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Reden über Rodrian
Teil II/1

Krieg und Krüss. Und Heine

von Diana Johanns

  notierte James Krüss 1972 auf einem Korrekturabzug seines Essays Die „Geständnisse“ von Heinrich Heine. Ein Exkurs über Heine als späten Bilingue – wohlwissend, beim Adressaten größtes Interesse hervorzurufen.

Denn Rodrian hatte einen Sinn für die Werke Heinrich Heines.
Im Jahr 1942, fast ein Jahrzehnt nach der Bücherverbrennung auf dem damaligen Opernplatz und zu einer Zeit, in der Heines düstere Prophezeiung „Das war ein Vorspiel nur, dort wo man Bücher verbrennt, verbrennt man auch am Ende Menschen“ Realität geworden war, begegnete der Sechzehnjährige dem Werk des Dichters. Mitten im Krieg auf sowjetischem Boden, in einer zu einem Lazarett umfunktionierten Schule, fand ein Verwandter Rodrians ein Schulbuch für den Deutschunterricht und darin Auszüge aus dem Wintermärchen:

Ein neues Lied, ein besseres Lied!
Es klingt wie Flöten und Geigen!
Das Miserere ist vorbei,
Die Sterbeglocken schweigen.

Diese Zeilen, abgeschrieben und via Feldpost nach Berlin gesandt, machten den Kneipier-Sohn aus dem Berliner Osten zu einem lebenslangen Heineaner.

  Dieser Neigung ebenso wie dem Vergnügen am Anekdotischen kam Krüss mit seiner Zusendung entgegen. Und mit einer eigenen Anekdote: Auf Helgoland, im „Haus der Väter, Großväter und Urgroßväter“ von James Krüss soll einst Heinrich Heine als Sommergast gewohnt haben. Rund ein Jahrhundert später entdeckte der kleine – und, wie Rodrian betont, sehr niedliche – James auf dem Dachboden alte Manuskripte, die mit spitzer Schrift und schwarzer Tinte auf dickem Papier niedergeschrieben waren. Dabei stieß er auf das ihm unbekannte Wort „Thalatta“, welches er begeistert immer wieder laut ausrief, ohne zu ahnen, dass er vermutlich später verschollene Originalschriften Heines in den Händen hielt. [1]

Die Anekdote erzählte Krüss Rodrian bei einem Gespräch über Heine in einer Berliner Kellerkneipe, und der Freund hielt sie in einem Porträt fest. [2]

Wenn wir bei Tabak und Bier in der Kneipe diskurierten …

  James Krüss und Fred Rodrian verband ein hoher professioneller Anspruch und ein gemeinsames Verständnis davon, was gute Kinderliteratur ausmacht. Beide schrieben eigene Werke, beschäftigten sich mit den theoretischen Grundlagen des Genres und verfolgten die literarischen Entwicklungen ihrer Zeit aufmerksam und kritisch.
Diese Nähe zeigte sich auch in ihrer Zusammenarbeit: Als Lektor und Verlagsleiter nahm Rodrian zahlreiche Texte und Übersetzungen von Krüss in das Verlagsprogramm auf. Manche Werke Krüss erschienen zuerst im Kinderbuchverlag der DDR, z.B. Henriette Bimmelbahn und Der blaue Autobus; Die kleine gelbe Straßenbahn sogar mit 20 Jahren Vorsprung vor der West-Ausgabe. [3]

  Besonders hervorzuheben ist Fred Rodrians Beitrag Timm Thaler und die Schwierigkeiten aus dem Jahr 1965, in dem er sich kritisch mit James Krüss’ Roman Timm Thaler oder Das verkaufte Lachen auseinandersetzte.
Im Mittelpunkt stehen dabei Fragen nach Geld und Reichtum, aber auch nach Moral und Menschlichkeit und danach, welche Wirkung der Roman auf junge Leser haben kann. Rodrian machte so die gesellschaftlichen und moralischen Widersprüche sichtbar, die er in der Geschichte erkannte. Auch in seinem Krüss-Porträt von 1976 kam er noch einmal auf den Roman zurück und bezeichnete Timm Thaler als das bis dahin „konsequenteste und zentrale Werk“ von James Krüss. Besonders überzeugten ihn die Einblicke in gesellschaftliche Verhältnisse und die Verbindung von Gesellschaftskritik und poetischer Qualität.

       Aber!

