Ein Schrank voller Geschichte(n)
Am 20. Juni 1837 starb Wilhelm IV, König von England und Hannover. Victoria folgte ihm auf den englischen Thron. Weil im Königreich Hannover das Salische Gesetz galt, das eine männliche Erbfolge vorschrieb, bestieg dort Ernst August I. den Thron. Er ließ die liberale Verfassung, die erst 1833 eingeführt worden war, aufheben. Dagegen setzten sieben Professoren der Georg-August-Universität Göttingen eine öffentliche Protestation auf: der Staatsrechtler Wilhelm Eduard Albrecht, der Historiker Friedrich Christoph Dahlmann, der Orientalist Heinrich Ewald, der Literaturhistoriker Georg Gottfried Gervinus, der Physiker Wilhelm Eduard Weber sowie die Brüder Grimm: Jacob und Wilhelm. Ernst August entließ die Göttinger Sieben und verwies drei von ihnen des Landes: Dahlmann, Gervinus und Jacob Grimm. Letzterer schrieb dazu: „Die Geschichte zeigt uns edle und freie Männer, welche es wagten, vor dem Angesicht der Könige die volle Wahrheit zu sagen; das Befugtsein gehört denen, die den Mut dazu haben. Oft hat ihr Bekenntnis gefruchtet, zuweilen hat es sie verderbt, nicht ihren Namen. Auch die Poesie, der Geschichte Widerschein, unterlässt es nicht, Handlungen der Fürsten nach der Gerechtigkeit zu wägen. Solche Beispiele lösen dem Untertanen seine Zunge, da wo die Not drängt, und trösten über jeden Ausgang.“ Für sein demokratischen Engagement erhielt Jacob Grimm später einen Ehrenplatz in der Frankfurter Nationalversammlung.
Wilhelm verließ mit seinem Bruder das Königreich Hannover. Drei Jahre lebten sie in Kassel. 1840 folgten sie einer Einladung des preußischen Königs Friedrich Wilhelm IV. nach Berlin. Der Preußenkönig hatte seinem hannoverschen „Kollegen“ versprochen, die Grimm-Brüder nicht an seine Universität zu berufen. Stattdessen stellte er sie als Professoren an der Akademie der Wissenschaften an. Nunmehr finanziell abgesichert, verfassten Jacob und Wilhelm eine Geschichte der deutschen Sprache, die sowohl unter linguistischen als auch unter sozialen Aspekten interessant ist. Und sie begannen die Arbeit am Grimmschen Wörterbuch. Jacob verfasste die Beiträge zu den Buchstaben A, B, C und E. Von Wilhelm stammen die Beiträge zum Buchstaben D. Nach ihrem Ableben fanden die Brüder ihre letzte Ruhestätte auf dem Alten St. Matthäus-Friedhof am Bhf. Yorckstr. Heute sind sie einem großen Publikum durch ihre gesammelten Kinder- und Hausmärchen bekannt.

Ausgabe von Jacob Grimms: Deutsche Grammatik oder Jacob Grimms Deutsche Grammatik. Göttingen: Dieterichsche Buchhandlung, 1819 mit auf den Grimmschrank verweisenden Provenienzstempel
Hermann Friedrich Grimm, der Sohn Wilhelms, ließ nach einem von dem Berliner Architekten Hermann von der Hude stammenden Entwurf einen Schrank anfertigen. Die Scheiben an den Türen waren vermutlich für Medaillons, möglicherweise Portraits der Brüder Grimm, vorgesehen. Offensichtlich sind aber nie Bilder eingefügt worden. Der Schrank wurde in der Königlich Preußischen Bibliothek aufgestellt. In ihm wurde ein Teil des Dokumentennachlasses der Brüder Grimm verwahrt. Die Schlüsselgewalt verblieb bei den Erben. Wer die Nachlassmaterialien einsehen wollte, musste die Grimm-Nachfahren um Erlaubnis bitten. Weil der Schrank das umfangreiche Material nicht fasste, ließ die Familie Grimm um 1900/01 einen zweiten gleichartigen Schrank bauen. Im Jahr 1919 ging der Nachlass in das Eigentum der Staatsbibliothek über. Der damalige Leiter der Handschriftenabteilung Konrad Haebler nahm die Schlüssel in Verwahrung. Trotzdem musste bis 1949 für jede Einsichtnahme in das Material die Zustimmung der Grimm-Familie eingeholt werden. Der Bibliothekar Hans Daffis (1876-1922) verfasste ein Inventar der Grimm-Schränke, das heute unter der Signatur 4° Ao 5270/45-5 zu finden ist.
Während des zweiten Weltkriegs wurde der Grimmnachlass in die Erzabtei Beuron in Baden-Württemberg ausgelagert. 1948 kam das Material als Depositum in die Universitätsbibliothek Tübingen. 1968 erhielt die westdeutsche Staatsbibliothek den Bestand zurück.
Anlässlich des 200. Jahrestages des Erscheinens der Erstausgabe der „Kinder- und Hausmärchen“ gestaltete die Staatsbibliothek unter maßgeblicher Beteiligung der Kinder- und Jugendbuchabteilung und der Handschriftenabteilung die Ausstellung Rotkäppchen kommt aus Berlin!
Als Wochenendlektüre empfehle ich Ihnen den zur Ausstellung im Jahr 2012 erschienenen Begleitkatalog, unsere Signatur: 1 B 150944. Informativ und fachkundig geschrieben, auf gutem Papier gedruckt und schön illustriert, bietet er eine ästhetische Form der Weiterbildung.
Wer lieber hören mag, lege den von Dr. Ralf Breslau verfassten und von Hans-Jürgen Schatz gelesenen Literatur(ver)führer: Jacob und Wilhelm Grimm auf.

Der Literatur(ver)führer „Jacob und Wilhelm Grimm“ von Ralf Breslau. Gelesen von Hans-Jürgen Schatz. ISBN: 978-3-936196-17-7
Einer der beiden Grimmschränke steht im Haus Unter den Linden 8 der Staatsbibliothek im Gang vor dem Zimmer R 07 O 03. Dort kann er besichtigt werden.



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Coverillustration des Begleitbandes: Klaus Ensikat, Grimms Märchen, Tulipan Verlag, 2010. Kataloggestaltung: Stephan Rosenthal
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