• BLOG-NETZWERK FÜR FORSCHUNG UND KULTUR
SBB aktuell
  • FOYER
  • SERVICE
  • IT-INNOVATION
  • WISSEN
  • FEUILLETON
  • Menü Menü

Konrad Haebler und die seltsamen Typen

15.12.2025/0 Kommentare/in Feuilleton, Foyer, Inkunabeln/von Thomas Parschik

Der betagte Herr trägt Anzug und Krawatte. Nach vorn gebeugt sitzt er am Tisch. Seine Unterarme sind verschränkt, in der rechten Hand hält er eine Lupe. Durch seinen Kneifer hindurch schaut er konzentriert in einen Inkunabelband, der vor ihm liegt. So hat ihn Walther Witting (1864-1940) im Jahr 1928 gemalt.

Witting war Begründer der Renten- und Pensionsanstalt für deutsche Bildende Künstler und Vorsitzender der Dresdner Kunstgenossenschaft. Er schuf zahlreiche Portraits sowie ein Wandgemälde im Rathaussaal in Radebeul. Für seine Werke wurde er mehrfach ausgezeichnet und mit der Ernennung zum Königlich Sächsischen Hofrat geehrt.

Der Dargestellte ist Konrad Haebler (1857-1946), der „Nestor der deutschen Inkunabelkunde“. Wie sein Maler wurde er in Dresden geboren. Nach einem sprachwissenschaftlichen Studium in Leipzig war er in der Königlich Öffentlichen Bibliothek in Dresden tätig. 1907 wechselte er an die Königliche Bibliothek Berlin. Hier leitete er von 1914 bis 1921 die Handschriftenabteilung. In seiner dortigen Funktion als Vorsitzender der Kommission für den Gesamtkatalog der Wiegendrucke verzeichnete und beschrieb er alle damals bekannten Drucktypen der Inkunabelzeit.

Als Inkunabeln oder Wiegendrucke bezeichnet man die Druckschriften, die seit der Erfindung des Buchdrucks durch Johannes Gutenberg (+ 1468) um 1454 und dem 31.12.1500 mit beweglichen Lettern hergestellt wurden. Im Gesamtkatalog der Wiegendrucke (GW), dessen erster Band 1925 erschien, und in der GW-Datenbank werden sie verzeichnet. Vor kurzem ist die letzte Lieferung des 12. GW-Bandes erschienen.

In der Inkunabelzeit stellte jeder Drucker seine Lettern selbst her. Deshalb unterscheiden sich die Druckbilder der verschiedenen Offizinen in Gestalt und Größe. Konrad Haebler entwickelte eine Methode, um mittels Abgleichs der Form der Majuskel M bzw. der Buchstabenkombination Qu und der Kegelhöhe der Drucktypen gemessen in 20 Zeilen die Drucker von Inkunabeln, die kein Impressum haben, oder von Inkunabelfragmenten zu identifizieren. Bei der Identifizierung vergleicht man die Drucktypen und sonstigen Materialien der Vorlage (z. B. Initialen, Holzschnitte) mit der Haeblerschen Tabelle. Diese ist heute das bewährteste Klassifizierungsschema zur Bestimmung von Drucktypen. Wer mehr darüber erfahren möchte, lese im Bibliotheksmagazin 2014, Heft 3, S. 41-48 den Aufsatz Auf der Spur der seltsamen Typen, Dr. Falk Eisermann und Dr. Oliver Duntze.

Das Ölgemälde auf Leinwand mit der Signatur Kunstsammlung K 450 misst 68,5 x 79 cm. Auf der Rückseite findet sich der Schriftzug: „Dr. Konrad Haebler | Prof. Geh. Regierungsrat | Abt. Direktor an der pr. Staatsbibliothek zu Berlin | geb. d. 29. Oktober 1857 | gemalt Nov. 1928“. Dank des Bildes ist Haebler auch 100 Jahre nach dem Erscheinen des ersten GW-Bandes bei den Sitzungen des Inkunabelreferats präsent. Das Kunstwerk kann nach vorheriger Terminabsprache im Raum R 06 N 14 besichtigt werden.

(Es sei noch angemerkt, dass Haebler keine Schaumstoffkeile verwendet und sich in durchaus ungewöhnlicher Armhaltung auf den Band stützt, was heute im Handschriftenlesesaal freilich nicht mehr geduldet würde. Wir nehmen an, dass der Maler hier eine gewisse künstlerische Freiheit walten ließ.)

