• BLOG-NETZWERK FÜR FORSCHUNG UND KULTUR
SBB aktuell
  • FOYER
  • SERVICE
  • IT-INNOVATION
  • WISSEN
  • FEUILLETON
  • Menü Menü

Erziehungsprogramm für Familie Luther – eine Idee des Reformationsjubiläums 1817

27.01.2017/0 Kommentare/in Bibel-Thesen-Propaganda, Foyer, SBB-Startseite/von Michaela Scheibe

Friedrich Schleiermachers eigenhändiger Fundraising-Aufruf in der Ausstellung „Bibel – Thesen – Propaganda“.

Autograph Friedrich Schleiermachers, Druckmanuskript, 1818. Handschriftenabteilung. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Ein Beitrag von Christiane Caemmerer.

Porträts von Vertretern der Familie Luther, Kupferstich von Friedrich Roßmäßler, um 1810. Handschriftenabteilung. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Bei der Planung der Reformationsfeierlichkeiten des Jahres 1817 war deutlich geworden, dass die männlichen Nachfahren der Familie Martin Luthers – die Nachkommen seiner Brüder, da die direkte Linie ausgestorben war – in höchst einfachen Verhältnissen lebten.

Rudolf Zacharias Becker, Porträt von Friedrich Wilhelm Bollinger, um 1820. Handschriftenabteilung. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Der Aufklärer, Philanthrop und Verleger des Allgemeinen Anzeigers der Deutschen Rudolf Zacharias Becker entschloss sich spontan, eine Stiftung für diese männlichen Nachfahren zu gründen: die „Lutherische Jubelstiftung“. Durch diese Stiftung konnten die beiden Söhne des Viehhirten Nikolaus Luther aus Möhra, dem Herkunftsort der Familie, Johann Georg und Johann Ernst Luther von dem Pädagogen Friedrich Fröbel in seine gerade gegründete Erziehungsanstalt in Keilhau aufgenommen werden. Und das mit Erfolg: Georg Luther absolvierte anschließend ein Theologiestudium und Ernst Luther lernte das Maurerhandwerk. Eine gründliche Suche förderte zahlreiche weitere Nachfahren Luthers zu tage. Ähnliche Stiftungen wurden initiiert, die dann auch die Nachkommen in weiblicher Linie berücksichtigten.

Der große Berliner Philosoph und Theologe Friedrich Schleiermacher griff Beckers Idee auf und entwickelte in den Kieler Blättern für 1819 den Plan einer deutschlandweiten Stiftung für die Nachfahren Luthers, die in jeder deutschen Provinz eine Niederlassung haben sollte. Offenkundig war Schleiermacher zunächst von Becker um Unterstützung gebeten worden, hatte dessen Initiative aber als zu klein gedacht empfunden.

Bereits im November 1818 erläuterte Schleiermacher in einem Brief an den Grafen Dohna ausführlich die Idee eines großangelegten Unternehmens, um „die ganze Familie von Luthers Brüdern aus dem niederen Tagelöhnerstande, in dem sie größtentheils existiren, in den mittleren Bürgerstand durch eine zweckmäßige Erziehung und Fürsorge zu erheben, indem von diesem Stande aus es jedem Individuum leicht wird, wenn es besonders begabt ist, eine öffentliche Laufbahn einzuschlagen und sich eine geschichtliche Bedeutung zu verschaffen.“ Schleiermacher rechnete von den acht zu diesem Zeitpunkt bekannten Nachfahren hoch und bezog deren potentielle Kinder gleich für kommende Stipendien mit ein. Ausgehend von 3.000 Talern jährlich, fragt er bei Dohna an, ob dieser sich in der Lage fühle, den Part des „Fundraisers“ für Preußen zu übernehmen, damit diese Summe „durch Subscription“ aufgebracht werden könne.

Dieses Ansinnen richtete Schleiermacher bereits zuvor an die Oberpräsidenten von Westpreußen und Schlesien, Theodor von Schön und Friedrich Theodor Merckel, sowie an den Breslauer Theologieprofessor Joachim Christian Gaß, mit dem er gut befreundet war, und an weitere Freunde aus dem holsteinischen Raum. Gaß machte er deutlich, dass es vor allem „der Adel und die Kaufmannschaft“ seien, die in finanzieller Hinsicht „natürlich am meisten thun“ müssten.

Schleiermacher plante eine differenzierte Verwaltung für die eingehenden Gelder, denn von den Subskribenten sollten in jeder Region Verwalter des Geldes gewählt werden, sowie ein „Erziehungsrath“, der zunächst die erste Generation betreuen und anschließend diese bei der Erziehung ihrer Kinder unterstützen sollte.

Unterschrift Schleiermachers, Druckmanuskript, 1818. Handschriftenabteilung. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Dem gesellschaftlichen Wiederaufstieg der Familie Luther schien nun nichts mehr im Wege zu stehen. Doch Schleiermachers Konzept war wohl zu groß geraten: Der Aufruf in den Kieler Blättern hatte offenkundig keinen großen Erfolg. Schleiermachers ehrgeiziger Plan wurde nie umgesetzt.

Die Stiftung von Rudolf Zacharias Becker degegen wurde nach dessen Tode von seinem Sohn weitergeführt und bestand bis zur Inflation im Jahre 1925. In diesem Jahr fanden sich die Nachkommen der Familie Luther dann selbst zu einem noch heute existierenden Familienverband zusammen.

Das Autograph Friedrich Schleiermachers ist das Druckmanuskript für seinen Aufruf in den Kieler Blättern. Es stammt aus dem Nachlass seines Nachfolgers an der Berliner Universität, des Theologen August Twesten. In der Ausstellung Bibel – Thesen – Propaganda vom 3.2. bis 2.4.2017 können Sie dieses und viele weitere Objekte zur historischen Rezeption der Reformation – bis hin zu den aktuellen Mosaik-Heften – selbst in der Staatsbibliothek in Augenschein nehmen.

