Digital Humanities Rundgang: Rückblick & Ausblick

Am 7. April 2016 fand in der Staatsbibliothek zu Berlin, Haus Potsdamer Straße, der 17. Berliner Digital Humanities Rundgang statt. Im Folgenden wollen wir einen kurzen Rückblick über die Veranstaltung geben und auch der Frage nachgehen, was die Bedeutung der Digital Humanities für die Staatsbibliothek, als auch der Staatsbibliothek für die Digital Humanities, ist.

Was sind „Digital Humanities“?

Was man genau unter den Digital Humanities (früher auch als „e-Humanities“ oder „Humanities Computing“ bekannt) versteht, ist schon beinahe so etwas wie die Gretchenfrage. Laut Wikipedia subsumiert man unter der Bezeichnung „die Anwendung von computergestützten Verfahren und die systematische Verwendung von digitalen Ressourcen in den Geistes- und Kulturwissenschaften.“ Wie vielfältig die konkreten Ausprägungen von Digital Humanities tatsächlich sind, lässt sich gut anhand der über die Jahre gesammelten Definitionsbeiträge unter „What is Digital Humanities“ (in Englisch) ersehen. Das thematische Spektrum reicht dabei von digitalen Texteditionen über vielfältigste virtuelle Forschungsumgebungen bis hin zu 3D-Rekonstruktionen archäologischer Stätten.

Word cloud von "What is Digital Humanities"

Word cloud von „What is Digital Humanities“

Hierzulande haben sich die Digital Humanities in einer Unconference im Rahmen der Internationalen Konferenz „Digital Humanities 2012“ in Hamburg organisiert – der daraus hervorgegangene Verband DHd – „Digital Humanities im deutschsprachigen Raum“ – versteht sich dabei als Interessensvertretung aller Forschenden und Studierenden die, unabhängig von der jeweiligen Fachdisziplin, in den Digital Humanities aktiv sind.

Speziell in Berlin existiert mit dem „Interdisziplinären Forschungsverbund Digital Humanities in Berlin“ (if|DH|b) eine eigene Organisationsform, in der sich Berliner Einrichtungen und ForscherInnen vernetzen und austauschen können. Eines der vielfältigen Angebote des if|DH|b ist der „Berliner DH-Rundgang.“ Bei den meist einmal im Monat stattfindenden Rundgängen stellt sich jeweils eine Berliner Einrichtung mit ihren für die Digital Humanities relevanten Angeboten und Aktivitäten vor. So können sich die TeilnehmerInnen über die örtlichen Ressourcen und Kompetenzen informieren und AnsprechpartnerInnen und Kooperationsmöglichkeiten kennenlernen.

Das Programm des DH-Rundgang an der Staatsbibliothek

Das Programm des DH-Rundgangs an der Staatsbibliothek war so zugeschnitten, dass nach der Begrüßung und Einführung in die Strategie des Hauses zu Kooperation mit Wissenschaft und Forschung zunächst die „Kernangebote“ der Staatsbibliothek näher vorgestellt, und dann nach und nach Verbund- und Kooperationsprojekte auf nationaler sowie schließlich auf internationaler Ebene präsentiert wurden:

Begrüßung der Teilnehmer durch Reinhard Altenhöner

Begrüßung der Teilnehmer durch Reinhard Altenhöner, Ständiger Vertreter der Generaldirektorin. Foto © Swantje Bahnsen

Mit rund 30 TeilnehmerInnen war der Konferenzraum bis auf den letzten Platz gefüllt – erfreulich dass so großes Interesse an der StaBi besteht. Da unsere Mitarbeiter mit viel Leidenschaft von ihren Tätigkeiten berichteten, und auch zahlreiche Fragen von den aufmerksamen Gästen zu beantworten waren, wurde die vorgesehene Zeit um beinahe eine dreiviertel Stunde überzogen. Mit Freude können wir sagen: nicht ein einziger Gast hat die Veranstaltung (trotz Möglichkeit) vorzeitig verlassen – und selbst nach Ende der Veranstaltung blieben noch zahlreiche Gruppen in Gespräche über laufende Projekte und mögliche Kooperationen vertieft.

Sollten sie ihrerseits ebenfalls Interesse am Austausch mit der Staatsbibliothek zu Themen der Digital Humanities haben, können sie gerne die oben genannten Vortragenden unter vorname.nachname@sbb.spk-berlin.de kontaktieren – oder direkt einen Kommentar hier im Blog hinterlassen.

Ausblick

Die voranschreitende Digitalisierung in Bibliotheken, Archiven und Museen kann geradezu als Initialmoment für die Digital Humanities gesehen werden. Nur dank der Verfügbarkeit großer Mengen von digitalisierten Beständen können WissenschaftlerInnen heute Millionen von Texten mithilfe von Computerprogrammen auf einmal analysieren. So gehören die Digital Humanities inzwischen zu den aktivsten Nutzern von Digitalen Sammlungen und spielen eine bedeutende Rolle bei der Priorisierung von Digitalisierungsvorhaben, der Bereitstellung von Online-Diensten für die Wissenschaft sowie als Partner der Staatsbibliothek in diversen Forschungsprojekten.

Auch die Frage danach welche Rolle insbesondere Bibliotheken für die Digital Humanities spielen, wird aktuell rege diskutiert. Das (englischsprachige) Blog dh+lib sammelt bereits seit einigen Jahren Beiträge zu gelungenen Kooperationen und modellhaften Beispielen der Zusammenarbeit an der Schnittstelle von Bibliothek und Forschung.

