Ein Schiff, mit Narren angefüllt
| All land syndt yetz voll heylger geschrifft | Alle Lande sind jetzt voll heiliger Schrift |
| Vnd was der selen heil antrifft / | und was der Seelen Heil betrifft; |
| Bibel / der heilgen Vaetter ler | Bibel, heiliger Väter Lehr |
| Vnd ander der glich bücher mer / | und anderer dergleichen Bücher mehr, |
| Jn maß / das ich ser wunder hab | so viel, daß es mich sehr verwundert |
| Das nyemant bessert sich dar ab / | daß niemand bessert sich davon |
| Ja würt all gschrifft vnd ler veracht | Ja, Schrift und Lehre werden verachtet |
| Die gantz welt lebt in vinstrer nacht | die ganze Welt lebt in finstrer Nacht |
| Vnd düt in sünden blint verharren | und tut in Sünden blind verharren; |
| All strassen / gassen / sindt voll narren | alle Straßen, Gassen sind voll Narren |
| Die nüt dan[n] mit dorheit vmbgan | die nichts tun als sich mit Torheit zu umgeben |
| Wellen doch nit den namen han | wollen doch nicht den Namen [Narr] haben |
So beginnt der Baseler Jurist und Humanist Sebastian Brant (1457-1521) sein Buch Das Narrenschiff. Die Moralsatire beschreibt in 112 Kapiteln die Reise von 100 Narren per Schiff nach Narragonien. Die Atmosphäre an Bord ist von Eitelkeit, Habsucht und Dummschwätzerei geprägt. Schonungslos spottet der Autor über die Passagiere. Auch der Büchernarr kriegt (verdientermaßen?) sein Fett weg. Aufgrund seiner Reimform und des populären Narrenthemas, und nicht zuletzt wegen der teilweise von Albrecht Dürer stammenden Holzschnittillustrationen blieb das Narrenschiff der ungeschlagene Bestsellerhit Nr. 1, bis im Jahr 1774 Goethe seinen Werther veröffentlichte. Der Stoff fand auch durch Übersetzungen in die lateinische, französische, niederdeutsche und niederländische Sprache Verbreitung. Allein bis 1500 sind 25 verschiedene Druckausgaben nachgewiesen.
Das Narrenschiff der Staatsbibliothek zu Berlin ist eines von nur 10 erhaltenen Exemplare der 1494 von Johann Bergmann von Olpe in Basel zur Fastnacht gedruckten Originalausgabe. Aus Bergmanns Druckerei stammen auch Ausgaben von Werken Jakob Lochners, Johannes Reuchlins und Jakob Wimphleings.
Unser Narrenschiff stammt aus dem Besitz des Humanisten und Kirchenrechtlers Christoph Scheurl. Im vorderen Einbanddeckel ist ein von Lucas Cranach dem Älteren gefertigtes Exlibris eingeklebt. Es nimmt Bezug auf Scheurls Eltern Christoph Scheurl und Helene Scheurl geb. Tucher. Das Motto des Exlibris lautet „Hic Schevrlina Simvl Tvcherinaq signa refvlgent que doctor gemini Schevrle parentis habes“ (Hier erglänzen zugleich das Scheurl’sche und das Tucher’sche Wappen, die du, Doktor Scheurl, von beiden Elternteilen hast.) . Handschriftliche Notizen und Anstreichungen lassen darauf schließen, daß Scheurle mit dem Buch gearbeitet hat. Neben den Doppelvers „Wem wol ist mit nemmen vff borg / Der hat zü bzalen gantz keyn sorg / “ („Wer sich mit Kreditaufnahmen wohl fühlt / der sorgt sich nicht ums zurückzahlen“) hat Scheurl die Bemerkung geschrieben: „contra nostros qui bononie erunt“ („das ist gegen die unsrigen gerichtet, die sich in Bologna aufhielten“) . Scheurl hatte zwischen 1498 und 1506 in Bologna Recht studiert.
Das Buch umfaßt 158 Blatt, hat die Signatur 8° Inc 604. Im Gesamtkatalog der Wiegendrucke ist er unter GW05041 verzeichnet.




![Ausschnitt aus Titelblatt: Beda: Historia ecclesiastica gentis Anglorum. [Strassburg: Heinrich Eggestein, um 1475/78] [vielmehr nicht nach 1475].Bibliothekssignatur 4° Inc 2143a (GW03756). Ausschnitt aus Titelblatt: Beda: Historia ecclesiastica gentis Anglorum. [Strassburg: Heinrich Eggestein, um 1475/78] [vielmehr nicht nach 1475].Bibliothekssignatur 4° Inc 2143a (GW03756). Staatsbibliothek zu Berlin - PK. Lizenz: CC-BY-NC-SA](https://blog.sbb.berlin/wp-content/uploads/Beitragsbild_Oktober_2018-180x180.jpg)

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![Plenarium, deutsch. Augsburg: Johann Bämler, 30.IX.[14]76. Staatsbibliothek zu Berlin – PK. Lizenz: CC-BY-NC-SA Abbildung aus: Plenarium, deutsch. Augsburg: Johann Bämler, 30.IX.[14]76. Staatsbibliothek zu Berlin – PK. Lizenz: CC-BY-NC-SA](https://blog.sbb.berlin/wp-content/uploads/Buchpatenschaft_8_20_Inkunabel-180x180.jpg)



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