Dissidenz in Osteuropa – die Osteuropa-Abteilung präsentiert die Wander-Ausstellung „Was ist eigentlich Dissidenz?“
Von Olaf Hamann, Abteilungsleiter, und Sabine Kaiser, Referentin der Osteuropa-Abteilung
Im Haus Potsdamer Straße ist im Foyer des Osteuropa-Lesesaales bis zum 31. August 2026 die Ausstellung „Was ist eigentlich Dissidenz?“ zu sehen, die vom Leibniz-Zentrum für Literatur- und Kulturforschung (ZfL) in Berlin und vom Leibniz-Institut für Geschichte und Kultur des östlichen Europa (GWZO) in Leipzig erarbeitet und zur Verfügung gestellt wurde.
Bibliotheken sind im Allgemeinen bestrebt, die Vielfalt gesellschaftlicher Positionen und Meinungsäußerungen, die in gedruckter oder heute auch elektronischer Form verfügbar gemacht werden, zu dokumentieren. Nicht immer stimmen die Inhalte der gesammelten Veröffentlichungen mit den gesellschaftlich akzeptierten Positionen überein. Früher waren die Zugangsberechtigungen für die Bibliotheksbenutzung schon ein Kriterium für die Kontrolle über die zu lesenden Inhalte. Mit der Liberalisierung des Zugangs kamen dann Überlegungen auf, Teile des Bibliotheksbestandes zu separieren und in der Benutzung zu kontrollieren. In so genannten Sondermagazinen wurden „moralisch verwerfliche oder politisch missliebige Publikationen“ weggesperrt. Das ist auch ein Teil unserer Bibliotheksgeschichte. Wer die historischen Zettel- und Bandkataloge aufmerksam konsultiert, findet bei den Titeleintragungen mitunter Notizen wie SoM oder SM (beides sind Abkürzungen für Sondermagazin), ASF oder Blaukreuz (beides steht für Nutzung in der Abteilung für spezielle Forschungsliteratur) und andere.
Die Publikationen von Dissident:innen – Personen, die andere Meinungen vertraten oder auch heute vertreten, die von den allgemein geltenden und von breiten Teilen der Bevölkerung akzeptierten Normen abweichen – finden immer den Weg in große Einrichtungen wie die Staatsbibliothek zu Berlin. Schon Anfang des 20. Jahrhunderts hat die Königliche Bibliothek eine umfangreiche Sammlung revolutionärer Schriften des russischen Exils in der Schweiz angekauft und zugänglich gemacht. Zu dieser Zeit mussten Bibliotheksnutzer:innen noch zwei Bürgende benennen, um selbst einen Bibliotheksausweis erhalten zu können.
Für die Zeit der Weimarer Republik, des Dritten Reiches und der DDR ist die Existenz von Sondermagazinen gut belegt. Die Art der dort für die Benutzung eingeschränkten Werke differiert jedoch. In den 1920er Jahren waren es vor allem Erotika, während des Dritten Reiches jüdische Veröffentlichungen sowie die Publikationen aller Gegner:innen des Nationalsozialismus. Die Liste der Werke für die Bücherverbrennungen von 1933 wurde in den Folgejahren ständig erweitert. Nach dem Zweiten Weltkrieg regelte der Befehl Nr. 4 des Alliierten Kontrollrates die Einziehung von Literatur und Werken nationalsozialistischen und militaristischen Charakters. Darunter wurden auch Publikationen verstanden, die sich in ihrem Inhalt gegen einen der Alliierten richteten. Dies ist dann die Grundlage dafür gewesen, um unter den Bedingungen der DDR viele kritische und vom Mainstream abweichende Publikationen für die Benutzung einzuschränken.
