Der Raum in Bewegung: Nutzung und Wandel im Stabi Lab

In den letzten Monaten hat die Staatsbibliothek zu Berlin Änderungen an ihren Räumlichkeiten mitgeteilt, z.B. die Wiedereröffnung der Lesesäle Wien und Venedig mit überarbeiteten Nutzungskonzepten sowie die Einführung neuer „StabiBox“-Arbeitsplätze. Diese Maßnahmen verweisen auf eine breitere institutionelle Auseinandersetzung mit der Frage, wie bibliothekarische Räume unterschiedlichen Arbeitsweisen und Forschungsbedürfnissen gerecht werden können.

Vor diesem Hintergrund lässt sich auch das Stabi Lab verorten. Im Rahmen des von dem Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien geförderten Projekt „Die Staatsbibliothek als Mitmach-Raum. Explorative Erforschung und Konzeptualisierung neuer Partizipationsangebote und Raumnutzungsszenarien am Beispiel des Stabi Lab“ werden Fragen der Partizipation, des Zugangs und des Engagements explizit mit der räumlichen Gestaltung verknüpft. Das Lab bietet somit einen konkreten Rahmen, in dem sich die veränderten Erwartungen an Bibliotheken als Orte des Austauschs und der Zusammenarbeit, statt nur als Orte der Literaturversorgung und Wissensvermittlung, manifestieren. [1] Räume wie das Lab ermöglichen Institutionen zu beobachten, wie Nutzer:innen mit Sammlungen, Technologien und miteinander interagieren, und über die räumlichen Anforderungen nachzudenken, die sich aus diesen Praktiken ergeben. So werden oft Labs in Diskussionen über DH-Räume in akademischen Bibliotheken als experimentelle Umgebungen dargestellt, die etablierte Infrastrukturen ergänzen. [2]. Das Stabi Lab entspricht diesem Verständnis, da es neben beispielsweise klare definierten Lesesälen der Staatsbibliothek einen flexiblen Raum für gemeinschaftliches Arbeiten bietet.

Ein Begegnungsort

Das Stabi Lab nimmt innerhalb der Raumlandschaft der Staatsbibliothek eine besondere Position ein. Seine räumliche Gestaltung im Raum Oxford spiegelt eine Art Zwischenstatus wider, mit seinem flexiblen Möblierungskonzept und einer gewissen Offenheit für Umgestaltungen je nach Format. Anstatt eine singuläre, feste räumliche Identität anzustreben, hat sich das Stabi Lab zu einem Raum entwickelt, der verschiedene Nutzungsszenarien, Nutzerprofilen und Formen der Auseinandersetzung mit den Daten der Bibliothek miteinander verknüpft.

Im Vergleich zu traditionelleren Lesesälen beispielsweise ist das Stabi Lab weniger durch langfristige Nutzung oder feste Nutzungsregeln definiert. Der Raum Oxford ist nicht dauerhaft einer einzigen Art von Aktivitäten zugeordnet; er wird durch Workshops, Austauschtreffen, Seminare und experimentelle Formate immer neu interpretiert. Tische werden verschoben, technische Einrichtungen angepasst und die Funktion des Raumes verändert sich je nach den anwesenden Personen und der ausgeführten Arbeit.

Dieses Vorgehen knüpft an theoretische Überlegungen zu Labs als „Third Spaces“ an. Solche Räume adressieren bewusst Nutzer:innen, „die nicht in konventionelle binäre Beschreibungen passen, wie sie beispielsweise in den Beschäftigungskategorien „akademisch“ oder „nicht-akademisch“ verankert sind“, und ermöglichen Formen der Zusammenarbeit, in denen „Wissenschaftliche und fachliche Mitarbeiter [unter anderem] arbeiten zusammen, indem sie die organisatorischen Grenzen ihrer Rollen und Identitäten überschreiten und überwinden.“ [2] Diese Flexibilität spiegelt die Rolle des Labors als Raum für Vermittlung und Austausch wider.

Der Raum als Schnittstelle

So prägt diese räumliche Logik auch die Art und Weise, wie physische und digitale Ressourcen im Lab miteinander in Beziehung stehen. In verschiedenen Formaten dient der Raum als Ort, an dem Originalmaterialien, digitalisierte Replicas und digitale Werkzeuge durch Praxis miteinander verbunden werden. Bei einigen Seminaren befassten sich beispielsweise die Teilnehmer mit ausgewählten Originalen und arbeiteten anschließend mit deren digitalen Reproduktionen weiter, z.B. als Transkriptionswerkstatt.

