Clio Guide – ein Handbuch zu digitalen Ressourcen für die Geschichtswissenschaften

Auch die Geschichtswissenschaften werden seit einer Reihe von Jahren vom Wandel in der digitalen Fachinformation geprägt. Digitale Quelleneditionen, elektronische Zeitschriften und Handbücher, thematische Webseiten, Blogs und Netzwerke mögen nur als Stichworte dienen. Die Verfügbarkeit elektronischer Volltexte befördert auch hier sukzessive neue Arbeitsformen wie die automatisierte Analyse großer Textkorpora u.ä.  All diese Entwicklungen schwingen bei dem Begriff der Digital Humanities mit.

Ein Wegweiser für dieses zuweilen etwas unübersichtliche Feld der digitalen Ressourcen bietet nun der soeben erschienene Clio Guide, der als Online-Handbuch komplett neu aufgelegt wurde. Ältere Artikel der Clio-Guides, die schon seit längerem auf der Seite von Clio-online, dem Fachportal für die Geschichtswissenschaften, verankert waren, wurden dabei überarbeitet und aktualisiert, der Großteil der Beiträge aber neu geschrieben und ihr thematisches Spektrum beträchtlich erweitert. So wird der Guide eröffnet von dem Bereich „Digitale Arbeitsformen und Techniken“, es folgen die sogenannten „Sammlungen“ – Archive, Bibliotheken und Museen sowie spezielle Quellengattungen -, daran schließen sich als Zentrum des Handbuches „Epochen“ und „Regionen“ an. Beschlossen wird das Werk von den „Themen“,  worunter z.B. einzelne Teildisziplinen der Geschichtswissenschaften wie Umweltgeschichte fallen.
Die Aufsätze zu den historischen „Regionen“ decken nun alle Kontinente ab und bieten so auch für die transnationale Forschung ein gutes Arbeitsmittel.

Im Bereich “Sammlungen” ist die Staatsbibliothek zu Berlin durch verschiedene Beiträge prominent vertreten. So informieren Jutta Weber und Gerhard Müller (Handschriftenabteilung) über Nachlässe und Autographen, Susanne Maier (Abteilung Bestandsaufbau) widmet sich den amtlichen Veröffentlichungen und Statistiken und Wolfgang Crom und Markus Heinz (Kartenabteilung) beleuchten Karten, die Kartographiegeschichte, sowie Geschichtskarten.

Das Handbuch mit seinen rund 40 Artikeln ist ein Gemeinschaftswerk von Forschenden der Geschichtswissenschaft auf der einen sowie Angehörigen wissenschaftlicher Bibliotheken auf der anderen Seite und spiegelt insofern auch unterschiedlich nuancierte Zugriffe auf die jeweiligen Themen reizvoll wider.

Die Herausgeberschaft eines solchen Werkes stellt erfahrungsgemäß ein mitunter mühsames Unterfangen dar, weshalb diese Aufgabe auch auf mehreren Schultern einer Facharbeitsgruppe von Clio-online ruhte: Laura Busse (HU Berlin), Dr. Wilfried Enderle (SUB Göttingen und Sprecher der Facharbeitsgruppe), Prof. Dr. Rüdiger Hohls (HU Berlin), Gregor Horstkemper (BSB München), Thomas Meyer (HU Berlin), Dr. Jens Prellwitz (SBB Berlin) und Dr. Annette Schuhmann (ZZF Potsdam) waren verantwortlich für die Autorenakquise und die Lektoratsarbeit. Die technische Umsetzung lag im Wesentlichen bei Thomas Meyer, die Gesamtkoordination bei Winfried Enderle, der zudem auch mehrere Beiträge verfasste.

Der Clio-Guide möchte zum einen als faktenorientierte Einführung in die digitale Fachinformation für Studierende der Geschichtswissenschaften dienen, zum anderen aber auch als Nachschlagewerk für Lehrende.

Clio-Guide – Ein Handbuch zu digitalen Ressourcen für die Geschichtswissenschaften, hrsg. von Laura Busse, Wilfried Enderle, Rüdiger Hohls, Gregor Horstkemper, Thomas Meyer, Jens Prellwitz und Annette Schuhmann (=Historisches Forum, Bd. 19) Berlin 2016

Literaturrecherche zur Architektur am Beispiel Berlins: Workshop am 27.4.

Workshop
Bauten, Parks und Plätze – Literaturrecherche zur Architektur am Beispiel Berlins
Mittwoch, 27. April
16.30 Uhr
Schulungsraum im Lesesaal, Haus Potsdamer Straße
Treffpunkt: Eingangshalle (I-Punkt)
Anmeldung

Tiergarten und Kulturforum, Bundesschlange und Siemensstadt – anhand bekannter Suchbegriffe aus der Berliner Stadtbaugeschichte zeigen wir Ihnen, welches Material die Staatsbibliothek zum Thema Architektur zu bieten hat und wie Sie auch frei im Netz finden, was Sie suchen. Ein Schwerpunkt liegt hier auf der historischen und kunsthistorischen Perspektive. Sie lernen geeignete Kataloge, spezielle Datenbanken, Internetquellen und Volltextarchive kennen und erhalten Tipps für die Suche. Dabei gehen wir auch direkt auf Ihre konkreten Rechercheinteressen ein.

