GeschichtsBilder – Historische Jugendbücher aus vier Jahrhunderten, Juni 2000

Die Ausstellung entstand in Zusammenarbeit der Kinder- und Jugendbuchabteilung der Staatsbibliothek zu Berlin mit dem Lehrstuhl für Kinder- und Jugendliteratur der Humboldt-Universität zu Berlin. Sie zeigt mehr als 200 geschichtserzählende Jugendbücher aus Deutschland, Österreich und der Schweiz, dazu Bildmaterial und historisches Spielzeug. Das Spektrum der Exponate reicht von Titeln aus dem 17. Jahrhundert bis in die Gegenwart. Die ausgestellten Jugendbücher machen den hohen Stellenwert von Geschichte im Erziehungsprozess deutlich und dokumentieren zeittypische Versuche zur Schaffung eines Geschichtsbewusstseins bei den Heranwachsenden. Die Ausstellung gibt einen Einblick in die Jugendliteratur vergangener Zeiten und soll damit auch zum Nachdenken über die Kinder- und Jugendliteratur der Gegenwart und die in ihr vermittelten GeschichtsBilder anregen.

Leihgeber:
Internationale Jugendbibliothek München,
Österreichische Nationalbibliothek Wien,
Schweizerische Landesbibliothek Bern,
Schweizerisches Jugendbuch-Institut Zürich,
Stadtmuseum Berlin,
Zentral- und Hochschulbibliothek Luzern

Neu-eröffneter Historischer Bilder-Saal
Jugendliteratur des 17. und frühen 18. Jahrhunderts

Die ältesten Exponate der Ausstellung stammen aus der Zeit vor 1750. Diese frühe Epoche der Jugendliteratur wurde im Bereich der Geschichtserzählung wesentlich durch biblische Historien geprägt bzw. durch Jugendbücher, in denen biblische und weltliche Geschichtsdarstellungen miteinander verbunden wurden. In diesem Abschnitt werden u. a. zwei Ausgaben des Geschichtswerks "Die Welt in einer Nuß" sowie der erste Teil von "Neu-eröffneter Historischer Bilder-Saal" gezeigt, einer Einführung in die allgemeine Geschichte für Anfänger und Laien. Außerdem ist Johann Balthasar Springers "Kurtze Einleitung zur Reichshistorie von Teutschland" zu sehen, zu der auch eine "Historisch-Chronologische Spiel-Tafel" gehört, mit der den Lesern spielerisch geschichtliches Wissen vermittelt werden sollte.

Beyspiele der Weisheit und Tugend
Die Zeit der Aufklärung

Von zentraler Bedeutung in der Pädagogik der Aufklärung war die Vermittlung von nützlichen Fähigkeiten und Fertigkeiten an die Jugend. Dabei wurde vor allem das Wissen in Geschichte, Geographie und Naturkunde für wichtig erachtet. Auf dem Gebiet der Geschichtserzählung dominierten Weltgeschichten, die jungen Lesern möglichst anschaulich historische Zusammenhänge vermitteln sollten. Eine der bekanntesten Darstellungen dieser Zeit ist August Ludwig von Schlözers "Vorbereitung zur Weltgeschichte für Kinder". Auch der eigentliche Beginn der unterhaltenden Geschichtserzählung für Kinder gehört in die Epoche der Aufklärung: Joachim Heinrich Campes dreibändiges Werk "Die Entdeckung von Amerika". Campes Trilogie war weit verbreitet und wurde noch gegen Ende des 19. Jahrhunderts mehrfach wieder aufgelegt.

    Vaterländische Bilder
Die Zeit von 1800 bis 1850

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts sind mit den literarischen Reaktionen auf die napoleonischen Kriege deutliche patriotische Tendenzen im Jugendbuch zu erkennen. Die Betonung "typisch deutscher Tugenden" in Abgrenzung zu den französischen Eroberern, wachsendes Interesse an den Befreiungskämpfen anderer Völker und die Aufwertung militärischer Themen im Umfeld der Befreiungskriege bilden einen deutlichen Kontrast zur Jugendliteratur der Aufklärung. Veröffentlichungen wie Christian Niemeyers "Heldenbuch" oder Karl Friedrich Hofmanns "Historisch-Patriotische Bilder-Bibel" vermittelten vaterländisches Gedankengut. Auch der Theologe Friedrich Philipp Wilmsen legte zeittypische Geschichtsbeschreibungen vor, darunter "Der Mensch im Kriege oder Heldenmuth und Geistesgröße in Kriegsgeschichten aus alter und neuer Zeit".

