Schrift für Schrift durch die Stadt – ein Spaziergang auf den Spuren von Berlins historischen Schriftgießereien

Ein Gastbeitrag von Dr. Dan Reynolds (Hochschule Niederrhein), Mitglied des wissenschaftlichen Beirats unseres gemeinsamen digiS-Digitalisierungsprojekts Die Sichtbarmachung des Sichtbaren – Berlins typografisches Kulturerbe im Open Access mit Stiftung Deutsches Technikmuseum Berlin, Erik Spiekermann Foundation gGmbH und Kunstbibliothek der Staatlichen Museen zu Berlin. Please find an English version of this article here.

 

Gestaltung: Dan Reynolds.

Mehrere historische Fabrikgebäude von Berliner Unternehmen aus der Branche der industriellen Typenherstellung sind noch erhalten. Die Erzeugnisse dieser Schriftgießereien prägten sowohl das nationale Druckgewerbe des 19. und 20. Jahrhunderts als auch bis heute die Entwürfe der Typografie-Szene weltweit. Am 24. Juli 2021 fand im Rahmen des Projekts Die Sichtbarmachung des Sichtbaren – Berlins typografisches Kulturerbe im Open Access, das einen für Wissenschaft, Kreativwirtschaft und Öffentlichkeit gleichermaßen relevanten Beitrag zu Erhalt, Zugänglichkeit und Visibilität des so reichen typografischen Kulturerbes der Hauptstadt in seiner materialen wie visuellen Vielfalt leisten möchte, eine Führung zu vier von diesen Gebäuden statt. Da deren Innenhöfe vielfach wochentags zu den üblichen Geschäftszeiten zugänglich sind, kann dieser Spaziergang leicht selbstständig wiederholt werden. Viel Spaß dabei!

Konkret wird das angesprochene Projekt Musterbücher der gemeinsam besuchten Berliner Schriftgießereien digitalisieren und online bereitstellen. Da dabei jedoch die gesamten Bestände an Berliner Schriftproben von Technikmuseum Berlin, Staatsbibliothek zu Berlin und Kunstbibliothek der Staatlichen Museen zu Berlin Berücksichtigung finden sollen, wird das Vorhaben auch die Entwürfe von Unternehmen umfassen, deren Gebäude inzwischen verschwunden sind – darunter z.B. der Schriftgießereien von Eduard Haenel und Wilhelm Woellmer.

Aber genug der Vorrede – los geht’s! Wir beginnen unseren Spaziergang in Kreuzberg:

Station 1: Gneisenaustraße 27

Schriftgiesserei Emil Gursch. Foto: Bibliothek der Stiftung Deutsches Technikmuseum Berlin.

1866 gegründet, ließ die Schriftgießerei Emil Gursch um 1900 ihr neues Fabrikgebäude im heutigen Innenhof der Gneisenaustraße 27 errichten. Davor hatte das Unternehmen an verschiedenen anderen Standorten im heutigen Kreuzberg gearbeitet. Das Gießereigebäude zeigt einen für die Zeit um die Jahrhundertwende typischen Berliner Architekturstil. Selbst wenn sein Bauschmuck nicht ganz einmalig ist, die schöne porzellan-verklinkerte Fassade – weiß mit grünen Akzenten – zeichnet das Gebäude aus. Möglicherweise ist es das schönste der erhaltenen Schriftgießereien in der Hauptstadt.

1918 wurde die Schriftgießerei Emil Gursch von einem Konkurrenten übernommen – von der H. Berthold AG, deren Hauptsitz nur etwas 500 Meter entfernt lag. Bis in die 1940er-Jahren ließ Berthold im ehemaligen Gursch-Gebäude Schriften gießen. Auch siedelte die H. Berthold AG ihre Privatdruckerei hier an, in der kostbare bibliophile Editionen produziert wurden. Womöglich ließ Berthold zwischen 1919 und 1943 hier auch jene Schriftproben und Produktkataloge drucken, die im Rahmen unseres Open Access-Projekts digitalisiert werden sollen. Obwohl das ehemalige Gursch-Gebäude im Zweiten Weltkrieg weitgehend verschont bleiben sollte, scheint es Berthold in der Nachkriegszeit nicht mehr benutzt zu haben. Heute bespielt das US-amerikanische Bildungsunternehmen CIEE die Fläche. Die renovierten Räumlichkeiten innerhalb der Fabrik beherbergen jetzt sowohl Klassenzimmer als auch studentische Wohneinheiten.