Einen interessanten Beitrag zur Rolle der Bibliothek für die Digital Humanities stellt auch die Keynote von Jan-Christof Meister, Professor für Neuere deutsche Literatur an der Universität Hamburg, bei der IFLA News Media Konferenz 2016 dar. Darin fordert Meister die Bibliotheken dazu auf, sich als „epistemological agents“ zukünftig noch intensiver an den Digital Humanities zu beteiligen. Ihm schwebt eine Art „DH-Helpdesk“ in Bibliotheken vor, d.h. ein Service der neben der klassischen Literaturrecherche auch zu digitalen Korpora und Werkzeugen, Methoden und Herausforderungen sowie Fragen der Veröffentlichung und langfristigen Verfügbarkeit von Publikationen und Datensets Auskunft gibt. Dadurch werden Bibliotheken sehr viel aktiver und auch gleichberechtigter in den Forschungsprozess mit eingebunden denn schlicht als Anbieter von digitalem „Content“.

Ein ähnliches Konzept wurde bereits vor einigen Jahren an der British Library oder der Nationalbibliothek der Niederlande umgesetzt, wo „Digital Scholarship“ bzw. ein „Digital Humanities Programme“ bereits zum Alltag gehören. In beiden Einrichtungen gibt es sog. Labs, in denen mit digitalen Sammlungen und Technologien für Textmining oder Datenvisualisierung experimentiert werden kann, sowie ein dezidiertes Team und Programm in dem ausgewählte WissenschaftlerInnen mit BibliothekarInnen in innovativen Forschungs- und Nutzungsszenarien erfolgreich zusammenarbeiten. Hiervon lässt sich sicherlich auch noch das eine oder andere für die Angebote und Dienste der Bibliotheken in Deutschland lernen.

SBB Konferenzraum mit Teilnehmern

Mit rund 30 Teilnehmern war der DH-Rundgang gut besucht. Foto © Swantje Bahnsen

Zuletzt sei noch allen, die diesen Termin verpasst aber dennoch Interesse haben, die Staatsbibliothek zu Berlin und ihre Bedeutung für die Digital Humanities näher kennen zu lernen, gesagt dass dies sicherlich nicht der letzte DH-Rundgang an der Staatsbibliothek war. Die relevanten Angebote des Hauses sind zu zahlreich um alles in einem (zumal nur 2-stündigen) Termin unterzubringen – so wird es voraussichtlich noch mindestens einen weiteren DH-Rundgang in der Staatsbibliothek geben.

Weiterführende Links

 

Die Ur- und Frühgeschichte in der Staatsbibliothek und gleich nebenan

Vom 5. bis zum 8. Mai 2016 findet unter dem Titel „Archäologie & Macht. Positionsbestimmungen für die Zukunft der Vergangenheitsforschung“ im Vortragssaal des Kulturforums, Matthäikirchplatz, 10785 Berlin die Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Ur- und Frühgeschichte statt.

Die Veranstalterin schreibt hierzu: „Archäologie wird in einem komplexen Kräftespiel betrieben, in dem sich auch entscheidet, wie viel fachlich gesteuerte staatliche Archäologie es künftig noch geben wird. Andere Akteure gewinnen rapide an Einfluss, z.B. in Sozialen Medien. Gesetze, welche die Archäologie massiv beeinflussen, werden beschlossen – und die Archäologie agiert und reagiert kaum. …“. Gesucht werden Lösungen aus diesem Dilemma, damit die Erforschung der Vergangenheit eine Zukunft hat. Nebenbei sind auch die beruflichen Perspektiven der Archäologenzunft im Blick zu behalten.

Zum Programm kommen Sie hier:

http://www.dguf.de/index.php?id=392

Informationen zur Anmeldung erhalten Sie hier:

http://www.dguf.de/index.php?id=384

Die Teilnahmegebühr beträgt 70 € bzw. 45 € für Studierende und DGUF-Mitglieder (Aufschlag von 10 € bei Anmeldung im Tagungsbüro).

Die Deutsche Gesellschaft für Ur- und Frühgeschichte e. V. (DGUF) ist mit mehr als 700 Mitgliedern die größte deutschlandweit auf dem Gebiet der Ur- und Frühgeschichte tätige Vereinigung, in der an Archäologie interessierte Bürgerinnen und Bürger ebenso wie Forschende zusammengeschlossen sind. Die DGUF bündelt die Interessen der in der Ur- und Frühgeschichte tätigen Gelehrten sowie der Öffentlichkeit mit einem Interesse an der heimischen Archäologie. Die Gründung des Verbandes 1969 war ein Politikum, weil mit der Namensgebung die geplante Wiederbegründung eines anderen, durch die allzu enge Verstrickung in den Nationalsozialismus desavouierten Verbandes erfolgreich obstruiert wurde. Die ehemalige Deutsche Gesellschaft für Vorgeschichte war 1909 von dem einstmals führenden, aber heute stark umstrittenen Prähistoriker Gustaf Kossinna gegründet worden.

Im Bestandsaufbau der Staatsbibliothek zu Berlin und ihrer Vorgängerinstitutionen besitzt die Literatur zur heimischen Ur- und Frühgeschichte einen hohen Stellenwert. Die Veröffentlichungen der Landesämter für Archäologie und Denkmalpflege werden vollständig gesammelt. Weltweit werden die wissenschaftlich relevanten Neuerscheinungen recht intensiv erworben, dabei zunehmend auch elektronische Publikationen. Mehr dazu können Sie hier erfahren:

http://staatsbibliothek-berlin.de/recherche/fachgebiete/altertumswissenschaften/

 

Werkstattgespräch zur Ästhetik, Ideologie und Poetizität der deutschen Schriftmuster am 3.5.