Luther im Kreise seiner Familie (im Hintergrund Melanchthon) von Gustav Spangenberg, Photogravure 1894. Handschriftenabteilung. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Schlagworte: Ausstellung, Autograph, Friedrich Schleiermacher, Jubiläum 1817, Kulturelles Erbe, Martin Luther, Reformation
Eintrag teilen
  • Teilen auf Facebook
  • Teilen auf X
  • Auf WhatsApp teilen
  • Teilen auf Pinterest
  • Teilen auf LinkedIn
  • Teilen auf Tumblr
  • Teilen auf Vk
  • Teilen auf Reddit
  • Per E-Mail teilen
https://blog.sbb.berlin/wp-content/uploads/Schleiermacher001_Ausschnitt.jpg 506 900 Michaela Scheibe https://blog.sbb.berlin/wp-content/uploads/stabi-logo-kante.png Michaela Scheibe2017-01-27 08:00:532026-06-24 10:01:10Erziehungsprogramm für Familie Luther – eine Idee des Reformationsjubiläums 1817
Das könnte Sie auch interessieren
Buchpatenschaft für August 2026
„SchriftSprache. Indonesische Handschriften“
Sing-Akademie-Projekt gestartet
Coding Gender | SBB-PK Public DomainCollage erstellt N. Eichenberger Verzicht auf Namensnennung, Einzelbilder Public Domain http://resolver.staatsbibliothek-berlin.de/SBB0002131A00000000 Hackathon@SBB: Coding Gender – Diversity in historischen Kulturdaten
Brief an Karl Friedrich Rungenhagen (Berlin): 23.01.1846 (Fischer, John (Mannheim)) Die Briefsammlung der Sing-Akademie zu Berlin
SPK/Laura JungerSPK/Laura Junger Ein Blick hinter die Kulissen: Provenienzforschung an der Staatsbibliothek
David Wiesner: Flotsam / Kinder- und Jugendbuch-Abteilung, Foto: SBB-PK 10+1 im Lesesaal, diesmal: Entdecken Sie David Wiesner!
„Angriffslustig, heiter und gleichzeitig melanchonisch“: Kuratorin Dr. Monika Boll spricht über Wolf Biermann
0 Kommentare

Ihr Kommentar

An Diskussion beteiligen?
Hinterlassen Sie uns einen Kommentar!

Schreiben Sie einen Kommentar Antworten abbrechen

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Zur Übersicht:

Zurück zur Übersicht

Search Search

Kommentare:

  • Benutzungskommunikation bei Wissenshunger stillen ohne Krümel | Feed Your Hunger for Knowledge — Without the Crumbs
  • reinhard bei Wissenshunger stillen ohne Krümel | Feed Your Hunger for Knowledge — Without the Crumbs
  • Thomas Parschik bei Ein Bruchpilot im Brunnenhof
  • Benutzungskommunikation bei Fair bleiben – Pausenscheibe nutzen – Plätze teilen | Stay fair – Use the Study Break Disc – Share Your Desks
  • Guido Tamponi bei Fair bleiben – Pausenscheibe nutzen – Plätze teilen | Stay fair – Use the Study Break Disc – Share Your Desks

Schlagwörter

Ausbildung Ausleihe Ausstellung Benutzung Benutzungseinschränkung Bilderbuch Buchpatenschaft CrossAsia Datenbank digitale Lektüretipps Digitalisierung E.T.A. Hoffmann Fachinformation Freunde der Staatsbibliothek Geschichte Hinweis Import Jugendbuch Kinderbuch Kulturelles Erbe Lesesaal Martin Luther Materialität Musik Osteuropa Presse Promovierende Provenienzforschung Recherche Recht Rechtsforschung Rechtswissenschaften Reformation Restaurierung sbb online offen Service Servicezeiten Slawistik Stipendienprogramm Werkstattgespräch Wissenswerkstatt Workshop Zeitschriftendatenbank Zeitungen Öffnungszeiten

Unsere Blogs

  • E. T. A. HOFFMANN PORTAL
  • FEUILLETON
  • FOYER
  • FREUNDE DER BIBLIOTHEK
  • HISTORISCHE DRUCKE
  • INKUNABELN
  • IT-INNOVATION
  • KARTEN
  • MUSIK
  • ORIENT
  • PODCAST
  • PRESSE
  • SERVICE
  • TERMINE
  • WISSEN

Suche über alle Beiträge:

Search Search

Folgen Sie uns auf Instagram

Folgen Sie uns auf Bluesky

Folgen Sie uns auf Mastodon

Besuchen Sie uns auf Youtube

ARCHIV ALLER BLOGBEITRÄGE

Zum Kalender
© Copyright - Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz
  • RSS-Feeds abonnieren
  • Impressum
  • Datenschutzerklärung
  • Erklärung zur Barrierefreiheit
  • Barriere melden
Link to: Einzige Luther-Ausstellung mit allen drei Thesendrucken von 1517 Link to: Einzige Luther-Ausstellung mit allen drei Thesendrucken von 1517 Einzige Luther-Ausstellung mit allen drei Thesendrucken von 1517Logo Bibel, Thesen, Propaganda Link to: Sackpfeifenesel & Co. – Kampfbilder gegen das Papsttum Link to: Sackpfeifenesel & Co. – Kampfbilder gegen das Papsttum Sackpfeifenesel & Co. – Kampfbilder gegen das Papsttum
Nach oben scrollen Nach oben scrollen Nach oben scrollen