Station 2: Gneisenaustraße 2, 2A und Mehringdamm 43

Westfassade des ehemaligen Fabrikgebäudes der H. Berthold AG. Foto: Monika Gause.

Rund um den Mehringhof stehen drei Gebäude, die von der Berliner Messinglinien-Fabrik und Schriftgießerei H. Berthold AG (1858–1993) gebaut und genutzt wurden. Auf diesem Areal war die Firma von 1869 bis 1978 aktiv. 1869 zog Hermann Berthold mit seiner damals noch jungen Firma in das Wohnhaus am Mehringdamm 43 ein (damals: Belle-Alliance-Straße 88). Ende des 19. Jahrhunderts entstand ein großes Fabrikgebäude aus Backstein im Innenhof, in den man heute nur von der Gneisenaustraße gelangt. Obwohl das Fabrikgebäude im Zweiten Weltkrieg stark beschädigt worden war, ließ das Unternehmen es fast vollständig wieder aufbauen.

Neben ihrer Berliner Niederlassung unterhielt die H. Berthold AG in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts Zweigstellen in Leipzig, Moskau, Riga, St. Petersburg, Stuttgart und Wien. In den 1920er-Jahren reklamierte das Unternehmen für sich, die größte Schriftgießerei der Welt zu sein – wahrscheinlich zu Recht. Wegen des Umstellung des Druckgewerbes ab den 1950er-Jahren auf Offset-Druck stieg die H. Berthold AG langsam aus dem Schriftgießereigeschäft aus. 1978 stellte sie die Produktion von Bleilettern gänzlich ein, zumal das Unternehmen seit den 1960er-Jahren wegen seiner Fotosatzmaschinen einen neuen Aufschwung erleben sollte. Im Zuge dessen ließ Berthold 1971–1972 das damals noch modern-aussehende Gebäude in der Gneisenaustraße 2 bauen. Kurz nachdem mit diesem Gebäude das Berthold-Ensemble komplettiert war, verkaufte das Unternehmen das Areal und zog nach Teltow um. Die überwiegende Mehrzahl der Schriftproben, die die H. Berthold AG zwischen den 1890er-Jahren und 1951 produzierte, werden im Zuge unseres Open Access-Projekts digitalisiert.

Station 3: Linienstraße 144

Schriftgießerei Ferdinand Theinhardt. Foto: Dan Reynolds.

Von den beiden besuchten Schriftgießerei-Gebäuden im Bergmannkiez kommt man mit der U-Bahnlinie U6 vor der ehemaligen Werkstatt Ferdinand Theinhardts in der Linienstraße 144 an (vom Mehringdamm ist die Haltestelle ‚Oranienburger Tor‘ nur sechs Stopps entfernt). Zusammen mit seinem hinteren Seitenflügel wurde das Bürgerhaus 1794 erbaut. 1860 kaufte es der Stempelschneider und Schriftgießer Ferdinand Theinhardt (1821–1906). 1861 ergänzte Theinhardt den hinteren Bereich mit einem zweiten Seitenflügel. Vermutlich lebte er mit seiner Familie im Vorderhaus und richtete seine 1849 gegründete Schriftgießerei im neuen Seitenflügel ein. Heute steht das Haus – eines der kleinsten in der Linienstraße – unter Denkmalschutz.

Obwohl Ferdinand Theinhardt mit eigenen Händen viele Frakturschriften schnitt – und sicherlich auch mehrere Antiquaschriften –, ist er seit Lebzeiten besonders für seine akademischen Veröffentlichungen bekannt. Dazu zählen Studien zum Druck von Hieroglyphen, Keilschrift, römische Inschriften und Tibetisch. 1885 verkaufte Theinhardt seine Schriftgießerei an Oskar Mammen und die Brüder Robert und Emil Mosig; die neuen Besitzer führten den Firmenamen ‚Ferd. Theinhardt Schriftgießerei‘ weiter. Etwa drei Jahre später zog sowohl Ferdinand Theinhardt als auch seine alte Schriftgießerei aus dem Gebäude aus.