Werkstattgespräch
„Salvator. Goethe. Radio.“ Ästhetik, Ideologie und Poetizität der deutschen Schriftmuster
Dr. Thomas Rahn, Freie Universität Berlin

Dienstag, 3. Mai
18.15 Uhr
Konferenzraum 4, Haus Unter den Linden
(Eingang Dorotheenstraße 27)
Treffpunkt: Eingangshallsbereich (Rotunde)
Anmeldung


Der Vortrag widmet sich, mit Schwerpunkt auf dem Zeitraum zwischen 1870 und 1950, der Geschichte und Gestaltung einer wenig beachteten Gattung von Werbematerial: Die Schriftmusterhefte und Kataloge der Buchdruckereien und Schriftgießereien sind nicht allein als ästhetisch ambitionierte Leistungsschau des jeweils aktuellen Schriftdesigns interessant, sie lassen auch durch ihre Textauswahl die Strategie erkennen, einzelne Schriften jeweils mit einem bestimmten Programm zu versehen, sprich: mit konkreten semantischen Feldern zu verknüpfen. Gezeigt werden soll die funktionale und inszenatorische Bandbreite der Schriftmuster zwischen kalkulierter Ideologisierung (etwa ‚deutscher‘, ‚ökonomischer‘ oder ‚idyllischer‘ Schriften) einerseits und der quasipoetischen ‚typographie automatique‘ assoziativer (und manchmal ironischer) Wortkombinationen andererseits.

 

Eine Veranstaltung aus der Reihe Die Materialität von Schriftlichkeit.

Weitere Termine der Wissenswerkstatt

Clio Guide – ein Handbuch zu digitalen Ressourcen für die Geschichtswissenschaften

Auch die Geschichtswissenschaften werden seit einer Reihe von Jahren vom Wandel in der digitalen Fachinformation geprägt. Digitale Quelleneditionen, elektronische Zeitschriften und Handbücher, thematische Webseiten, Blogs und Netzwerke mögen nur als Stichworte dienen. Die Verfügbarkeit elektronischer Volltexte befördert auch hier sukzessive neue Arbeitsformen wie die automatisierte Analyse großer Textkorpora u.ä.  All diese Entwicklungen schwingen bei dem Begriff der Digital Humanities mit.

Ein Wegweiser für dieses zuweilen etwas unübersichtliche Feld der digitalen Ressourcen bietet nun der soeben erschienene Clio Guide, der als Online-Handbuch komplett neu aufgelegt wurde. Ältere Artikel der Clio-Guides, die schon seit längerem auf der Seite von Clio-online, dem Fachportal für die Geschichtswissenschaften, verankert waren, wurden dabei überarbeitet und aktualisiert, der Großteil der Beiträge aber neu geschrieben und ihr thematisches Spektrum beträchtlich erweitert. So wird der Guide eröffnet von dem Bereich „Digitale Arbeitsformen und Techniken“, es folgen die sogenannten „Sammlungen“ – Archive, Bibliotheken und Museen sowie spezielle Quellengattungen -, daran schließen sich als Zentrum des Handbuches „Epochen“ und „Regionen“ an. Beschlossen wird das Werk von den „Themen“,  worunter z.B. einzelne Teildisziplinen der Geschichtswissenschaften wie Umweltgeschichte fallen.
Die Aufsätze zu den historischen „Regionen“ decken nun alle Kontinente ab und bieten so auch für die transnationale Forschung ein gutes Arbeitsmittel.

Im Bereich „Sammlungen“ ist die Staatsbibliothek zu Berlin durch verschiedene Beiträge prominent vertreten. So informieren Jutta Weber und Gerhard Müller (Handschriftenabteilung) über Nachlässe und Autographen, Susanne Maier (Abteilung Bestandsaufbau) widmet sich den amtlichen Veröffentlichungen und Statistiken und Wolfgang Crom und Markus Heinz (Kartenabteilung) beleuchten Karten, die Kartographiegeschichte, sowie Geschichtskarten.

Das Handbuch mit seinen rund 40 Artikeln ist ein Gemeinschaftswerk von Forschenden der Geschichtswissenschaft auf der einen sowie Angehörigen wissenschaftlicher Bibliotheken auf der anderen Seite und spiegelt insofern auch unterschiedlich nuancierte Zugriffe auf die jeweiligen Themen reizvoll wider.

Die Herausgeberschaft eines solchen Werkes stellt erfahrungsgemäß ein mitunter mühsames Unterfangen dar, weshalb diese Aufgabe auch auf mehreren Schultern einer Facharbeitsgruppe von Clio-online ruhte: Laura Busse (HU Berlin), Dr. Wilfried Enderle (SUB Göttingen und Sprecher der Facharbeitsgruppe), Prof. Dr. Rüdiger Hohls (HU Berlin), Gregor Horstkemper (BSB München), Thomas Meyer (HU Berlin), Dr. Jens Prellwitz (SBB Berlin) und Dr. Annette Schuhmann (ZZF Potsdam) waren verantwortlich für die Autorenakquise und die Lektoratsarbeit. Die technische Umsetzung lag im Wesentlichen bei Thomas Meyer, die Gesamtkoordination bei Winfried Enderle, der zudem auch mehrere Beiträge verfasste.

Der Clio-Guide möchte zum einen als faktenorientierte Einführung in die digitale Fachinformation für Studierende der Geschichtswissenschaften dienen, zum anderen aber auch als Nachschlagewerk für Lehrende.

Clio-Guide – Ein Handbuch zu digitalen Ressourcen für die Geschichtswissenschaften, hrsg. von Laura Busse, Wilfried Enderle, Rüdiger Hohls, Gregor Horstkemper, Thomas Meyer, Jens Prellwitz und Annette Schuhmann (=Historisches Forum, Bd. 19) Berlin 2016

Literaturrecherche zur Architektur am Beispiel Berlins: Workshop am 27.4.

