Satzspiegel ihrer Zeit – typographische Schriftproben als Handlungsfeld. Ein Blick zurück nach vorn
Schrift ist omnipräsent – im öffentlichen Raum wie im Privaten. Gerade aber in ihrer ubiquitären Sichtbarkeit und funktionalen Selbstverständlichkeit – als Konvention zur Aufzeichnung von Sprache soll sie dem Auge schließlich keinerlei Lesehindernis schaffen – wird Schrift jedoch auch viel zu häufig übersehen. Umso mehr gilt dieser paradoxe Befund für die nie oder nur selten für die Herstellung analoger wie digitaler Textprodukte genutzten Schriftentwürfe. Denn in Büchern, Broschüren und Zeitungen, auf Schildern, Verpackungen und Bildschirmen ist bestenfalls ein Bruchteil der seit der Gutenberg-Zeit entstandenen Druckschriften und Computerfonts zu finden. Dabei sind es keineswegs nur die in ihrer Vielfalt und Fülle kaum mehr zu überschauenden Computerschriften jenseits der bekannten Standardfonts, die im toten Winkel der Typographiegeschichte bleiben, sondern auch ungezählte Entwürfe der Bleisatzzeit. Ungezählt ist hier sogar wörtlich zu nehmen, da alleine in Deutschland gleich mehrere Initiativen an ihrem Ziel scheitern sollten, das nationale typographische Kulturerbe systematisch zu dokumentieren. Selbst das jüngste Vorhaben – gemeint ist das aus Mitteln der VolkswagenStiftung finanzierte Projekt des Deutschen Museums Schriftguss und Stempelschnitt in Deutschland (1871–1980) – musste schon nach kurzer Zeit vor den herkulischen Dimensionen seiner selbstgestellten Aufgabe kapitulieren.
Ihre Entwürfe publizierten die gerade in Deutschland so zahlreichen Schriftgießereien teils in Gewerbeblättern wie dem Journal für Buchdruckerkunst, Schriftgießerei und die verwandten Fächer oder dem Archiv für Buchdruckerkunst und verwandte Geschäftszweige. Zur Vermarktung ihres Angebots an Schriften, Zeichen und Zierelementen nutzten die Betriebe vor allem aber selbst hergestellte Schriftproben, also Musterbücher höchster Druck- wie Papierqualität mit einem Umfang von einem Blatt – gedacht zur Bewerbung einzelner Schriften – bis zu über tausend Seiten. Letztere, so genannte Hauptproben, dienten der Präsentation des gesamten, oft hunderte Entwürfe umfassenden Typenportfolios einer Schriftgießerei. Mit der Zeit prägten die überwiegend im Quart- oder Oktavformat produzierten Schriftproben ein charakteristisches Layout aus, das als Kernbestandteile einen Probeabdruck der enthaltenen Schrift(en) in verschiedenen Graden – meist in Gestalt von Blindtexten, fiktiven Werbeanzeigen, Speisekarten oder anderen Akzidenzen –, deren Namen, Bestellinformationen sowie fakultativ Angaben zur Urheberschaft beinhaltet. Auf engstem Raum führen solche Musterbücher demnach das komplette Repertoire an Buchstaben und Zeichen einer Schrift vor, was dieses Mediengattung zu einem veritablen Fitnessstudio für das Training von Texterkennungsalgorithmen (OCR) macht.
Als außerhalb des Buchhandels erschienene Ephemera wurden Schriftproben zu ihrer Entstehungszeit allerdings nur unsystematisch von Archiven, Bibliotheken und Museen gesammelt. Deren Bestände gehen vielmehr häufig auf Privatkollektionen von Schriftschaffenden zurück, markieren doch historische Vorlagen damals wie heute den Referenzpunkt des typographischen Entwurfsprozesses – Regale voller Schriftproben aus der Bleisatzzeit sind daher auch ein vertrauter Anblick in Type Design-Studios des 21. Jahrhunderts. Umgekehrt werden genuin digitale Computerfonts kurioserweise neuerdings immer häufiger im Modus der Gutenberg-Galaxis beworben – d.h. mithilfe gedruckter Schriftproben.
