach voll Bitternis: „So sehr habe ich sie geliebt. Sie wurde genäht aus feinstem Saffian …“
„Aus feinstem Saffian“, echote der Kloß.
„Je mehr Zeit verging, desto mehr liebte ich sie …“
„Inwendig bestehe ich aus spanischem Kork …“
„Sie versprach, mich nie zu vergessen!“
„Ich war doch bereits vergeben!“
„Sie war wunderschön, aber so eingebildet wie ein feines Fräulein!“
„Weil ich aus Saffian genäht wurde und verlobt war …“
„So geliebt habe ich sie, als sie noch ein junges Bällchen war“, beteuerte der Kreisel, und seine Augen wurden feucht. Der Mehlkloß machte Anstalten, näher zu rücken, doch der Kreisel schwang sich vom Polster und begann, sich um seine eigene Achse zu drehen.„Mein Bester …“, seufzte das Bällchen, doch der Kreisel sprang und tanzte und verkündete: „Liebe vergeht, wenn die Geliebte fünf Jahre lang in einer Wasserrinne lag und aufgequollen ist!“
Das Bällchen schluchzte, doch der Kreisel tanzte und entgegnete kühl: „Ja, man erkennt sie nicht wieder, wenn man ihr im Kehrichtkasten begegnet, wo sie unter Gesindel haust!“
„Aber es war doch nicht meine Schuld, dass ich dahingeriet, mein Lieber“, schniefte das Bällchen. „Einfach weggeschlichen hast du dich!“ Der Kreisel hörte nicht und tanzte vor sich hin.
„Außerdem verändert uns das Leben und die Zeit!“, rief das Bällchen unglücklich, doch der Kreisel sprang hinfort und rief noch: „Doch ich kam wieder zu Ansehen! Mich hat das Leben und das Alter vergoldet!“
Jenny reichte dem Bällchen ein Taschentuch. „Es bricht mir den Kork, wenn er so ist! Und so ist er alle Tage!“ ♥
„Heul nicht!“, schnaubte der Soldatenkönig und blies entrüstet eine Wolke ins Zimmer. „Andere hat es viel ärger getroffen!“
„Mich?“, fragte das Mädchen mit den Schwefelhölzern.
„Spiel dich nicht so auf“, knurrte der Soldat. „Du bist tot und isst Gänsebraten unter dem Weihnachtsbaum. Ich meine die Kleine auf dem Sofa.“
Alle blickten hinüber zu einem ätherischen Wesen, das der Länge nach auf einem Sofa ruhte und ununterbrochen trank.
„Die kleine Meerjungfrau. Man hat ihr die Zunge abgeschnitten, deshalb kann sie nicht sprechen. Sie ist eine stumme Frau“, wisperte der König und bekam sehnsüchtige Augen.
„HCA hatte eine große Leidenschaft für Scheren und Scherenschnitte. Es gibt in der Staatsbibliothek zu Berlin diesen wunderbaren Paravent, beklebt mit seinen Schnittarbeiten.“ Die kleine Jungfrau begann, heftig zu gestikulieren, doch die Königin schüttelte bedauernd den Kopf: „Ich glaube nicht, dass deine Zunge dabei ist, Liebes!“
„Dramatische Geschichte“, raunte der Soldatenkönig Jenny und Sören zu. „Große Liebe, alles geopfert, Zunge hergegeben, Avancement aufgegeben – verkalkuliert – nun muss sie 300 Jahre schuften, um eine reine Seele zu erhalten. Und jedes Mal, wenn so ein Balg unartig ist, verlängert sich dieser Prozess um einen Tag.“ ♥
Alle seufzten.
„Hätte sie den Prinzen erdolcht, wäre es ihr besser ergangen“, fuhr der König fort. „Aber so ist dieses Weibsvolk. Kein Eis in den Knochen!“ Er dachte kurz über das Gesagte nach und musste prusten: „Oder in den Gräten!“
Die kleine Meerjungfrau sah ihn stumm an und trank mit großen Schlucken etwas, das wie Wasser aussah.
„HCA mochte es wohl lieber still?“, fragte Sören.
Eine junge Frau, die mit schmerzverzerrtem Gesicht an einem Spinnrad saß und aus Brennnesseln Garn spann, hob ihre verbrannte Hand und wies auf sich.
„Ihre Brüder sind auch Schwäne“, erklärte der Schwan. „Doch Schwan ist nicht gleich Schwan!“ ♣
Dann schloss er die Augen und säuselte: „Aber bei mir haben alle gerufen: Er ist der Schönste. So jung und so prächtig!“
Die junge Spinnerin verdrehte die Augen und griff beherzt in das Brennnesselbündel.