Und hier setzt die Wander-Ausstellung „Was ist eigentlich Dissidenz?“ ein und schärft den Blick für kritische Personen und deren Meinungsäußerungen, die ab dem Wendepunkt des Prager Frühlings 1968 in den damaligen sozialistischen Staaten Osteuropas oder im Ausland publiziert wurden und somit auch Eingang in die Sammlungen der Bibliotheken fanden. Auch für die Staatsbibliothek hat diese Zeit enorme Bedeutung. An der Rückseite des Hauses Unter den Linden schrieben die damals 18-jährigen Frank Havemann und Hans-Jürgen Uszkoreit den Namen Dubček und bekundeten so ihre Sympathie für die Ziele des Prager Frühlings und ihren Protest gegen den Einmarsch sowjetischer Truppen in die Tschechoslowakei.[1]
Für die Deutsche Staatsbibliothek im Ostteil Berlins begann damit eine schwierige Phase der Auseinandersetzung mit den Publikationen der Dissident:innen. Beispielhaft sei auf den Umgang mit den Werken Alexander Solschenizyns[2] verwiesen, die zunächst als Teil der fortschrittlichen Sowjetliteratur gesammelt worden waren, aber nach dessen Ausweisung aus der UdSSR nur noch für wissenschaftliche Benutzung oder eine Bereitstellung über die Abteilung für spezielle Forschungsliteratur (ASF) zugänglich war.[3]
Die Bibliothekar:innen stellen sich heute erneut diesem Thema. Vor allem in autoritär geführten Staaten verfolgen Machthabende abweichende Meinungen und Vorstellungen mit aller Härte, stufen sie als „ausländische Agent:innen“, „unerwünschte Personen“ oder gar als „Unterstützende des Terrorismus“ ein. Viele sind gezwungen, erneut ins Exil zu gehen. Auch diese Prozesse werden heute in den Sammlungen der Staatsbibliothek dokumentiert.[4]
In der Vitrine am Eingang des Osteuropa-Lesesaales zeigen wir im Kontext der Ausstellung „Was ist Dissidenz?“ eine kleine thematische Auswahl aus dem Bibliotheksbestand.

Vitrine zu „Dissidenz in Osteuropa“
Havel, Václav: Moc bezmocných.
Praha : Lidové noviny, 1990.
Signatur: 3 A 24488
Moc bezmocných (dt.: Die Macht der Machtlosen) ist ein politisch-philosophischer Essay von Václav Havel aus dem Jahr 1978. Darin analysiert Havel das kommunistische „posttotalitäre“ System, die Dissident:innenbewegung und die Bedeutung der Charta 77. Er zeigt, dass autoritäre Systeme nicht nur durch Gewalt, sondern auch durch die Anpassung und das Mitwirken gewöhnlicher Menschen bestehen. Der Essay gilt als eines der wichtigsten Werke der osteuropäischen Dissident:innenbewegung und ist bis heute wegen seiner Gedanken über Wahrheit, Freiheit und Zivilcourage von großer Bedeutung.
Weitere Titel von und über Václav Havel im StabiKat.
Wikipedia: deutsch | tschechisch
https://www.dissidenten.eu/laender/tschechien/biografien/vaclav-havel/vaclav-havel-teil-1
*Gorbanevskaja, Natalʹja E.: Poldenʹ. Delo o demonstracii na Krasnoj ploščadi 25 avgusta 1968 goda.
Moskva : Novoe Izdat., 2007.
Signatur: 3 A 162116
Natalja Gorbanewskaja (1936-2013) war eine von acht Demonstrant:innen, die am Mittag des 25. August 1968 auf dem Roten Platz in Moskau friedlich gegen den Einmarsch sowjetischer Truppen in die Tschechoslowakei protestierten. Haft und Repressalien folgten. Über die Ereignisse schrieb die russische Dichterin und Übersetzerin bereits 1969, es fand im Samizdat Verbreitung und weitere Ausgaben erschienen in verschiedenen Sprachen. Diese Ausgabe ist die erste in Russland veröffentlichte. Der Augenzeug:innenbericht ist ergänzt um Prozessprotokolle, Briefe, Zeitungsartikel und offizielle sowjetische Dokumente. Gorbanewskaja beschreibt in ihrem literarischen Zeugnis, wie eine kleine Gruppe sowjetischer Bürger:innen nach dem Truppeneinmarsch in die Tschechoslowakei aus Gewissensgründen protestiert, wie der Staat diesen Protest kriminalisiert und wie daraus ein Symbol für die sowjetische Dissident:innenbewegung wird.
Weitere Titel von und über Natalja Gorbanewskaja im StabiKat.
https://www.dissidenten.eu/laender/russland/biografien/natalja-gorbanewskaja
Bonnėr, Elena: Postskriptum. Kniga o gor’kovskoj ssylke.
