Post aus Sibirien von Vati. Wie Geschichte Neugier wecken kann

Im Rahmen des Citizen Science-Projektes „Erinnerungen an das Kriegsende in Berlin“ der Staatsbibliothek und Facts & Files zum 80. Jahrestag des Kriegsendes hat Frau Anneliese Böckel-Panknin die Korrespondenz mit ihrem Vater aus russischer Kriegsgefangenschaft zur Digitalisierung und Veröffentlichung in der Datenbank Transcribathon zur Verfügung gestellt.

Die berührende Geschichte war der Anlass für eine der ehrenamtlichen Stabi-Mitarbeiterinnen des Projekts, Dr. Ellen Böhm, sich mit Frau Böckel-Panknin zu treffen und mehr über ihre Erinnerungen an die Zeit um 1945 zu erfahren. Ellen Böhm hat die Lebensgeschichte niedergeschrieben und dabei auch versucht, die geschilderten Erinnerungen durch Recherchen im Internet und in der Forschungsliteratur nachzuvollziehen. Hier ist ihr Bericht, in den sie einige Nachforschungen eingearbeitet hat:

Werner Panknin, der Vater der Beiträgerin, 1943 (Foto: privat)

Anneliese Böckel-Panknins Vater, Werner Panknin, kam wohl 1924/25 aus Friedland in Westpreußen nach Potsdam und ging dort zur berittenen Polizei. In Potsdam lernte er auch seine Frau Elisabeth kennen, die er am 30. Januar 1932 heiratete. Das Ehepaar bezog nach der Heirat eine Zweieinhalb-Zimmerwohnung in Berlin-Lichterfelde. Im Jahr 1934 kam die erste Tochter, Rosemarie, zur Welt.

Aufgrund eines Hinweises, dass die berittene Polizei Teil der SS [1] werden sollte, wechselte der Vater auf die Finanzschule und ließ sich dort ausbilden. Seine Tochter Rosemarie wünschte sich sehnlichst eine Schwester. Dieser Wunsch erfüllte sich am 6. Februar 1940: Anneliese wurde geboren. 

Als es in Berlin immer unsicherer wurde, brachte der Vater 1942 seine Familie in seine alte Heimat nach Preußisch Friedland in Westpreußen [2]. Dort konnten Elisabeth und ihre beiden Töchter zwei ruhige Jahre verbringen. Der Vater war zu dieser Zeit an der Ostfront stationiert.

Elisbeth Panknin mit den Töchtern Rosemarie (links) und Anneliese (rechts) – 1942 und 1944 (Fotos: privat)

Am 29. Januar 1945 rückten Truppen der Roten Armee in Preußisch Friedland ein. Sie konnten vorerst abgewehrt werden, übernahmen jedoch am 20. Februar 1945 den Ort, der bei den Kämpfen zu 70% zerstört worden ist. [1] Anneliese erinnert sich noch, dass sie an ihrem fünften Geburtstag (6. Februar 1945) im Keller fremde Vorräte aufgegessen haben und am 7. Februar 1945 auf einem Pferdewagen nach Salzwedel, der ersten Station ihrer Flucht, aufbrachen. Sie fuhren hauptsächlich mit Zügen nach Potsdam. Oft musste der Zug schnell, auch mit einem Sprung aus dem Fenster, verlassen werden, da die Züge beschossen worden. Die Schreie der Verwundeten bei dem Angriff auf einen Roten-Kreuz- Zug blieben Anneliese lange in Erinnerung. Die Flucht endete in Potsdam bei der Schwester der Mutter.

Anneliese erlebte mit ihrer Mutter und ihrer Schwester bei der Tante die sogenannte „Nacht von Potsdam“ am 14. April 1945. Es war ein schwerer Luftangriff der britischen Royal Air Forces (OperationCrayfish“). [2] Die Tante wohnte in einem Haus in der Zeppelinstraße in der Nähe der Havel. Das Vorderhaus wurde von einer Bombe getroffen. Zum Glück lagen die Schutzräume im Keller des Hinterhauses, so dass niemand zu Schaden kam. Anneliese erinnert sich, dass das Haus durch die Bombe schwankte, wohl durch den Sandboden, auf den es in der Nähe der Havel gebaut war. Wieder in der Wohnung der Tante im vierten Stock angekommen, entdeckte Anneliese einen großen Spalt in der Außenwand, durch den man die Garnisonkirche [3] brennen sah.

 Anneliese hat in Erinnerung, dass sie am 8. Mai 1945 das erste Mal allein draußen spielen durfte. Die Sonne schien und die Kastanien blühten.

