Jetzt wohin? Der dumme Fuß will mich gern nach Deutschland tragen …
Und Rodrian?
Es findet sich relativ wenig über die Jahre 1944–45 in seinem Nachlass: etwas Korrespondenz, einige Dokumente, eine private Audioaufnahme, in der er u.a. über Verwundung und Entlassung spricht. Sein Schicksal weist jedoch Parallelen zu den Erfahrungen vieler Männer seiner Generation auf und lässt sich auf Grundlage der allgemeinen Quellenlage in wesentlichen Zügen rekonstruieren.
Im Sommer 1944 wurde er zur Wehrmacht eingezogen, im Spätherbst ins Kurland abkommandiert.
Am 8. Dezember 1944 wurde der Gefreite Rodrian bei Hasenpoth (heute Aizpute in Lettland) verwundet.
Hasenpoth lag im rückwärtigen Gebiet der deutschen Kurlandfront. Die schweren sowjetischen Großangriffe des Herbstes waren Anfang Dezember abgeflaut, die Front blieb jedoch keineswegs ruhig. Artilleriebeschuss, kleinere Angriffe und örtliche Gefechte dauerten an. Gleichzeitig mussten die eingeschlossenen deutschen Truppen unter zunehmend schwierigen winterlichen Bedingungen versorgt werden. Nachschub und der Abtransport von Verwundeten waren im Wesentlichen nur noch über die Ostsee möglich.
„Ich fuhr zur Front. Die Kompanie, der ich zugeteilt war, verfügte noch über 50 Mann. Kompanieführer war ein Oberfeldwebel. Mit einer Art Galgenhumor wies er mich ein: „Du kannst hier General werden, wenn du nicht vorher krepierst.“
Ich sagte: „Jawohl.“
Es folgten nun Wache stehen, zielloses nervöses Schießen, in volle Deckung gehen, schanzen, schlafen, essen, trinken, Meldung zum Kompaniegefechtsstand bringen. So ging das 14 Tage. Wieder brachte ich irgendeine Meldung zum Kompaniegefechtsstand. Die Front war ruhig. Nur ein russischer Granatwerfer schoss: „Flupp, krach!“
Das nächste Mal näher: „Flupp, krach!“
Es war stockfinster. Ich nahm meinen Stahlhelm ab, um besser hören zu können. „Flupp!“ und da krachte es mörderisch über mir. Baumkrepierer.
Ich verspürte einen heftigen Schlag am linken Bein, so, als ob einer beim Fußballspielen geholzt hätte und stürzte hin. Mein Stahlhelm war weg. Mein Gewehr war weg. Ich kroch über den jauchigen, modrigen Boden zum Gefechtsstand, kroch erbärmlich durch den Dreck, gelangte schnaufend zu dem Erdbunker und meldete liegend, blutig und verdreckt, dass ich verwundet sei. Der Sanitäter verband mich und sagte immerfort: „Sowas von Schwein, sowas von Dusel! Junge, Junge, Junge!“
Der Kompanieführer gab mir einen Trinkbecher voll Schnaps und sagte: „Prost, Sie Arschloch! Sie haben mehr Glück als Verstand!“
Und langsam wurde mir bewusst, welches Glück mir widerfahren war. Es war am 8. Dezember ’44, nachts gegen 23 Uhr in der Gegend von Hasenpoth.
Wenn ich es könnte, den Richtschützen des sowjetischen Granatwerfers würde ich gern umarmen.“ [1]
Am 6. März 1945 schreibt der Gefreite Rodrian aus der Stobbe-Kaserne in Herford an seine Eltern: „Ich selbst bin z.Zt. auf Schreibstube. Ob ich diese Beschäftigung behalte, weiß ich noch nicht.“
Schon im Jahr 1944 wurde Herford mehrfach von den Alliierten bombardiert und im Frühjahr 1945 rückten US-amerikanische und britische Truppen trotz des Widerstands der Wehrmacht im Teutoburger Wald weiter vor.
„Dass einer meines Jahrgangs (unsere Kriegsteilnehmerjahrgänge) lebt, ist reiner Zufall. […] Oder als der junge Amerikaner im Teutoburger Wald auf mich schoss, als wir uns schließlich duellierten wie in einem Krimi? Wahrhaftig, es ist der reinste Zufall, dass ich nicht irgendwo schon längst vermodert bin.“[2]
Der kriegsversehrte Unteroffizier dürfte im April/Mai 1945 in Herford in alliierte Hand geraten sein. Die ehemalige Stobbe-Kaserne wurde nach der Besetzung Herfords von den Briten übernommen. Von dort konnte er über eine oder mehrere britische Sammel- und Durchgangsstellen nach Belgien verbracht werden. Das britische Kriegsgefangenenlager POW Camp 2228 auf dem Terlanenveld bei Overijse in Belgien war eines der größten Transitlager Westeuropas. Es erstreckte sich über rund 200 Hektar und bestand von 1945 bis zu seiner Schließung im September 1946. In dieser Zeit durchliefen das Lager etwa 195.000 deutsche Kriegsgefangene. Quellen geben die Gesamtzahl der untergebrachten deutschen Kriegsgefangenen auf etwa 60.000 bis 72.000 an. Die Insassen umfassten neben regulären Soldaten einen auffällig hohen Anteil Jugendlicher unter 18 und ältere Männer über 50 Jahren.