Paris : Ed. de la Presse Libre, 1988.
Signatur: 3 A 11610
Die Autorin des Buches ist Jelena Georgijewna Bonner (1923-2011), die Witwe des Akademiemitglieds Andrei D. Sacharow. Sie teilte mit Sacharow die gesamten Entbehrungen der langjährigen Verbannung in Gorki von Januar 1980 bis Dezember 1986. Das Buch trägt den Titel Postskriptum und versteht sich gewissermaßen als Nachwort zu den Erinnerungen von Andrei Sacharow. Der größte Teil des Buches entstand zwischen Februar und Mai 1986, als Jelena Bonner die Erlaubnis erhielt, sich zur Behandlung einer schweren Erkrankung in den USA aufzuhalten. Die im Anhang enthaltenen Dokumente umfassen unter anderem wenig bekannte Briefe und Erklärungen Andrei Sacharows. Die erste Veröffentlichung des Buches in der Sowjetunion erfolgte erst 1990 in den Heften 5 bis 7 der Zeitschrift Newa.
Weitere Titel von Jelena Bonner im StabiKat
https://www.dissidenten.eu/laender/russland/biografien/jelena-bonner/jelena-bonner-teil-1
*Bonnėr, Elena: In Einsamkeit vereint. Die Frau des sowjetischen Physikers und Nobelpreisträgers Andrej Sacharow erzählt zum erstenmal die ganze Wahrheit über die Jahre ihrer gemeinsamen Verbannung in Gorki.
Aus dem Englischen übersetzt von Irina Holzer.
München, Zürich : Piper, 1986.
Signatur: 1 A 25614
Sacharov, Andrej: Trevoga i nadežda. Odin god obščestvennoj dejatel’nosti Andreja Dmitrieviča Sacharova.
N’ju Jork : Izdat. Chronika, 1978.
Signatur: 3 A 18924 Deutsche Ausgabe (1980): 508838
Der sowjetische Physiker Andrei Sacharow (1921-1989) ist sicher einer der bekanntesten Dissidenten. Als Vater der sowjetischen Wasserstoffbombe setzte er sich ab Ende der 1950er Jahre für ein Ende des atomaren Wettrüstens ein. Trotz Beobachtung durch den Geheimdienst KGB wandte er sich in den 1960er Jahren öffentlich gegen eine Rehabilitierung Stalins und setzte sich für intellektuelle Freiheit ein. Seine Wortmeldungen konnten in der Sowjetunion nur im Samizdat (Selbstverlag) oder im Ausland (Tamizdat) publiziert werden. Der Band Тревога и надежда (dt. Titel: Furcht und Hoffnung) dokumentiert die Bemühungen Sacharows für eine internationale Entspannungspolitik und Abrüstung sowie die Verteidigung Andersdenkender in der Sowjetunion zwischen Juni 1976 und August 1977. Er konnte 1978 nur in New York veröffentlicht werden und erst 1990 in Moskau erscheinen.
Weitere Titel von und über Andrei Sacharow im StabiKat.
https://www.dissidenten.eu/laender/russland/biografien/andrei-sacharow/andrei-sacharow-teil-1
Walentynowicz, Anna: Cień przyszłości.
Gdańsk : Wydawn. Albatros, 1993.
Signatur: 3 A 48017
Cień przyszłości ist eine autobiographische Darstellung der Solidarność-Aktivistin Anna Walentynowicz (1929-2010), einer der symbolisch wichtigsten Persönlichkeiten der polnischen Arbeiteropposition und der Solidarność-Bewegung. Die Ausgabe erschien 1993 in Gdańsk und wurde von Anna Baszanowska literarisch bearbeitet beziehungsweise aus Materialien zusammengestellt.
Im Mittelpunkt steht Walentynowicz’ eigene Lebensgeschichte: ihre Herkunft, ihr Weg in die Arbeitswelt, ihre Tätigkeit auf der Danziger Lenin-Werft, ihre wachsende politische Sensibilisierung und schließlich ihre Rolle im Umfeld der Streiks von 1980. Das Buch ist damit nicht nur eine persönliche Erinnerung, sondern auch ein Zeugnis der Perspektive einer Arbeiterin, die die Solidarność-Bewegung nicht aus institutioneller oder parteipolitischer Distanz, sondern aus der unmittelbaren Erfahrung betrieblicher, sozialer und moralischer Konflikte beschreibt.