Helden der Neuzeit
Die Zeit von 1850 bis 1870

Mitte des 19. Jahrhunderts führte das zunehmende Interesse an der Gestaltung historischer Stoffe zu einer wahren Flut geschichtserzählender Literatur. Besonders die Geschichtsromane von Walter Scott und Coopers "Lederstrumpferzählungen" erfreuten sich großer Beliebtheit. Vielschreiber wie Gustav Nieritz und Wilhelm Oertel versorgten die Jugend mit immer neuen Lesestoffen aus dem Themenbereich der Geschichte. Mehr und mehr trat der abenteuerlich-unterhaltende Aspekt in den Vordergrund. Der Pädagoge und Schriftsteller Theodor Dielitz sah geschichtliche Erzählungen als Mittel zur Erweiterung und Vertiefung des Unterrichtsstoffes. In seinen Schriften verband er historische Ereignisse mit abenteuerlichen und spannenden Handlungssträngen, was seinen Büchern bei jungen Lesern nachhaltigen Erfolg sicherte.

Preußens Heer – Preußens Ehr‘
Die Zeit von 1871 bis 1918

In dieser Zeit erreichte sowohl die massenhafte Produktion historischer Romane als auch die Diskussion um Wert und Unwert dieser Art von Jugendliteratur einen Höhepunkt. Auffällig ist die aggressiv-nationalistische und militaristische Tendenz einiger Werke jener Zeit. Der Krieg von 1870/71 bot Anlass für zahlreiche "Schlachtenstromer"-Erzählungen, in denen soldatische Tugenden verherrlicht wurden. Auch die Mädchenliteratur wurde von einer Welle des Historismus erfasst; gegen Ende des 19. Jahrhunderts wurden vermehrt Geschichtserzählungen für Mädchen publiziert. In der Ausstellung ist diesem Literaturtyp deshalb ein eigener Bereich gewidmet. Sophie Kloerss‘ Buch "Im heiligen Kampf" und Else Urys "Nesthäkchen und der Weltkrieg" sind nur zwei Beispiele für dieses Genre. Auch die ersten eigenständigen proletarischen Jugendbücher entstanden in dieser Zeit. Eines der frühesten sozialistischen Kinderbücher, "König Mammon und die Freiheit" von Lorenz Berg, wird in der Ausstellung gezeigt.

Auf dem Flügelpferde durch die Zeiten
Die Weimarer Republik

In der Weimarer Republik gelang es aufgrund der veränderten gesellschaftlichen und politischen Verhältnisse nun auch vermehrt den der Arbeiterbewegung nahestehenden Pädagogen und Autoren, im Bereich der jugendliterarischen Geschichtserzählung tätig zu werden. Allerdings bleibt die Anzahl der einschlägigen Texte vergleichsweise gering, vor allem wenn man sie mit der Menge von Veröffentlichungen nationalkonservativ bzw. nationalistisch orientierter Jugendbuch-autoren vergleicht. Die Unvereinbarkeit der Positionen "linker" und "rechter" Geschichtsdarstellung wird durch einen Vergleich von Berta Lasks "Auf dem Flügelpferde durch die Zeiten" und Paul von Lettow-Vorbecks "Heia Safari" deutlich.

Deutschland marschiert
Der Nationalsozialismus

Im "Dritten Reich" wurde die gro§e Bedeutung geschichtserzählender Literatur zur nationalen Erziehung der Jugend erkannt und genutzt. Es entstand eine Fülle radikal-nationalistischer Werke, die die Überlegenheit der "germanischen Rasse" bzw. des deutschen Volkes über alle anderen Nationen demonstrieren sollten.
Verbreitet waren vor allem Stoffe aus der germanischen Geschichte, mittelalterliche Themen und Erzählungen aus dem Ersten Weltkrieg. Tugenden wie Opferbereitschaft und Kampfeswille wurden in zahlreichen Kriegs- und Schlachtenszenen beschrieben, die der Kriegserziehung der Jugend dienen sollten. Die historische Literatur dieser Zeit ist in erster Linie Kriegsliteratur, die ihr Augenmerk gezielt auf militärische Ereignisse lenkt.