Als kommerzielle Verkaufskataloge sind Schriftproben seit dem Industriezeitalter darauf ausgelegt, die Aufmerksamkeit der potentiellen Kundschaft mit schöpferischen Mitteln zu erregen, indem sie Anmutung, konnotative Wirkung und geeignete Einsatzfelder des betreffenden Schriftentwurfs zwischen Reklame, Buch- und Akzidenzdruck möglichst effektvoll vorführen. Insofern ist es wohl auch nur konsequent, dass in der Rubrik Schriftprobenschau zahlreicher typographischer Gewerbeblätter die Qualität nicht nur der im jeweiligen Betrachtungszeitraum von den Gießereien veröffentlichten neuen Schriftentwürfe, sondern auch die Gestaltung ihrer Musterbücher gewürdigt wurde. Schließlich waren Schriftproben das zentrale Verkaufswerkzeug der typographischen Handlungsreisenden.

Zur Inszenierung des spezifischen Charakters bzw. des konnotativen Potentials einer Schrift im Medium typographischer Musterbücher dient in erster Linie ihr sprechend und meist mit Zeitbezug gewählter Name – oft mit einer erläuternden Apposition: Jiu-Jitsu: die überraschende Schrift, eine Schrift, die blitzschnell packt oder Knock-out: die schlagende Schrift, eine ‚Schlager-Schrift. Dabei reicht das Spektrum von den die Leichtigkeit der Goldenen Zwanziger evozierenden Schriften Flamingo (1928) oder Comteß-Lola (1929) bis hin zu Potsdam (1934), Tannenberg (1935) und Gotenburg (1937), in deren Namen schon der Klang marschierender Schaftstiefel widerhallt, während City (1930), Radio (1930), Beton (1936), Concorde (1969) oder Cosmos (1982) für die Modernität dieser Entwürfe stehen. Zur Verstärkung des damit erzielten sprachlichen Effekts kamen in nicht wenigen Proben zudem auch graphische Mittel zum Einsatz, um das Wesen der betreffenden Schrift zu transportieren – sowohl auf Umschlag und Titelblatt als auch im Hinblick auf die Gestaltung der meist darin enthaltenen fingierten Gelegenheitsdrucksachen. Besonders eindrücklich lässt sich der angesprochene Wirkungszusammenhang anhand der von Albrecht Heubner entworfenen Musterbroschüre zur Präsentation der 1939 veröffentlichten Caprice illustrieren, deren Umschlag eine mit farblich abgestimmtem Schleifenband verschnürte rosa Geschenkschachtel auf einem weißen Häkeldeckchen ziert. In dieser sind die – in Realität etliche Kilo schweren – Bleilettern der Caprice zu vermuten, worauf zumindest das naturgemäß in ihr gesetzte Alphabet auf dem Deckel der abgebildeten Schachtel hindeutet. Mit seiner parfümiert-boudoirhaften Bildsprache gelingt es dem am Bauhaus ausgebildeten Avantgarde-Werbegestalter Heubner, die Spezifik einer Schreibschrift kongenial einzufangen, die in ihrer Probe mit folgenden Worten beworben wird:
„Caprice! Fantasievoll wie der Klang eines Capriccios, beschwingt wie ein wirbelnder Tanz, sprühend wie die Laune einer schönen Frau – das ist Caprice, die ‚kapriziöse Schöne‘, nach Zeichnungen von Martin Wilke. Caprice: mehr als nur eine Schrift … eine Delikatesse!“
Typographische Schriftproben sind aber nicht nur eine Delikatesse, sondern in gewisser Weise auch eine Berliner Spezialität – zumindest mit Blick auf die herausragende Qualität der Schriftproben der Kreuzberger H. Berthold AG unter ihrem Kreativdirektor Günter Gerhard Lange. „Du musst dem Betrachter von Doppelseite zu Doppelseite ein Aha-Erlebnis bieten“ – so sein 2003 gegenüber den Typografischen Monatsblättern bekundeter Gestaltungsanspruch an die von ihm verantworteten Proben seiner Schriften.

