Der Krieg um Troja war schon immer ein Bestseller: Konrad von Würzburg, Trojanerkrieg (Ms. germ. fol. 1)
Nicht erst seit Christopher Nolans bild- und tongewaltigem Kinofilm ist der trojanische Krieg in aller Munde, auch das Mittelalter hatte Freude an dem Stoff. In der Berliner Stabi zeugt – unter anderem – eine riesige Handschrift in neuem Holzdeckeleinband vom nie nachlassenden Interesse (der alte Deckel hat Spuren in Form von Wurmlöchern im Papier hinterlassen [Abb. 1]). Es handelt sich um Konrads von Würzburg Trojanerkrieg. Eine umfängliche Rubrik kündigt das Register an, und es wird ein Feld frei gelassen, das sich durchaus für eine Miniatur zu einem Textbeginn eignen würde, wie auch die darunter liegende vierzeilige Initiale dazu passen würde. Wie eine Werbe-Annonce verspricht sie auch Bilder in der Geschichte: mit figuren gemolet. Dieser Anfang zeugt vom Anspruch, der hinter dem Manuskript vom Trojanerkrieg steht, und ist gleichzeitig ein Markenzeichen der ausführenden Schreiberwerkstatt.
Mit 40,5 x 29 cm ist das Manuskript auf Papier für eine volkssprachige Handschrift erstaunlich groß und mit 98 kolorierten Federzeichnungen aufs Üppigste dekoriert. Hier wurde nicht gekleckert, sondern geklotzt. Das sieht man natürlich besonders gut am eigentlichen Buchbeginn auf fol. 1v/2 (Das Register davor erhielt eine eigene Blattzählung). Auf der Verso-Seite ist eine ganzseitige Darstellung von Hekubas Traum von der Fackel mit dem neben dem Bett stehenden Priamus untergebracht, und auf der gegenüberliegenden Seite steht eine einleitende Rubrik mit einer riesigen E-Initiale, in der sich ein Phantasietier und ein Schreitvogel tummeln (Abb. 2).
Ein kunig was zu troye
Den twang der tugende boye…
(Ein König war zu Troja / Den zwang der Tugend Band…)
Solche Rubriken dienten zur Gliederung des Textes; sie enthielten oft kurze Zusammenfassungen der folgenden Textpartie und dienten damit auch als inhaltliche Anweisung für Illuminatoren und Zeichner. Zudem helfen sie als Bildtitel dem/der Betrachter*in, den Bildinhalt zu verstehen.

Hier ist das nicht der Fall, denn vom Traum der schwangeren trojanischen Königin Hekuba ist nicht die Rede. Er ist jedoch ein Ausgangspunkt für das trojanische Dilemma: Sie träumt, dass sie eine brennende Fackel zur Welt bringen wird, die das Königreich Troja zerstören wird (Abb. 2). Es scheint, als hätte Hekuba dem Ehemann ihren Traum bereits erzählt, denn Priamus weiß schon, was zu tun ist – so jedenfalls suggeriert es seine lebhafte Gestik. Man wird den neugeborenen Sohn (Paris) aussetzen, um die Zerstörung vom Königreich abzuwenden. Doch das Schicksal nimmt unerbittlich seinen Lauf, denn ein Hirte findet und rettet den Knaben (fol. 4).
Die Zeichner machten sich keine Gedanken um historische Angemessenheit: Hekuba ist auf einem spätmittelalterlichen Lager gebettet und Priamus trägt auch nichts Antikisches. Diese Anpassung an die Mode und die Gepflogenheiten der eigenen Zeit ist für das Mittelalter ein typisches Phänomen. Dem Autor des Trojanerkriegs, Konrad von Würzburg (1220/30–1287), geht es nicht um historische Genauigkeit, sondern um das Wiedererzählen des Stoffes als höfischer Roman.
von Wirzeburc ich Cuonrât
von welsche in tiutsch getihte
mit rîmen gerne rihte
daz alte buoch von Troye.
schôn als ein vrischiu gloye
sol ez hie wider blüejen. (V 266–271)
(Ich, Konrad aus Würzburg,/ füge gerne zusammen, kunstvoll erzählend,/ aus dem Französischen mit deutschen Reimen,/ das alte Buch von Troja. So schön wie eine junge Schwertlilie/ soll es hier wieder blühen.
