Was bleibt? Werner Lindemann zum 100. Geburtstag
von Diana Johanns
Werner Lindemann nahm und nimmt als Lyriker für Kinder eine Sonderstellung ein.
Er entwickelte eine Form des Kindergedichts, die stark von genauer Natur- und Alltagsbeobachtung lebt – ohne dabei ins Infantil-Drollige zu rutschen. Gerade in der Kinderlyrik werden ja gern Anleihen beim Nonsens genommen. Das ist natürlich wunderbar und sehr vernünftig, bei Lindemann aber kaum zu finden. Sein Blick auf die Dinge ist ernsthaft, häufig moralisierend, immer mitfühlend; sein Humor eher zärtlich, nie laut.
Er schrieb Poesie für Kinder, wo andere nur reimen.
Für ostdeutsche Leserinnen und Leser gehörte Werner Lindemann zu den vertrauten Stimmen der Kinderliteratur. Mit seinen Gedichtbänden und Bilderbüchern zählte Lindemann zu den auflagenstärksten und meistgelesenen Kinderlyrikern der DDR.
Doch diesen Erfolg verdankte er nicht allein den staatlichen Lehrplänen, sondern vor allem einer unermüdlichen Lesernähe. Lindemann reiste durch Schulen, Bibliotheken und Kulturhäuser, trat in Rundfunksendungen auf und suchte das direkte Gespräch mit seinem jungen Publikum. 1985 wurde er als erster Lyriker für sein kinderliterarisches Werk mit dem renommierten Alex-Wedding-Preis der Akademie der Künste ausgezeichnet; posthum ehrte man ihn in Rostock und Lübsdorf mit der Benennung von Grundschulen nach seinem Namen.
Was kann und was soll bleiben?
In seinem Beitrag „Für Kinder schreiben“ (ich schreibe, 1977) legt Lindemann sein literarisches Selbstverständnis dar und diskutiert die Kriterien, die er an gelungene Kinderliteratur anlegt.
Diese Grundsätze haben, idiologisch abgespeckt, heute noch ihre Gültigkeit.
- Schreibe so einfach wie möglich und so kompliziert wie nötig.
- Keine unnötigen formalen Spielereien.
- So bildhaft wie möglich schreiben.
- Die passende Form finden.
- Kein erhobener Zeigefinger.
- Humor verwenden.
Allerdings klaffen bei Lindemann Anspruch und dichterische Praxis auseinander. Zwar postuliert er der Ausführung seines dritten Grundsatzes, dass Lyrik nicht auf bloße politische oder ideologische Indoktrination reduziert werden dürfe – ein Gedicht habe schließlich „nicht das Transportschiff von Pioniergesetzen zu sein“. Dennoch unterwandert er diese Maxime selbst. Vor dem Hintergrund seiner Biografie ist dieser Widerspruch jedoch kaum überraschend: Seine Texte spiegeln weitgehend jene Denkmuster wider, die mit den bildungs- und erziehungspolitischen Leitlinien der DDR konform gingen.
Noch eklatanter bricht Lindemann mit seinem fünften Grundsatz:
„Nie mit dem erhobenen Zeigefinger schreiben!
Das Kind ist eine Persönlichkeit. Diese bedarf der Hilfe der Erwachsenen, nicht aber mit dem Ausrufezeichen der Moral, sondern mit dem Schulterschlag des Freundes. Trägt nicht so manches Gedicht noch den vordergründigen Stempel des Belehrens? Das Gängelband ist zugleich der Strick für die Kinderliteratur.“
Bei der Durchsicht seiner Werke zeigt sich: Allzu oft verfallen seine Texte in einen belehrenden, oberlehrerhaften Duktus, der in späteren Prosawerken häufig ins Selbstgerechte kippt.