Workshop
Bauten, Parks und Plätze – Literaturrecherche zur Architektur am Beispiel Berlins
Mittwoch, 27. April
16.30 Uhr
Schulungsraum im Lesesaal, Haus Potsdamer Straße
Treffpunkt: Eingangshalle (I-Punkt)
Anmeldung

Tiergarten und Kulturforum, Bundesschlange und Siemensstadt – anhand bekannter Suchbegriffe aus der Berliner Stadtbaugeschichte zeigen wir Ihnen, welches Material die Staatsbibliothek zum Thema Architektur zu bieten hat und wie Sie auch frei im Netz finden, was Sie suchen. Ein Schwerpunkt liegt hier auf der historischen und kunsthistorischen Perspektive. Sie lernen geeignete Kataloge, spezielle Datenbanken, Internetquellen und Volltextarchive kennen und erhalten Tipps für die Suche. Dabei gehen wir auch direkt auf Ihre konkreten Rechercheinteressen ein.

Bringen Sie gerne Ihre eigenen Fragen mit – denn nach der Vorstellung der Ressourcen probieren Sie selbst das Gelernte aus: entweder mit vorbereiteten Übungen oder Ihren eigenen Fragestellungen. Dabei erhalten Sie persönliche Unterstützung und verbessern Ihre Recherchestrategie.

Zum Abschluss machen wir bei Interesse einen kurzen Rundgang zu den für Sie relevanten Lesesaalbereichen, bei dem Sie auch ein paar spezielle Details zur Architektur der Bibliothek erfahren.

Gerne können Sie Ihre Fragen schon vorab einsenden an Christina Schmitz.


Zur Wissenswerkstatt

Cervantes war (sozusagen) ein Engländer

„There liued not long since, in a certaine vilage of the Mancha, the name whereof I purposely omit, a Yeoman of their calling that use to pile up in their hals olde Launces, Halbards, Morrions, and such other armours and weapons. “ Mit diesen Worten beginnt die erste englische Übersetzung von Cervantes‘ Hauptwerk El ingenioso hidalgo don Quijote de la Mancha (1605, zweiter Teil 1615) von Thomas Shelton, publiziert 1612, also noch zu Lebzeiten Cervantes‘,  bzw. 1620 (zweiter Teil). Die Quijote-Übersetzung blieb auffälligerweise Sheltons einziges literarisches Vermächtnis und ist, glaubt man Spezialisten, von recht dubioser Qualität: Der wohl wichtigste neuere Cervantes-Übersetzer John Ormsby (The Ingenious Gentleman of Don Quixote de la Mancha, 1885) zeigte sich jedenfalls verwundert darüber, dass Shelton einen Teil von Cervantes‘ Vokabular schlicht unübersetzt ließ und schloss daraus, dass Shelton wohl nur über recht rudimentäre Spanischkenntnisse verfügte. Das konnte, bei einem Werk, das im breiten Konsens der Literaturwissenschaft als der erste (Apuleius und Petronius lassen wir jetzt mal weg) und vielleicht auch größte und wichtigste europäische Roman gilt, durchaus auch schon vor rund 400 Jahren zum Problem werden.

Der zeitgenössischen Popularität des Quijote in England tat Sheltons nicht völlig geglücktes Opus freilich keinen Abbruch. Cervantes erreichte mit seinem pikaresken Meisterwerk von Anfang an breite Leserschichten auf der Insel, und dementsprechend feierten über die Jahrhunderte immer neue Übersetzungen fröhliche Urständ. Bis heute bedeutend und, ja, auch gelesen, sind die als „Jarvis Translation“ bekannte Version des Iren Charles Jervas (1742) und diejenige von Tobias Smollett (1755). Erwähnenswert außer der klassischen viktorianischen Ormsby-Übersetzung sind – auch wenn das jetzt ein großer Sprung ist –  in der Gegenwart unbedingt die anlässlich des 400. Jubiläums des Romans erschienene Version von Tom Lathrop (2005) und die bislang jüngste Übersetzung von James H Montgomery (2006). Montgomery war übrigens, ob Sie es glauben oder nicht, Bibliothekar. Universitätsbibliothekar noch dazu. In Texas.

Um erahnen zu können, was für ein kreativer Kraftakt es war und ist, Cervantes überhaupt zu übersetzen, muss man sich gewahr machen, dass der Quijote, ähnlich wie die Dramen Shakespeares, die Erfahrung der Welt in ihrer ganzen Fülle und Vielfalt verarbeitet, es wimmelt von Witz, Zoten, Tragik, Absurditäten und Pathos. Zudem ist Cervantes‘ Sprache voll von neu geschaffenen Bonmots, Wortspielen, Anspielungen und Malapropismen, also von durch die Figuren falsch verwendeten Wörtern. Wenn Sancho Pansa etwa sagt „yo tengo relucida a mi mujer“ – wenig sinnvoll „ich habe meine Frau ’scheinen‘ lassen“ – und Quijote ihn korrigiert „reducida has de decir, Sancho“ – „überzeugt musst du sagen, Sancho“ –, ist das für den Übersetzer schon nicht so ganz einfach. Montgomery dreht den Malapropismus schlicht und einfach um und macht „reduced“ (was keinen Sinn ergibt) und „induced“ („dazu gebracht“) daraus (vgl. Michael J McGrath, Review of Don Quixote, transl. James H Montgomery, in: Cervantes: Bulletin of the Cervantes Society of America 30 (2010): 193-199). Ungewollt hat Cervantes übrigens auch die englische Sprache ein wenig reicher gemacht: „quixotic“ definiert das Oxford English Dictionary u.a. als „naively idealistic; unrealistic, impracticable; (also) unpredictable, capricious, whimsical“ – das Deutsche hat bezeichnenderweise das eher übellaunig konnotierte „kafkaesk“ zu bieten.

