Stabi goes Shellac – historische Tondokumente online
Im Rahmen unserer Schellack-Blogreihe zur Berliner Operette erinnern wir an den Komponisten Léon Jessel und seine in Berlin uraufgeführte Erfolgsoperette „Schwarzwaldmädel“.
Léon Jessel kam am 21. Januar 1871 als erstes Kind des jüdischen Textilkaufmanns Salomon Jessel und seiner aus Amerika stammenden Frau Mary in Stettin zur Welt. Die Mutter unterstützte sein musikalisches Talent und im Alter von sieben Jahren erhielt er Klavierunterricht bei dem Stettiner Musiker Hermann Rowe. Schon früh hegte er den Wunsch, Kapellmeister zu werden. Parallel zum Besuch des Königlichen Marienstifts-Gymnasium in Stettin, welches er 1888 ohne Abschluss verließ, erhielt er eine fundierte Musikausbildung unter anderem bei Carl Adolf Lorenz, dem städtischen Musikdirektor in Stettin.
Auf Wunsch seiner Eltern absolvierte Léon Jessel eine kaufmännische Lehre in einer Stettiner Textilfabrik, wo er seine erste Frau Luise kennenlernte. Seine Eltern waren sowohl gegen die Verbindung mit der Protestantin als auch gegen seine Absicht, die Laufbahn eines Kapellmeisters und Tonsetzers einzuschlagen. Es kam zum Bruch mit seinen Eltern nachdem er 1894 zum protestantischen Glauben übertrat und schließlich 1896 Luise Grunewald ehelichte.
Engagements als Operetten-Kapellmeister führten ihn nach Bielefeld, Stettin, Freiberg, Chemnitz, Lübeck, Bremen und Kiel, meistens nur für eine Spielzeit. Nur in Lübeck ließ er sich für längere Zeit nieder, wo er am Wilhelm-Theater wirkte, Klavierunterricht gab und die Leitung des Männerchors der „Liedertafel des Gewerkvereins Lübeck“, dem er einige Kompositionen widmete.

Die Parade der Zinnsoldaten Schellackplatte anhören
Erste Versuche, sich als Operettenkomponist zu etablieren waren erfolglos, so dass er sich zunächst auf Salon- und Charakterstücke und Märsche verlegte, die seine Verehrung für das Preußentum und seine deutschnationale Identität widerspiegeln. Sein erster großer Erfolg wurde „Die Parade der Zinnsoldaten“ op. 123, 1905.

Die beiden Husaren, daraus: Effie-Walzer Schellackplatte anhören
Im Jahre 1911 zog Léon Jessel mit Frau und Tochter nach Berlin, wo die Operette Hochkonjunktur hatte. Er knüpfte Kontakt zu den Theatermachern Rudolf Bernauer und Rudolf Schanzer, für die er das Libretto „Die beiden Husaren“ vertonte. Mit der Uraufführung dieser Operette wurde 1913 das nach einem Großbrand wieder aufgebaute „Theater des Westens“ eröffnet.
Während des ersten Weltkriegs war Léon Jessel bei der Landesversicherungsanstalt Berlin tätig, wo er 1916 seine zweite Frau Anna Gerholdt kennenlernte. In dieser Zeit arbeitete er auch an der Vertonung seines Welterfolgs „Schwarzwaldmädel“, die ihm zu seinem endgültigen Durchbruch als Operettenkomponist verhalf und mehrfach verfilmt wurde. Weitere Operetten folgten, von denen nur „Die Postmeisterin“ annähernd an den Erfolg des „Schwarzwaldmädel“ anknüpfen konnte.
Ab 1938 war die Aufführung und Verbreitung seiner Werke verboten und er war gesellschaftlich geächtet. Dennoch entschied sich Jessel, anders als viele seiner Weggefährten dagegen, Deutschland zu verlassen. Am 15. Dezember 1941 wurde Léon Jessel wegen „Verbreitung von Greuelmärchen“ in die Gestapo-Leitstelle in der Burgstraße 28 vorgeladen und in Haft so schwer gefoltert, dass er am 4.1. 1942 im Jüdischen Krankenhaus kurz vor seinem 71. Geburtstag aufgrund seiner schweren Verletzungen starb. Seine Grabstätte befindet sich auf dem Friedhof Wilmersdorf.
Léon Jessel und Berlin visuell
Berlin ist heute ein zentraler Erinnerungsort für Léon Jessel. Orte wie der Léon-Jessel-Platz in Wilmersdorf, Gedenktafeln, seine Grabstätte sowie historische Aufführungsstätten markieren Stationen seines Lebens und Wirkens. Die interaktive Karte „Léon Jessel && Berlin“ rekonstruiert diese Berliner Lebens- und Wirkungsorte im stadträumlichen Zusammenhang und verknüpft biographische Daten mit frei zugänglichen Informationen sowie digitalisierten Quellen. Auf diese Weise werden künstlerische Erfolge des einst gefeierten Komponisten ebenso sichtbar wie die Repressionen durch den NS-Staat, aber auch biographische Widersprüche und die Tragik seines Lebensendes in ihrer räumlichen Dimension erfahrbar. Die historische Karte Berlins um 1925 dient dabei als Referenzebene, die nicht nur Jessels Wirken zeitlich situiert, sondern zugleich eine Perspektive auf die urbanen Transformationsprozesse der Stadt bis in die Gegenwart eröffnet. Die interaktive Karte wurde freundlicherweise von René Wallor, Staatliches Institut für Musikforschung – Preußischer Kulturbesitz, erstellt.
Seit 1978 verwahrt die Musikabteilung der Staatsbibliothek zu Berlin den Nachlass von Léon Jessel (N.Mus.Nachl. 42).
Schwarzwaldmädel (Operette, 1917)
„Schwarzwaldmädel“ ist eine Operette in drei Akten und wurde am 25. August 1917 in der Komischen Oper Berlin uraufgeführt. Sie ist bis heute Léon Jessels größter Erfolg.
Das Libretto für das „Schwarzwaldmädel“ stammt von August Neidhart (1867-1934), der 1916 von Wien nach Berlin übergesiedelt ist und als Dramaturg und künstlerischer Berater an der alten Komischen Oper an der Weidendammer Brücke wirkte. Er bot das Libretto dem damaligen Direktor Gustav Charlé an und für die Vertonung wurde Léon Jessel gewonnen, der das Libretto überarbeitete und an den Rhythmus seiner Musik anpasste. Die Noten zum „Schwarzwaldmädel“ erschienen zuerst beim Richard Birnbach Musikverlag Berlin, das Aufführungsrecht liegt beim Verlag Felix Bloch Erben Berlin.
Die Handlung
Aus Berlin flüchten, verkleidet als Musikanten, der Maler Hans und sein Freund Richard vor dem Großstadtleben und Hans‘ Verehrerin Malwine von Hainau in das fiktive Örtchen „St. Christoph“, wo gerade das Cäcilienfest vorbereitet wird. Hier wohnen sie bei dem alten Domkapellmeister Römer und Bärbele, seiner Bediensteten, für die er heimlich schwärmt. Malwine taucht ebenfalls in St. Christoph auf und flirtet auf dem Fest mit Richard, um „ihren“ Hans eifersüchtig zu machen. Dieser hat sich aber längst in Bärbele verliebt. Es kommt zu allerlei Irrungen und Wirrungen, in denen Malwine und Richard sowie Bärbele und Hans sich als Paare finden.
Die Musik
Im „Schwarzwaldmädel“ dominieren schlichte, volkstümliche, leicht eingängige Melodien, oft im Walzertakt, die schnell zu Schlagern wurden und die Sehnsucht der Menschen in Kriegszeiten nach einer heilen Welt erfüllten.
Üblicherweise wurde die Bühnenmusik zu einem Potpourri verdichtet, um die Verbreitung auf dem noch jungen Medium Schallplatte und im Rundfunk zu befördern.