  „Aber von einem Telefongespräch wollte ich noch erzählen: Ich hatte Timm Thaler gelesen, und unter dem frischen Eindruck der Lektüre rief ich Krüss an — um zu gratulieren und um zu sagen, dass wir das Buch übernehmen werden. Notiert habe ich den folgenden Teil des Gesprächs:
Ich sagte: „Herzlichen Glückwunsch! Ich hätte nicht geglaubt, dass die bürgerliche Kinderliteratur nach Kästner zu einer solchen Steigerung fähig wäre.“
Krüss dann, nach einer Pause: „Ich dachte nicht, dass es eine Steigerung der bürgerlichen Kinderliteratur wäre, sondern die Überwindung.“
Pause, dann ich: „Das bleibt wohl noch zu tun.“
  Soweit.“ [4]

  Krüss und Rodrian setzten sich in ihren Werken immer wieder für die Bewahrung des Friedens ein.

Beide wurden 1926 geboren und im Sommer 1944, im Alter von gerade einmal achtzehn Jahren, zur Wehrmacht eingezogen. Damit gehörten sie nicht mehr zu der jüngeren Generation der Flakhelfer, deren Schicksal in der späteren Nachkriegsbetrachtung häufig mit größerem Verständnis bewertet wurde. Historische und soziologische Forschungen zeigen, dass gerade junge ehemalige Wehrmachtssoldaten nach 1945 in beiden Teilen Deutschlands eine deutliche Abkehr und tiefe Ablehnung vom Militarismus verband.
Wie intensiv sie sich später mit den eigenen Kriegserfahrungen auseinandersetzten und darüber schrieben, unterscheidet sich allerdings erheblich.

  James Krüss, seit drei Jahren Zögling an einer Lehrerbildungsanstalt, meldete sich im Spätsommer 1944 freiwillig zur Wehrmacht – angeblich aus Überdruss an der Ausbildung. Ebenso leichtfüßig kommt die Beschreibung seiner Ausbildung zum Kampfpiloten und seines Soldatendaseins daher: „Als Soldat simulierte ich so oft und so erfolgreich die unterschiedlichsten Krankheiten, dass ich die halbe Bibliothek des Fliegerhorstes Oschatz in Sachsen durchlesen konnte.“

Die Fronterfahrung blieb dem jungen Helgoländer erspart, nicht aber die Auswirkungen des Krieges auf heimischem Boden: Nach der Kapitulation wanderte und radelte er durch ein traumatisiertes Deutschland und bezeichnet diese Reise als eine dreimonatige „Taugenichts-Idylle“. Er veröffentlicht diesen Reisebericht über Waffen und Federbetten, Vermisste und Wartende, Militärs und Zivilisten als eine Reise des modernen Simplicissimus. 1965 erscheint er unter dem Titel Heimkehr aus dem Krieg – eine Idylle.

Da seine Heimatinsel zerstört und unbewohnbar war, begann er von Cuxhaven aus seine beispiellose Karriere. Etwa 170 Titel später veröffentlichte er 1988 den ersten Teil seines autobiografischen Romans Der Harmlos, in dem er auch seine Erlebnisse während des Krieges verarbeitete.

      Und Rodrian?


Veranstaltungshinweis


Am 14. Oktober um 18 Uhr findet in der Staatsbibliothek zu Berlin die Veranstaltung Reden über Rodrian statt.

Weitere Informationen zur Veranstaltung und zur Anmeldung finden Sie hier: http://sbb.berlin/qid3b


Anmerkungen

[1] Eventuell stimmt die Anekdote nicht. Heinrich Heine hielt sich zweimal auf Helgoland auf, 1829 und 1830. Damals wohnte er bei Broder Nickels in der Poststraße, nur zwei Häuser von dem später vermuteten Geburtshaus von James Krüss entfernt. Das Wort „Thalatta“ (Meer) findet sich am Ende des Gedichts „Meeresgruß“ („Thalatta! Thalatta! / Sei mir gegrüßt, du ewiges Meer!“) aus dem Zyklus Die Nordsee. Allerdings war das Gedicht bereits 1827 im Buch der Lieder veröffentlicht worden.

Der kleine Krüss hätte demnach auf einem fremden Dachboden Notizen zu einem Gedicht gefunden, das zu dem Zeitpunkt, als Heine auf Helgoland weilte, längst gedruckt und veröffentlicht war.

[2] Siehe: Über James Krüss, In: Fred Rodrian: Für den Tag geschrieben. Notizen, Reden, Auskünfte, 1985

[3] Auch Die glücklichen Inseln hinter dem Winde erschien zuerst in der DDR, allerdings beim Verlag Neues Leben.

[4] Siehe: Über James Krüss, In: Fred Rodrian: Für den Tag geschrieben. Notizen, Reden, Auskünfte, 1985

 Alle bisherigen Beiträge

Reden über Rodrian, Teil I: Alfred https://blog.sbb.berlin/reden-ueber-rodrian/

Reden über Rodrian, Teil II/1: Krieg und Krüss. Und Heine https://blog.sbb.berlin/reden-ueber-rodrian-2/

Reden über Rodrian, Teil II/2: Krieg https://blog.sbb.berlin/reden-ueber-rodrian-3/

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