Der weiter oben erwähnte Tobias Smollett ist noch aus einem anderen Grund für die englische Cervantes-Rezeption von Bedeutung: Smollett ist neben Samuel Richardson, Henry Fielding und Laurence Sterne der bedeutendste englische Romancier des 18. Jahrhunderts; seine pikaresken Romane wie The Adventures of Peregrine Pickle (1751) und vor allem The Expedition of Humphrey Clinker (1771) stehen in der direkten Tradition Cervantes‘ und trugen zu dessen Popularisierung in England beträchtlich bei. Die Romane selbst lesen sich übrigens wesentlich launiger als die Titel. Noch deutlicher wird der Quijote-Bezug bei Henry Fielding, dessen ebenfalls sehr munterer, noch heute gut lesbarer Roman Joseph Andrews (1742) den folgenden Titelzusatz trägt: „Written in Imitation of the Manner of Cervantes, Author of Don Quixote.“ Wenn Sie sich an den Abenteuern von Parson Adams, Lady Booby, Peter Pounce und Mrs. Slipslop ergötzen, denken Sie also bitte an Windmühlen. Nicht nur aus heutiger Perspektive ungemein interessante Varianten bieten auch Cervantes-inspirierte Werke wie The Female Quixote (1755) von Charlotte Lennox (übrigens wie Smollett aus Schottland stammend), die religiöse Satire The Spiritual Quixote (1773) von Richard Graves und, jenseits des Atlantiks, Tabitha Gilman Tenneys Female Quixotism (1801), der populärste amerikanische Roman bis zu Harriet Beecher Stowes Uncle Tom’s Cabin (1852). Der Topos vom schrulligen Dünnen und bauernschlauen Dicken, gerne kombiniert mit einem Road-Trip, findet sich später, nebst vielen anderen, auch bei Dickens, Mark Twain, Conan Doyle, Tolkien (ja: Frodo ist Quijote, Samwise ist Sancho Pansa!), T. Coraghessan Boyle und vielen anderen wieder. Cervantes hat sich in England und Amerika in vielerlei Hinsicht also bis heute als unsterblich erwiesen.

Großbritannien und Irland sind nun aber, ebenso wie Spanien, Länder mit mehr als einer Sprache. Wie sieht es also mit Cervantes-Übersetzungen in den anderen Sprachen der britischen Inseln aus? Eher dünn, man muss es leider so sagen. Zumindest Teile des Quijote ins Irische übersetzt hat der Priester Peadar Ua Laoghaire (vulgo: Peter O’Leary), die Übersetzung erschien als Don Cíchóté im Jahr 1921, also während der Hochzeit des Revivals der irischen Sprache und kurz vor Gründung des irischen Freistaats. Eine kymrische (walisische) Übersetzung wurde 1955 von J. T. Jones unter dem Titel Anturiaethau Don Cwicsot: Wedi eu trosi a’u cyfaddasu veröffentlicht. Mit Schottisch-Gälisch, Manx und Kornisch fangen wir lieber nicht an: Diese Sprachen sind – Vorsicht, steile These – per se quixotisch, so dass sich eine Übersetzung seit jeher anscheinend erübrigt hat.

Cervantes ist heute vor 400 Jahren gestorben, Shakespeare auch. Shakespeare ist noch dazu auf den Tag genau heute vor 452 Jahren geboren worden. Außerdem ist heute, nicht ohne Grund, der Welttag des Buches. Anlass genug, ein wenig zu recherchieren und zu lesen. Außer den Links im Text empfehlen wir als Einstieg den English Short Title Catalogue, der so gut wie alles listet, was von Beginn des Buchdrucks bis 1800 in England erschienen ist, also auch die frühen Cervantes-Übersetzungen. Wenn’s der digitale Volltext sein soll (und das soll er ja wohl), sind die Adressen der Wahl die Datenbanken Early English Books Online und Eighteenth Century Collections Online, die insgesamt einen sehr großen Teil der englischen Buchproduktion bis 1800 als Digitalisate enthalten, von Cervantes-Übersetzungen bis hin zu Fielding, Smollett und Charlotte Lennox. Das amerikanische Pendant heißt Early American Imprints (als Serie 1 und Serie 2 publiziert) und ist ebenfalls eine Fundgrube. Englische Cervantes-Übersetzungen finden Sie im Stabikat, Literatur von und zu Cervantes zuhauf im Ibero-Amerikanischen Institut, außerdem im Stabikat und Stabikat+ sowie in Auswahl im Lesesaal in der Staatsbibliothek Unter den Linden. Literatur zur Cervantes-Rezeption gibt es reichlich im IAI und in der Stabi. Soll’s direkt an die digitale Quelle gehen, lohnt ein Blick in die digitalen Sammlungen der spanischen Nationalbibliothek. Enjoy! – ¡Que os divirtáis!

 

23.4.1616 – da war doch noch was anderes… zu Shakespeare in Spanien geht’s hier.

Ser o no ser: Shakespeare in den Sprachen Spaniens

Gastbeitrag von Dr. Ulrike Mühlschlegel, Ibero-Amerikanisches Institut

Ser o no ser, ésa es la cuestión: diese Worte erkennen Sie – egal ob Shakespeare-Experte oder nicht – natürlich sofort. Aber hätten Sie auch Izan ala ez izan, hor dago arloa erkannt? Im Staate Spanien gibt viele Sprachen, dazu gehören größere wie Katalanisch, Galicisch und das hier zitierte Baskisch, aber auch kleinere wie Asturisch. Übersetzungen in diese Sprachen liegen für Shakespeares Gesamtwerk oder für einzelne Teile vor. Dabei übten die Texte des englischen Dichters nicht nur einen großen Einfluss auf die hispanischen Literaturen und die Philosophie aus, hier sind vor allem der nicaraguanische Schriftsteller Rubén Darío und der uruguayische Philosoph José Enrique Rodó zu nennen, in dessen wegweisendem Essay Ariel (1900) drei Figuren aus Shakespeares Stück The Tempest die Hauptrolle spielen: Prospero, Ariel und Caliban. Shakespeare-Übersetzungen, die Übertragung von Weltliteratur in die eigene Sprache und die Suche nach Form und Reim spielen auch für den Sprachausbau eine wichtige Rolle.