Die Unterbringung erfolgte zunächst überwiegend in Zelten, deren Böden die Gefangenen im harten Herbst und Winter 1945/46 oft tief in den Schlamm ausheben mussten, und später teilweise in Baracken. Trotz britischer Verwaltung prägten Überbelegung, Kälte, Feuchtigkeit und erhebliche Versorgungsengpässe bei Trink- und Waschwasser, Bekleidung, Decken sowie Heizmaterial den Lageralltag.
Das Lager unterhielt ein strenges Disziplinarsystem mit teilweise harten Bestrafungen für Regelverstöße, während Postverkehr und Kontakte zur Außenwelt zunächst stark eingeschränkt blieben. Besonders problematisch war die Ernährung: Die täglichen Rationen für nicht arbeitende Gefangene waren auf rund 2.000 Kalorien begrenzt und bestanden im Wesentlichen aus Brot, Margarine und einer dünnen Gemüsesuppe. Neben unzureichenden hygienischen Verhältnissen und einer mangelhaften medizinischen Versorgung begünstigte dies die Ausbreitung von Krankheiten. Im Winter 1945/46 starben zahlreiche Häftlinge an der Ruhr, wobei historische Angaben zu den genauen Todeszahlen voneinander abweichen.
Das Lager Nr. 2228 stellte hinsichtlich der Zahl der Todesfälle einen besonderen Einzelfall dar. Die dortigen Ereignisse wurden in Berichten des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz (IKRK) dokumentiert.
Nach öffentlicher Kritik und behördlichen Untersuchungen verbesserten sich die Lebensbedingungen im Laufe des Jahres 1946 schrittweise, doch die Schulungskurse und Singgruppen, die kleinen Lagerzeitungen und dem Lagerrundfunk erlebte Rodrian nicht mehr, am 13. Dezember 1945 erhielt er seine Entlassungspapiere und verließ Richtung Elternhaus in Berlin, Goßlerstraße 1.
„Die Zelte Seiner Majestät des Königs von England sind kostbar. Tags mussten die Zeltwände hochgerollt werden als Schutz gegen Nässe. Die Zelte zu heizen, das schien bei bestem Willen nicht möglich. Die Kälte war böse auf den Hügeln von La Hulpe oder Waterloo. Wir waren Versehrte, nicht brauchbar für Bergwerke.
Eines kalten Dezembertages 45 erhielten wir Entlassungspapiere in die englische Zone. Das Tempo des Marsches zum Bahnhof beschleunigten englische Corporals mit meterlangen Stöcken, Korporalstöcken also sowie mit Fußtritten die Füße geschützt von braunen, zwiegenähten Schnürstiefeln. Wir fuhren nach Deutschland. Nun sprach es sich herum, dass die, die in der russischen Besatzungszone oder in den Ostgebieten zu Hause waren, in eine Art Arbeitslager gebracht werden sollten.
Bei Langsamfahrt des Zuges in einer Kurve sprang ich ab und ging auf ein Dorf zu. Drei Tage wohnte ich bei einem gütigen katholischen Mittelbauern. Er bot mir an, Knecht bei ihm zu werden. Es war auch eine Tochter da. Alles könnte ich tun, so ziemlich alles. Bloß nicht zu den Russen gehen. Als ich doch ging, bekreuzigten sich Frau und Tochter. Der Bauer gab mir kopfschüttelnd seinen Segen. Ein schöner deutscher Bauernhof, ich verließ ihn.
Mit störrischem Zielbewusstsein, treuherzigem Blick und einer gewissen Raschheit gelangte ich bis Uelzen. Dort traf ich mit zwei POWs (Kriegsgefangene) und drei jungen Frauen zusammen, die gleichfalls in die russische Zone wollten. Ich schaffte mit Geld, das ich im Lager bei dem Spiel Siebzehn und Vier gewonnen hatte, einen Grenzkundigen an, der uns über die Zonengrenze bringen sollte. Der Mann war clever. Er brachte uns bei Nacht zu einer Baumgruppe. Er sagte in geläufigem Militärdeutsch: „Jetzt 500 Meter über freie Pläne, sprungweise vorarbeiten, dann der Bahnlinie folgen, sichern und die Sache ist geschafft.“ Ich wollte noch was fragen. Allerhand wollte ich fragen. Da war der clevere Mann schon weg.