1889 wurde im Hinterhof abermals eine Fabrikanlage eingerichtet. Diese hatte zwar mit der Ferd. Theinhardt Schriftgießerei nichts zu tun, wohl siedelte sich jedoch eine andere Art Gießerei dort an: Bis 1995 wurden dort nämlich Schilder gegossen. Heute befinden sich in dem Fabrikgebäude Büro- bzw. Atelierräume. 1908 sollte die Ferd. Theinhardt Schriftgießerei – zu diesem Zeitpunkt mit Sitz in Schöneberg – von der H. Berthold AG übernommen werden. Von 1910 bis in die 1930er-Jahre arbeitete die Theinhardt’sche Firma innerhalb von Bertholds Hauptfabrik im heutigen Mehringhof weiter.

Station 4: Richard-Sorge-Straße 21A

Norddeutsche Schriftgießerei. Foto: Dan Reynolds.

Nur wenige Minuten braucht es, um von der Linienstraße zur neuen U-Bahnlinie U5 zu kommen, mit der wir bis zur Station ‚Weberwiese‘ in Friedrichshain fahren. Alternativ fährt die Tramlinie M6 von Torstraße/Oranienburger Tor nach Landsberger Allee/Petersburger Straße. Sowohl von der U-Bahn- als auch von der Tramhaltestelle ist die Richard-Sorge-Straße 21A schnell zu erreichen. Die letzte Fabrikanlage auf unserem kleinen Schriftspaziergang ist ebenfalls in einem Hinterhof zu finden – durch ein Tor rechts der Richard-Sorge-Straße 22 gelangt man hinein. Heute heißt das ehemalige Fabrikgebäude Ernst-Lemmer-Haus und ist Sitz der Hauptverwaltung des Unionhilfswerks. 1896/7 zunächst als Bonbon-, Marzipan- und Schokoladenfabrik errichtet, zog 1926 die Norddeutsche Schriftgießerei in das inzwischen denkmalgeschützte Ensemble.

Die Norddeutsche Schriftgießerei gehörte ursprünglich Johannes Wagner, Ludwig Wagner Jr. und Willy Jahr – drei Mitglieder einer Leipziger Schriftgießerfamilie. Johannes Wagner gründete zudem ein weiteres Unternehmen namens Jowaco (Johannes Wagner & Co.), eine Holzmanufaktur, die im Friedrichshainer Fabrikgebäude der Norddeutschen Schriftgießerei sowie in Leipzig Holzlettern und Setzereimöbel für Druckereien anfertigte. Unter den zahlreichen Werbeschriften der Norddeutschen Schriftgießerei ist die Reporter, die Carl Winkow Ende der 1930er-Jahre gravierte, sicherlich die bekannteste.

1960 wurde die Norddeutsche Schriftgießerei verstaatlicht wie auch die Leipziger Schriftgießerei der Familie Wagner – die Ludwig Wagner AG. Beide Firmen wurden in den VEB Typoart Dresden eingegliedert. Bis 1982 nutzte Typoart das Gebäude in der Richard-Sorge-Straße 21A als Ostberliner Standort vor allem zur  Matrizenproduktion für Zeilensetz- und Gießmaschinen. Als im August 1961 die Berliner Mauer errichtet werden sollte, wohnten fünf Schriftgießer der H. Berthold AG im Ostteil der Stadt. Die Teilung Berlins machte ihre Weiterbeschäftigung bei Berthold unmöglich und sie fanden in der ehemaligen Norddeutschen Schriftgießerei Lohn und Arbeit. Johannes Wagner blieb indes auch weiterhin Schriftgießereibesitzer, denn bereits 1954 hatte er Teile seines Betriebs nach Westberlin und zwei Jahre später nach Ingolstadt verlegt. In seinem Sterbejahr 1965 siedelte die Schriftgießerei vollständig nach Ingolstadt um. Nachdem die H. Berthold AG 1978 ihre Bleisatzproduktion eingestellt hatte, gingen die Matern ihrer Schriften nach Ingolstadt. Der ‚Lettern-Service Ingolstadt‘ blieb bis 2002 weiter im Geschäft.

Und auch unser kleiner virtueller Spaziergang ist nun bereits an seinem Ende angelangt – haben Sie vielen Dank für Ihr Interesse und die angenehme Begleitung!

 

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