Die spanischen Shakespeare-Übersetzungen des 18. und 19. Jahrhunderts entstehen zunächst auf Basis der französischen Versionen, so z.B. der Hamlet des Dramatikers Moratín. Eine erste spanische Ausgabe, aus dem Englischen übersetzt, entsteht beeinflusst durch den hohen Stellenwert Shakespeares für die Romantiker in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhundert: Die Obras de William Shakspeare trad. fielmente del… inglés con presencia de las primeras ediciones y de los textos dados á luz por los más célebres comentadores del inmortal poeta, Madrid, 1872-1877, erreichen allerdings nur drei Bände  (Gedichte und Sonnette, Der Kaufmann von Venedig und Romeo und Julia). Es folgen rasch weitere Ausgaben, darunter die grundlegende, stark an Schlegel angelegte Übersetzung von 23 Theaterstücken in Versen durch Guillermo Macpherson, Sohn eines schottischen Einwanderers.

Die Verbreitung von Shakespeares Dramen zeigt sich auch in populären, oft gekürzten Versionen, die in den zur damaligen Zeit an Kiosken verkauften Theaterzeitschriften, einer Art „Heftchenliteratur“, publiziert wurden. Beispiele aus der argentinischen Zeitschrift En el mundo de la cultura (1928) finden sich hier und hier in den Digitalen Sammlungen des IAI. In bürgerlichen Haushalten waren ebenfalls gekürzte Ausgaben verbreitet, die alle Werke Shakespeares in einem Band vereinten, wie die Werbung in der Zeitschrift Cervantes zeigt.

Ein geheimnisvoller Autor und ein Plagiat prägen das frühe 20. Jahrhundert: zwischen 1917 und 1918, publiziert „R. Martínez Lafuente“ seine vermeintlich neue Übersetzung von 35 Dramen und Komödien. Nachdem über diesen Übersetzer und Autor nie weitere Daten bekannt wurden, entdeckte eine Forscherin im Jahre 2009 schließlich, dass es sich dabei um ein Pseudonym des Publizisten Vicente Blasco Ibáñez handelt, der bereits vorhandene Übersetzungen des ausgehenden 19. Jh. aus dem Französischen erneut kopiert hatte.

Wie sieht es mit den anderen Sprachen aus? Wussten Sie, dass die Sonette z.B. in über 70 verschiedenen deutschen Übersetzungen vorliegen und sogar ins Lateinische, aber auch ins Klingonische (eine konstruierte Sprache aus dem Film Star Trek) übertragen wurden? Auch das Galicische, eine Sprache, die im Nordwesten der Iberischen Halbinsel gesprochen wird, verfügt seit 2011 über seine Version von Sonetos (übersetzt von Ramón Gutiérrez Izquierdo). Den Anfang der Shakespeare-Übersetzungen macht hier Macbeth (1972, von Fernando Pérez-Barreiro Nolla), es folgen zwischen 1989 und 2006 Soño de una noite de San Xoán, O mercader de Venecia, Romeo e Xulieta, O rei Lear, Noite de reis, A tempestade, Otelo sowie erneut Macbeth in der Übertragung von Miguel Pérez Romero. Wenn Sie sich übrigens wundern, wie spät diese Versionen entstehen: Galicisch unterlag wie auch Katalanisch und Baskisch während der bis 1974 dauernden Franco-Diktatur einer starken Unterdrückung.

Katalonien, das im Unterschied zum lange Zeit eher ländlich geprägten Galizien mit Barcelona über eine vibrierendes Kulturmetropole verfügte, sieht 1898 die Entstehung der ersten Übersetzung eines kompletten Shakespeare-Textes: Hamlet, von Artur Masriera. Bürgerliche Bildung zu erschwinglichen Preisen will die Buchreihe Biblioteca Popular dels Grans Mestres vermitteln, in der von 1907 bis 1910 insgesamt 16 Theaterstücke erscheinen. Es folgen wichtige Übersetzungen durch Magí Morera y Galícia wie XXIV Sonets (1912), Venus i Adonis (1917), Coriolà (1918), Hàmlet (1920), Romeu i Julieta (1923) und El marxant de Venècia (1924). Einen guten Überblick über die Geschichte, aber auch die Bedeutung der katalanischen Shakespeare-Übersetzungen bietet der Artikel von Dídac Pujol (2010) in der Zeitschrift des katalischen PEN-Clubs.

Auch für das Baskenland mit seiner regen Theaterszene spielen Shakespeare-Übersetzungen eine wichtige Rolle. So liegen Macbeth, Hamlet: Danimarkako Printzea und Lear Erregea bereits seit den 1950er Jahren komplett vor, in Auszügen auch schon früher. Inzwischen können baskische Leser über alle Werke verfügen bis hin zur gelobten Übersetzung der Sonnette durch Juan Garzia Garmendia von 2015.

Asturisch, ebenfalls im Nordwesten der Iberischen Halbinsel, wird von etwa 400.000 bis 500.000 Menschen gesprochen. Die SprecherInnen können Shakespeares Dramen seit 20 Jahren in ihrer eigenen Sprache lesen: El Rei Ricardo’l Terceru und El rei Enrique’l quintu wurden in den Jahren 1994 und 1995 von Milio Rodríguez Cueto übertragen, inzwischen liegen in der Version von Jon Bilbao auch Titus Andronicus und Coriolan vor.

