Digital Humanities Rundgang: Rückblick & Ausblick

Am 7. April 2016 fand in der Staatsbibliothek zu Berlin, Haus Potsdamer Straße, der 17. Berliner Digital Humanities Rundgang statt. Im Folgenden wollen wir einen kurzen Rückblick über die Veranstaltung geben und auch der Frage nachgehen, was die Bedeutung der Digital Humanities für die Staatsbibliothek, als auch der Staatsbibliothek für die Digital Humanities, ist.

Was sind “Digital Humanities”?

Was man genau unter den Digital Humanities (früher auch als “e-Humanities” oder “Humanities Computing” bekannt) versteht, ist schon beinahe so etwas wie die Gretchenfrage. Laut Wikipedia subsumiert man unter der Bezeichnung “die Anwendung von computergestützten Verfahren und die systematische Verwendung von digitalen Ressourcen in den Geistes- und Kulturwissenschaften.” Wie vielfältig die konkreten Ausprägungen von Digital Humanities tatsächlich sind, lässt sich gut anhand der über die Jahre gesammelten Definitionsbeiträge unter “What is Digital Humanities” (in Englisch) ersehen. Das thematische Spektrum reicht dabei von digitalen Texteditionen über vielfältigste virtuelle Forschungsumgebungen bis hin zu 3D-Rekonstruktionen archäologischer Stätten.

Word cloud von "What is Digital Humanities"

Word cloud von “What is Digital Humanities”

Hierzulande haben sich die Digital Humanities in einer Unconference im Rahmen der Internationalen Konferenz “Digital Humanities 2012” in Hamburg organisiert – der daraus hervorgegangene Verband DHd – “Digital Humanities im deutschsprachigen Raum” – versteht sich dabei als Interessensvertretung aller Forschenden und Studierenden die, unabhängig von der jeweiligen Fachdisziplin, in den Digital Humanities aktiv sind.

Speziell in Berlin existiert mit dem “Interdisziplinären Forschungsverbund Digital Humanities in Berlin” (if|DH|b) eine eigene Organisationsform, in der sich Berliner Einrichtungen und ForscherInnen vernetzen und austauschen können. Eines der vielfältigen Angebote des if|DH|b ist der “Berliner DH-Rundgang.” Bei den meist einmal im Monat stattfindenden Rundgängen stellt sich jeweils eine Berliner Einrichtung mit ihren für die Digital Humanities relevanten Angeboten und Aktivitäten vor. So können sich die TeilnehmerInnen über die örtlichen Ressourcen und Kompetenzen informieren und AnsprechpartnerInnen und Kooperationsmöglichkeiten kennenlernen.

Das Programm des DH-Rundgang an der Staatsbibliothek

Das Programm des DH-Rundgangs an der Staatsbibliothek war so zugeschnitten, dass nach der Begrüßung und Einführung in die Strategie des Hauses zu Kooperation mit Wissenschaft und Forschung zunächst die “Kernangebote” der Staatsbibliothek näher vorgestellt, und dann nach und nach Verbund- und Kooperationsprojekte auf nationaler sowie schließlich auf internationaler Ebene präsentiert wurden:

Begrüßung der Teilnehmer durch Reinhard Altenhöner

Begrüßung der Teilnehmer durch Reinhard Altenhöner, Ständiger Vertreter der Generaldirektorin. Foto © Swantje Bahnsen

Mit rund 30 TeilnehmerInnen war der Konferenzraum bis auf den letzten Platz gefüllt – erfreulich dass so großes Interesse an der StaBi besteht. Da unsere Mitarbeiter mit viel Leidenschaft von ihren Tätigkeiten berichteten, und auch zahlreiche Fragen von den aufmerksamen Gästen zu beantworten waren, wurde die vorgesehene Zeit um beinahe eine dreiviertel Stunde überzogen. Mit Freude können wir sagen: nicht ein einziger Gast hat die Veranstaltung (trotz Möglichkeit) vorzeitig verlassen – und selbst nach Ende der Veranstaltung blieben noch zahlreiche Gruppen in Gespräche über laufende Projekte und mögliche Kooperationen vertieft.