Bringen Sie gerne Ihre eigenen Fragen mit – denn nach der Vorstellung der Ressourcen probieren Sie selbst das Gelernte aus: entweder mit vorbereiteten Übungen oder Ihren eigenen Fragestellungen. Dabei erhalten Sie persönliche Unterstützung und verbessern Ihre Recherchestrategie.

Zum Abschluss machen wir bei Interesse einen kurzen Rundgang zu den für Sie relevanten Lesesaalbereichen, bei dem Sie auch ein paar spezielle Details zur Architektur der Bibliothek erfahren.

Gerne können Sie Ihre Fragen schon vorab einsenden an Christina Schmitz.


Zur Wissenswerkstatt

Cervantes war (sozusagen) ein Engländer

„There liued not long since, in a certaine vilage of the Mancha, the name whereof I purposely omit, a Yeoman of their calling that use to pile up in their hals olde Launces, Halbards, Morrions, and such other armours and weapons. “ Mit diesen Worten beginnt die erste englische Übersetzung von Cervantes’ Hauptwerk El ingenioso hidalgo don Quijote de la Mancha (1605, zweiter Teil 1615) von Thomas Shelton, publiziert 1612, also noch zu Lebzeiten Cervantes’,  bzw. 1620 (zweiter Teil). Die Quijote-Übersetzung blieb auffälligerweise Sheltons einziges literarisches Vermächtnis und ist, glaubt man Spezialisten, von recht dubioser Qualität: Der wohl wichtigste neuere Cervantes-Übersetzer John Ormsby (The Ingenious Gentleman of Don Quixote de la Mancha, 1885) zeigte sich jedenfalls verwundert darüber, dass Shelton einen Teil von Cervantes’ Vokabular schlicht unübersetzt ließ und schloss daraus, dass Shelton wohl nur über recht rudimentäre Spanischkenntnisse verfügte. Das konnte, bei einem Werk, das im breiten Konsens der Literaturwissenschaft als der erste (Apuleius und Petronius lassen wir jetzt mal weg) und vielleicht auch größte und wichtigste europäische Roman gilt, durchaus auch schon vor rund 400 Jahren zum Problem werden.

Der zeitgenössischen Popularität des Quijote in England tat Sheltons nicht völlig geglücktes Opus freilich keinen Abbruch. Cervantes erreichte mit seinem pikaresken Meisterwerk von Anfang an breite Leserschichten auf der Insel, und dementsprechend feierten über die Jahrhunderte immer neue Übersetzungen fröhliche Urständ. Bis heute bedeutend und, ja, auch gelesen, sind die als „Jarvis Translation“ bekannte Version des Iren Charles Jervas (1742) und diejenige von Tobias Smollett (1755). Erwähnenswert außer der klassischen viktorianischen Ormsby-Übersetzung sind – auch wenn das jetzt ein großer Sprung ist –  in der Gegenwart unbedingt die anlässlich des 400. Jubiläums des Romans erschienene Version von Tom Lathrop (2005) und die bislang jüngste Übersetzung von James H Montgomery (2006). Montgomery war übrigens, ob Sie es glauben oder nicht, Bibliothekar. Universitätsbibliothekar noch dazu. In Texas.

Um erahnen zu können, was für ein kreativer Kraftakt es war und ist, Cervantes überhaupt zu übersetzen, muss man sich gewahr machen, dass der Quijote, ähnlich wie die Dramen Shakespeares, die Erfahrung der Welt in ihrer ganzen Fülle und Vielfalt verarbeitet, es wimmelt von Witz, Zoten, Tragik, Absurditäten und Pathos. Zudem ist Cervantes’ Sprache voll von neu geschaffenen Bonmots, Wortspielen, Anspielungen und Malapropismen, also von durch die Figuren falsch verwendeten Wörtern. Wenn Sancho Pansa etwa sagt „yo tengo relucida a mi mujer“ – wenig sinnvoll „ich habe meine Frau ‘scheinen’ lassen“ – und Quijote ihn korrigiert „reducida has de decir, Sancho“ – „überzeugt musst du sagen, Sancho“ –, ist das für den Übersetzer schon nicht so ganz einfach. Montgomery dreht den Malapropismus schlicht und einfach um und macht „reduced“ (was keinen Sinn ergibt) und „induced“ („dazu gebracht“) daraus (vgl. Michael J McGrath, Review of Don Quixote, transl. James H Montgomery, in: Cervantes: Bulletin of the Cervantes Society of America 30 (2010): 193-199). Ungewollt hat Cervantes übrigens auch die englische Sprache ein wenig reicher gemacht: „quixotic“ definiert das Oxford English Dictionary u.a. als „naively idealistic; unrealistic, impracticable; (also) unpredictable, capricious, whimsical“ – das Deutsche hat bezeichnenderweise das eher übellaunig konnotierte „kafkaesk“ zu bieten.