[nach Konrads von Würzburg »Trojanerkrieg«: 261-270, Übersetzung von Michael R. Ott])
In großer Ausführlichkeit erzählt, konnte er in 40.000 Versen die Geschichte dennoch nicht zu Ende bringen. Ein unbekannter Autor setzte noch 10.000 Verse hinzu, sodass einer der umfangreichsten mittelhochdeutschen Texte zustande kam. Und der hat wirklich eingeschlagen: Insgesamt sind 34 Textzeugen bekannt, allerdings nur sechs weitgehend vollständige Handschriften.
Eigentlich aber ist es die Schreiberwerkstatt mit den dazugehörenden Illustratoren, die die Form der vorliegenden Handschrift bestimmt. Es ist die Werkstatt des Diebold Lauber aus dem elsässischen Hagenau, die von 1427 bis 1471 in großem Stil Handschriften unterschiedlichster Genres produzierte, u.a. drei der sechs vollständigen Trojanerkrieg-Handschriften. Die hier besprochene wird nach den Wasserzeichen um 1445 datiert. Lohnschreiber und ein fester Stamm von Zeichnern produzierten einerseits für Auftraggeber, aber auch auf Lager, genau wie das gerade erst entstehende Gewerbe des Buchdrucks. Dabei wurden Papierhandschriften schnell und eher günstig produziert (im Vergleich zu Pergamenthandschriften mit Miniaturen in Buchmalerfarben und Gold). Faszinierend dabei ist das Vorgehen der Zeichner, die die Geschichten farbenfroh, großflächig und mit schnellem Federstrich zu Papier bringen, freilich ohne allzu tief in das Geschehen einzudringen. Allerdings ist die griechische Sage, bis sie zu Konrad von Würzburg gelangte, auch durch einige erzählerische Hände gegangen, die dem Ganzen ein höfisches Gepräge im Sinne der Minne verliehen. Konrad kompiliert und verleiht der so wiedererzählten Geschichte einen neuen Charakter.
So gehen auch die Zeichner vor: Wenn beispielsweise der bis dahin unerkannt bei Hirten lebende Paris entscheiden soll, welche der drei Göttinnen die schönste ist und den Apfel der Unfrieden stiftenden Discordia erhält, sitzt er wie ein mittelalterlicher Richter mit übergeschlagenen Beinen auf einem Thron und weist zur rechts stehenden Frau mit Puschelhut (Abb. 3). Ihr hat er also gewissermaßen Recht gegeben: Frau Venus erhält den sprichwörtlichen Zankapfel, den er ihr wie ein minnender Ritter nur wenige Seiten später übergibt (fol. 25). Das ist klar und in der eigenen Lebenswelt erzählt.
Wenn Jason mit einem Schiff nach Troja segelt (Abb. 4), dann ähnelt jenes eher der mittelalterlichen Kamper Kogge, und wenn er Medea nach Griechenland entführt, ist es nur folgerichtig, dass er das mit demselben Gefährt tut (Abb. 5). Lustig genug sind just in diesem Moment wieder dieselben Fische an derselben Stelle zugegen; der Zeichner benutzte also eine Vorlage, die auch die Meerestiere einschloss.
Während man sonst in mittelalterlichen Handschriften den horror vacui, die Angst vor der Leere, verspürt und Lücken zu vermeiden sucht, ist das bei den Handschriften der Lauber-Werkstatt und insbesondere bei dieser nicht zu beobachten. Wenn der flüssig und leserlich geschriebene Text nur eine Spalte füllt, danach aber ein Bildfeld kommen soll, lässt man gerne eine Spalte leer, damit die Zeichnung die volle Seitenbreite einnehmen kann (z.B. fol. 42r/v). Oft sind die Zeichnungen wie hier ganzseitig, einzig dann noch mit Rubriken wie Bildtitel darüber.
Dabei wechselt die Größe der Darstellungen nach einem nicht erkennbaren Muster. Immer aber sind sie breiter als der Textspiegel. Teilweise sind sie sogar am Rand beschnitten (z.B. fol. 12, Abb. 6). Doch wird der Kodex – außer bei seiner ersten Bindung – nicht beschnitten worden sein, denn noch heute sind einige Blätter mit Bildfeldern durch lederne Seitenfinder markiert, so auch bei den drei Göttinnen und dem Apfel (Abb. 6). Das ist ebenfalls – neben der übersichtlichen Gliederung der Texte durch Register, Kapitelzählung und rote Initialen ein Markenzeichen der Lauber-Werkstatt (wozu auch die großzügige Gestaltung der Seiten mit dem Textanfang gehört [Abb. 2]).