Schlagworte: Gesamtkatalog der Wiegendrucke, Inkunabel, Konrad Haebler, Portrait, Walther Witting
Eintrag teilen
  • Teilen auf Facebook
  • Teilen auf X
  • Auf WhatsApp teilen
  • Teilen auf Pinterest
  • Teilen auf LinkedIn
  • Teilen auf Tumblr
  • Teilen auf Vk
  • Teilen auf Reddit
  • Per E-Mail teilen
https://blog.sbb.berlin/wp-content/uploads/PortraitHaebler-845x475-1.png 493 879 Thomas Parschik https://blog.sbb.berlin/wp-content/uploads/stabi-logo-kante.png Thomas Parschik2025-12-15 11:06:032026-06-24 09:41:22Konrad Haebler und die seltsamen Typen
Das könnte Sie auch interessieren
Almost a dozen at one fell swoop – or: how to find „new“ incunabula
Mirabilia urbis Romae, deutsch. Rom: Johann Besicken und Martin von Amsterdam, [vor 11.VIII.]1500. Bibliothekssignatur: 8° Inc 3545 (M23623). Staatsbibliothek zu Berlin - PK. Lizenz: CC-BY-NC-SALizenz CC BY.NC.SA 3.0 Staatsbibliothek zu Berlin – PK Adventskalender2020_Türchen23
Pfui über Herrn Posauke? – Der junge Professor Luther annotiert Wilhelm von Ockham
Ausschnitt aus Titelblatt: Beda: Historia ecclesiastica gentis Anglorum. [Strassburg: Heinrich Eggestein, um 1475/78] [vielmehr nicht nach 1475].Bibliothekssignatur 4° Inc 2143a (GW03756). Staatsbibliothek zu Berlin - PK. Lizenz: CC-BY-NC-SA Buchpatenschaft für den Monat Oktober 2018
Historia. Salman und Morolf. Strassburg: Mathis Hupfuff, 1499. Bibliothekssignatur: 8° Inc 2538. Lizenz CC BY.NC.SA 3.0 Staatsbibliothek zu Berlin – PK Buchpatenschaft für den Monat März
Abbildung aus: Plenarium, deutsch. Augsburg: Johann Bämler, 30.IX.[14]76. Staatsbibliothek zu Berlin – PK. Lizenz: CC-BY-NC-SA Buchpatenschaft für den Monat August 2020
Mirabilia urbis Romae, deutsch. Rom: Johann Besicken und Martin von Amsterdam, [vor 11.VIII.]1500. Bibliothekssignatur: 8° Inc 3545 (M23623). Staatsbibliothek zu Berlin - PK. Lizenz: CC-BY-NC-SALizenz CC BY.NC.SA 3.0 Staatsbibliothek zu Berlin – PK Buchpatenschaft für den Monat Juli 2018
0 Kommentare

Ihr Kommentar

An Diskussion beteiligen?
Hinterlassen Sie uns einen Kommentar!

Schreiben Sie einen Kommentar Antworten abbrechen

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Search Search

Kommentare:

  • Anna bei Neue Trinkwasserspender für alle | New Drinking Water Dispensers for All
  • Thomas Parschik bei Röntgentermin für den Pharao
  • SuK bei Wissenshunger stillen ohne Krümel | Feed Your Hunger for Knowledge — Without the Crumbs
  • Thomas Parschik bei Tollkühne Frauen und Männer und fliegende Kisten
  • Benutzungskommunikation bei Wissenshunger stillen ohne Krümel | Feed Your Hunger for Knowledge — Without the Crumbs

Schlagwörter

Ausbildung Ausleihe Ausstellung Benutzung Benutzungseinschränkung Bilderbuch Buchpatenschaft CrossAsia Datenbank digitale Lektüretipps Digitalisierung E.T.A. Hoffmann Fachinformation Freunde der Staatsbibliothek Geschichte Hinweis Import Jugendbuch Kinderbuch Kulturelles Erbe Lesesaal Martin Luther Materialität Musik Osteuropa Presse Promovierende Provenienzforschung Recherche Recht Rechtsforschung Rechtswissenschaften Reformation Restaurierung sbb online offen Service Servicezeiten Slawistik Stipendienprogramm Werkstattgespräch Wissenswerkstatt Workshop Zeitschriftendatenbank Zeitungen Öffnungszeiten

Unsere Blogs

  • E. T. A. HOFFMANN PORTAL
  • FEUILLETON
  • FOYER
  • FREUNDE DER BIBLIOTHEK
  • HISTORISCHE DRUCKE
  • INKUNABELN
  • IT-INNOVATION
  • KARTEN
  • MUSIK
  • ORIENT
  • PODCAST
  • PRESSE
  • SERVICE
  • TERMINE
  • WISSEN

Suche über alle Beiträge:

Search Search

Folgen Sie uns auf Instagram

Folgen Sie uns auf Bluesky

Folgen Sie uns auf Mastodon

Besuchen Sie uns auf Youtube

ARCHIV ALLER BLOGBEITRÄGE

Zum Kalender
© Copyright - Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz
  • RSS-Feeds abonnieren
  • Impressum
  • Datenschutzerklärung
  • Erklärung zur Barrierefreiheit
  • Barriere melden
Link to: Die Grausamkeit der Grimms Link to: Die Grausamkeit der Grimms Die Grausamkeit der Grimms Link to: Workshops der Wissenswerkstatt im Januar Link to: Workshops der Wissenswerkstatt im Januar Workshops der Wissenswerkstatt im Januar
Nach oben scrollen Nach oben scrollen Nach oben scrollen