Der weiter oben erwähnte Tobias Smollett ist noch aus einem anderen Grund für die englische Cervantes-Rezeption von Bedeutung: Smollett ist neben Samuel Richardson, Henry Fielding und Laurence Sterne der bedeutendste englische Romancier des 18. Jahrhunderts; seine pikaresken Romane wie The Adventures of Peregrine Pickle (1751) und vor allem The Expedition of Humphrey Clinker (1771) stehen in der direkten Tradition Cervantes’ und trugen zu dessen Popularisierung in England beträchtlich bei. Die Romane selbst lesen sich übrigens wesentlich launiger als die Titel. Noch deutlicher wird der Quijote-Bezug bei Henry Fielding, dessen ebenfalls sehr munterer, noch heute gut lesbarer Roman Joseph Andrews (1742) den folgenden Titelzusatz trägt: „Written in Imitation of the Manner of Cervantes, Author of Don Quixote.“ Wenn Sie sich an den Abenteuern von Parson Adams, Lady Booby, Peter Pounce und Mrs. Slipslop ergötzen, denken Sie also bitte an Windmühlen. Nicht nur aus heutiger Perspektive ungemein interessante Varianten bieten auch Cervantes-inspirierte Werke wie The Female Quixote (1755) von Charlotte Lennox (übrigens wie Smollett aus Schottland stammend), die religiöse Satire The Spiritual Quixote (1773) von Richard Graves und, jenseits des Atlantiks, Tabitha Gilman Tenneys Female Quixotism (1801), der populärste amerikanische Roman bis zu Harriet Beecher Stowes Uncle Tom’s Cabin (1852). Der Topos vom schrulligen Dünnen und bauernschlauen Dicken, gerne kombiniert mit einem Road-Trip, findet sich später, nebst vielen anderen, auch bei Dickens, Mark Twain, Conan Doyle, Tolkien (ja: Frodo ist Quijote, Samwise ist Sancho Pansa!), T. Coraghessan Boyle und vielen anderen wieder. Cervantes hat sich in England und Amerika in vielerlei Hinsicht also bis heute als unsterblich erwiesen.

Großbritannien und Irland sind nun aber, ebenso wie Spanien, Länder mit mehr als einer Sprache. Wie sieht es also mit Cervantes-Übersetzungen in den anderen Sprachen der britischen Inseln aus? Eher dünn, man muss es leider so sagen. Zumindest Teile des Quijote ins Irische übersetzt hat der Priester Peadar Ua Laoghaire (vulgo: Peter O’Leary), die Übersetzung erschien als Don Cíchóté im Jahr 1921, also während der Hochzeit des Revivals der irischen Sprache und kurz vor Gründung des irischen Freistaats. Eine kymrische (walisische) Übersetzung wurde 1955 von J. T. Jones unter dem Titel Anturiaethau Don Cwicsot: Wedi eu trosi a’u cyfaddasu veröffentlicht. Mit Schottisch-Gälisch, Manx und Kornisch fangen wir lieber nicht an: Diese Sprachen sind – Vorsicht, steile These – per se quixotisch, so dass sich eine Übersetzung seit jeher anscheinend erübrigt hat.

Cervantes ist heute vor 400 Jahren gestorben, Shakespeare auch. Shakespeare ist noch dazu auf den Tag genau heute vor 452 Jahren geboren worden. Außerdem ist heute, nicht ohne Grund, der Welttag des Buches. Anlass genug, ein wenig zu recherchieren und zu lesen. Außer den Links im Text empfehlen wir als Einstieg den English Short Title Catalogue, der so gut wie alles listet, was von Beginn des Buchdrucks bis 1800 in England erschienen ist, also auch die frühen Cervantes-Übersetzungen. Wenn’s der digitale Volltext sein soll (und das soll er ja wohl), sind die Adressen der Wahl die Datenbanken Early English Books Online und Eighteenth Century Collections Online, die insgesamt einen sehr großen Teil der englischen Buchproduktion bis 1800 als Digitalisate enthalten, von Cervantes-Übersetzungen bis hin zu Fielding, Smollett und Charlotte Lennox. Das amerikanische Pendant heißt Early American Imprints (als Serie 1 und Serie 2 publiziert) und ist ebenfalls eine Fundgrube. Englische Cervantes-Übersetzungen finden Sie im Stabikat, Literatur von und zu Cervantes zuhauf im Ibero-Amerikanischen Institut, außerdem im Stabikat und Stabikat+ sowie in Auswahl im Lesesaal in der Staatsbibliothek Unter den Linden. Literatur zur Cervantes-Rezeption gibt es reichlich im IAI und in der Stabi. Soll’s direkt an die digitale Quelle gehen, lohnt ein Blick in die digitalen Sammlungen der spanischen Nationalbibliothek. Enjoy! – ¡Que os divirtáis!

 

23.4.1616 – da war doch noch was anderes… zu Shakespeare in Spanien geht’s hier.