Pfeile gegen Barone
Exil und frühe Nachkriegszeit

Die Zeit des Nationalsozialismus brachte auch für die Kinder- und Jugendliteratur einschneidende Veränderungen mit sich. Viele Künstler mussten aus Deutschland emigrieren oder wurden mit Schreibverboten belegt. In der schwarzen Liste "Schöne Literatur", die die auszusondernden Titel enthielt, wurden neben Erich Kästner u. a. auch Lisa Tetzner und Alex Wedding genannt. In der Emigration entstand eine zwar zahlenmäßig geringe Menge an Kinderbüchern, die jedoch im Bereich der Geschichtserzählung einige bedeutende Titel aufweist. Hierbei sind besonders Veröffentlichungen von Lisa Tetzner und Kurt Held zu nennen, die in der Schweiz im Exil lebten. Hier entstanden die Jugendbücher "Der Trommler von Faido" und "Die schwarzen Brüder" sowie mehrere Bände von Lisa Tetzners Kinderodyssee "Die Kinder aus Nr. 67", in der die Autorin an den Erlebnissen einer Gruppe von Kindern Krieg und Faschismus in all ihrer Brutalität schildert. Im Exil entstand auch Willi Bredels Roman "Die Vitalienbrüder", der 1950 erstmals vollständig gedruckt wurde. Ein Beispiel für die Literatur der frühen Nachkriegszeit ist Brechts "Der verwundete Sokrates", der dem Band "Kalendergeschichten" entnommen wurde.

Mohr und die Raben von London
Geschichtserzählende Jugendliteratur in der DDR

In der Kinder- und Jugendliteratur der DDR hatten historische Themen eine große Bedeutung. In den fünfziger und sechziger Jahren schrieben Autoren wie Willi Meinck, Ludwig Renn und Kurt David Jugendbücher, die in der Tradition der abenteuerlichen Geschichtserzählung stehen. Außerdem wurden zahlreiche Erzählungen über Persönlichkeiten der sozialistischen Geschichte verfasst: beliebt als literarische Gestalt war besonders der Arbeiterführer Ernst Thälmann, aber auch Karl Marx, Friedrich Engels und Rosa Luxemburg waren literarische Werke gewidmet. Ein Klassiker der DDR-Jugendliteratur ist Vilmos‘ und llse Korns Buch "Mohr und die Raben von London" über die englischen Exiljahre von Karl Marx. Einen großen Anteil an der geschichtserzählenden Literatur der DDR hatten Bücher über die Zeit des Nationalsozialismus wie "Der gute Stern des Janusz K." von Gisela Karau, Walter Püschels "Kaddisch für Liebermann" und Bodo Schulenburgs "Markus und der Golem". Das Thema Antifaschismus bildete einen entscheidenden Schwerpunkt in der Jugendliteratur der DDR.

Der lange Weg des Lukas B.
Geschichtserzählende Jugendliteratur in der BRD

Die Neuorientierung in der Kinder- und Jugendliteratur der BRD nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs erfolgte im Bereich der Geschichtserzählung durch Autoren wie Hans Baumann, Ingeborg Engelhardt und Barbara Bartos-Höppner, deren Texte dem Typus der historischen Abenteuerliteratur zuzurechnen sind.
Seit dem Anfang der sechziger Jahre gab es auch in der Jugendliteratur Aufarbeitungsversuche zum Thema Nationalsozialismus und Holocaust. Zwei besonders bekannte Titel sind Clara Asscher-Pinkhofs Buch "Sternkinder", das bereits 1946 in den Niederlanden veröffentlicht worden war und 1961 in Deutschland erschien, sowie "Damals war es Friedrich" von Hans Peter Richter. "Sternkinder" wurde 1962 mit dem Deutschen Jugendbuchpreis ausgezeichnet, "Damals war es Friedrich" erhielt Preise in Deutschland und den USA.
Von den siebziger Jahren an dominierte in der geschichtserzählenden Jugendliteratur der "Blick von unten". Im Mittelpunkt dieser Bücher standen nicht mehr die "großen Männer der Geschichte", sondern meist jugendliche Helden aus der unteren und mittleren Schicht. Bedeutende Jugendbuchautoren wie Willi Fährmann, Klaus Kordon oder Arnulf Zitelmann repräsentieren diese Sicht auf die Geschichte in der neueren deutschen Jugendliteratur.