Als die Russen in Potsdam einmarschierten, hatten die Frauen, wie überall, Angst vor sexualisierter Gewalt. Die Frauen der Familie hatten Glück. Zu ihnen kam ein junger Offizier, der die 16- und 18-jährigen Cousinen aufforderte, sich Kopftücher ins Gesicht zu ziehen und der sich vor die Frauen stellte, so dass ihnen nichts geschah.

Rosemarie und Anneliese zogen mit ihrer Mutter wieder in die alte Wohnung in Lichterfelde, die das Ehepaar auch nach ihrem Weggang nach Preußisch Friedland behalten hatte. Nachbarn hatten auf die leere Wohnung geachtet. Sie lag in einer eingezäunten Anlage, bestehend aus fünf Häusern. Die Mutter bat die Nachbarn, ihnen ihre Möbel soweit möglich wiederzugeben. Damit konnten sich die Drei wieder einrichten. Dann nahmen die amerikanischen Besatzungstruppen die kleine Anlage ein und umgaben sie mit einem Stacheldrahtzaum. Anneliese hatte im Vorgarten Möhren ausgesät und wollte nachsehen, ob diese schon geerntet werden konnten. Ein amerikanischer Wachposten, der Deutsch sprach, erklärte ihr, dass die Möhren noch nicht geerntet werden konnten. Da Anneliese kurz vor der Einschulung stand, schenkte er ihr Süßigkeiten für ihre Schultüte, die sie in ihrer Schürze zur Mutter trug. Den Winter 1946 verbrachten sie auf einem offenen Dachboden, etwa ca. 50 m von ihrer Wohnung entfernt, die sie nach dem Winter wieder beziehen konnten.

Der Vater kam in russische Gefangenschaft in ein Arbeitslager hinter dem Ural. Der Kontakt mit der Familie konnte über die Briefe gehalten werden.

Rosemarie (links) und Anneliese (rechts) berichten ihrem kriegsgefangenen Vater über ihre Schulzeugnisse (Postkarte vom 28.7.47, siehe Transcribathon, item 37 of 89)

Werner Panknin freut sich über die Zeugnisse seiner Töchter (Postkarte vom 13.11.47, siehe Transcribathon, item 51 of 89)

Es war bekannt, dass viele Briefe der Angehörigen nicht an die Gefangenen ausgeliefert werden. So gab es den Befehl, kistenweise Post zu vernichten. Die dafür verantwortlichen Gefangenen versuchten sich so viele Namen wie möglich zu merken, um später mitteilen zu können, wessen Post vernichtet werden musste.

 Rosemarie belegte in der Schule bewusst Russisch, um ihre Briefe an den Vater mit russischen Passagen zu versehen – in der Hoffnung, dass sie auf diese Weise eher an ihn weitergeleitet würden.

Rosemarie schreibt auf Russisch in der Hoffnung, dass die Karte den Vater erreicht. (Postkarte vom 28.12.47, siehe Transcribathon, item 72 of 89)

Oft haben sie auch kleine Bilder oder Stoffreste auf den Briefen befestigt, um die Nachrichten vor der Vernichtung zu retten.

Verzierung eines Briefes, um sicherzustellen, dass er nicht im Lager vernichtet wird (siehe Transcribathon, item 56 of 89)

Der Vater kam am 25. Mai 1948 aus russischer Gefangenschaft nach Hause und kämpfte ein Jahr lang im Krankenhaus ums Überleben. Danach fing er aufgrund seiner Finanzausbildung bei einem Steuerberater an zu arbeiten. Ein Finanzbeamter empfahl ihm, sich beim Finanzamt zu bewerben, so wurde er nach dem Krieg Finanzbeamter.

Über seine Zeit als Soldat und als Kriegsgefangener sprach er nicht. Anneliese hat ihren Vater als liebenden und gütigen Menschen in Erinnerung.

Das Ehepaar Elisabeth und Werner Panknin, die Eltern der Beiträgerin, im Januar 1982 (Foto: privat)

Nach dem Gespräch über das Schicksal der Familie und des Vaters sagte die Beiträgerin: „Es tat richtig gut, mal mit jemanden darüber zu sprechen.“ Es zeigt sich, dass Citizen Science-Projekte durch ihre Öffnung in die Gesellschaft weit mehr bewirken als nur einen Zugewinn für Forschung und interessierte Öffentlichkeit: indem bislang verborgene Quellen zugänglich gemacht werden, bewahren sie Erinnerungen, die sonst vielleicht verloren gegangen wären. Für die Beiträgerin selbst bedeutete ihre Mitwirkung zudem einen persönlichen Schritt – das Teilen ihrer Erinnerungen eröffnete ihr die Möglichkeit, die Last einer bedrückenden Vergangenheit nicht länger allein tragen zu müssen, sondern sie auf mehrere Schultern zu verteilen.