Besonders charakteristisch ist die Spannung zwischen persönlicher Biographie und politischem Erinnerungszeugnis. Walentynowicz erscheint nicht nur als historische Figur, sondern als moralische Zeugin: Ihre Darstellung betont Pflichterfüllung, Gerechtigkeitssinn, Enttäuschung über Machtmissbrauch und Skepsis gegenüber späteren politischen Entwicklungen. Der Titel Cień przyszłości lässt sich in diesem Sinn programmatisch lesen: Die Zukunft der Solidarność und des postkommunistischen Polen steht schon unter dem Schatten ungelöster Konflikte, enttäuschter Hoffnungen und politischer Vereinnahmungen.
Die Publikation ist deshalb wichtig, weil sie eine Gegenperspektive zur stärker kanonisierten Solidarność-Erzählung bietet. Walentynowicz’ Rolle wurde häufig im Schatten prominenter männlicher Akteure, vor allem Lech Wałęsas, wahrgenommen. Das Buch insistiert dagegen auf einer Erinnerung von unten: auf Alltag, Arbeit, Gewissen, Loyalität und Verrat als Kategorien politischer Erfahrung. Anna Walentynowicz verstarb bei dem Flugzeugunfall der polnischen Delegation um Staatspräsident Lech Kaczyński bei Smolensk.
Weitere Titel im StabiKat.
https://www.dissidenten.eu/laender/polen/biografien/anna-walentynowicz/anna-walentynowicz-teil-1
*Walentynowicz, Anna: Solidarność – eine persönliche Geschichte.
Herausgegeben und bearbeitet von Tytus Jaskułowski.
Göttingen : V & R unipress, 2012.
Signatur: 1 A 846354
Die deutsche Ausgabe Solidarność – eine persönliche Geschichte ist die deutschsprachige Fassung von Cień przyszłości. Sie erschien 2012 bei V&R unipress in Göttingen als Band 62 in der Reihe Berichte und Studien des Hannah-Arendt-Instituts.
Der deutsche Titel verschiebt den Akzent deutlich. Während Cień przyszłości eher metaphorisch und reflexiv klingt, rahmt Solidarność – eine persönliche Geschichte das Buch für ein deutschsprachiges Publikum unmittelbar als Erinnerungsbericht zur polnischen Oppositions- und Transformationsgeschichte. Die Ausgabe macht Walentynowicz’ persönliche Perspektive damit für Leser:innen zugänglich, die mit den polnischen Debatten, Namen und Konfliktlinien weniger vertraut sind.
Tytus Jaskułowski fungiert dabei nicht nur als Herausgeber, sondern auch als Bearbeiter. Die deutsche Ausgabe ist also nicht einfach als neutrale Übersetzung zu verstehen, sondern als kommentierte, historisch kontextualisierte Präsentation von Walentynowicz’ Erinnerungen. Rezensionen ordnen den Band entsprechend als Beitrag zur Geschichte der Solidarność, der Arbeiteropposition und der Erinnerungskultur ein.
Inhaltlich bleiben die zentralen Linien erhalten: Walentynowicz’ Lebensweg, ihre Arbeit in der Werft, ihre Entlassung, die als Auslöser der Streikbewegung von 1980 gilt, sowie ihre kritische Sicht auf die spätere Entwicklung der Solidarność. Der Verlag hebt ausdrücklich hervor, dass Anna Walentynowicz eine legendäre Oppositionelle in der Volksrepublik Polen war und dass ihre Entlassung aus der Danziger Werft am 14. August 1980 den Streik auslöste.
Lukauskaitė-Poškienė, Ona: Apie laisve̜ ir apie tulpės žieda̜.
Herausgegeben, eingeleitet und kommentiert von Dalia Striogaitė.
Šiauliai : Lucilijus, 2006.