Ein Verständnisversuch: Werner Lindemann war der DDR, ihrer Politik und ihren Visionen in Dankbarkeit verbunden, auch wenn er nicht immer mit allem einverstanden war. Wie für viele Schriftsteller seiner Generation bedeutete das Kriegsende auch für Lindemann eine tiefe biografische Zäsur und ein Paradigmenwechsel: Es eröffnete sich ihm die Möglichkeit zu einem beruflichen und schließlich auch geistigen Neubeginn.
Häufig wird übersehen, dass die Erfahrungen des Krieges sowie der Aufbau und die Förderung durch die Bildungs- und Kulturpolitik der DDR vielen Menschen überhaupt erst ermöglichten, künstlerisch tätig zu werden. Ohne diese Förderung hätten es vermutlich nur wenige geschafft, Stall, Stube und Steinbruch hinter sich zu lassen, sich weiterzubilden und schöpferisch zu arbeiten.
Zugespitzt gesagt: Im Osten hätte sich Anna Wimschneider nicht erst mit 65 Jahren dem Urteil ihrer Nachbarschaft stellen müssen.
Doch Förderung beinhaltet oft auch Forderung – denn wessen Brot ich ess’, dessen Lied ich sing‘. Ändern sich jedoch die Zeiten, Grenzverläufe und Gesinnungen, bleibt allzu Zeitiges, Begrenztes und Gesinnungsmäßige auf der Strecke.
Lindemann ist ein Geisteskind seiner Zeit, und das ist häufig nicht zu überlesen.
Gleichwohl sind seine Bücher Zeugnisse einer verschwundenen Welt. Sein Drispether Bauernhaus, seine Roggenmuhme, sein Tanz im Winde und seine Gedanken sind empfehlenswerte Prologe zu westdeutsch zu lesenden Gesellschaftsromanen wie Unterleuten von Juli Zeh. Der kauzige Dorfmensch ist in der Literatur ein etablierter Topos. Doch Menschen sind nicht einfach nur schrullig, sie haben ein Leben hinter sich, in diesem Falle ein ostdeutsches.
Und dies dokumentiert Lindemann sehr nahbar.
Doch würden Werner Lindemanns Kinderbücher heute noch ein Publikum finden?
Betrachten wir die Faktenlage: Der Kinderbuchmarkt ist hart umkämpft. Mit Kinder- und Jugendbüchern werden in Deutschland jährlich rund 1,73 Milliarden Euro umgesetzt. Nach der Belletristik sind sie damit das zweitwichtigste Segment des Buchmarktes und machen etwa 18 Prozent des gesamten Umsatzes aus. Den größten Anteil daran haben Titel für Kinder bis elf Jahre einschließlich Bilderbüchern, die mehr als die Hälfte des Marktes ausmachen. Während sich rund 8.000 Neuerscheinungen pro Jahr oft nur kurz in den Regalen halten, sichern bewährte Klassiker vor 1990 kontinuierlich schätzungsweise 20 bis 30 Prozent des Umsatzes, da Eltern und Großeltern beim Kauf gezielt zu vertrauten Geschichten greifen.
Kinderbuchklassiker aus der DDR verlieren auf dem heutigen Buchmarkt hingegen massiv an Bedeutung. Nach der Wiedervereinigung trug vor allem die Elterngeneration die Titel aus eigener Lesebiograpie weiter – mit dem aktuellen Generationswechsel schwindet diese persönliche Bindung jedoch.
Zudem wird der gesamtdeutsche Buchmarkt seit 1990 von westdeutschen Vertriebsstrukturen geprägt, weshalb viele DDR-Kinderbücher ein rein regionales Phänomen blieben. Erschwerend kommt die Skepsis gegenüber dem ideologischen Erbe hinzu: Die Sorge vor sozialistischer Indoktrination, wie sie Verlage als staatliche Erziehungswerkzeuge damals oft vermitteln mussten, schreckt den überregionalen Handel ab.
Lediglich einige Bilderbuchklassiker behaupten sich, während textreiche Reihen zunehmend aus den Programmen verschwinden.