 

23.4.1616… da war doch noch was anderes: zu Cervantes in Großbritannien, Irland und den USA geht’s hier.

Und für Kurzentschlossene: Am 26.4.2016 um 17 Uhr ist Shakespeare in der Staatsbibliothek.

Wie der Reichtum in die Welt kam: Die Geschichte von Wachstum, Geld und Krisen

von Raimund Waligora

Ein Anschaffungswunsch unserer langjährigen Leserin Ulrike Herrmann mit dem Titel: „Economic sentiments“ der US-amerikanischen Adam-Smith-Forscherin Emma Rothschild brachte uns zusammen. Der Fachreferent für Philosophie verband die Nachricht, dass die Staatsbibliothek den bei Harvard University Press erschienenen Band selbstverständlich beschaffen werde mit der Anfrage, ob sie bei einem Werkstattgespräch die Grundthesen ihres letzten  Buches einem interessierten Publikum vorstellen wolle. Die Zusage kam prompt und am 19. April 2016 fanden wir uns zu einem Podiumsgespräch.

Ulrike Herrmann, im Hauptberuf Wirtschaftskorrespondentin der Tageszeitung taz, ist in den letzten Jahren auch als erfolgreiche und sachkundige Buchautorin hervorgetreten. Ihr Buch „Der Sieg des Kapitals. Wie der Reichtum in die Welt kam“, zunächst bei Westend 2013 erschienen, wurde mehrfach neu aufgelegt, ins Finnische und Thai übersetzt und auch von der Bundeszentrale für politische Bildung ins Programm übernommen.

Vor über 100 Zuhörerinnen und Zuhörern erläuterte Ulrike Herrmann die Grundthesen ihres Werkes. Geld mache nicht reich, wir lebten nicht wirklich in einer Marktwirtschaft, die Globalisierung sei nicht neu und es sei zu klären, warum und wo der Kapitalismus zum welthistorischen Durchbruch gekommen sei.

„Ulrike Herrmann bürstet viele der weit verbreiteten wirtschaftspolitischen Mythen und der gängigen ökonomischen Allgemeinplätze gegen den Strich und öffnet Sichtweisen auf wirtschaftliche Zusammenhänge, die im Laufe der letzten Jahrzehnte durch die vorherrschende Glaubenslehre des sog. Neoliberalismus verstellt wurden.“  So in einer Rezension im Internetportal Nachdenkseiten.

Der interessante historische Ausgangspunkt war die Frage, was eigentlich Geld sei. An Beispielen von Kreditverschreibungen aus dem alten Mesopotamien  wurde anschaulich, dass Geld nichts mit Golddeckung zu tun hat und auch sonst kein Mysterium darstellt, sondern schlicht: Geld ist, was als Geld  akzeptiert wird.  Die Hauptrichtung ihres Vortrages wie auch der Kern Ihres Buches  ist die  differencia specifica  des Kapitalismus gegenüber anderen früheren Gesellschaftsformen, die sehr wohl auch den  Markt kannten. Es waren aber Gesellschaften der einfachen Reproduktion, ohne  wirkliches Wachstum.  Dass zum ersten Mal in der Geschichte Maschinen – also investiertes  Geld –  menschliche Arbeitskraft ersetzte, das ist für Ulrike Herrmann das Startsignal  für die industrielle Revolution. In ihren Worten: „Der Begriff Kapitalismus hat den Vorteil, daß er präzise beschreibt, was die heutige Wirtschaftsform auszeichnet:  Es geht um den Einsatz von Kapital mit dem Ziel, hinterher mehr Kapital zu besitzen, also einen Gewinn zu erzielen. Es handelt sich um einen Prozess, der exponentielles Wachstum erzeugt.“ (im Buch S. 9).  Die Folgerung, Wachstum könne es nur durch technischen Fortschritt geben und die Frage, ob der Kapitalismus  ohne ständiges Wachstum  an seine Grenzen stoße,  beherrschten die anschließende Diskussion.

Der Kapitalismus erzeuge nicht nur Wachstum, er benötige es auch, unendliches Wachstum sei aber in einer endlichen Welt nicht möglich. Was sei zu tun, wie sei das fundamentale Problem zu lösen?

Die drängende Frage, wie  denn die Transformation in eine nicht wachstumsfixierte Gesellschaft zu denken sei, fand leider keine befriedigende Antwort. Ulrike Herrmann teilte mit, keiner der im Wissenschaftsbetrieb tätigen  Ökonomen  hätte gegenwärtig das Thema Transformation auf der Agenda.  Für Wirtschafts- und Sozialwissenschaftler/innen ein „weites Feld“.

Das neue Buch von Ulrike Herrmann, in dessen Entstehungsprozess der Anschaffungsvorschlag „Economic sentiments“ ausgelöst wurde, ist vorangekündigt unter dem Titel:  „Kein Kapitalismus ist auch keine Lösung:  Was wir heute von Adam Smith, Karl Marx und Maynard Keynes lernen können.“  Wir dürfen gespannt sein.

 

Leierkastensänger und Nonsenspoet. Der (Kinder-)Lyriker James Krüss

Gut 56 Jahre nachdem James Krüss höchstpersönlich zu einer Lesung vor Kindern im Hause Unter den Linden zu Besuch war, lud die Kinder- und Jugendbuchabteilung am 5. April 2016 im Rahmen ihrer Veranstaltungsreihe „Kinderbuch im Gespräch“ zu einem Vortrag über den berühmten Kinderbuchautor ein.