Jenny spürte, wie ihre Füße in den Schuhen zu schmerzen begannen. Ihr war übel. Die Luft im Raum schien schwerer zu werden und süßer zu duften. „Schweigen zu müssen, ist hart“, sagte sie und versuchte, die Kopfschmerzen zu ignorieren, die pochend einsetzten. „Aber auf Füßen laufen zu müssen, die einem beim Gehen das Gefühl geben, man trete auf spitze Nadeln und scharfe Messer … Verzeihen Sie, aber das ist nun wirklich kein Mann der Welt wert.“
„Ja, mit Füßen hatte er auch irgendein Problem“, meinte die junge Frau, deren Beine in eine Wolldecke geschlagen waren und die nervös in einem Gebetsbuch blätterte. Plötzlich sprangen zwei rote Schuhe wie kleine, aufgeregte Hunde an ihr hoch.
Jenny trat näher, um sie zu streicheln, da sah sie es: Nicht nur die Schuhe waren rot!
Blutig leuchteten die Stümpfe der kleinen Füße, die der Scharfrichter dereinst abgeschlagen hatte und die sich immer noch in das weiche Schuhleder schmiegten. ♠
„Sie hören einfach nicht auf zu tanzen“, sagte die junge Frau erschöpft. Dann schleuderte sie das Buch an die Wand. Sofort sahen alle zu ihr und schwiegen vorwurfsvoll.
„Haut ab!“, brüllte die Frau die Schuhe und Füße an. „Haut ab! Haut endlich ab!“
Jenny drehte sich um und taumelte aus dem Raum. Draußen stieß sie auf Sören, der sich mit einem Weihnachtsbaum unterhielt.„Und Sie sagen, alle werden mich sehen?“, fragte der Baum aufgeregt.
Sören nickte: „Es ist ein Foto!“
„Auch die Bäume im Wald? Und der Hase und die Sperlinge?“
Sören nickte wieder.
„Oh, da bekomme ich vor Freude Borkenschmerzen!“, rief der Baum. „Wissen Sie, ich war so jung und naiv, bis in die Nadelspitzen voll großer Ideen für meine Zukunft. Kennen Sie meinen Werdegang? Ach, was heißt Werdegang? Erst wurde ich abgehackt. Also richtig von der Wurzel herunter. Wurzel sind ja so etwas Ähnliches wie Füße …“
Sören nickte und murmelte: „Es scheint da ein Muster zu geben …“
„Und dann wurde ich in ein Fass gestellt, weil man ja ohne Füße nicht mehr alleine stehen kann.“
„Laufen ist dann auch schwer“, wusste Sören.
„Mag sein, ich bin ja nie gelaufen.“
„Ich habe mich allein durch den Winterwald geschleppt“, erwähnte der Schwan. „Und ich war sehr hässlich damals!“
„Mich haben alle bewundert, wie prächtig ich bin“, sagte der Baum wehmütig. „Das ist ein schöner Baum!“, sagten sie.
„Der Neue ist der schönste!, haben sie mir gesagt“, teilte der Schwan beiläufig mit.
„Dieser hier ist prächtig!, haben sie auch noch gesagt“, erinnerte sich der Tannenbaum.
„So jung und so prächtig!, so sprachen sie von mir“, erwähnte der Schwan bescheiden. „Aber ich bin durchaus nicht stolz, denn ein gutes Herz wird nie stolz!“
„Aber nachdem ich an einem Abend prachtvoll geschmückt und dann ausgeplündert worden war, trug man mich auf den Speicher, wo ich mich mit Mäusen und Ratten unterhielt. Sehr nette Tiere. Fast wie Sperlinge.“
„Sperlinge sind nur Vögel, keine Schwäne!“
„So, so“, machte Sören und knipste.
„Dann trugen sie mich wieder die Treppe herunter, zerhackten und verbrannten mich.“ ♣
„Ich werde auch viel getragen“, sagte eine Stimme neben Jenny, und erst da bemerkte sie, dass sich der entblößte Kaiser entspannt an sie gelehnt hatte und zuhörte. „Aber in einer Sänfte natürlich!“
„Natürlich“, sagte Jenny, und rückte abrupt ein Stück von ihm ab.
Der Kaiser geriet ins Taumeln, doch alles in Jenny weigerte sich das Schlimmste zu verhindern.
So stürzte der Monarch, unter dem aufgeregten Zischen des Schwans, haltlos in den Tannenbaum.
Epilog
„Ich brauche dringend einen Schnaps“, sagte Jenny.
Sören zuckte mit den Achseln. „Ich weiß nicht, wo man hier in der Gegend …“, doch Jenny schritt zügig voran und klopfte schließlich an die Grimm-Tür.
Ein angenehm unattraktives Mädchen öffnete. Es war von Kopf bis Fuß mit schwarzer Masse bedeckt, trug einen Hahn auf dem Kopf und fünf Tauben auf den Schultern.
Das Mädchen sah Jennys Gesicht, grinste und erklärte: „Wir spielen gerade Geteert und gefiedert. Ein altfränkisches Trinkspiel. Kann ich etwas für euch beide tun?“
„Uns mitspielen lassen“, sagte Sören fest.















Ihr Kommentar
An Diskussion beteiligen?Hinterlassen Sie uns einen Kommentar!