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Was war? Werner Lindemann zum 100. Geburtstag

von Diana Johanns

Demnächst im Lexikon?
                 fragt der schmale Band, der 1961 Porträts junger Autoren vorstellt.

Gemeinsam mit der Nachwuchsabteilung des Deutschen Schriftstellerverbandes legte der Mitteldeutsche Verlag Halle diesen Band vor und tat sich schwer mit der Auswahl. Da das Werk anlässlich des V. Deutschen Schriftstellerkongresses herausgegeben wurde, gab es aber „eine ungefähre Richtschnur“. Entschuldigend wird schon im Vorwort angeführt: „So wird man den einen oder andern Namen vermissen; bei dem Elan, mit dem sich unsere neue sozialistische Literatur die Öffentlichkeit erobert, ist durchaus möglich, dass schon beim Erscheinen dieses Bandes in der literarischen Diskussion Namen genannt werden, die hier noch nicht berücksichtigt wurden.“ Denn: „Die Tatsache, dass die ersten Werke bisher unbekannter Autoren schnell vergriffen sind, beweist am deutlichsten, wie groß die Anteilnahme breitester Leserschichten an der Entwicklung unserer jungen sozialistischen Literatur ist.“

Der Kongress stand unter dem Zeichen des 1959 gestarteten „Bitterfelder Wegs“ und drehte sich nach wie vor um die Forderung „Greif zur Feder, Kumpel!“ Unter dieser Parole sollten einerseits Arbeiterinnen und Arbeiter zum kreativen Schreiben motiviert und andererseits professionelle Schriftstellerinnen und Schriftsteller in Betriebe entsandt werden, um die sozialistische Arbeitswelt authentisch, aber im Sinne der Partei darzustellen.

So finden wir in dem Band u.a. Werner Bräunig (Wismut-Kumpel), Erich Köhler (ebenfalls Wismut-Kumpel), Irmtraud Morgner (ihrerzeit tätig in einer Maurerbrigade, VEB (K) Bau in Pirna), Brigitte Reimann (ihrerzeit tätig als Hilfsschlosserin im Kombinat Schwarze Pumpe), Horst Salomon (Wismut-Kumpel), Martin Viertel (Wismut), Max Walter Schulz (ebenda) und Siegfried Pitschmann (Maschinist im Kombinat Schwarze Pumpe).

Aus diesen kulturpolitischen Vorgaben entwickelte sich zu Beginn der 1960er Jahre die literarische Strömung der sogenannten Ankunftsliteratur.

Junge Autorinnen und Autoren verfassten Werke über den Alltag in der DDR, die Arbeitswelt des Sozialismus und persönliche Entwicklungsprozesse. „Der aufmerksame Leser wird feststellen, dass die hier vorgestellten Autoren aus verschiedenen Schichten unserer Nation kommen und dass mancher von ihnen erst durch die Bitterfelder Bewegung den Weg in die Öffentlichkeit fand.“

Zwar enthielten diese Texte mitunter dezente Kritik an bürokratischen Hürden oder konkreten Missständen, das herrschende System und den Führungsanspruch der SED stellten sie jedoch nie grundsätzlich infrage. „Bewegt im wahrsten Sinne des Wortes sind die Lebensläufe dieser jungen Menschen, bewegt und mitunter auch durch die Wirrnis vergangener Jahre und die komplizierte Entwicklung in der Übergangsperiode zur sozialistischen Gesellschaftsordnung bestimmt.“

Die Förderung einer sozialistisch geprägten Kinder- und Jugendliteratur gehörte von Beginn an zum kultur- und erziehungspolitischen Auftrag der DDR: Literatur sollte zur sozialistischen Erziehung der jungen Generation beitragen und sie mit den gesellschaftlichen Zielen des neuen Staates vertraut machen.

Darum stellt die Sammlung auch etliche Kinder- und Jugendbuchautorinnen und -autoren vor, u.a. Martin Viertel (Die Igelfreundschaft, 1962), Joachim Wohlgemuth (Egon und das achte Weltwunder, 1962), Alfred Wellm (Kaule, 1962), Fred Rodrian (Das Wolkenschaf, 1958), Kurt David (Antennenaugust, 1975), Klaus Beuchler (Weite Welt ganz nah, 1961) und Gottfried Herold (Die Giraffe Emma Langbein, 1971).

