Reden über Rodrian

Teil I: Alfred

von Diana Johanns

„Es gibt so Worte, die stimmen immer. Zum Beispiel: Kein Mensch ist eine Insel. Oder: Jeder Mensch ist eine Insel. Weil beides richtig ist, ist beides falsch.“, schrieb Fred Rodrian 1976 in einer seiner biografischen Notizen über den gleichaltrigen James Krüss und setzte hinzu: „50 Jahre wird der James Krüss. Da ich vom selben Jahrgang bin, finde ich das nicht so sehr alt.“

Heute wäre Fred Rodrian 100 Jahre alt geworden – ein Geburtstag, den man ihm und uns gewünscht hätte. Denn so zutreffend es ist, dass ein Mensch eine und zugleich keine Insel ist, so sicher ist es auch, dass der Mensch Rodrian über seine Person hinaus vertiefende Auskünfte über Zeiten und Mitmenschen hätte geben können, die uns die Umstände inzwischen verweigern.

Würden wir ein auf Wikipedia basierendes Kalenderblatt verfassen, könnte es sich in etwa so lesen:

 „Fred Rodrian (* 14. Juli 1926 in Berlin; † 25. Mai 1985 ebenda) war ein deutscher Verlagsleiter und Kinderbuchautor.  
Der Sohn eines Buchdruckers absolvierte eine Lehre zum Reproduktionsfotografen.
Nach Kriegsdienst und Gefangenschaft arbeitete er ab 1946 als FDJ-Kulturfunktionär. Von 1952 bis 1974 war er Cheflektor des Kinderbuchverlags Berlin, den er von 1975 bis zu seinem Tod als Direktor leitete. Ab 1958 veröffentlichte er erfolgreiche Kinderbücher (oft illustriert von Werner Klemke).
Rodrian war SED-Mitglied und erhielt zahlreiche DDR-Auszeichnungen, darunter den Vaterländischen Verdienstorden.“

Jenseits der bekannten biografischen Eckdaten gibt es zahlreiche unerforschte Facetten seines Lebens und Wirkens – beginnend damit, dass Fred Rodrian eigentlich Alfred Artur Rodrian hieß: ein Name, den er für sich zu altfränkisch empfand und daher modern einkürzte.

Fred Rodrian war und blieb Ost-Berliner. Geboren wurde er am 14. Juli 1926 in einer kleinen Hinterhofwohnung in Stralauer Allee 17a (Quergebäude, 1. Stock) in Friedrichshain.
Er behielt seinen Lebensmittelpunkt immer im östlichen Teil der Stadt und er starb auch dort, am 25. Mai 1985, in der Charité in Berlin-Mitte.

Die Vorstellung, der Sohn des Buchdruckers Max Artur Rodrian wäre idyllisch zwischen Papierstößen und Druckerschwärze bei Ullstein aufgewachsen, geht an der Wirklichkeit vorbei.
Im Jahr 1934 pachtete der Vater, ein geschasster Arbeiterfunktionär, eine Eckkneipe am Rudolfplatz, mitten in einem dicht besiedelten Industrie- und Arbeiterwohngebiet

Die Lokalität wurde rasch ein beliebter Anlaufpunkt, dem fröhlichen Naturell der Mutter Franziska sei Dank. So verbrachte der schüchterne und „spillerige“ (die Mutter) Junge seine Kindheit und Jugend unter kohlengeschwärzten Arbeitern in der Gaststätte „Zum Sportsfreund“. (Später forderte James Krüss genau darüber einen autobiografischen Bericht ein.)
Aus dieser Zeit stammte die tiefe Abneigung gegen Betrunkene, aber wohl auch die Fähigkeit, begütigend auf Menschen einzugehen – eine nicht zu unterschätzende Kompetenz im Umgang mit sensiblen Kreativen.

In eben jener Kneipe begegneten sich der neunjährige Gerhard Holtz-Baumert und der ein Jahr ältere Fred Rodrian zum ersten Mal. Zunächst blieb es bei einer kunstfertigen Vortäuschung auf einem elektrischen Piano. Dass sich ihre Lebenswege erneut kreuzen würden, sie sich gegenseitig prägen und ihr literarisches Schaffen über Jahrzehnte miteinander verbunden sein würde, ahnte an diesem Abend niemand.

