Stabi goes Shellac – historische Tondokumente online
In zwei weiteren Beiträgen unserer Berliner Operetten-Serie wollen wir Ihnen den Komponisten Jean Gilbert und einige seiner frühen Bühnenwerke vorstellen.

Porträt von Jean Gilbert im Jahr 1913 (Foto: Carl Pietzner / Jean Gilbert-Album, 1914)
Jean Gilbert wurde am 11. Februar 1879 als Max Winterfeld in Hamburg geboren. In einer musikalischen Familie aufwachsend, machte er schon in seinen jungen Jahren als Klaviervirtuose und Orchesterdirigent auf sich aufmerksam, zunächst am Stadttheater in Bremerhaven, dann in seiner Heimatstadt am Carl-Schultze-Theater. Bereits im Alter von 20 Jahren trat er am Hamburger Zentralhallen-Theater die Nachfolge von Leo Fall als Kapellmeister an. Da zu dieser Zeit französische Musik in Mode war, machte der geschäftstüchtige Direktor der Zentralhalle Ernst Drucker ihn kurzerhand zu einem französischen Komponisten, in der Hoffnung, dass sich mit Operetten, die aus Frankreich kommen, größere Erfolge erzielen lassen. So wurde aus Max Winterfeld Jean Gilbert und sein ganzes künstlerisches Leben lang – mit Ausnahme der Weltkriegsjahre – behielt Gilbert diesen Künstlernamen.
Im Jahr 1910 ließ sich Jean Gilbert in Berlin nieder und begann wieder vorrangig, Bühnenwerke zu komponieren. Zwischen den Jahren 1910 und 1914 war er einer der meist aufgeführten Komponisten in deutschen Spielstätten.
Wir haben Hörbeispiele aus Gilberts frühen Berliner Jahren ausgewählt und präsentieren im Folgenden einige seiner damals beliebtesten und erfolgreichsten Schlager sowie rare Aufnahmen aus dem Schellackplatten-Bestand der Staatsbibliothek.
Polnische Wirtschaft
Die „Polnische Wirtschaft“ ist eine Posse mit Gesang und Tanz in drei Akten von Kurt Kraatz (1856 – 1925) und Georg Okonkowski (1863 – 1926), die für das Berliner Thalia-Theater 1910 neu bearbeitet wurde von Jean Kren (1862 – 1922) und Alfred Schönfeld (1859 – 1916), der die Gesangstexte schrieb.
Mittelpunkt des Geschehens ist das polnische Gut „Groß-Karschau“, das zum Schauplatz zahlreicher Verwicklungen in Liebesdingen wird.
Die Erstaufführung am genannten Theater fand am 6. August 1910 statt.

