Es gibt keinen richtigen Link im falschen! Warum URL-Shortener politisch sind.

tl,dr: Die Staatsbibliothek zu Berlin wechselt von bit.ly auf einen eigenen Dienst zum Kürzen von URLs. Und versteht dies als einen politischen Akt.

Wir Bibliotheken gehen mittlerweile bewusster mit den Daten unserer NutzerInnen um. Einem kurzen aber heftigen Flirt mit dem Web 2.0 folgte die Ernüchterung – und die Erkenntnis, dass es vielleicht keine wirklich gute Idee ist, unsere OPAC-Suchen direkt in Facebook zu integrieren (ja, das hat es wirklich gegeben).

Google Analytics ist Geschichte

Schon seit 2011 ist auch das Thema Google Analytics vom Tisch: Dank der wegweisenden Handreichung des Landeszentrums für Datenschutz Schleswig-Holstein hat sich die Open-Source-Alternative „Piwik“ in unseren Einrichtungen durchgesetzt. Wir erhalten nach wie vor wertvolle Rückmeldungen über die Nutzung unserer Dienste. Die Daten verlassen jedoch nie unsere eigenen Server und wir können selbst den notwendigen Grad der Anonymisierung bestimmen.

Umso erstaunlicher ist es, dass ein anderer Datensammel-Dienst, in vielen unserer Services täglich dutzendfach eingesetzt, all die Jahre auf ausländischen Servern – neumodisch „Cloud“ genannt – überdauert hat: URL-Shortener. Diese kleinen Helfer sind ebenso simpel wie praktisch: auf Twitter gibt es bedenklich wenig Platz, jedes Zeichen ist kostbar. Und wer möchte schon gern solche Link-Ungetüme auf Facebook oder dem Info-Ausdruck im Lesesaal sehen:

http://staatsbibliothek-berlin.de/vor-ort/lesesaele-und-serviceangebote/unter-den-linden/

Der funktionstüchtige Versand einer solchen Adresse mittels einer E-Mail gleicht auch eher einem Glückspiel. URL-Shortener bieten hier eine einfache Lösung, sie machen aus der Adresse oben in Bruchteilen einer Sekunde:

http://bit.ly/2k8ecp6

Und das zuverlässig und kostenlos.

Die Daten unserer NutzerInnen haben dort nichts verloren

URL-Shortener kommen mittlerweile an vielen Stellen unserer Systeme vor – etwa in OPACs, Discovery-Systemen und fachspezifischen Nachweissystemen. Eben überall da, wo man NutzerInnen handliche, kurze URLs anbieten möchte.

Worüber aber wenig nachgedacht wird: Das Klickverhalten unserer NutzerInnen wir nun nicht nur von Facebook oder Twitter gespeichert und ausgewertet – das ist schließlich ihr Geschäftsmodell – sondern zusätzlich noch von einer weiteren, kommerziell am Markt agierenden Firma. Bei jedem einzelnen Klick auf einen gekürzten Link. Die Daten unserer NutzerInnen haben dort nichts verloren, ganz unabhängig ob die Firmen nun auf bit.ly, tinyurl.com oder einen der anderen 340 Namen hören.

Datensparsamkeit steht Bibliotheken gut zu Gesicht

Interessanterweise besteht über den Grundsatz der Datensparsamkeit eigentlich ein breiter Konsens, vom Bundesdatenschutzgesetz bis hin zum Grundsatz der Hacker-Ethik des Chaos Computer Club: „Öffentliche Daten nützen, private Daten schützen“ – im direktesten Sinne ein probater Wahlspruch für Bibliotheken.

Die Alternative

Die Staatsbibliothek zu Berlin hat nun einen ebenso naheliegenden wie einfachen Ausweg gewählt: die Installation eines eigenen URL-Shorteners für unsere Dienste. Im Open-Source-Bereich findet sich eigentlich nur ein ernst zu nehmender Kandidat, dem man auch gern etwas mehr Entwicklungsdynamik wünschen würde: http://yourls.org

URL-Shortener basieren auf gut verstandener Technologie, und es spricht nichts dagegen, dass bereits kleine IT-Abteilungen einen entsprechenden Dienst aufsetzen. Die Nutzeroberfläche zum Kürzen von Links ist dabei nur für die eigenen MitarbeiterInnen interessant; NutzerInnen bekommen schlicht die fertigen Links präsentiert.

Schulungsvideo oder bessere Nutzeroberfläche?

Bei der Einführung standen wir vor einer grundlegenden Entscheidung: lassen wir den Dienst unverändert, und bieten Schulungen im Haus an, wie die dann doch etwas technisch anmutende, nicht selbsterklärende Nutzeroberfläche zu nutzen ist –

Oder investieren wir die Zeit, um dank der mitgelieferten API eine leichter zu bedienende, auf die allernötigsten Funktionen reduzierte Oberfläche anzubieten?

Die Backends von 99% unserer Dienste sind eine Zumutung

Ich glaube, dass wir gut daran tun, uns an Bibliotheken auch um gut gestaltete eigene, interne Nutzeroberflächen zu kümmern. Die Backends von 99% unserer Dienste sind eine Zumutung. Wenn wir täglich mit diesem Elend konfrontiert sind, und es irgendwann einfach hinnehmen – denn: es war ja schon immer so – verlieren wir zum einen den Spaß an unserer Arbeit, verlieren aber auch Klick um Klick den Kontakt zu unseren gerade jüngeren NutzerInnen, die hocheffiziente und ästhetisch angenehme Oberflächen schlicht voraussetzen. Schon bald sprechen wir nicht mehr deren visuelle Sprache.

 

simplicity

 

Wir entschieden uns also, ein sehr reduziertes, minimalistisches Frontend für die interne Nutzung zu bauen. Dank Frameworks wie Bootstrap beschränkte sich die Investition auf ca. zwei Tage:

 

shortener-Plakat

 

 

 

Seit der Einführung vor vier Monaten wurde der Dienst von 40 unterschiedlichen Personen in unserem Haus eingesetzt, tausende Nutzerklicks landeten nicht mehr auf den Servern anderer Leute. Wenn Sie nun Links in dieser Form bei uns finden: http://sbb.berlin/9jucki – die sind von uns handgebaut, Ihre Daten verlassen nie unseren Server.

Wir planen derzeit eine Outreach-Strategie, um sinnvolle Bausteine für eine moderne, digitale Bibliothek Open Source zu stellen. Unser Yourls-Frontend wird hier nur ein sehr bescheidener Anfang sein. Dieses Blog wollen wir nutzen, um auch weit komplexere Entwicklungen zu diskutieren.

Bibliotheken haben Jahrtausende lang die Informationsverarbeitung der Gesellschaften entscheidend mitgeprägt. Firmen sollten uns diese Aufgabe nicht abnehmen.