Die räumliche Gestaltung des Labs unterstützt dabei vor allem Interaktion mit Materialien und untereinander: Tische für Gruppenarbeit, ein Smartboard, das Bildschirmfreigabe und gemeinsame Live-Beiträge ermöglicht, sowie eine Umgebung, in der Gespräche möglich sind. Der Raum unterstützt damit kollaborative Arbeitsweisen mit Sammlungen, bei denen es weniger um individuellen Zugang geht als in traditionelleren Formen der Forschungsarbeit.

Dies wird auch besonders deutlich, wenn das Stabi Lab kollaborative Formate wie Workshops oder Seminare mit externen Partnern veranstaltet. Ein Beispiel ist der bevorstehende Editathon „Koloniale Spuren an der Spree”, der gemeinsam mit dem Geheimen Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz organisiert wird. Das Format kombiniert Auftakt- und Abschlussveranstaltungen vor Ort im Archiv, wo die Dokumente aufbewahrt werden, mit Workshopsphasen im Stabi Lab. Die Teilnehmenden bewegen sich zwischen Archivkontext und Laborumgebung, die eher dann für Diskussion und gemeinsame Datenarbeit benutzt wird. In solchen Formaten bietet das Stabi Lab Bedingungen, die sich von traditionellen Lesesälen unterscheiden. Es unterstützt die Zusammenarbeit in einem Raum, den Austausch von Zwischenergebnissen und die gemeinsame Diskussion von Quellen. Anstatt die Arbeit im Archiv, Lesesaal oder in der Universität zu ersetzen, ergänzt das Labor diese um einen Ort, der für den Austausch und die gemeinsame Interpretation konzipiert ist.

Ein partizipativer Prozess

Die Offenheit des Stabi Labs zeigt sich auch in der Entstehung seiner räumlichen Gestaltung. Der aktuelle Oxford Raum ist das Ergebnis eines partizipativen Entwicklungsprozesses. In Zusammenarbeit zwischen Mitarbeitenden des Stabi Labs und der Stabi sowie Design- und Architekturstudierenden der Hochschule Coburg wurden Konzepte für Möblierung und Ausstattung erarbeitet, die ausdrücklich als „Work in progress“ verstanden wurden. Ziel war es, Entwürfe zu schaffen, „die im Gespräch mit Bibliotheksnutzenden und -mitarbeitenden weiterentwickelt und deren Praxistauglichkeit in partizipativen Testphasen erprobt werden muss“. [3]

Raumgestaltung wird hier als iterativer Prozess verstanden, der Nutzungserfahrungen aufnimmt und auf unterschiedliche Bedürfnisse reagiert. Damit versteht sich das Stabi Lab auch als Raum und „Third Place“ innerhalb der Bibliothek, wo die partizipative Gestaltung nicht nur funktionale Flexibilität unterstützt, sondern in dem unterschiedliche Arbeitsweisen, Rollen und Zugänge temporär zusammenkommen können.

 

Das Stabi Lab zeigt damit, wie Raumgestaltung als offener Prozess verstanden werden kann. Während die Staatsbibliothek ihre Räume und Services weiterentwickelt, bietet das Lab eine Perspektive, die den Fokus von eher festen Raumkategorien auf Praxis und Interaktion verschiebt. Raum erscheint hier als etwas, das sich durch Nutzung kontinuierlich formt.


[1] Eichenberger, Nicole. „Die Staatsbibliothek als Mitmach-Raum – ein neues Projekt zur explorativen Erforschung hybrider Kulturdatenlabore“. (https://blog.sbb.berlin/die-staatsbibliothek-als-mitmach-raum/)

[2] Müller-Laackman, Jonas, Rosenberger, Sonja, Siqueira, Diego and Woitkowitz, John. „DH Spaces: Freie Schaffensräume als multifunktionale Orte an Bibliotheken“ ABI Technik, vol. 45, no. 3, 2025, pp. 228-238. https://doi.org/10.1515/abitech-2025-0039

[3] Eichenberger, Nicole. „(Ra)umgestaltung: Modulare Möblierung und Dialoglandschaften für die Stabi Unter den Linden“. (https://blog.sbb.berlin/raumgestaltung/)

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