Ausstellung vom 16. September bis 22. Oktober 2005: Diplomat und Forscher im Osmanischen Reich – Johann Gottfried Wetzstein

Johann Gottfried Wetzstein wurde am 19. Februar 1815 in Ölsnitz im Vogtland geboren. Er studierte in Leipzig zunächst Theologie. Bald jedoch wechselte er zum Studium der orientalischen Sprachen. Dieses beschloss er 1840 mit der Promotion bei Heinrich L. Fleischer in Leipzig. Anschließend erhielt er von Bernhard III. Herzog von Sachsen-Meiningen ein Stipendium, um ein Jahr in Oxford zu studieren. Als er sich 1846 in Berlin an der Friedrich-Wilhelms-Universität habilitierte, hatte er neben Englisch und Französisch Hebräisch, Aramäisch, Arabisch, Persisch und Türkisch gelernt und hielt Vorlesungen über orientalische Literatur.
In dieser Zeit heiratete er Henriette Geigenmüller, eine nicht unvermögende junge Frau, die bereits zwei Jahre später, 1848, wie auch der kleine Sohn, verstarb. In der großen Trauer darüber und in dem Wunsch Syrien, das ihm durch seine langjährigen orientalistischen Studien zur geistigen Heimat geworden war, kennen zu lernen, bewarb er sich um den Posten des preußischen Konsuls in Damaskus.
Wetzstein nahm seine Amtsgeschäfte in Damaskus im Januar 1849 auf. Er hatte den Status eines unbesoldeten Konsuls akzeptiert und sozusagen sein gesamtes Vermögen, auch das von seiner Frau geerbte, als Grundlage für seinen Aufenthalt im Orient vorgesehen.
In Damaskus stellte Wetzstein alsbald fest, dass das Leben dort teurer als erwartet war: Ein Konsul musste, um allgemein und besonders bei den Regierungsstellen anerkannt zu werden, über ein repräsentatives Haus verfügen, in dem er etliches Personal zu beschäftigen hatte. Außerdem benötigte ein Konsul neben dem Schreiber mindestens einen Dolmetscher sowie einen Kanzleivorsteher.
So hatte Wetzstein bereits Anfang 1852 fast sein gesamtes Vermögen aufgebraucht und bemühte sich nun um die Besoldung seiner Stellung, was ihm jedoch verwehrt wurde. Lediglich amtliche Auslagen wurden erstattet.
Nachdem er 1853 in zweiter Ehe Ernestine Rudolf geheiratet hatte, erwarb er 1855 auf den Namen seiner Frau Anteile an Sekka und Ghassula, zwei verfallenen Dörfern unweit von Damaskus, um mit den Erträgen aus deren landwirtschaftlicher Nutzung zu seinem Lebensunterhalt beitragen zu können. Neben den üblichen Produkten — wie Baumwolle und Gemüse — spezialisierte er sich auf Seidenanbau. Das Unternehmen ließ sich gut an; allerdings gerieten die Dörfer bald durch Forderungen osmanischer Beamter in Bedrängnis und wurden von Beduineneinfällen heimgesucht. Schließlich führten blutige Unruhen in der Provinz Syrien im Sommer 1860 zu einer schlimmen Verwüstung der Dörfer.
Die osmanische Regierung hatte am Ende des Krimkrieges (1853—56) auf Druck der Sieger-mächte Reformen des Staatswesens beschlossen, die im Wesentlichen eine Angleichung an westliche Rechtsnormen bringen sollten. Darin ist ein Grund für die Unruhen und das Christenmassaker im Sommer 1860 zu sehen, dem Tausende Christen vor allem in Damaskus zum Opfer fielen. Wetzstein, der in Damaskus beliebt und als Konsul sehr geachtet war, öffnete das Konsulat für alle Verfolgten und versorgte sie über viele Tage. Das brachte ihm einen legendären Ruf ein. Dennoch veranlasste diese ganze Situation Wetzstein endgültig nach Berlin zurückzukehren.