Unsere Ehrenamtliche Ellen Böhm wiederum beschäftigte die Familiengeschichte nachhaltig. Sie war ihr Anlass, sich mit der Verstrickung der Polizei in den SS-Staat und mit der wechselvollen Geschichte der Heimat Werner Panknins in Westpreußen auseinanderzusetzen und damit ihr Wissen um die deutsch-polnische Geschichte zu erweitern. Die Frage, welchen Turm die kleine Anneliese in Potsdam hatte stürzen sehen, wurde für Ellen Böhm sogar zu einer Detektivaufgabe, die nicht abschließend geklärt werden konnte. War es wirklich die Garnisonkirche? Hinweise nimmt das Citizen Science-Team gerne entgegen (Mail-Adresse: mitforschen@sbb.spk-berlin.de).

 

[1] Vgl. René Garzke: Das braune Kapitel der Stadt: Auf der Spur der NS-Täter in Potsdam, Tagesspiegel, 27.01.2019: „Ein weiterer NS-Verbrecher aus Potsdam: August Hoppe. Er war hier zuständig für die berittene Polizei, wohnte am Luisenplatz 9. Im November 1941 wurde der Polizist ins damalige Litzmannstadt (Lódz) versetzt. Dort existierte zum damaligen Zeitpunkt das zweitgrößte Judenghetto. In dem Buch ‚Das Kriegshandwerk der Deutschen‘ heißt es darüber: ‚Die militärisch strukturierten Polizei-Verbände waren mit der Überstellung und Bewachung beauftragt und letztlich auch an Erschießungsaktionen beteiligt.‘ Alles belastende Material habe Hoppe vermutlich beseitigt, heißt es in dem Buch. Es habe einzig eine „Führerurkunde“ mit dem Vermerk ‚Litzmannstadt‘ überlebt.“
(https://www.tagesspiegel.de/potsdam/landeshauptstadt/auf-der-spur-der-ns-tater-in-potsdam-7858948.html, abgerufen am 1.4.26)

[2]     Heute heißt der Ort Debrzno (Polen).

[3] Manfred Vollack, Heinrich Lemke: Der Kreis Schlochau – Ein Buch aus preußisch-pommerscher Heimat. Kiel 1974, ISBN 3-9800051-1-9, S. 334.

[4] Vgl. den Artikel auf der Webseite des „Zentrum für Militärgeschichte­ und Sozialwissenschaften der Bundeswehr“ von Helene Heldt: Nacht von Potsdam. Luftangriff auf Potsdam: Operation Crayfish, 14.4.2023 (https://zms.bundeswehr.de/de/aktuelles/zmsbw-kanal-aktuelles-meldungen/luftangriff-auf-potsdam-operation-crayfish–5610842, abgerufen am 1.4.2026); vgl. ferner Carsten Holm: Interview | Historikerin über die „Nacht von Potsdam“: „Es war ein ganz normaler Tag“. Historikerin Helene Heldt über die Potsdamer Bombennacht 1945 (…), in: Tagessspiegel, 14.4.2022 (https://www.tagesspiegel.de/potsdam/landeshauptstadt/es-war-ein-ganz-normaler-tag-7993261.html, abgerufen am 1.4.26)

[5] Vgl. Eintrag „Zeppelinstraße“, in: Potsdam-Chronik, 17:22, 6. Jan. 2024 (https://www.potsdam-chronik.de/index.php?title=Zeppelinstra%C3%9Fe, abgerufen am 1.4.26; vgl. außerdem Eintrag „Garnisonkirche“, in: PotsdamWiki. 12:00, 6. Okt. 2024 (https://www.potsdam-wiki.de/Garnisonkirche, abgerufen am 1.4.26).

 

Mehr zu unseren Citizen Science-Projekten finden Sie im Stabi Lab:
lab.sbb.berlin/citizen-science 

In Zusammenarbeit mit Facts & Files Historisches Forschungsinstitut Berlin und Facts & Files Digital Services GmbH und Europeana.

Teil der stadtweiten Themenwoche 80 Jahre Kriegsende auf Initiative und gefördert vom Land Berlin, realisiert von Kulturprojekte Berlin mit zahlreichen Partnern.

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