Schwarzwaldmädel Potpourri Schellackplatte anhören
Hören Sie zunächst ein Potpourri der Operette 1926 eingespielt vom Edith-Lorand-Orchester.
Die ersten Schallplattenaufnahmen der beliebtesten Melodien aus dem „Schwarzwaldmädel“ stammen aus dem Jahr 1917.

Schwarzwaldmädel: Lockende Augen ‚ Schellackplatte anhören
Mit dem Lied „Lockende Augen“ bezirzt Malwine von Hainau im ersten Akt Richard, um Hans eifersüchtig zu machen. Leider konnten die Interpreten dieser Aufnahme nicht ermittelt werden.

Schwarzwaldmädel : Mädel aus dem schwarzen Wald Schellackplatte anhören
„Mädel (oder Mädle) aus dem schwarzen Wald“ aus dem 2. Akt der Operette, eigentlich ein Quintett zwischen Malwine, Lorle, Bärbele, Hannele und Richard, ist hier als Duett zwischen Bärbele und Richard zu hören.
Die Sängerin Steffi Walidt, die in den folgenden Aufnahmen in sowohl als Bärbele als auch als Malwine zu hören ist, war als Bärbele bei der Uraufführung der gefeierte Star.
„Steffi Walidt regte als Bärbele mit ihrer urwüchsigen Komik, die hier zuweilen auch sentimentalen Regungen Raum zu geben hat, das Publikum zu stürmischen Beifallsausbrüchen an. Ihrem Gesang gibt der kindliche Timbre ihrer Stimme einen ganz besonderen Reiz.“ (Aus der Kritik zur Uraufführung der Berliner Börsenzeitung vom 26.8.1917)
Die Lieder nahm Steffi Walidt für das Label „Grammophon“ zusammen mit dem Tenor Bernhard Bötel auf.

Malwine, ach Malwine Schellackplatte anhören
Beim Cäcilien-Fest am Abend erscheint Malwine von Hainau in Schwarzwaldtracht. Richard umschwärmt sie „Ich liebte manche Frau schon – Malwine, ach Malwine, du bist wie eine Biene“.

Erklingen zum Tanze die Geigen Schellackplatte anhören
Auf dem Dorffest beginnt der Tanzabend mit Damenwahl. Bärbele fordert den Domkapellmeister Blasius Römer zum Tanz auf und gemeinsam singen sie „Erklingen zum Tanze die Geigen“







© Stabi Berlin, Fotograf: Markus Glahn 
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