Gestaltung: Lilith Zachwieja & Erik Spiekermann
Aufgrund der überragenden Bedeutung dieser 1858 gegründeten und nach 135jähriger Geschäftstätigkeit vom Markt verschwundenen Schriftgießerei für die typographische Entwicklung im deutschsprachigen Raum standen die Schriftproben der H. Berthold AG auch im Zentrum des Gemeinschaftsprojekts Die Sichtbarmachung des Sichtbaren – Berlins typografisches Kulturerbe im Open Access von Stiftung Deutsches Technikmuseum Berlin, Erik-Spiekermann-Stiftung, Kunstbibliothek – Staatliche Museen zu Berlin und Staatsbibliothek zu Berlin. Primäres Ziel dieses 2021 im Berliner Landesdigitalisierungsprogramm digiS geförderten Vorhabens war es, der typographiehistorischen Forschung einen wichtigen Quellenbestand virtuell zugänglich zu machen – auch als Impuls zur stärkeren wissenschaftlichen Beschäftigung mit der Mediengattung Schriftprobe, deren Geschichte nach wie vor zu schreiben ist. „In the past, type specimen books have served as an essential source of typographic history, though they have not been the subject of this history,” wie der australische Typograhiehistoriker Jesse O’Neill diesen Befund zuspitzt. Dazu wurden mehr als 800 Schriftproben Berliner Gießereien aus der Zeit vor 1951 digitalisiert. Sämtliche Digitalisate stehen dauerhaft im Open Access zur freien Nachnutzung zur Verfügung (und zwar hier bzw. hier).

Gestaltung: Dan Reynolds.
Daneben ging es dem Projekt auch und nicht zuletzt darum, der gerade an der Spree damals wie heute so vibrierenden typographischen Kultur größere gesellschaftliche Aufmerksamkeit zu verschaffen. Denn in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts sollte Berlin Leipzig als nationales Zentrum des Buch- und Druckgewerbes ablösen. Mit dieser Absicht wurden etwa Spaziergänge auf den Spuren der Berliner Schriftgießereien konzipiert, ein Podcast zur Mediengattung Schriftprobe produziert, Videointerviews mit ehemaligen Angehörigen der H. Berthold AG geführt, eine interdisziplinär-spartenübergreifende Tagung organisiert und ausgewählte historische Schriften als Open Font-Dateien veröffentlicht.
Diese Aktivitäten dienten überdies zur Vorbereitung eines inzwischen auch von der Deutschen Forschungsgemeinschaft bewilligten skalierten Folgeprojekts auf nationaler Ebene – eine Kooperation der Staatsbibliothek zu Berlin, des Deutschen Buch- und Schriftmuseums der Deutschen Nationalbibliothek in Leipzig, der Kunstbibliothek – Staatliche Museen zu Berlin sowie des Arbeitsbereichs Buchwissenschaft der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz. Ziel dieses gemeinsamen Vorhabens ist es, weitere knapp 6.500 Schriftproben aus den drei beteiligten Sammlungseinrichtungen zu digitalisieren und für die Verbesserung der maschinellen Texterkennung zu nutzen (möglicherweise planen wir zudem sogar eine Wanderausstellung zur Geschichte und Ästhetik dieser übersehenen Mediengattung). Damit soll perspektivisch das Fundament für einen spartenübergreifenden digitalen Zugang zum typographischen Kulturerbe Deutschlands seit der Gutenberg-Zeit gelegt werden – als Versuch, dem nationalen Schriftgedächtnis auf die Sprünge zu helfen, und Beitrag zur Sichtbarmachung des Sichtbaren.
Projektnummer: 558042196









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