Signatur: 3 A 138863
Über die Freiheit und über Tulpenblüten – Der Band der litauischen Dichterin, Bibliothekarin und Widerstandskämpferin Ona Lukauskaitė-Poškienė (1906-1983) vereint Gedichte, Prosa, Memoiren, Briefe und insbesondere die Lagerio pasakos (dt.: Lagergeschichten), die eindringlich von ihren Erfahrungen im Gulag, von menschlicher Würde, Freiheit und moralischem Widerstand erzählen. Hania Lukauskaitė – unter diesem Namen veröffentlichte sie 1933 ihre erste Gedichtsammlung – war von 1946 bis 1955 in sowjetischer Lagerhaft. Danach kehrte sie nach Šiauliai zurück und gehörte 1976 zu den Gründungsmitgliedern der Litauischen Helsinki-Gruppe (Lietuvos Helsinkio grupė). Fotos, Dokumente und eine biographische Einleitung ergänzen die Sammlung.
Weitere Titel von und über Ona Lukauskaitė-Poškienė im StabiKat.
Wikipedia: litauisch
https://www.dissidenten.eu/laender/litauen/biografien/ona-lukauskaite-poskiene
Dimitrova, Blaga: Narben. Gedichte aus vierzig Jahren & zwei Essays.
Aus dem Bulgarischen übersetzt von Rumjana Zacharieva.
Siegburg : Avlos, 1999.
Signatur: 1 A 466798
Blaga Dimitrova (1922-2003) war eine bulgarische Schriftstellerin, die in ihren Werken Themen wie Menschenrechte, Demokratie und Gewissensfreiheit behandelte und dafür behördlichen Schikanen ausgesetzt war. Der Band versammelt eine repräsentative Auswahl von Gedichten und zwei Essays und bietet damit einen breiten Querschnitt durch Dimitrovas lyrisches und essayistisches Werk. Die Texte kreisen um Themen wie Erinnerung, persönliche und gesellschaftliche Verletzungen, Freiheit, Verantwortung, Liebe und den Widerstand gegen politische Unterdrückung. Dimitrovas Lyrik verbindet existenzielle Reflexionen mit einer kritischen Auseinandersetzung mit den Erfahrungen des Totalitarismus in Bulgarien.
Weitere Titel von und über Blaga Dimitrova im StabiKat.
Wikipedia: deutsch | bulgarisch
https://www.dissidenten.eu/laender/bulgarien/biografien/blaga-dimitrowa/blaga-dimitrowa-teil-1
*Alekseeva, Ljudmila M.: Delo Orlova.
Nʹju-Jork : Izdat. „Chronika“, 1980.
Signatur: 439072
Anfang 1976 wurde die Moskauer Helsinki-Gruppe gegründet, die bis zu ihrer Auflösung aufgrund einer Entscheidung des Stadtgerichts Moskau im Jahr 2023 die älteste Menschenrechtsorganisation Russlands war. Ludmila Alexejewa (1927-2018) gehörte gemeinsam mit dem Physiker Juri Orlow (1924-2020) zu ihren Gründungsmitgliedern und blieb bis zu ihrem Lebensende ihre Vorsitzende. 1977 wurde Juri Orlow verhaftet und 1978 wegen „antisowjetischer Propaganda und Agitation“ zu sieben Jahren Arbeitslager unter verschärften Haftbedingungen sowie zu fünf Jahren Verbannung verurteilt. In ihrem Buch dokumentiert Alexejewa detailliert die Repressionen gegen Orlow sowie den gegen ihn geführten politisch motivierten Prozess.
Weitere Titel von und über Ludmila Alexejewa im StabiKat.
Ljudmila Alexejewa – dissidenten.eu – Biografisches Lexikon
Weitere Titel von und über Juri Orlow im StabiKat.
Juri Orlow, Teil 1 – dissidenten.eu – Biografisches Lexikon
Solženicyn, Aleksandr: Archipelag GULAG. 1918 – 1956.
Opyt chudožestvennogo issledovanija. V odnom tome.
Moskva : AST, 2013.