Während seiner konsularischen Tätigkeit hatte Wetzstein teils privat, teils im Auftrag der preußischen Regierung das Land bereist und durch akribische Aufzeichnungen weiße Flecken auf der Landkarte füllen können. Er hatte das Land, die verschiedenen Stämme und ihre Kulturen kennen und vor allem ihre Sprache, bzw. Dialekte sprechen gelernt. Er verfasste zahlreiche Berichte und wissenschaftliche Abhandlungen und zeichnete als Erster das syrische Arabisch auf. Seine Ausarbeitungen erregten Aufsehen: Er erhielt den Albrechtsorden, den höchsten sächsischen Orden für Wissenschaft und Kunst, wurde in die Akademien der Wissenschaften von Göttingen und Berlin aufgenommen. Etliche Arbeiten waren bald ins Englische und Französische übersetzt. Von 1867—75 lehrte er wieder in Berlin an der Friedrich-Wilhelms-Universität sowie an der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums. Im Auswärtigen Amt und damit in der Regierung Bismarck betätigte er sich nicht nur als Dolmetscher, sondern beriet diese auch in speziellen Fragen den Orient betreffend.
Auf Grund seiner hervorragenden Sprach- und Literaturkenntnisse hatte Wetzstein von Anfang an in Syrien Handschriften gesammelt, die heute zum Bestand der Universitäten Tübingen und Leipzig sowie der Staatsbibliothek zu Berlin — Preußischer Kulturbesitz gehören. Allein die Staatsbibliothek zu Berlin bewahrt weit über 2.000 Handschriften. Diese Sammlung Wetzstein trug wesentlich dazu bei, dass Berlin zu einem internationalen Zentrum für arabische Manuskripte wurde. Eine umfangreiche Korrespondenz, die er mit bekannten Wissenschaftlern — darunter Paul Ascherson, Friedrich Delitzsch, Alexander von Humboldt, Gustav Nachtigal, Carl Ritter — führte, zeugt von dem ungewöhnlich erfüllten privaten und wissenschaftlichen Leben Wetzsteins.
Die Rückschau auf diesen großen Orientalisten, dessen 100. Todesjahr Anlass zu dieser Ausstellung ist, verdeutlicht sein überragendes Wissen und die seltene Perfektion in den Dialekten Syriens sowie dem Hocharabischen und verweist mit den hinterlassenen Dokumenten auf reichhaltiges Forschungsmaterial. Wetzstein starb hoch geehrt am 5. Januar 1905 in Berlin.
Foyer vor dem Lesesaal der Orientabteilung
Haus Potsdamer Straße
Öffnungszeiten
Montag bis Freitag 9 – 21 Uhr,
Samstag 9 – 19 Uhr,
sonn- und feiertags geschlossen.
Eintritt frei

Zur Gedenkveranstaltung aus Anlass des 100. Todestages
am Donnerstag, dem 15. September 2005, um 19 Uhr im Ausstellungsraum der Staatsbibliothek zu Berlin, Haus Potsdamer Straße laden wir Sie und Ihre Freunde herzlich ein.
Begrüßung
Barbara Schneider-Kempf
Generaldirektorin
Der Diplomat
Dr. Ingeborg Huhn
Der Forscher
Prof. Dr. Holger Preißler
Eine kleine Ausstellung gibt Einblick in Leben und Werk Johann Gottfried Wetzsteins
Eröffnung: 15. September 2005, 19 Uhr
16. September – 22. Oktober 2005
Foyer vor dem Lesesaal der Orientabteilung
Haus Potsdamer Straße
Montag bis Freitag 9 – 21 Uhr,
Samstag 9 – 19 Uhr,
sonn- und feiertags geschlossen.
Eintritt frei

0 Kommentare

Ihr Kommentar

An Diskussion beteiligen?
Hinterlassen Sie uns einen Kommentar!

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.