Über die Wohnverhältnisse des kleinen Holtz-Baumert, die seinen sehr glichen, schrieb Rodrian 1968: „Aufgewachsen ist er in den grauen Straßen des alten Berliner Ostens, die lichtlosen Hinterhöfe der Mietskasernen waren seine Spielplätze. […] Nicht weit von der kleinen Wohnung der Baumerts lag aber der Schlesische Bahnhof (jetzt Ostbahnhof), damals der ärmste und dreckigste aller großen Berliner Bahnhöfe. Durchreisende und Ankommende, Proletarier und Lumpenproletarier, Diebe und Dirnen bevölkerten ihn. Aber: da ratterten die S-Bahnen, da tuteten die Lokomotiven der Fernzüge, Geräusche, nicht ohne Reiz des Abenteuerlichen. Sie begleiteten die Träume des kleinen Jungen, der später den
Alfons Zitterbacke schrieb.“

Wie sah es mit der literarische Früherziehung im Hause Rodrian aus? Der Vater erzählte Geschichten und las Grimm und Andersen vor, die Mutter wusste Gedichte und Sprüche, und Rodrian selbst erinnerte sich an Hoffmanns Struwwelpeter.

Das stille Kind unternahm lange Spaziergänge nach Stralau und Treptow, beobachtete die Spreezillen und sah beim Krebsfang zu.

Viele, viele Jahre später fand Rodrian auf einem dieser Streifzüge seinen Hirsch Heinrich.

Brachte die Kneipe auch das Essen auf den Tisch, so blieb die Förderung des Jungen wegen der vielen Arbeit auf der Strecke; seine schulischen Leistungen sanken bald auf den Durchschnitt. Dafür wuchs er rasch – an Leib und Schnauze. (Ein Umstand, der im späteren Umgang mit Peter Hacks sicher hilfreich war.) Der vormals eher verträumte Knabe prügelte sich!
Und er schrieb Gedichte für die schöne Bettina.

Holtz-Baumert berichtete später, dass die Leitung einer Neuköllner Widerstandsgruppe gezielt Jugendliche aus antifaschistischen Familien anwerben wollte, um die Hitlerjugend zu unterwandern. Ihr Hauptaugenmerk lag dabei auf Fred – dem blonden, blauäugigen Sohn zweier Fichte-Sportler, der hervorragend schwamm, Fußball spielte und Leichtathletik betrieb und zudem kurzzeitiges Mitglied beim Jungvolk und bei der HJ gewesen war.
Doch noch ehe er angeworben werden konnte, wurde der Oberkameradschaftsführer Rodrian regulär zur Wehrmacht eingezogen.

Zuvor hatte Fred nach der 8. Klasse die Volksschule abgeschlossen und eine Lehre als Reproduktionsfotograf im Kunstverlag Albert Frisch begonnen.
Tagsüber arbeitete er, nachts saß er im Luftschutzkeller.

Das fotografische Handwerk und die Erlebnisse des Krieges werden ihn sein weiteres Leben lang begleiten.

„Ich kenne das Fragment einer unveröffentlichten Holtz-Baumertschen Erzählung, denen Helden und wunderliche Gestalten die Bewohner des Hauses sind, in dem er als Kind aufwuchs: antifaschistische Widerstandskämpfer und gehorsame Wehrmachtssoldaten, resolute Proletarierfrauen und ergebene schattenhafte Wesen ohne Anfang und Ende – Menschen auch mit überraschenden Wendungen, kleine graue Gestalten, die Helden wurden.“
(Aus der unkorrigierte Fassung von: Schriftsteller und Funktionär. Mitteilungen über Gerhard Holtz-Baumert von Fred Rodrian, 1968)

Fortsetzung folgt.

Anmerkungen

Alle Fotografien stammen aus dem Privatbesitz der Familie Rodrian und wurden mit freundlicher Genehmigung der Tochter, Ulrike Rodrian, veröffentlicht. Herzlichen Dank dafür.

Das Geheimnis von Sosa von Helmut Hauptmann erschien 1950 bei der Büchergilde Gutenberg und im im Aufbau Verlag.

Das erwähnte Holtz-Baumertsche Fragment erschien im Jahr 1985 im Verlag Neues Leben, Berlin, unter dem Titel Die pucklige Verwandtschaft.

1 Antwort
  1. Ulrike Rodrian sagte:

    Vielen Dank Frau Johanns für Ihre Worte.
    Mit Ihrem Blogbeitrag kann man Fred Rodrian als Mensch hinter dem Autor/Lektor kennenlernen und wird noch besser verstehen, warum er zu einem Visionär der Kinderliteratur geworden ist. Die Staatsbibliothek kann sich glücklich schätzen, so eine engagierte Mitarbeiterin zu haben.

    Antworten

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