Signatur: 3 A 211785
In seinem Werk Archipelag GULAG (dt.: Der Archipel Gulag) deckt der russische Schriftsteller, Nobelpreisträger und Dissident Alexander Solschenizyn (1918-2008) die Verbrechen des sowjetischen Lagersystems auf. 1973 zuerst in Paris veröffentlicht, beschreibt es Entstehung, Aufbau und Funktionsweise des Gulag-Systems unter Stalin (1878-1953). Solschenizyn zeigt, wie das sowjetische Regime politische Gegner unterdrückte und Menschen willkürlich verhaftete. Das Buch basiert auf eigenen Erfahrungen und Berichten ehemaliger Häftlinge und wurde so zu einem wichtigen historischen Dokument, einem Hauptwerk der Dissident:innenbewegung und sorgte weltweit für große Aufmerksamkeit. Solschenizyn selbst wurde nach der Veröffentlichung 1974 aus der Sowjetunion ausgewiesen und kehrte erst 1994 nach Russland zurück.
Weitere Titel von und über Alexander Solschenizyn im StabiKat.
Alexander Solschenizyn, Teil 1 – dissidenten.eu – Biografisches Lexikon
Dissidenty SSSR, Vostočnoj i Centralʹnoj Evropy. Ėpocha i nasledie.
Moskva : Meždunarodnyj memorial, 2020.
Signatur: 3 A 278766
Der 2020 von Memorial International herausgegebene Kongressband über die Dissident:innen der UdSSR sowie Ost- und Mitteleuropas ist dem Historiker Arseni Roginski (1946–2017) gewidmet. Mitbegründer von Memorial und früherer politischer Häftling, verstand er die Dissident:innenbewegung als Keim einer Zivilgesellschaft.
Nach dem Geschichtsstudium in Tartu lebte Roginski von 1968 bis 1981 in Leningrad. Dort initiierte er die Publikation mehrerer Sammelbände mit dem Titel „Pamjat‘“ (dt.: Erinnerung) im Samizdat, in denen u.a. Memoiren sowjetischer politischer Gefangener des GULag publiziert wurden. Die Tätigkeit an den Bänden führte 1981 zu seiner Verurteilung zu vier Jahren Haft.
1989 wurde Roginski einer der Mitbegründer der Internationalen Gesellschaft für historische Aufklärung, Menschenrechte und soziale Fürsorge „Memorial“, die 2016 zunächst als „ausländischer Agent:in“ eingestuft und 2021 vom Obersten Gericht Russlands aufgelöst wurde. 2022 erhielt Memorial den Friedensnobelpreis. Einige selbstständige Memorial-Vereinigungen im Ausland wurden in Russland als „unerwünschte Organisationen“ eingestuft, die so nichtexistierende „internationale Bürgerbewegung Memorial“ 2026 als „extremistisch“ verboten.
Der vorliegende Band konnte 2020 noch in Moskau erscheinen. Als Motto wird Roginski zitiert: „Für mich war ein weiteres sehr wichtiges Thema der Dissident:innenbewegung die Herausbildung einer Zivilgesellschaft.“ Die Texte der nachfolgenden Lesungen zur Erinnerung an Roginski erschienen bei Zukunft Memorial e.V. in Berlin.
Weitere Titel von und über Memorial Moskau im StabiKat.
Webseite Zukunft Memorial e. V.
Weitere Titel von und über Arseni Roginski im StabiKat.
Nachruf: Arsenij Roginskij 30. März 1946 – 18. Dezember 2017 | Russland-Analysen | bpb.de
Ėnciklopedija dissidentstva. Vostočnaja Evropa 1956–1989.
Albanija, Bolgarija, Vengrija, Vostočnaja Germanija, Polʹša, Rumynija, Čechoslovakija, Jugoslavija.
Moskva : Novoe literaturnoe obozrenie, 2022.
Signatur: 3 A 283128
Das vorliegende enzyklopädische Projekt vermittelt einen umfassenden Überblick über die bedeutende Rolle der Dissident:innen im Widerstand gegen das totalitäre System. Die Enzyklopädie versammelt die Biografien von 160 Persönlichkeiten, die in den 1950er bis 1980er Jahren das unabhängige zivilgesellschaftliche, politische, intellektuelle und religiöse Leben in den Staaten des sozialistischen Lagers maßgeblich prägten. Ergänzt werden die biografischen Beiträge durch ausführliche historische Essays, die die gesellschaftspolitischen und kulturellen Besonderheiten dieser Epoche beleuchten.
Ėnciklopedija dissidentstva. SSSR 1956-1989.
Moskva : Novoe literaturnoe obozrenie, 2024.
