Junge Menschen treffen alte Bücher – Die Stabi als alternativer Schulort

Am 20. Juni 2022 besuchten 21 Sechstklässler*innen der Freien Waldorfschule Kreuzberg das Haus der Staatsbibliothek Berlin Unter den Linden. Sie nutzten die Schulführung sowie eine Präsentation, um nicht nur die Bibliothek, sondern auch die Arbeit mit mittelalterlichen Handschriften einmal hautnah und am „lebenden Objekt“ kennen zu lernen.

Titel der Powerpoint-Präsentation zur Schülerführung. – Foto: Jürgen Geiß-Wunderlich

„Warum sprüht denn die Fontäne nicht?“

Ein erstes Hallo schon am Treffpunkt im Brunnenhof der Bibliothek. „Warum sprüht denn die Fontäne nicht?“ Hmmm – diese so ganz unbibliothekarische Frage kann ich auch nicht befriedigend beantworten. Stattdessen lenke ich den Blick auf die wechselvolle Geschichte des Hauses zwischen preußischem Glanz und Niedergang. Sehr beeindruckt zeigen sich die 12-13jährigen Bibliotheksbesucher*innen von der burg- oder klosterähnlichen Architektur und den gewaltigen Dimensionen des Gebäudes. Der logistische und finanzielle Aufwand, der in den letzten Jahrzehnten betrieben werden musste, um das monumentale Gebäude der Kaiserzeit fit für das 21. Jahrhundert zu machen, wird allen sehr schnell einsichtig. Spontan äußert mehr als die Hälfte der Klasse den Wunsch, den Bau selbst bei einem kurzen Rundgang zu erleben. Da ich darauf nicht vorbereitet bin, beginne ich im Stillen die Möglichkeiten auszuloten, die interessierten Schüler*innen durch die Eingangshalle in den Hauptlesesaal und wieder zurück zu schleusen. Alle zusammen? Oder doch eher in Kleingruppen? Während ich noch sinniere, geht es unterdessen hoch in den Fontane-Saal. Ein Schüler im selbstfahrenden Rollstuhl wird von einem der Pförtner sehr zuvorkommend im Aufzug nach oben begleitet. Im Saal selbst wartet auf die Schüler*innen und ihre drei erwachsenen Begleitpersonen dann eine vorbereitete Handschriftenpräsentation zum Thema „Lesen und Schreiben im Mittelalter“. Die eigentlichen „Hingucker“ sind dabei fünf originale Handschriften, die auf einem Beistelltisch in respektvollem Abstand zu den jungen Gästen nebeneinander aufgereiht liegen und auf Erläuterung warten.

Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz, Fragm. 139. Kommentar zum Lukas-Evangelium mit insularer D-Initiale (Bodenseeraum, um 800). – Foto: Jürgen Geiß-Wunderlich.

Eine Schafherde für eine Handschrift

Die älteste dieser Handschriften (Fragm. 139) entstand vor gut 1.200 Jahren im Bodenseeraum. Der Schreiber dieses Fragments gehörte zu den Nachfahren jener Wandermönche, die im 7. und 8. Jahrhundert von Irland, England und Schottland aus das Festland christlich missionierten. Bei diesem Vorhaben spielten Bücher eine zentrale Rolle. Am Klosterplan von Sankt Gallen sowie an zwei Schreiberbildern des 7. und 9. Jahrhunderts erfuhren die Schulkinder Einiges zu den Grundlagen mittelalterlicher Schriftkultur. Geradezu betroffen waren sie, als sie erfuhren, dass für die Pergamentherstellung einer einzigen Handschrift nicht selten eine ganze Herde von Schafen oder Kälbern ihr Leben lassen musste.

Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz, Ms. lat. fol. 322. Sammelhandschrift aus der Kartause Erfurt (Erfurt, 1393). – Foto: Jürgen Geiß-Wunderlich.

Wie sichert man wertvolle Bücher?