Auf Seite 48, der Noch-nicht-Kinderbuchautor Werner Lindemann. Sein Porträt vereint vieles und gleicht darin den Biografien aller anderen im Buch vorgestellten: Geboren am 7.10.1926 in Wolfen (Bitterfeld!), Landarbeiterkind, von Kindesbeinen an Mitverdiener, Ausbildung in der Landwirtschaft, Kriegsteilnehmer, zurück in die Landwirtschaft, Elektroschweißer, zurück auf die Schulbank. Erstes Studium (Naturwissenschaft, unbeendet), erste Gedichte und Geschichten (ungedruckt), Lehrer, Dozent für Lehrerausbildung, Referent im Ministerium für Arbeit und Berufsausbildung, Besuch des Instituts für Literatur „Johannes R. Becher“, Redakteur, Klubhausleiter und schließlich freier Mitarbeiter. 1957 erschien der Gedichtband Mosaiksteine, es folgten Stationen (1959), im gleichen Jahr Das unheilige Testament und 1961 Zutiefst an dich gebunden.

Lindemann sinnierte dichtend über die schwierigen Lebensbedingungen seiner Kindheit („Für sechzig Pfennig am Tag“), die Schrecken des Krieges („Exekution eines Partisanen“), die Kritik an Gesinnungsheuchelei („Die Geschminkten“) sowie die Auseinandersetzung mit dem Konzentrationslager Buchenwald („Die Puppe“). Die Sujets sind vielfältig, zugleich aber charakteristisch für die literarische Auseinandersetzung jener Zeit – es waren Stoffe, die unter den jungen Schriftstellerinnen und Schriftstellern der DDR weithin diskutiert und von vielen aufgegriffen wurden.

Schon früh stechen zwei Themen hervor: Zum einen der Umgang mit Frauen und Liebe im Kontext eigener Bedürfnisse und des sozialistischen Anspruchs („Ich liebe deinen Mund, Er schweigt, wenn er schweigen muss. Ich liebe das Lippenpaar und – ach – seinen Kuss.“) Zum anderen das Sein in und mit der Natur:

Gefangener Sommer

Vergeblich strecke ich meine Hand nach dem Sommer aus.
Der Herbst hat ihn gefangen und führt ihn von meinen Blumenkästen.
Dumpfe Wirbel trommelnd
hockt der Wind auf der Fensterbank …

 Dann 1964, fast wortwörtlich, der Sprung in die Kinderliteratur mit Das Osternest. („Blitzeblank blinzelt die Sonne aufs Dach. Kaninchen Flitz und Peter sind schon wach.“)
Das Bilderbuch mit den Illustrationen von Ingeborg Meyer-Rey fand über die DDR hinaus Verbreitung und erschien auch in der BRD, Frankreich und Ungarn.

Es folgte 1966 Was schmeckt den Tieren? („Das Eichhörnchen, es wohnt im Garten. Vielleicht wird das auf Eichen warten?“), illustriert von Gerhard Lahr.
Lizenzen gingen in die BRD und nach Kuba, eine Neuauflage erfolgte 2010 durch den Verlag Beltz & Gelberg.

Rattermann und Pustemehl, mit Illustrationen von Erika Klein, kam 1967 heraus („Die Schweinezüchterin Frau Drall trägt weiches Stroh zum Ferkelstall.“).

Vier Jahre später folgte, ebenfalls von Klein illustriert, Schornsteinfeger Rußgesicht („Herr Flitzig lenkt den Autobus. Der heißt mit Namen Ikarus.“).

Im selben Jahr erschien Lindemanns erster Gedichtband für Kinder: Durch Wulkenziehen spaziert; es ist zugleich seine erste Zusammenarbeit mit Werner Schinko. Der Band versammelt Gedichte über ein Dorf und seine Bewohner und spiegelt das Spannungsfeld aus Fortschritt und Tradition wider, zum Beispiel anhand einer Schilfkate: „Ihre Tage sind gezählt, daran ändert auch die Fernsehantenne nichts, die ihre Finger gewichtig in den Himmel streckt.“ Alltägliches und Besonderes werden verwoben wie bei diesem Karussell: „Das Karussell ist nicht zum Fahren für Kinder, es ist ein Karussell für ungemolkne Rinder.“
Hier findet sich auch bereits, was später zu Lindemanns Markenzeichen werden sollte: Naturlyrik für Kinder.

1974 dann ein Prosatext, wieder von Erika Klein illustriert – Pünktchen, die Bilderbuchgeschichte eines kleinen Jungen, der einem dürstenden sowjetischen Reguliersoldaten Most von seinem eigens Ersparten bringt.  