Signatur: 3 A 300312
Der Band widmet sich der Dissident:innenbewegung in der Sowjetunion in den 1950er bis 1980er Jahren. Er enthält Überblicksartikel, historische Essays zur Entstehung und Entwicklung nationaler Dissidentenbewegungen in mehreren Unionsrepubliken sowie 225 Biografien von Schriftsteller:innen, Künstler:innen, Menschenrechtler:innen, zivilgesellschaftlichen und politischen Aktivist:innen sowie Vertreter:innen religiöser Organisationen. Alle Beiträge sind mit umfangreichen bibliografischen Nachweisen versehen. Ein Glossar erläutert die gesellschaftspolitischen, rechtlichen und kulturellen Besonderheiten sowie zentrale Ereignisse der „Welt der sowjetischen Dissidenten“.
Kipiani, Vachtanh: Ukrainische Dissidenten unter der Sowjetmacht. Im Kampf um Wahrheit und Freiheit.
Aus dem Ukrainischen übersetzt von Christian Weise.
Stuttgart : ibidem Verlag, 2024.
Signatur: 10 A 184088
Ukrainische Dissidenten unter der Sowjetmacht von Wachtang Kipiani (geb. 1971) beschreibt den Widerstand ukrainischer Dissident:innen gegen die sowjetische Diktatur. Anhand von Interviews mit über zwanzig Dissident:innen zeigt das Buch, wie Intellektuelle und Menschenrechtsaktivist:innen für Meinungsfreiheit, Menschenrechte und die ukrainische Identität kämpften. Dafür wurden sie verfolgt, inhaftiert oder ins Exil gezwungen. Gleichzeitig macht das Buch deutlich, dass ihr Einsatz wesentlich zur späteren Unabhängigkeit der Ukraine beitrug.
Weitere Titel von Wachtang Kipiani im StabiKat.
Wikipedia: deutsch | ukrainisch
*Ukrainian dissidents. An anthology of texts.
Zusammengestellt von O. Sinchenko, D. Stus und L. Finberg
Stuttgart : ibidem Verlag, 2021.
Signatur: 10 A 140978
*Goldfarb, Alex; Litvinenko, Marina: Death of a dissident. The poisoning of Alexander Litvinenko and the return of the KGB.
London [u.a.] : Simon & Schuster, 2007.
Signatur: 1 A 668528
Das Schicksal von Aleksander Litwinenko (1962-2006) ist untrennbar mit dem sowjetischen und russischen Geheimdienst verbunden. Zwischen 1988 und 1999 widmete er sich dort dem Kampf gegen Terrorismus und organisierte Kriminalität. 1998 machte er öffentlich, einen Befehl zur Ermordung des Geschäftsmannes und Politikers Boris Beresowski (1946-2013) erhalten zu haben. Daraufhin wurden in Russland mehrere Strafverfahren gegen ihn eröffnet, so dass er in Großbritannien um politisches Asyl ersuchte und erhielt. Hier kooperierte er mit dem MI6 und der spanischen Staatsanwaltschaft gegen die russische Mafia in Westeuropa und beschuldigte den russischen Geheimdienst, an terroristischen Aktionen gegen die russische Zivilbevölkerung beteiligt gewesen zu sein. Er verstarb am 23. November 2006 in Folge einer Polonium-Vergiftung durch russische FSB-Agenten in London. Darüber berichtet die Publikation „Death of a Dissident“. Verfasser sind der seit den 1970-er Jahren im Westen lebende frühere sowjetische Wissenschaftler und Dissident Alex Goldfarb und Litwinenkos Ehefrau Marina.
Weitere Titel über Alexander Litwinenko im StabiKat.
*Herszenhorn, David: The Dissident: Alexey Navalny. Profile of a Political Prisoner.
New York : Twelve, 2023.
Signatur: 10 A 182367
David Herszenhorn zeichnet in seinem Buch den politischen Aufstieg Alexei Navalnys vom Antikorruptionsaktivisten zum bekanntesten Oppositionspolitiker Russlands nach. Der Band beleuchtet seine Enthüllungen über staatliche Korruption, die zunehmende Repression durch den Kreml sowie seine Inhaftierung und stellt Nawalny als Symbol des modernen russischen Dissenses und des Widerstands gegen autoritäre Herrschaft dar.
Weitere Titel von und über Alexei Navalny im StabiKat.