Immer wieder erstaunlich ist für mich die Tiefe der Fragen, denen sich die Schüler*innen während des weiteren Vortrags stellen. Sehr interessiert zeigen sie sich z. B. am damaligen Alphabetisierungsgrad der mittelalterlichen Bevölkerung. Die jungen Leute lassen sich aber auch vom Phänomen des Schreibens als Kulturtechnik für die Weitergabe von Wissen und vom Zusammenleben klösterlicher Gemeinschaften ansprechen. „Sie haben von weiblichen Nonnen gesprochen. Gab es auch männliche Nonnen?“ ;-). Ein Band mit einer erhaltenen Kette aus dem Erfurter Kartäuserkloster gibt Gelegenheit, die typische Aufbewahrung spätmittelalterlicher Bücher auf schräg gestellten Lesepulten zu illustrieren. Im gemeinsamen Gespräch ergibt sich schnell die Erkenntnis, dass man so ein angekettetes Buch zwar nicht mehr so einfach wegtragen konnte, dass es für die spätere Benutzung der Bücher allerdings auch nicht unbedingt förderlich war. Stellt man heute ein solches Kettenbücher in ein Regal, werden die nebenstehenden Bücher zerkratzt oder gar beschädigt. Assoziationen an die Diebstahlsicherungen von Fahrrädern und Elektrorollern und an die mühsame Suche nach geeigneten Abstellmöglichkeiten für diese werden gesponnen. Zu guter Letzt schließen sich Überlegungen zum Wert von Büchern für die Menschen des Mittelalters an. Dass damals manche Bücher eine Haushälfte oder den Jahreslohn eines Handwerkers wert waren, muss man sich erst einmal klar machen. Wer würde heute so viel Geld für ein einziges Buch ausgeben?

Drachen und Panzerreiter – Zur Geburt der Kreuzzüge in Spanien

Manchmal vermitteln mittelalterlicher Handschriften auch so etwas wie eine historische Bohrprobe in eine fremd gewordene Kultur. So etwas können die Schülerinnen und Schüler an der spektakulären Federzeichnung eines neunköpfigen Drachen in einem Fragment des frühen 13. Jahrhunderts studieren. Der Zusammenstoß der islamischen mit der christlichen Welt im mittelalterlichen Spanien wird so auch sinnlich erlebbar. Für den Schreiber der Handschrift stand jeder der neun Köpfe des Drachen für einen der militärischen Führer der Araber, die es zu bekämpfen galt. Der Drache selbst wurde als prophetisches Zeichen des nahen Weltuntergangs verstanden. Nach dieser „Apokalypse“ würde Christus wieder in die Welt kommen, um diese endgültig vom Bösen zu befreien. Vorab sollten die gepanzerten Reiterkrieger (die Ritter) in seinem Sinne für ihn gegen den „Antichrist“ (den Teufel) kämpfen. Von hier aus wird auch verständlich, weswegen die Ideologie der Kreuzzüge gerade hier – in Spanien und in Südwestfrankreich – ab dem späten 11. Jahrhundert auf einen so fruchtbaren Boden fiel.

Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz, Ms. lat. fol. 341. Der neunköpfige Drache der Apokalypse (Nordspanien, Anf. 13. Jh.). – Foto: Jürgen Geiß-Wunderlich.

Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz, Fragm. 44. Nibelungenlied (Bayern oder Österreich, um 1230). – Foto: Jürgen Geiß-Wunderlich.

Heldengeschichten damals und heute – Vom ‚Nibelungenlied‘ bis zu ‚Game of Thrones‘

Jenseits jeder „Ritterromantik“ bedeutete eine Realität der mittelalterlichen Gesellschaft in Europa häufig eines: Krieg! In der Realität grausamen und verlustreichen Schlachten aus der Völkerwanderungszeit sind dabei oft in Literatur und Dichtung umgedeutet und zu Heldentaten verherrlicht worden. Ein gutes Beispiel hierfür ist das ‚Nibelungenlied‚ – eine der berühmtesten deutschen Dichtungen des Mittelalters überhaupt. Das Epos mit Tausenden von Strophen ist um 1200 wahrscheinlich am Hofe des Bischofs Wolfger von Passau entstanden. Der Kirchenmann war eine schillernden Persönlichkeit seiner Zeit. Er war nicht nur verheiratet, sondern nahm auch am Kreuzzug teil. Dort wusste er sowohl den Bischofsstab als auch das Schwert sicher zu benutzen. Die Berliner Staatsbibliothek besitzt ein Fragment dieses Textes, das nur etwa 30 Jahre nach seiner Entstehung geschrieben wurde. Die Handschrift ist damit einer der ältesten erhaltenden Textzeugen des ‚Nibelungenlieds‘ überhaupt. Über ein Youtube-Video, in dem ein Sänger die ersten beiden Strophen im mittelalterlichen Deutsch zur Harfe vorträgt, können die Schüler*innen einen Eindruck von der performance mittelhochdeutscher Dichtung gewinnen. Uns ist in alten maeren / wunders vil geseit / Von helden lobebaeren, von großer arebeit … Hierbei sind Versmaß, Reim, Melodie, typische Sprachformeln und die geschichtliche Umdeutung einer katastrophalen Niederlage in ein höfisches Heldenepos eine ganz eigene Verbindung eingegangen. Sie hat die Menschen des Mittelalters ebenso fasziniert hat wie die kulturelle Bewegung der Romantik im frühen 19. Jahrhundert, die wiederum unsere Faszination für dunkel-mittelalterliche Heldenepen à la „Game of Thrones“ bis heute bestimmt.

