Anders sehen

Elizabeth Shaws Karlsson vom Dach zwischen
visuellem Gedächtnis und satirischer Verschiebung

von Lisa Källström

„Cartooning ist nicht nur eine Art zu zeichnen, sondern eine Art zu sehen.“

Dieser Satz von Scott McCloud lässt sich auch auf Elizabeth Shaws (1920–1992) Bildsprache anwenden, aber auch auf die Art, wie Bilder im Gedächtnis gespeichert werden und sich dort behaupten.

Wer mit Ilon Wiklands Illustrationen in der schwedischen Originalausgabe Astrid Lindgrens Lillebror och Karlsson på taket (1955) oder in den westdeutschen Ausgaben Lillebror und Karlsson vom Dach bei Oetinger aufgewachsen ist, bringt ein starkes visuelles Gedächtnis mit.

Dieses Gedächtnis ist stabil, aber nicht unveränderlich.

Beim Betrachten von Shaws Originalillustrationen für die DDR-Ausgabe des Kinderbuchverlages Berlin von 1971 wird dieses Gedächtnis nicht einfach bestätigt, sondern leicht verschoben – durch Details, die nicht hervorgehoben werden, sondern einfach da sind.

Die Illustrationen entstanden auf Grundlage eines Lizenzkaufs aus Westdeutschland, doch Shaw schuf sie neu gesetzt. Karlsson und Lillebror erscheinen in einem ostdeutschen visuellen Kontext mit feiner satirischer Zuspitzung. Das Buch kostete 4,20 Mark und war für Kinder ab 7 Jahren empfohlen.

Elizabeth Shaw war eine etablierte Künstlerin in der DDR, die eigene Bilderbücher wie Der kleine Angsthase, Bella Belchaud und ihre Papageien oder Die Schildkröte hat Geburtstag schuf und daneben Kinder- und Erwachsenenbücher illustrierte.
Ihr Renommee gab dem Kinderbuchverlag Berlin die Sicherheit, dass die Neuillustration von Karlsson vom Dach erfolgreich sein würde. Über 1000 Originalillustrationen, Entwürfe und Skizzen von Shaw sind heute in der Kinder- und Jugendbuchabteilung der Staatsbibliothek zu Berlin erhalten, Zeugnisse ihrer künstlerischen Vielfalt und ihres nachhaltigen Einflusses.

Zunächst die Vertrautheit.

Viele Bildentscheidungen kommen überraschend bekannt vor.
Die Perspektive durch das Fenster, der Blick auf die Dächer, die Komposition der Flugbewegung im Raum, die Platzierung von Karlsson und Lillebror – all das folgt einem ikonografischen Kanon, der offenbar bereits im schwedischen Bildgedächtnis angelegt ist. Die Szenenauswahl ähnelt sich stark. Bestimmte narrative Momente werden auch bei Shaw visuell hervorgehoben: die erste Begegnung, das gemeinsame Fliegen, die häuslichen Situationen.

Und doch ist es neu.

Die Differenz liegt nicht in spektakulären Motivwechseln, sondern in kleinen Verschiebungen in genau jenen kleinen Formen, die im Original sichtbar werden. Während Wikland stärker im weichen, atmosphärischen Strich arbeitet, mit stärkerer Emotionalisierung der Figuren und einer warmen Wohnlichkeit, 

setzt Shaw auf klarere Konturen, stärkere Typisierung und feine satirische Zuspitzung. Ihre Figuren sind weniger eingebettet in eine gemütliche Innenwelt. Sie stehen präziser im Raum, mit einem Hauch von Distanz.

Entscheidend ist dabei eine Korrektur des eigenen Erinnerungsbildes: In der schwedischen Version raucht Karlsson keine Pfeife. Bei Shaw hingegen tut er es, ebenso wie Lillebrors Vater. Für eine Leserin, die die schwedischen Illustrationen kennt, ist das zunächst überraschend und irritierend. Die Pfeife macht Karlsson zugleich kindlich schelmisch und erwachsen präsent; er erscheint als karikierter Erwachsener, ein Spieler zwischen Freiheit, Selbstinszenierung und Ironie.