*Vaissié, Cécile: Za vašu i našu svobodu! dissidentskoe dviženie v Rossii.
Aus dem Französischen übersetzt.
Moskva : Novoe literaturnoe obozrenie, 2015.
Signatur: 3 A 232708 Französische Ausgabe (1999): 1 A 965608
Das Buch bietet einen umfassenden Überblick über die Entstehung, Entwicklung und Bedeutung der Dissident:innenbewegung in der Sowjetunion, insbesondere in Russland, von den 1960er bis in die 1980er Jahre. Vaissié porträtiert zentrale Persönlichkeiten der sowjetischen Dissident:innenbewegung, darunter Andrei Sacharow, Alexander Solschenizyn, Sergej Kowaljow, Natalja Gorbanewskaja und weitere Aktivist:innen. Dabei wird deutlich, dass die Dissident:innen keine einheitliche politische Bewegung bildeten, sondern unterschiedliche ideologische und gesellschaftliche Vorstellungen vertraten. Gemeinsam war ihnen die Forderung nach Rechtsstaatlichkeit, Meinungsfreiheit und der Einhaltung der in der sowjetischen Verfassung und internationalen Abkommen garantierten Rechte.
Das Werk verbindet historische Analyse mit zahlreichen Dokumenten und Zeugnissen und verdeutlicht den Einfluss der Dissident:innen auf die internationale Wahrnehmung der Menschenrechtslage in der Sowjetunion. Zugleich zeigt es die Grenzen ihres politischen Einflusses innerhalb des sowjetischen Systems, macht aber deutlich, dass ihr moralisches und intellektuelles Erbe wesentlich zum Zerfall der Sowjetunion und zur Entwicklung der Zivilgesellschaft beigetragen hatte.
Die mit * gekennzeichneten Titel befinden sich nicht in der Vitrinenausstellung.
[1] Link zum Beitrag aus „Gedenktafeln in Berlin“: https://www.gedenktafeln-in-berlin.de/gedenktafeln/detail/protest-gegen-einmarsch-in-die-cssr/2837
[2] Im Text werden die kyrillischen Namen in Duden-Transkription wiedergegeben, wie sie auch in der deutschen Wikipedia zu finden sind. Im Bibliothekskatalog erfolgt die Namensangabe in wissenschaftlicher Transliteration. Weitere Namensformen sind aber in den Datensätzen hinterlegt und werden so bei einer entsprechenden Recherche auch gefunden.
[3] Siehe O. Hamann: Sowjetliteratur für den Giftschrank. Die Werke Solschenizyns in den Sammlungen der Deutschen Staatsbibliothek Berlin bis 1989. https://staatsbibliothek-berlin.de/fileadmin/user_upload/zentrale_Seiten/ueber_uns/Publikationen/Bibliotheksmagazin/Bibliotheksmagazin_2018_3.pdf S. 25-31
[4] Hier finden Sie einige Beispiele:
Zensierte russische Ausgabe der Pasolini-Biografie: https://stabikat.de/Record/1890975400
Zur Zensur in Russland: https://blog.sbb.berlin/zur-zensur-in-russland/
Zensur in Russland und Belarus: https://blog.sbb.berlin/zensur-in-russland-und-belarus/
Andersdenkende, Aktivist:innen und Exil – Neuerwerbungen der Osteuropa-Abteilung: https://blog.sbb.berlin/andersdenkende-aktivist_innen-und-exil-neuerwerbungen-der-osteuropa-abteilung/
Und hier geht’s zum SBB-Blog Osteuropa
Für Ihre Suchanfragen nutzen Sie gern auch das Slavistik-Portal.
Kontakt und Wissenswertes zum Thema
- Ihre Hinweise und Anregungen sowie Vormerkungswünsche auf Bücher in der Ausstellung nehmen wir im Referat Wissenschaftliche Dienste und Informationsvermittlung der Osteuropa-Abteilung gern entgegen.
- Ihre Anschaffungsvorschläge können Sie uns über dieses Formular zukommen lassen.
- Für spezielle Recherchen können Sie sich auch an die Referent:innen der Osteuropa-Abteilung wenden.
Weitere Informationen, auch zu unseren Neuerwerbungen, finden Sie auf diesen Seiten:

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