1)Prof. Heller, Prof. Dr. Ewers und Carola Pohlmann, Leiterin der Kinder- und Jugendbuchabteilung, im abschließenden Gespräch mit dem Publikum

Prof. Heller, Prof. Dr. Ewers und Carola Pohlmann, Leiterin der Kinder- und Jugendbuchabteilung, im abschließenden Gespräch mit dem Publikum

Der Vortragende selbst, Prof. Dr. Hans-Heino Ewers, gilt seinerseits als unlängst emeritierter Professor der Literaturwissenschaft mit dem Schwerpunkt Kinder- und Jugendliteratur und ehemaliger Direktor des Instituts für Jugendbuchforschung an der Johann Wolfgang Goethe-Universität in Frankfurt am Main als einer der renommiertesten Forscher auf seinem Gebiet. Mit zahlreichen Zitaten unterhaltsam gespickt, bekamen die Zuhörer einen umfassenden Überblick insbesondere über das lyrische Wirken von James Krüss serviert. Prof. Ewers zeigte interessante stilistische Parallelen, u.a. zum Werk Heinz Erhardts, auf und belegte schließlich, dass Krüss trotz seiner großen Beliebtheit kein wirklicher „Kinderversteher“ war. Gerade in den Texten, in denen sich der Lyriker um eine kindliche Erzählperspektive bemüht habe, lasse sich letztlich stets die Stimme des Erwachsenen heraushören.

Das schmälert jedoch nicht die Begeisterung für Krüss‘ Werke, die, wie z.B. das vor fünfzig Jahren erstmals erschienene Bilderbuch „Henriette Bimmelbahn“, noch immer verlegt werden. Auch heute, zwanzig Jahre nach dem Tod des Autors, lassen sich die Leserinnen und Leser von der grundsätzlichen Absicht Krüss‘ verzaubern: „Haltet die Uhren an. Vergesst die Zeit. Ich will euch Geschichten erzählen.“ (Aus: Sommer auf den Hummerklippen)

Abgerundet wurde die Veranstaltung durch eine kleine Vitrinenausstellung, die Zeichnungen und Aquarelle von Eberhard Binder sowie Eva-Johanna Rubin zu verschiedenen Werken James Krüss‘ zeigte. Diese Originalillustrationen – der Leserschaft aus den gedruckten Werken zumeist wohlbekannt – zählen zur Sammlung der Originalillustrationen, einem der Schätze der Kinder- und Jugendbuchabteilung.

Skizzenheft von Eva Johanna Rubin zu James Krüss‘ Werk „Der Drachenturm“

Skizzenheft von Eva Johanna Rubin zu James Krüss‘ Werk „Der Drachenturm“

Unsere „orientalischen“ Neuerwerbungen

Sie sind auf der Suche nach aktueller Literatur zum Islam? Sie beschäftigen sich mit armenischer Literatur und würden gerne wissen, welche Literatur die Staatsbibliothek vor kurzem oder in den letzten Jahren aus Armenien erworben hat? Oder Sie möchten sich zur Geschichte Südafrikas informieren?

Mit diesen und weiteren Literaturwünschen zu Asien oder Afrika werden Sie in den „orientalischen“ Beständen der Staatsbibliothek zu Berlin fündig. Die Orientabteilung der Staatsbibliothek deckt nämlich ein sehr viel größeres Gebiet ab, als man angesichts ihrer – historisch begründeten – Benennung zunächst annehmen könnte: Sie erwirbt nicht nur Titel mit Bezug zum Nahen Osten und Nordafrika, sondern auch zum subsaharischen Afrika, zu Mittel-, Süd- und Südostasien, zum asiatisch-pazifischen Raum sowie zu Ozeanien und den indigenen Völkern Australiens und Neuseelands. Auch Literatur zum Judentum, zum Hebräischen und Jiddischen wird hier gesammelt. Den Bereich Ostasien betreuen dagegen unsere KollegInnen aus der Ostasienabteilung.

Literatur mit Bezug zum Orient im obigen Sinne meint dabei sowohl Publikationen aus den genannten Regionen (unabhängig von ihrem Thema) als auch Publikationen über diese Regionen (unabhängig vom Erscheinungsland). Der Schwerpunkt liegt dabei auf den Fächern Philosophie, Religionswissenschaft, Theologie, Geschichte, Politik, den Sozialwissenschaften und den Philologien.

Sie finden deshalb bei uns:

  • Wissenschaftliche Literatur mit Regionalbezug aus den genannten Fachgebieten in westlichen Sprachen sowie in ausgewählten Sprachen der jeweiligen Region
  • Quellen und Belletristik in Originalsprache (u.a. Arabisch, Türkisch, Armenisch, Hindi)

Neuerwerbungslisten der Orientabteilung

Um Ihnen die Orientierung in diesem vielfältigen Angebot zu erleichtern, bieten wir Ihnen seit kurzem neben dem stabikat einen weiteren Zugang zu diesen Beständen: Über die Neuerwerbungslisten der Orientabteilung können Sie sich die in den letzten Jahren erworbenen Titel geordnet nach Regionen, Ländern oder Themen anzeigen lassen und die gewünschte Literatur anschließend direkt in die Lesesäle oder zur Ausleihe nach Hause bestellen.

Neuerwerbungen der Orientabteilung nach Regionen/Ländern
Neuerwerbungen der Orientabteilung nach Themen

Über unsere Neuerwerbungen im Handschriftenbereich informieren wir Sie gesondert:
Neuerwerbungen von orientalischen Handschriften

Auch wenn das Durchstöbern einer Liste nicht ganz so viel Freude macht wie das Stöbern am Regal – wir freuen uns, wenn Sie diesen neuen Zugang nutzen, um den ein oder anderen spannenden Zufallsfund zu machen!

 

Übrigens:
Auch für die regionalen Sonderabteilungen Osteuropa und Ostasien sowie für den Hauptbestand bieten wir Neuerwerbungslisten:
Neuerwerbungen der Osteuropaabteilung
Neuerwerbungen der Ostasienabteilung
Neuerwerbungen des Hauptbestandes (nach Fachgebieten)