Um solch einen umfangreichen Text in angemessener Zeit bebildern zu können, sind rationelle Arbeitsmethoden vonnöten. Zur Zeit-Effizienz – und damit auch zu den überschaubaren Kosten – gehört die Auswahl der günstigeren Farben, die ohne Lasuren auf die Federzeichnung aufgetragen werden. Die Kompositionen kommen meist ohne Architektur aus (schöne Ausnahmen sind, wie die griechischen Schiffe Troja belagern [fol. 263v] oder wie Polydamas den von Menelaus erschlagenen Remus zurück nach Troja bringt [fol. 303v]). Innenraumdarstellungen werden durch Säulenkonstruktionen angedeutet, an denen die Zentralperspektive nahezu spurlos vorübergegangen ist und die auf Erfahrungsperspektive des 14. Jahrhunderts zurückgehen (z.B. das Gasthaus auf fol. 45v oder das Haus, in dem sich Jason und Medea auf fol. 76 treffen). Meist reicht einfach ein grüner Rasenstreifen, auf dem die Figuren ausdrucksstark interagieren. Das sieht auf der Zeichnung, wo die drei Göttinnen mit Paris verhandeln, besonders putzig aus, weil der Rasengrund scheinbar ohne Unterbrechung in das Kleid der Minerva übergeht (Abb. 3).

Abb. 7: Priamus überlässt einem Spielmann seine Position, über der ein Schwert hängt, Ms. germ. fol. 1, fol. 52v
Bei aller Rationalisierung, die ja keinesfalls die Lesbarkeit der Darstellungen schmälert, gibt es auch Liebe zum Detail. Wenn Priamus den Spielmann – hier wie König David mit einer Harfe ausgestattet– in sein Gewand gesteckt, ihm seine Krone auf den Kopf und ihn auf seinen Thron gesetzt hat, schwebt das Schwert wie das des Damokles über ihm (Abb. 7). Zwar ist nicht gezeigt, wo sie angebracht sind, doch gibt es sorgfältig gezeichnete Hakenkonstruktionen, an denen das Schwert festgebunden ist. Voller liebevoll gezeichneter Accessoires ist beispielsweise auch der Laden, den Odysseus aufgeschlagen hat, um Achilles Waffen zu verkaufen, der unter den Hofdamen des Lycomedes als Frau gekleidet ist (Abb. 8). Freilich tragen die Damen in den Illustrationen des Romans keine Taschen, doch ist dort eine große Auswahl unterschiedlicher Modelle präsentiert, die die Herzen der Frauen höher schlagen lassen wird.
Die wie immer schwer zu beantwortende Frage, wer solch einen Riesenkodex mit einem weltlichen Text gekauft hat, bleibt – wie so häufig – unbeantwortet (er gehört zum Altbestand der Kurfürstlichen Bibliothek, frühere Besitzer sind nicht bekannt). Sicher war es ein Wohlhabender aus der Oberschicht, der seine soziale Gruppe beeindrucken wollte und das Buch zur Unterhaltung sowie Belehrung seines (Familien-)Kreises nutzte. Bei so einem großen Buch konnten viele mitschauen und -lesen!
Literatur:
Zimelien. Abendländische Handschriften des Mittelalters aus den Sammlungen der Stiftung Preußischer Kulturbesitz Berlin, Berlin 1975, Nr.
Glanz alter Buchkunst. Mittelalterliche Handschriften der Staatsbibliothek Preußischer Kulturbesitz, Wiesbaden 1988, Nr. 87.
Aderlass und Seelentrost. Die Überlieferung deutscher Texte im Spiegel Berliner Handschriften und Inkunabeln, Mainz 2004, Nr. 62.











![Plenarium, deutsch. Augsburg: Johann Bämler, 30.IX.[14]76. Staatsbibliothek zu Berlin – PK. Lizenz: CC-BY-NC-SA Abbildung aus: Plenarium, deutsch. Augsburg: Johann Bämler, 30.IX.[14]76. Staatsbibliothek zu Berlin – PK. Lizenz: CC-BY-NC-SA](https://blog.sbb.berlin/wp-content/uploads/Buchpatenschaft_8_20_Inkunabel-180x180.jpg)






Ihr Kommentar
An Diskussion beteiligen?Hinterlassen Sie uns einen Kommentar!