Wir liefen immer wieder deckungssuchend und sichernd den Weg, den der Mann uns gewiesen hatte. Wir trafen an der Bahnlinie einen deutschen Eisenbahner und fragten, ob dies schon die russische Zone wäre. Der Eisenbahner sagte mürrisch: „Ja.“
Inzwischen wurde es Morgen. Wir liefen rasch, beladen mit dem Gepäck der Frauen, dann stand scharf gegen den Himmel mit einem sehr langen Gewehr, mit einem Mantel, der über die Knöchel zu reichen schien, ein sowjetischer Soldat vor uns und er sagte tatsächlich: „Руки вверх! [3]“, was uns schwerfiel bei dem Gepäck der Frauen. Wir trabten vor dem sowjetischen Posten, der sein Gewehr auf uns gerichtet hielt. In der Kaserne zu Salzwedel gab es einen kurzen Zwischenaufenthalt zum Zwecke der Kontrolle unserer Personalien. Erstmalig hörte ich dort fremdartige, gellende, schmetternde sowjetische Marschmusik. Ein anderer Posten führte uns zu einem Landhaus mit hohem Zaun. Dort warteten wir, warteten stundenlang. Ein junger Soldat brachte Brot, Speck, rohen Sauerkohl, auch einen Becher Tee. Ich wurde, es war schon Abend, zur Vernehmung gerufen. Anwesend ein Offizier, sehr wach, sehr sachlich und ein junger
Dolmetscher mit freundlichem Gesicht. Der Offizier stellte die gleichen Fragen, die schon die Amerikaner und die Engländer gestellt hatten. Sehr genau wollte er wissen, wo ich an der Front war, wo verwundet. Er fragte nach den Ursachen meiner bunten Montur, nämlich Zivilmantel, Infanteriejacke, Skimütze, Fliegerhosen. Der Offizier führte mich hinaus, der Dolmetscher dabei. Wir standen zu dritt in dem nächtlichen Garten. Der Offizier erklärte mir: „Raus aus dem Gartentor, rechts hinunter bis zum Wasser. Wieder rechts bis zur Brücke, über die Brücke, links zum Bahnhof!“
Das war alles sehr klar. Dann rief der Offizier einen Posten, einen jungen, mittelgroßen, kompakten Soldaten mit Wintermütze, Wattejacke, Koppel, die Maschinenpistole quer vor der Brust. Der fragte mich: „Du, deutscher Soldat?“ und sein Gesicht war sehr zornig.
Ich sagte lachend: „Nein, kein Soldat, mehr nach Hause! Домой!“ [4]
Da schlug der junge Soldat zu und diesen ersten Schlag nahm ich voll. Dann versuchte ich mich zu decken, denn der junge Soldat schlug wieder schwer, stumm, Zorn und Zorn und Trauer im Gesicht. Er traf noch einige Male meinen Kopf. Er schlug auf meine Arme. Ich ließ mich fallen. Er trat mit den Füßen gegen meine Arme, ohne Kraft. Dann hielt der Offizier den jungen Soldaten fest und drängte ihn zurück. Der Offizier bückte sich, hob meinen Stock auf. ‚Auch das noch‘, dachte ich. Aber er half mir auf, gab mir den Stock und sagte ohne Dolmetscher: „Also durch das Gartentor, dann rechts bis zum Wasser, wieder rechts bis zur Brücke, über die Brücke, zum Bahnhof.“ Er brachte mich zum Gartentor und klopfte mir auf die Schulter.
In diesem Augenblick sprang mich der junge Soldat an. Ich rannte wie wahnsinnig los. Ich hörte Waffengeräusche, wie ich sie kannte. Ich ließ mich fallen, sprang auf, rannte weiter, erreichte einen schmalen Graben, ging in Deckung. Stille, nichts. Langsam schob ich mich aus der Deckung, nichts. Ich ging die mir empfohlene Richtung. In einem Häuschen bei einem Ehepaar fand ich Unterkunft für den Rest der Nacht. Und bevor ich einschlief, gingen die beiden Möglichkeiten durch meinen Kopf. Zurück ins Emsland, Knecht auf dem Hofe bei möglicher Einheirat oder nach Hause, dahin, wo ich zu Hause war, durch viele Überlagerungen hindurch, nach Hause, dahin, wo ich hingehörte, dahin, wo ich was schuldig war.
Ich fuhr nach Hause
Ich war 19 Jahre alt.“ [5]
Veranstaltungshinweis
Am 14. Oktober um 18 Uhr findet in der Staatsbibliothek zu Berlin die Veranstaltung Reden über Rodrian statt.
Weitere Informationen zur Veranstaltung und zur Anmeldung finden Sie hier: http://sbb.berlin/qid3b
Alle bisherigen Beiträge
Reden über Rodrian, Teil I: Alfred https://blog.sbb.berlin/reden-ueber-rodrian/
Reden über Rodrian, Teil II/1: Krieg und Krüss. Und Heine https://blog.sbb.berlin/reden-ueber-rodrian-2/
Reden über Rodrian, Teil II/2: Krieg https://blog.sbb.berlin/reden-ueber-rodrian-3/
Anmerkungen
Alle nicht anders gekennzeichneten Fotografien und die Texte der Audio-Aufnahme stammen aus dem Privatbesitz der Familie Rodrian und wurden mit freundlicher Genehmigung der Tochter, Ulrike Rodrian, veröffentlicht. Herzlichen Dank dafür.
[1] Aus der unveröffentlichten Audio-Aufnahme, o. J.
[2] Aus: Fred Rodrian: Die hellgrüne Tür, 1986
[3] Hände hoch!
[4] Geh nach Hause!
[5] Aus der unveröffentlichten Audio-Aufnahme, o. J.













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