Unter der Asche die Glut
Geschichtserzählende Jugendliteratur seit l990

In der Jugendliteratur nach 1990 reicht das zeitliche Spektrum geschichtserzählender Werke von der Ur- und Frühgeschichte über die Antike, das Mittelalter, die Revolution von 1848 und den Nationalsozialismus bis zu Auseinandersetzungen mit der jüngsten deutschen Vergangenheit. Klaus Kordon veröffentlichte 1997 mit "1848: Die Geschichte von Jette und Frieder" einen Jugendroman über die revolutionären Ereignisse in Berlin. Hans Magnus Enzensberger benutzt in "Wo warst Du Robert?" das Motiv der Zeitreise, bei der sein jugendlicher Protagonist verschiedene vergangene Epochen besucht, und Willi Fährmann schildert in "Unter der Asche die Glut" die Erlebnisse eines Jungen, der sich im Jahr 1933 zwischen seiner Heimat und der Emigration entscheiden muss.
Die Geschichtserzählung spielt im Bereich der Kinder- und Jugendliteratur nach einer Periode der Randständigkeit während der sechziger bis achtziger Jahre wieder eine beachtete Rolle. Historische Jugendbücher machen einen nicht unbeträchtlichen Teil der Neuerscheinungen aus. Auch von der Literatur- und Geschichtsdidaktik erfährt die historische Erzählung vermehrte Aufmerksamkeit und gewinnt als Medium im Unterricht zunehmend an Bedeutung.

   

Kronperlen der österreichischen Geschichte
Geschichtserzählende Jugendliteratur in Österreich

Frühe Zeugnisse einer eigenständigen österreichischen Geschichtserzählung sind von dem Schriftsteller Leopold Chimani überliefert. Im Jahre 1814 wurde sein erstes geschichtserzählendes Werk für Kinder, das Buch "Vaterländischer Jugendfreund" veröffentlicht.
Im 19. Jahrhundert war Franz Isidor Proschko einer der populärsten Vertreter der historischen Erzählung für die Jugend. Auch seine Tochter, Hermine Proschko, hat ein umfangreiches und vielfältiges Werk aufzuweisen.
Die Geschichtserzählung der Jahrhundertwende wird durch Auguste Groner und Leo Smolle repräsentiert, deren Werke bei der Jugend sehr verbreitet waren.
Die Auseinandersetzung mit der neueren Geschichte, insbesondere mit der Zeit des Nationalsozialismus, wird durch Käthe Recheis, Christine Nöstlinger, Renate Welsh und Winfried Bruckner geprägt. Ihre Werke sind Beispiele für eine aktive Aufarbeitung der Geschichte und den Versuch, historisches Wissen engagiert und literarisch anspruchsvoll an die junge Generation zu vermitteln.

   

Helvetia. Vaterländische Sage und Geschichte
Geschichtserzählende Jugendliteratur in der Schweiz

Eingebettet in die gesamteuropäische Bewegung der Spätaufklärung entwickelten im ausgehenden 18. Jahrhundert auch in der Schweiz Autoren und Pädagogen Konzepte einer spezifischen Literatur für Kinder. Die frühen Texte historischen Inhalts sind der Sacherzählung, der moralischen Beispielgeschichte und der Anekdote zuzuordnen. Leitbild der Texte war die Idee des aufgeklärten Staates in der Form der Republik, der die "Glückseligkeit der Bevölkerung" fördert und gewährleistet.
Die bedeutendste historische Erzählung des 19. Jahrhunderts in der Deutschschweiz ist "Der Knabe des Tell" von Jeremias Gotthelf. Bis zum Ersten Weltkrieg wurde Schweizer Geschichte fast ausschließlich in Gestalt der Sage, des Sachtextes oder der Biographie vermittelt.
In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts erschienen kulturgeschichtliche Erzählungen, wie Hans Zulligers "Die Pfahlbauer am Moossee" und Robert Schedlers "Der Schmied von Göschenen".
In der neueren Literatur wird die historische Erzählung ergänzt und vielfach auch ersetzt durch fantastische Erzählungen. Die Darstellung historischer Themen geschieht überwiegend im Bereich des Sachbuchs und des Comics. Unter den aufwendig gestalteten Sachbüchern unserer Zeit ist der von Jörg Müller illustrierte Band "Auf der Gasse und hinter dem Ofen" über das Leben in einer mittelalterlichen Stadt hervorzuheben.

15. Juni – 19. August 2000
Staatsbibliothek Unter den Linden 8, Vestibül
Öffnungszeiten:
Mo – Fr 9-21 Uhr, Sa 9-17 Uhr
sonn- u. feiertags geschlossen
Eintritt frei

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