Ein Gebetbuch für Frauenhände

Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz, Ms. germ oct. 48. Christus begegnet Maria Magdalena in Ordenstracht (Medingen, um 1515). – Foto: Jürgen Geiß-Wunderlich.

Den Abschluss der Präsentation bildet ein kleines Gebetbuch, das im Zisterzienserinnenkloster Medingen in der Lüneburger Heide geschrieben wurde. Es stammt aus dem frühen 16. Jahrhundert, ist also kurz vor der Reformation durch Martin Luther (1517) entstanden. Die Gebetstexte sind in der niederdeutschen Schreibsprache der Zeit geschrieben. Ans Herz gehend sind die vielen Zeichnungen aus der österlichen Festzeit mit ihren Blattgoldminiaturen in einem scheinbar naiv wirkenden Stil. Die Texte und Zeichnungen drücken die Freude der Nonnen über die Auferstehung Jesu sehr unmittelbar aus. Das Buch wurde von den Klosterschwestern zum stillen Gebet während der lateinischen Messfeier verwendet. Es ist ausgesprochen winzig, musste es doch in noch so kleine Frauenhände passen. Einige besonders interessierte Schüler*innen können nur einen kurzen Blick in dieses kleine Schmuckstück erhaschen, weil sie nach der Präsentation mit speziellen Fragen an den Tisch treten.

Unerwartete Highlights im Lesesaal

Zu einem unerwarteten Highlight sollte schließlich der Besuch des inneren Bibliotheksbereichs mit dem Hauptlesesaal im Zentrum werden. Nicht nur die Lehrer*innen wollen das Gebäude sehen, sondern auch die Kinder – und zwar ausnahmslos alle. Aufgeteilt in drei Kleingruppen erkunden die jungen Besucher*innen die Freitreppe und nehmen vor allem die Buchsicherungsanlage im Eingangsbereich technisch fachkundig, aber auch respektvoll in Augenschein. Nicht nur alte Bücher müssen geschützt werden! Im Lesesaal ist es zunächst die lichte Höhe des rechtwinkligen Daches, die Erstaunen hervorruft. Doch auch die katakombenartigen Freihandbereiche mit den angeschlossenen Carrels können durchaus begeistern. Ein Leseplatz für Blinde wird von einem Jungen fachmännisch anhand des Braille-Eingabegeräts identifiziert. Bei einem Mädchen ist die Ehrfurcht vor dem Buch nach der Handschriftenpräsentation offenbar so sehr gewachsen, dass es schüchtern anfragt, ob es einen der schlichten blauen Bibliotheksbände vorsichtig berühren dürfe. Es darf natürlich – äußert aber gleichzeitig seine Bewunderung dafür, dass alle Buchrücken dieser Reihe exakt gleich gestaltet seien.

Die Fontäne sprüht wieder! – Foto: Leonie Hafner.

„Wenn Menschen so viel Aufwand mit Büchern treiben, muss schon etwas Besonderes daran sein!“

Nach einer dreiviertel Stunde hat auch die letzte Gruppe ihre Runden gedreht. Darüber hinaus ist die Fontäne im Brunnenhof wieder angesprungen. Alles gut soweit! Auch sonst ist die Freude über den gelungenen Besuch allenthalben deutlich zu spüren. Augenscheinlich haben die jungen Menschen durch den Besuch viel Denkstoff mitnehmen können. Mir ging es durch die klugen Fragen der Schüler*innen ebenso. Überraschend für mich war vor allem, wie sehr sich die Schüler*innen und Schüler vom Medium Buch als Träger von Kultur ansprechen ließen. „Wenn Menschen so viel Aufwand mit Büchern treiben, muss schon etwas Besonderes daran sein!“ Nach einem Fazit wie diesem bleibt die Zuversicht, dass auch die junge „Generation Smartphone“ die mediale Zukunft meistern wird, in der Buch, (bewegtes) Bild und Internet als Medien mit ihren je eigenen Stärken und Schwächen gleichberechtigt nebeneinander stehen dürfen.

 

 

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