Ein extremes und statistisch kaum isoliert messbares Nischensegment ist die reine Kinderlyrik, die sich im niedrigen einstelligen Prozentbereich bewegt. Da sie im Buchhandel selten gezielt gesucht wird, funktioniert der Absatz fast nur über prominente Zugpferde wie Nadia Budde oder Nils Mohl. Hinzu kommt ein betriebswirtschaftliches Dilemma: Kinderlyrik verlangt nach aufwendigen, durchgängig vierfarbigen Illustrationen, um überhaupt verkäuflich zu sein. Dieses visuelle Erfordernis erzwingt ein teures Honorarsplitting zwischen Text- und Bildschaffenden, was den Kostendeckungspunkt massiv nach oben treibt und eigenständige Gedichtbände für Verlage oft defizitär macht.
Und natürlich haben sich die Seh- und Lesegewohnheiten gewandelt: Was einst als progressiv galt, wirkt heute oft überholt und schwer zugänglich. Dabei entwickelte sich das Segment der Kinder- und Jugendliteratur in der DDR paradoxerweise zu einer Oase außergewöhnlicher künstlerischer Freiheit. Weil Zensoren das Medium häufig unterschätzten, nutzten Autoren wie Peter Hacks absurde Reime als subversives Schlupfloch für Gesellschaftskritik. Gefördert durch staatliche Stipendien, feste Honorare und die Befreiung vom westlichen Marktdruck schufen Illustratoren wie Klaus Ensikat, Albrecht von Bodecker oder Jutta Mirtschin einzigartige Symbiosen aus Text und avantgardistischem Bild auf internationalem Spitzenniveau. Doch inzwischen haben neue Stile, Bildsprachen und Künstlergenerationen die Aufmerksamkeit des Publikums gewonnen – und damit die Maßstäbe dafür verschoben, was heute als zeitgemäß, zugänglich und vor allem als verkäuflich gilt.
Vom Kinderbuchautor Werner Lindemann ist derzeit im Sortimentsbuchhandel lediglich ein Bilderbuch erhältlich: Das Schneeflöckchen.
Dabei würden sich zahlreiche seiner Gedichte für eine sorgfältig kuratierte Neuveröffentlichung in einem Sammelband anbieten. Allen voran, aber keineswegs nur, Ein Nest verdeckt auf dichten Zweigen.
Eine dringend empfohlene Neuauflage verdient Der Esel, die Großmutter und andere Musikinstrumente (1974, Deutscher Verlag für Musik), eine kindgerechte Instrumentenkunde.
Helmut Zeraschis erfreulich lesbarer Sachtext wird durch die wortfrohen Verse Lindemanns und durch die beschwingten Illustrationen von Sonja Wunderlich aufgelockert. Die Kollektivleistung erscheint weitgehend frei von politischen und gesellschaftlichen Vorgaben. Lindemanns Sprache wirkt hier so entspannt und gelöst wie selten.
Das Buch ist ein Ausnahmefall in Lindemanns Werk, hier entfaltet sein besonderes Talent für Sprachspielereien.
Die Bratsche ist die Mutter der Geigen.
Trotz allem kann sie flott und munter
Die Notenleiter rauf und runter
Wie ihre Geigenkinder steigen.
Das Kla 4
Wäre keins,
hieße es Kla 3 oder Kla 2 oder Kla 1.
Vielleicht liegt gerade darin die bleibende Entdeckung Lindemanns: In seinen bildreichen, der Natur verbundenen Texten zeigt sich ein Autor, dessen literarische Möglichkeiten größer waren als das Bild, das von ihm geblieben ist.
Zum Abschluss dies:
Ahornblatt
Durch das offene Fenster geweht von einem spielerischen Wind.
Rot ruht es nun auf der aufgeschlagenen Buchseite.
Ich schlage schnell das Buch zu, sperre das Stückchen Sommer zu den gedruckten Wörtern.
An einem weißem Wintertag werde ich es wieder freilassen.
Den ersten Teil finden Sie hier: Was war? Werner Lindemann zum 100. Geburtstag.













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