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Visuelle Systeme – interdisziplinäre Perspektiven auf Schrift und Typografie

Im Gefolge des Material Turn der Geistes- und Kulturwissenschaften haben Forschungen zur materialen Dinglichkeit von Objekten gegenwärtig Hochkonjunktur. Während die 2014 von der Staatsbibliothek zu Berlin mitbegründete Vortragsreihe Die Materialität von Schriftlichkeit – Bibliothek und Forschung im Dialog diesen Impuls in der Absicht aufnimmt, vor allem die Möglichkeiten literaturwissenschaftlicher Forschung durch die Beschäftigung mit den materialen und medialen Grundlagen von Texten zu erweitern, soll mit einer neu an ihre Seite tretenden Veranstaltungsserie der Blick stärker auf die visuelle Dimension schrifttragender Artefakte gelenkt werden.

Gemeinsam mit der Kunstbibliothek der Staatlichen Museen zu Berlin sowie Angehörigen der so dynamischen Berliner Gestaltungsszene möchten wir Sie daher herzlich einladen, unter dem programmatischen Obertitel der neuen Vortragsreihe Visuelle Systeme interdisziplinäre Perspektiven auf die unterschiedlichsten Erscheinungsformen von Schrift zwischen Typografie und Lettering einzunehmen.

Eröffnet wird diese Kooperation zwischen Staatsbibliothek und Staatlichen Museen zu Berlin unter unserem gemeinsamen Dach der Stiftung Preußischer Kulturbesitz gebührenderweise von dem international renommierten Grafikdesigner und Plakatkünstler Bernard Stein, dessen Werk nicht nur in zahlreichen Sammlungen weltweit – u.a. im New Yorker Museum of Modern Art – vertreten ist, sondern auch just im Rahmen einer Einzelausstellung der Kunstbibliothek gewürdigt wurde.

Freuen Sie sich auf so vielfältige Visuelle Systeme wie etwa Ferdinand Kriwets Seh-Texte oder die spektakulären Schriftentwürfe Georg Saldens, die wir gemeinsam mit Ihnen in den Blick nehmen wollen. Bis bald also – wir sehen uns doch?!

Kirchenslawische Typographie als Kunst und Waffe

Der elfte Vortrag in der von der Staatsbibliothek zu Berlin gemeinsam mit Forschenden der Berliner und Potsdamer Universitäten organisierten Veranstaltungsreihe Die Materialität von Schriftlichkeit war zugleich eine Premiere. Denn erstmals wurde im Rahmen dieses Dialogs zwischen Bibliothek und Forschung – so der programmatische Untertitel der Vortragsserie – ein Themenfeld jenseits des okzidentalen Kulturkreises betreten. Konkret interpretierte Vladimir Neumann, Fachreferent für Slawistik in der Osteuropa-Abteilung unseres Hauses, am Beispiel ausgewählter ostslawischer Drucke des 15. bis 17. Jahrhunderts die kirchenslawische Typographie der Vormoderne als Kunst und Waffe.

Der Vortrag behandelte kulturhistorische, sprachliche und drucktechnische Aspekte der ostslawischen Schriftlichkeit. Vielfalt und Traditionen der frühen ostslawischen Druckgeschichte wurden anhand der zentralen Akteure dargestellt – beginnend mit Francysk Skoryna, der in Prag und Wilna Kirchenbücher ins Slawische übersetzte und verlegte, sowie den Moskauer Erstdruckern Ivan Fedorov und Petr Mstislavec, die nach ihrer Vertreibung ihre Tätigkeit in Polen-Litauen fortsetzten. Weitere Stationen in dem so entfalteten Panorama waren die Kiewer Druckgeschichte unter Petro Mohyla (1596 – 1647), der Moskauer Druckerhof, der im Russland des 17. Jahrhunderts eine Monopolstellung beim Druck von Kirchenbüchern besaß, sowie das Schisma der russischen Kirche, aus dem die Altritualisten (Altorthodoxen) hervorgingen. Dabei stand stets die Materialität der kirchenslawischen Drucke, die von der Staatsbibliothek zu Berlin in einmaliger Fülle über Jahrhunderte hinweg gesammelt wurden, im Fokus. Im Anschluss an den Vortrag hatte das Publikum die Möglichkeit, einen genaueren Einblick in einige besonders rare Druckzeugnisse – entnommen aus dem etwa 300 Bände umfassenden Bestand der Staatsbibliothek zu Berlin an vormodernen Kirchenslavica – zu nehmen.

 

Text: Vladimir Neumann (Osteuropa-Abteilung) und
Christian Mathieu (Wissenschaftliche Dienste)