Ebenso auffallend ist die Präsenz der Mutter, die konsequent die Schürze trägt. Sie ist auf fünf Illustrationen sichtbar, oft allein mit Lillebror, in Umarmungen oder beim Tadeln. Ihre Nähe wirkt unmittelbar, fast greifbar, und gleichzeitig normierend. 

Der Vater erscheint nur zweimal, im Kreis der Familie, distanzierter, repräsentativer. Diese subtile Anordnung – Blickrichtungen, Abstände, Körperhaltungen – zeichnet ein Bild von familiären Rollen, das zugleich warmherzig, präzise und leicht ironisch ist.

Shaws Figuren stehen präziser im Raum, oft mit einer leichten Distanz, die die Szenen strukturiert und zugleich Raum für eigene Wahrnehmungen lässt. Während Wikland Wärme, Atmosphären und Emotionalität in den Vordergrund stellt, macht Shaw die kleinen Details sichtbar, die soziale Dynamik, Nähe und Distanz, Humor und Spannung vermitteln. Die wiederkehrende Pfeife, die Schürze, die präzise kompositorische Anordnung – all dies zeigt, wie bewusst sie kleine Formen einsetzt, um narrative und emotionale Ebenen zu transportieren.

Die Geschichte von Karlsson vom Dach in Shaws Interpretation ist weder bloße Reproduktion des schwedischen Originals noch radikale Neuerfindung. Es ist eine Neuakzentuierung, die Figuren und Beziehungen in einem anderen kulturellen und künstlerischen Kontext neu erfahrbar macht. Die Illustrationen laden ein, bekannte Geschichten wiederzuentdecken, die Figuren neu zu sehen und auf subtile Details zu achten. Shaws Arbeit öffnet Fragen, die über einfache Kategorisierungen hinausgehen: Wie formen Bilder soziale Wahrnehmung? Wie wirken kleine visuelle Entscheidungen über Generationen hinweg? Welche Geschichten erzählen Gesten und Blicke? DDR-Literatur, so zeigt sich hier, sollte nicht nur als „ideologisch zu sezierender Gegenstand“ gelesen werden, sondern als lebendige Schnittstelle von Kunst, Kultur und Gesellschaft, offen für Interpretation und staunendes Entdecken.
Erst im genauen Blick auf die kleinen Formen wird sichtbar, wie sehr diese Neuakzentuierung die Wahrnehmung der Figuren verändert. Das Drastische liegt im Detail, das Hintergründige im Wiederholen eines Motivs. Die Pfeife, die Schürze, die Bildverteilung strukturieren ein familiäres Gefüge, ohne es didaktisch auszustellen. Gerade darin liegt ihre Qualität.

Und genau deshalb ist die Arbeit mit den Originalillustrationen so zentral.
In den gedruckten, verkleinerten Fassungen verlieren solche Details an Prägnanz. Im Original zeigt sich, wie bewusst Shaw mit Attributen arbeitet. Die Linie, die Gewichtung im Raum, die Platzierung der Figuren – all das wird deutlicher. Kleine Formen werden als Träger kultureller Information lesbar.

Für mich entsteht daraus ein doppelter Effekt: Ich erkenne die ikonischen Szenen wieder, die vertraute Dramaturgie, die narrativen Fixpunkte. Gleichzeitig verschiebt sich ihre Bedeutung.

Das Vertraute wird fremd genug, um neu befragt zu werden.

Literaturverzeichnis

Lindgren, Astrid: Karlsson på taket. Stockholm: Rabén & Sjögren, Originalausgabe. Illustration Ilon Wikland. 1955.

Lindgren, Astrid: Karlsson auf dem Dach. Hamburg: Oetinger Verlag, westdeutsche Ausgaben. Illustration Ilon Wikland. 1956.

Lindgren, Astrid: Karlsson vom Dach. Berlin: Kinderbuchverlag, DDR-Ausgabe. Illustration: Elizabeth Shaw. 1971.

Källström, Lisa. „Hundebesitzer, Katzenjäger und Buchkultur: Armut durch Buchformat und Illustrationen in der Welt von Frida Nilsson.“ Kjl&m., 2025.

Källström, Lisa. „Von der Sprache zur Kultur. Die Bedeutung von Übersetzungen im Klassenzimmer.“ Deutsch 5–10, 2025, S. 63–65.

McCloud, Scott: Understanding Comics: The Invisible Art. New York: HarperPerennial, 1994.

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