Stabi goes Shellac – historische Tondokumente online
Es folgt der zweite Beitrag über weitere Operetten des Komponisten Jean Gilbert.
Die Kino-Königin
Jean Gilbert, der immer ein gutes Gespür für aktuelle Stoffe hatte, würdigte mit seiner Musik zur Operette „Die Kino-Königin“ die neue aufkommenden Kunstform – den Film. Die dreiaktige Operette erfuhr am 23. November 1912 in Hamburg am Deutschen Operettentheater ihre Uraufführung unter dem Titel „Die elfte Muse“. Nach der Jahrhundertwende zählte man zu den klassischen neun Musen als zehnte Muse das Kabarett und als elfte Muse den Film hinzu.
Das Berliner Metropol-Theater erkor die „Die elfte Muse“ zur „Kino-Königin“. Unter dem neuen Titel wurde dort das Bühnenwerk am 8. März 1913 erstmals aufgeführt, und zwar in einer Bearbeitung durch den Dramaturgen Julius Freund (1862-1914). Das Libretto verfasste Georg Okonkowski.
Eine weitere textliche und musikalische Neufassung von Robert Gilbert (1899-1978) und Per Schwenzen (1899-1984) wurde 1961 am Opernhaus Nürnberg erstaufgeführt.
Als einen von vielen populären Schlagern aus dieser Operette hören Sie auf der nachfolgenden Gramophone-Platte, vermutlich im Jahr 1913 veröffentlicht, das Walzer-Duett „Jupplala“, gesanglich interpretiert von Helene Ballot und Karl Bachmann. Beide wirkten bei der Erstaufführung am Metropol-Theater mit in den Rollen der Millionärstochter Annie und des Barons Victor de Gardennes, zu sehen in dem nebenstehenden Szenenbild.
Die Aufnahme auf der A-Seite der Platte ist ein Refrainlied aus dem Finale des 2. Aktes „Liebliche kleine Dingerchen“, gesungen von Karl Bachmann mit Chorbegleitung.
Puppchen
Das Puppchen – hierbei handelt es sich nicht etwa, wie man meinen könnte, um eine niedliche Frauenfigur, sondern um den Schwerenöter Hänschen Schulze-Borsdorf, der sich als harmloser Knabe ausgibt und den vier Nichten des Ehepaars Briesekorn (Hortense, Lore, Marie und Hilde) den Kopf verdreht.
Auch diese Posse um das „Puppchen“ wurde zu einen Erfolgsstück Gilberts am Thalia-Theater, wo er seit 1910 als Kapellmeister und Hauskomponist wirkte. Das Libretto stammt abermals vom Thalia-Theaterdirektor Jean Kren in Zusammenarbeit mit dem Librettisten Kurt Kraatz; die Gesangstexte steuerte Alfred Schönfeld bei.
Die Handlung dieses heiteren Bühnenwerks ist nebensächlich – es handelt sich vielmehr um eine Aneinanderreihung von eingängigen Melodien, leichten Texten und schmissigen Tanzrhythmen. Aus einer klassischen Tanzszene im Finale des 2. Aktes der Posse stammt das folgende Walzerlied, dessen Refrain nur eine von vielen Publikums-Lieblingsmelodien war:
„Flieg‘, du kleine Rumplertaube,
flieg in meine Wolkenlaube;
flieg hinauf zum Sternenzelt,
wo Gott Amor Wache hält!“
Auf der B-Seite dieser Schellackplatte „Concert Record Gramophone“ hören Sie die Titelmelodie, die dem Bühnenstück seinen Namen gab: „Puppchen, du bist mein Augenstern!“
Es singen der Komiker Arnold Rieck und die Soubrette Elsa Grünberg in den Rollen der Lore und des Hänschen Schulze-Borsdorf (alias Puppchen) – beide abgebildet auf den nebenstehenden Fotos.

