Buchpatenschaft für Juni 2026
Ab den 1920er Jahren lebte der Österreicher Alfred Polgar überwiegend in Berlin. Bekannt als Theaterkritiker mit unbestechlichem Blick, spitzer, aber nicht gemeiner Feder bieten seine Texte einen hervorragenden Überblick über das Geschehen auf Berliner Bühnen. Zudem schrieb er aber auch Texte über den Menschen an sich, die zeitlos geblieben sind und damit bis heute lesenswert.
Polgar, Alfred (1873-1955): Geschichten ohne Moral; Zürich, Oprecht Verlag, 1943.
Bibliothekssignatur: Yz 9941

Polgar, Alfred (1873-1955): Geschichten ohne Moral; Zürich, Oprecht Verlag, 1943. Signatur: Yz 9941.
Alfred Polgar (1873 – 1955) war ein österreichischer Schriftsteller, Aphoristiker, Kritiker und Übersetzer. Er ist einer der bekanntesten Autoren der Wiener Moderne. Sein unbestechlicher Blick auf den Menschen an sich wie auch auf Zeitgenossen überdauert die Jahrzehnte. Entsprechend sind seine Text zeitlos und lesenswert.
Ab 1905 schrieb Polgar regelmäßig für Siegfried Jacobsohns Zeitschrift Die Schaubühne, seit 1918 Die Weltbühne, bis zu deren Verbot 1933. Daneben war er auch als Autor für das Kabarett tätig. Für das Cabaret Fledermaus schrieb er zusammen mit Egon Friedell das erfolgreiche humoristische Stück Goethe. Eine Groteske in zwei Bildern (1908), in dem der Literaturunterricht an den Schulen dadurch parodiert wird, dass Johann Wolfgang von Goethe zu einem Literaturexamen über Goethes Leben und Werk erscheint – und durchfällt. 1908 erschien Polgars erstes Buch Der Quell des Übels. Der Ort, an dem Polgar zu dieser Zeit am häufigsten verkehrte, war das Café Central, in dem er in Gesellschaft von Peter Altenberg, Anton Kuh, Adolf Loos und Egon Friedell anzutreffen war und viel Material für seine scharfsinnigen Beobachtungen und Analysen fand. Auch von später sehr bekannten Schriftstellern wie Karl Kraus erntete er Zuspruch.
In den 1920er Jahren lebte Polgar überwiegend in Berlin. Viele Artikel von ihm erschienen in dieser Zeit im Berliner Tageblatt und im Prager Tagblatt. Im Oktober 1929 heiratete er die Wienerin Elise Loewy, geb. Müller.
Alfred Polgar verliess 1933 unmittelbar nach dem Reichstagsbrand Berlin Richtung Prag. Den «Anschluss» Österreichs erlebten er und seine Frau Elise Loewy 1938 in Zürich, wo ihm keine Arbeitserlaubnis erteilt wurde. Das Ehepaar floh nach Paris, dann über Marseille nach Spanien und rettete sich schließlich 1940 dank der Hilfe des Emergency Rescue Committee von Lissabon in die USA, wo Metro-Goldwyn-Mayer Alfred Polgar einen Vertrag zugesichert hatte. Nach einem längeren Aufenthalt in New York kehrten die Polgars 1949 als amerikanische Staatsbürger nach Zürich zurück und lebten dort, von regelmäßigen Reisen abgesehen.
Die hier versammelten kurzen Erzählungen erschienen in dem bekannten Oprecht Verlag, in dem viele Exilautoren eine Möglichkeit für Veröffentlichungen fanden, mit dem Hinweis: Dieses Buch wurde in einer ersten Auflage von 800 nummerierten Exemplaren hergestellt. Dieses Exemplar trägt die Nummer: 39. Der vorliegende Band stellt eine Auswahl aus acht früheren Büchern des Autors dar, die vergriffen und teilweise verbrannt sind. Viele Stücke erscheinen hier teilweise in geänderter Form. Einige bisher nicht veröffentlichte sind hinzugekommen. Fremdheit und die Frage nach dem eigenen Selbstverständnis sind zentrale Themen, die knappe Form schon immer ein Merkmal des Schreibens bei Alfred Polgar.
Ein Beispiel:
Und wenn einer in der Fremde stirbt, selbst in einem richtigen Bett an einer richtigen Krankheit, hat er doch, soweit er den Vorgang überhaupt noch kritisch beobachten kann und will, die Empfindung, eines unnatürlichen Todes zu sterben.
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