Röntgentermin für den Pharao

Am 8. November 1895 entdeckte Wilhelm Conrad Röntgen die nach ihm benannten Strahlen. Bereits 1897 unternahm der Ägyptologe Sir William Matthew Flinders Petrie den Versuch, die Arme und Beine einer Mumie mittels Röntgenstrahlung zu untersuchen. Die Untersuchung fand im Anatomischen Institut der Universität London statt. Auf den Aufnahmen glaubte Flinders Petrie Spuren von rituellem Kannibalismus zu erkennen. Dies erwies sich später als Irrtum. 1898 röntgte Flinders Petrie in Kairo erstmalig eine vollständige Mumie.

Am 26. März 1903 untersuchten die australischen Anatomen Grafton Elliot Smith und Frederic Wood Jones die Mumie des Pharaos Thutmosis IV. Unter der Inventarnummer CG 61073 ruht der Herrscher aus der 18. Dynastie in einem Magazin des Ägyptischen Museums Kairo. Zur Untersuchung wurde seine Majestät mit einem Taxi quer durch die Stadt zur Klinik kutschiert. Smith und Jones stellten fest, dass es sich um einen männlichen Leichnam handelte, der zum Todeszeitpunkt etwa 28 Jahre alt und stark abgemagert war.

1913 begann der italienische Röntgenologe Mario Bertolotti, Mumien zu durchleuchten. Seine Intention war es, in den Bandagen verborgene Amulette und Schmuckstücke – idealerweise aus Gold – aufzuspüren. Im 19. Jahrhundert waren Mumienpartys, auf denen man in geselliger Runde auf der Suche nach verborgenen Kleinodien Mumien auswickelte und den Verstorbenen voyeuristisch ins Antlitz blickte, der letzte Schrei. Dank der Röntgenstrahlen konnte man sich jetzt das enttäuschende Auspacken sparen, wenn es nichts zu holen gab.

Die Dame, die auf dem obigen Foto die Röntgenaufnahme betrachtet, ist Anna Reginalda Bolan (1887-1968). Von 1926 bis 1932 leitete sie die Röntgenabteilung des Field Museums in Chicago, Illinois. Hier durchleuchtete sie ägyptische und peruanische Mumien sowie mumifizierte Tiere. Versuchsweise modifizierte sie die Entfernung von Röntgenapparat und Objekt, die Aufnahmezeit und die Spannung. So gelang es ihr, ein neues Röntgenverfahren zu entwickeln, durch das die Aufnahmequalität wesentlich verbessert wurde. Unser Foto beweist, dass sämtliche Details des Skeletts auf dem Röntgenbild deutlich erkennbar sind. Auf der Grundlage solcher Aufnahmen erforschte Dr. Roy Lee Moodie vom Welcome Historical Museum London in enger Zusammenarbeit mit Bolan altertümliche Krankheitsbilder. Er stellte fest, dass bereits die alten Ägypter unter Arthritis und Rachitis litten, und dass die Inkas von Parodontitis geplagt waren. Bolan stellte ihre Methode auf mehreren Tagungen vor und schrieb einen Aufsatz darüber.

Das Foto von Anna Bolan und ihrem leider nicht namentlich genannten Patienten hat die Signatur Portr. Slg / Album 21 / Bolan, Anna, Nr. 1 . Es gehört zur Sammlung der Atlantic Photo Gesellschaft. Diese bestand von 1919-1944. In den zwanziger und dreißiger Jahren war sie die führende Pressefotoagentur Deutschlands. In unseren digitalisierten Sammlungen kann man sich den Schnappschuß einschließlich der Rückseite, auf die ein zeitgenössischer Pressetext aufgeklebt ist, anschauen.

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