Im gleichen Jahr erscheint der Band Der Tag sitzt vor dem Zelt, diesmal voller Feriengedichte, erneut illustriert von Werner Schinko. Lindemann reimt darin über Taschenmesserleben, Borkenbootbauer und Sonnenkescher. Viel Natur, etwa ein lustiges Baum-ABC, aber auch allerhand Belehrendes:

Eine Einbildung

Lag den ganzen Tag in der Sonne
Und sonnte sich.
Nun liegt sie im Krankenhaus.
Diagnose: Stich.

1975 erneut ein Bilderbuch für Kleine, Der Gemüsekorb („Die kleinen Zwiebeln wie die großen Stecken in enggenähten Hosen.“), illustriert von Werner Schinko.

1976 dann Die Schule macht die Türen auf mit Gedichten über Pionierleiterinnen und Pionierleiter, Lehrer Lenin, den Lehrertag und Lernmaschinen, wieder bebildert von Werner Schinko.
Wenig Natur, dafür viel Belehrung, wie etwa in dieser Ode an den Radiergummi:

Mein Werkzeug zum Radieren,
das ist ein Gummistummel
mit weißem Rubbelbauch;
er heißt auch Ratzefummel.

Wie viele Fehler kann
man nicht mehr korrigieren!
Doch er hilft falsche Wörter
und Zahlen wegradieren.

Er ratzt den falschen Strich
von meinem Zeichenblatt.
Am besten ist es, wenn
er nichts zu ratzen hat.

Ein Jahr später folgte Tanzende Birken: Gedichte für Kinder, mitgebracht aus der Sowjetunion.
Viel Vaterländischer Krieg, noch mehr geografisch-geologische Besonderheiten, aber auch Rätsel wie dieses:

Hat immer eine Schwester
Und manchmal sogar acht.
Trägt blumenbunte Kleider
Und ist zum Spielen gemacht.
Kann alle bunten Schwestern
Ganz schnell und ohne List
In ihrem Rock verstecken.
Nun rate, was es ist.

(Wer die von Gertrud Zucker illustrierte Ausgabe sieht, ahnt die Lösung.)

Ebenfalls 1977 veröffentlichte Werner Lindemann gemeinsam mit seiner Frau Gitta Lindemann Ich freu mich auf den nächsten Tag: Geschichten, Gedichte und Zeichnungen von Kindern aus der Pionierrepublik Wilhelm Pieck und schrieb im Nachwort:
„Allgemeinplätze und hohle Phrasen haben in Literatur und Kunst wie überhaupt in unserem Leben nichts zu suchen, weil sie nichts und niemanden bewegen. Unsere Wahrheit ist konkret. […] Nur ein Kunstwerk, das Betrachter und Leser berührt und ergreift, wird Gedanken in ihm hervorrufen und ihn zu Handlungen führen. […] Zum Schreiben und Malen gehört vieles: erfinden, genau beobachten, exakt beschreiben, Vergleiche anstellen und ein und dasselbe vielfältig ausdrücken.“

1978 kam Sohn und Vater Rübesam heraus, eine von Manfred Bofinger illustrierte Geschichte, in der sich Vater und Sohn gegenseitig das Fahrradventil klauen.

Ein Jahr später wurde die Märchensammlung Das kleine Kamel und andere Märchen aus Kasachstan veröffentlicht, illustriert von Petra Wiegand.

Dann 1980 wieder ein (und sein wahrscheinlich schönster) Gedichtband, der wirklich eine Neuauflage verdient: Ein Nest, versteckt auf dichten Zweigen, eine poetische Vogelkunde mit 22 Gedichten, illustriert von Gerhard Rappus.

Stieglitz

Sind die Dörfer
Weit und breit
Verschneit,
siehst du ihn Samen picken, wo Distelköpfe nicken.
Sein Tigelitt
fliegt mit.

In den 1980er Jahren trat neben Werner Lindemanns Arbeiten für junge Leser zunehmend seine Prosa für Erwachsene. Mit dem Band Aus dem Drispether Bauernhaus zeigte er sich einem älteren Publikum als genauer und nachdenklicher Beobachter des mecklenburgischen Landlebens. Das Buch war 1981 noch im Kinderbuchverlag Berlin erschienen und wurde von Albrecht von Bodecker illustriert. Zugleich gewährt das Buch Einblick in die Entstehung des Gedichtbandes Ein Nest versteckt auf dichten Zweigen: Lindemann berichtet von der mühevollen Arbeit an den Gedichten. Er erzählt von seinem Alltag, seinen Erinnerungen, seinem Gefühlsleben und seinem Leben in einem kleinen mecklenburgischen Dorf Ende der 1970er Jahre und verbindet diese Beobachtungen mit Einblicken in seinen Schreibprozess. Damit ist Aus dem Drispether Bauernhaus zugleich literarischer Werkstattbericht und – wie auch der 1986 erschienene Kleingeschichtenband Die Roggenmuhme – Chronik des ostdeutschen Lebens auf dem Lande.