Elsa Grünberg und Arnold Rieck (Foto: Verlag Photochemie, M. W. Willinger / Jean Gilbert-Album, 1914)
Gilberts Musik war beispielhaft für die Vergnügungsbranche der damaligen Zeit. Er zielte mit seinen Kompositionen auf den kommerziellen Erfolg der Operetten und Possen ab und schuf am Fließband neue Schlager für sein Publikum. Das musikalische und dramaturgische Niveau seiner Operetten hingegen war unter seriösen Musikkritikern und Vertretern der traditionellen Wiener Operette umstritten. Insgesamt hat Jean Gilbert 53 Operetten und musikalische Possen komponiert, doch keine davon erlangte wirkliche musikhistorische Bedeutung.
Es folgt ein Potpourri der bekanntesten Schlager aus der Posse „Puppchen“, eingespielt auf Schellackplatte vom Grammophon-Orchester.

Titelblatt „Potpourri aus Puppchen“, 1912 (Zum Digitalisat, DMS 157755)
Die Reise um die Erde in 40 Tagen
Wie schon in Paul Linckes Operette „Frau Luna“ wird das Berliner Publikum in „Die Reise um die Erde in 40 Tagen“ in ferne Welten versetzt.
Das vor allem durch seine Jahres-Revuen bekannte Berliner Metropol-Theater brachte am 13. September 1913 dieses große Ausstattungsstück mit Gesang und Tanz in 19 Bildern von Julius Freund erstmals auf die Bühne.
Der Stoff basiert auf der historischen Romanvorlage von Jules Verne. Lord Fogg Junior wettet in einem Londoner Club, dass er die Reise um die Erde in der Hälfte der Zeit wie sein Vater zurücklegen kann.
Für die Inszenierung am Metropol-Theater setzte man bei der Darstellung der Reise auf der Bühne auf die neuesten dekorativen Tricks, auf eine rasche Abfolge der einzelnen Bilder, auf ein prachtvolles Ballett und auf Gilberts musikalische Untermalung des Ganzen.
Zu hören auf der A-Seite dieser raren Gramophone-Platte ist das Lied „Im Opiumrausch!“ (Fogg besucht eine Opiumhöhle in San Francisco), gesungen von dem Charakterschauspieler des Metropol-Theaters Josef Giampietro. Auf der B-Seite interpretieren die Metropol-Stars Helene Ballot und Oscar Sabo das Tanzduett „Warum nimmst du denn den Hut?“

Titelblatt „Im Opiumrausch“, 1913 (Zum Digitalisat, DMS 163743)
Die Tangoprinzessin
Als weiteren beliebten Ohrwurm von Jean Gilberts Kompositionen präsentieren wir Ihnen den Thalia-Tango „Ich tanz‘ so gern den Tango“ aus der Posse „Die Tango-Prinzessin“.
Hier eine Aufnahme des Labels Beka aus dem Jahr 1913, eingespielt vom Beka-Orchester mit Refraingesang. Im gleichen Jahr brachte das Beka-Label sogar ein Sonderetikett für Jean Gilbert auf den Markt, auf dem anstelle des Flamingo-Firmenlogos Gilberts Portrait im Medaillon abgebildet war.

Titelblatt „Tango-Prinzessin“, 1913 (Zum Digitalisat, DMS 166651)
Das Titelblatt des Klavier-Auszugs aus der Deutschen Musiksammlung der Staatsbibliothek zeigt Rosa Felsegg und Fritz Junkermann in dem eben gehörten Thalia-Tango. Beide tanzten diese Tango-Szene bei der Erstaufführung des Stücks am 4. Oktober 1913 im Thalia-Theater.
Recherchieren Sie bei Interesse gerne im StabiKat alle weiteren Schellack-Aufnahmen des Komponisten Jean Gilbert.
Literatur
- Schönfeld, Alfred: Jean Gilbert-Album: eine Sammlung von 35 der beliebtesten Melodien aus ‚Blondinchen / Woran wir denken / Wenn der Frühling kommt / Die Reise um die Erde in 40 Tagen / Die Tango-Prinzessin / Die Kino-Königin / Puppchen / Autoliebchen / Fräulein Tralala / Polnische Wirtschaft / Die moderne Eva‘. Berlin: Globus Verlag², 1914.
- Holzbauer, Hermann (Hrsg.): Die Stimme seines Herrn: Zeitschrift für Grammophonkunst. Nachdr. der Ausg. Berlin 1909 – 1918, Bd. I und II. Tutzing: Hans Schneider, 1992.
- Schneidereit, Otto, et al.: Operette von Abraham bis Ziehrer. Berlin: Henschelverlag² 1965.









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Carola Seifert
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