Notentitelblatt „Die Dorfmusik“, 1910 (Zum Digitalisat (DMS 112656))
Zu hören ist hier auf der A-Seite eine sehr frühe Aufnahme des Walzerliedes „Die Dorfmusik“ aus dem 2. Akt der Posse, gesungen im Duett von Helene Ballot und Arnold Rieck, die diese Szene auch gemeinsam bei der Uraufführung verkörperten. Auf dem Titelblatt des Notendrucks sind beide abgebildet wie sie die Klarinette spielen. Das begleitende Orchester spielte unter der Leitung von Ludwig v. Donath.
Auf der B-Seite hören Sie ebenfalls einen Klassiker aus der „Polnischen Wirtschaft“: den Rheinländer „Männe, hak‘ mir mal die Taille auf“.
Zwei weitere populäre Melodien aus der „Polnischen Wirtschaft“ waren das Marschlied „Komm, mein Schatz, in den Lunapark“ und das Walzerlied „Wer kann dafür“.
Hier eine Aufnahme der Globophon G.m.b.H., aufgenommen zwischen 1910 und 1914.
Aufgrund ihres fröhlichen Charakters war die „Polnische Wirtschaft“ beim Publikum derart beliebt, dass das Stück sämtliche Aufführungsrekorde brach – einige Tage vor Heiligabend im Jahr 1911 lud das Thalia-Theater zur 500. Vorstellung. Selbst nach Kriegsende fand die Posse in einer neuen Inszenierung ihren Weg zurück auf die Berliner Bühne wie dieser Theaterzettel aus der Sammlung Historische Drucke/Theaterzettel der Staatsbibliothek belegt. Bemerkenswert ist, dass in dieser 625. Vorstellung noch drei Darsteller dabei sind, die schon bei der Uraufführung auf der Bühne standen: Emil Sondermann, Arnold Rieck und Lotte Reinecken.
Die moderne Eva
Nach dem großen Bühnenerfolg von der „Polnischen Wirtschaft“ wurde Gilberts neue Operette „Die moderne Eva“ an gleich 15 deutschen Bühnen zur Aufführung angenommen, so dass Gilbert mit seinem Ensemble mit dem Stück auf Tournée durch den deutschsprachigen Raum ging. Die Uraufführung dieser 3-aktigen Operette erfolgte am 18. Oktober 1911 in Berlin am Neuen Operetten-Theater am Schiffbauerdamm 25.
Das Libretto von Georg Okonkowski und Alfred Schönfeld ist nach der französischen Komödie „Place aux femmes“ entstanden und auch die Handlung dieser Gesellschafts-Operette spielt in der französischen Hauptstadt, da in Berlin zu dieser Zeit des Kaiserreichs solche modernen Frauenfiguren, wie sie in der Operette skizziert werden, noch kaum vorkommen konnten: Da sind die Rechtsanwältin Niniche Cascadier und ihre zwei Töchter Renée, von Beruf Malerin, und Camille, Doktorin der Medizin. Madame Cascadier ist zwar verheiratet – sie gibt aber in der ehelichen Gemeinschaft mit ihrem Gatten Casimir Cascadier den Ton an. Dieser geht indes heimlich fremd.
Zu hören auf der B-Seite dieser Gramophone-Platte (vermutlich von 1911) ist das Auftrittslied von Cascadier im 1. Akt, der mit dem Refrain „Jeder Mann, wenn er kann, macht ‚nen Seitensprung“ die Ansichten eines Lebemanns zum Besten gibt. Es singt der Schauspieler Julius Sachs.

Notentitelblatt „Die moderne Eva“, 1911 (Zum StabiKat (DMS 160849))
Auf der A-Seite ist das Walzerlied der ersten Tochter Renée zu hören, gesungen von der Soubrette Mizzi Wirth: „Mägdelein, lass deinen Eigensinn…“‘
Beide Töchter widersetzen sich zunächst ihrer gesellschaftlich vorgegebenen Rolle einer treusorgenden Gattin. Am Ende des Stückes jedoch – wie kann es in einer Operette auch anders sein – siegt die Liebe und selbst die „moderne Eva“ wird in ihrer Entscheidung von ihren Gefühlen geleitet.
Das Autoliebchen
Eine weitere äußerst erfolgreiche Posse mit der Musik von Jean Gilbert war „Das Autoliebchen“, ebenfalls uraufgeführt in Berlin am Thalia-Theater am 16. März 1912.
In drei Akten skizzieren die Verfasser Jean Kren und Alfred Schönfeld gleich mehrere Verwechslungs- und Eifersuchtsszenen, die ihren Ausgang auf einer Autofahrt auf dem Heimweg von einem Maskenball nehmen.
Wieder hat die Deutsche Grammophon-Gesellschaft sogleich die populärsten Schlager auch dieses Bühnenstücks in Originalbesetzung auf Platte verewigt.
Hier der bekannteste Schlager der Posse „Das haben die Mädchen so gerne“, eingesungen von Eugenie Della-Donna und Arnold Rieck vom Thalia-Theater.

Musikdruck, Ullstein & Co, 1914 (Zum Digitalisat (N.Mus. 10688-116))
Es war eine beliebte Tradition in den Vorstellungen am Thalia-Theater, dass das Publikum die Melodie dieses beliebten Schlagers mitgesungen hat. Hierfür wurde zwischen dem zweiten und dritten Akt der Text und die Noten auf den Vorhang projiziert und das Orchester spielte die Melodie zum Refrain ein.
Wenn auch Sie mitsingen oder musizieren wollen, klicken Sie auf das Digitalisat des Musikdrucks.







Verdi, Aida, Poster, 1908. Photo. Britannica ImageQuest, Encyclopædia Britannica © akg Images / Universal Images Group / Rights Managed
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Colomba with chocolate (Italien Easter cake) Quelle: Britannica ImageQuest ©Nico Tondini © Robert Harding World Imagery / Universal Images Group / Rights Managed

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