Es folgten weitere Bilderbücher für Kleinkinder, die von unterschiedlichen Illustratorinnen und Illustratoren gestaltet wurden:

Das Pflaumenbäumchen (1980), illustriert von Inge Gürtzig („Das war ein Pflaumenbäumchen, schmächtig, krumm. Der Heiner sprach: ‚Du trägst nicht, Baum, warum?‘“)

Das Schneeflöckchen (1981), illustriert von Sonja Kleemann, Neuauflage 2016 bei Beltz & Gelberg („Ein weißes Flöckchen kreiselte zur Erde und fragte sich: ‚Wo ich wohl landen werde?‘“)

Tausendfuß (1984), illustriert von Albrecht von Bodecker („Der Tausendfuß denkt: Jetzt zeig ich, was ich kann, fängt mit zehn Beinen Knete zu kneten an.“) und

Der Nasenbaum (1985), illustriert von Klaus Vonderwerth („Mit tanngrünen Zweigen, für jeden zu ersteigen, steht er weitab der Straßen mit vielen, vielen Nasen.“)

  Mit seinem vermutlich bekanntesten Lyrikband Was macht der Frosch im Winter?, illustriert von Elinor Weise,
und Fledermausstunde, illustriert von Jutta Hellgrewe (1982 und 1986), legte Lindemann erneut zwei Werke vor, in denen sich Naturlyrik und ein deutlich erzieherischer Anspruch bisweilen auf wenig subtile Weise verbinden:

Gestürzt

Auf dem Wasser des Sees
Hilflos treibend
Marienkäfer.

Es stürzt mancher ab
Auf dem Fluge
Zu anderen Ufern.

In Ein Laubfrosch wandert (illustriert von Rolf Felix Müller) beschreibt Lindemann 1984, ohne zu anthropomorphisieren, das Leben und Scheitern eines Laubfrosches auf der Suche nach seinem Teich, der von Menschen zugeschüttet wurde. Das Ende bleibt auf unbehagliche Weise offen; trotzdem erfährt das Bilderbuch drei Auflagen.

Ab 1986 erschienen die Tüftelchen-Geschichten. Den Anfang macht das Einzelbändchen An der Haltestelle („In der Manteltasche steckt trocken das Zettelchen von der Freundin. Es knistert, es wispert, ich komme ja, ich komm ja bald.“). Es folgte der Sammelband Tüftelchen (1989), 1993 erschien beim Schneider Verlag eine Neuauflage unter dem Titel Tina Tüftelchen, allerdings ohne die zauberhaften Aquarelle von Jutta Mirtschin, dafür illustriert von Aleš Vrtal.

Ebenfalls 1989 erschien Werner Lindemanns letztes veröffentlichtes Werk für Kinder. Gemeinsam mit seiner Frau Gitta veröffentlichte er Petermännchens Ausguck: Ein Lesebuch über Mecklenburg, mit Illustrationen von Thomas Binder.

Wenig von Lindemanns Werk hat sich auf den gesamtdeutschen Buchmarkt gerettet, neues kam kaum dazu.

Nach 1991 erschienen nur noch drei neue Titel: Tanzt im Winde wie ein Mädchen: Kleine vergnügliche Geschichten (1992) und Gedanken sind Kinder der Stille (1993). Neue Texte für Kinder veröffentlichte er nicht mehr. Postum wurde aus seinem Nachlass Die Beichte herausgegeben.

„Werden diese jungen Schriftsteller die Hoffnungen, die die Nation in sie setzt, erfüllen? Werden sie sich morgen schon als so große Begabungen ausgewiesen haben, dass sie ins Deutsche Schriftstellerlexikon aufgenommen werden können? Wir wissen es nicht.“

                                                                                                                              Wir schon.

Den zweiten Teil finde Sie hier: Was bleibt? Werner Lindemann zum 100. Geburtstag.

Veranstaltungshinweis

Am 14. Oktober um 18 Uhr findet in der Staatsbibliothek zu Berlin die Veranstaltung Reden über Rodrian statt.

Weitere Informationen zur Veranstaltung und zur Anmeldung finden Sie hier: http://sbb.berlin/qid3b

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