Sollten sie ihrerseits ebenfalls Interesse am Austausch mit der Staatsbibliothek zu Themen der Digital Humanities haben, können sie gerne die oben genannten Vortragenden unter vorname.nachname@sbb.spk-berlin.de kontaktieren – oder direkt einen Kommentar hier im Blog hinterlassen.

Ausblick

Die voranschreitende Digitalisierung in Bibliotheken, Archiven und Museen kann geradezu als Initialmoment für die Digital Humanities gesehen werden. Nur dank der Verfügbarkeit großer Mengen von digitalisierten Beständen können WissenschaftlerInnen heute Millionen von Texten mithilfe von Computerprogrammen auf einmal analysieren. So gehören die Digital Humanities inzwischen zu den aktivsten Nutzern von Digitalen Sammlungen und spielen eine bedeutende Rolle bei der Priorisierung von Digitalisierungsvorhaben, der Bereitstellung von Online-Diensten für die Wissenschaft sowie als Partner der Staatsbibliothek in diversen Forschungsprojekten.

Auch die Frage danach welche Rolle insbesondere Bibliotheken für die Digital Humanities spielen, wird aktuell rege diskutiert. Das (englischsprachige) Blog dh+lib sammelt bereits seit einigen Jahren Beiträge zu gelungenen Kooperationen und modellhaften Beispielen der Zusammenarbeit an der Schnittstelle von Bibliothek und Forschung.

Einen interessanten Beitrag zur Rolle der Bibliothek für die Digital Humanities stellt auch die Keynote von Jan-Christof Meister, Professor für Neuere deutsche Literatur an der Universität Hamburg, bei der IFLA News Media Konferenz 2016 dar. Darin fordert Meister die Bibliotheken dazu auf, sich als “epistemological agents” zukünftig noch intensiver an den Digital Humanities zu beteiligen. Ihm schwebt eine Art “DH-Helpdesk” in Bibliotheken vor, d.h. ein Service der neben der klassischen Literaturrecherche auch zu digitalen Korpora und Werkzeugen, Methoden und Herausforderungen sowie Fragen der Veröffentlichung und langfristigen Verfügbarkeit von Publikationen und Datensets Auskunft gibt. Dadurch werden Bibliotheken sehr viel aktiver und auch gleichberechtigter in den Forschungsprozess mit eingebunden denn schlicht als Anbieter von digitalem “Content”.

Ein ähnliches Konzept wurde bereits vor einigen Jahren an der British Library oder der Nationalbibliothek der Niederlande umgesetzt, wo “Digital Scholarship” bzw. ein “Digital Humanities Programme” bereits zum Alltag gehören. In beiden Einrichtungen gibt es sog. Labs, in denen mit digitalen Sammlungen und Technologien für Textmining oder Datenvisualisierung experimentiert werden kann, sowie ein dezidiertes Team und Programm in dem ausgewählte WissenschaftlerInnen mit BibliothekarInnen in innovativen Forschungs- und Nutzungsszenarien erfolgreich zusammenarbeiten. Hiervon lässt sich sicherlich auch noch das eine oder andere für die Angebote und Dienste der Bibliotheken in Deutschland lernen.

SBB Konferenzraum mit Teilnehmern

Mit rund 30 Teilnehmern war der DH-Rundgang gut besucht. Foto © Swantje Bahnsen

Zuletzt sei noch allen, die diesen Termin verpasst aber dennoch Interesse haben, die Staatsbibliothek zu Berlin und ihre Bedeutung für die Digital Humanities näher kennen zu lernen, gesagt dass dies sicherlich nicht der letzte DH-Rundgang an der Staatsbibliothek war. Die relevanten Angebote des Hauses sind zu zahlreich um alles in einem (zumal nur 2-stündigen) Termin unterzubringen – so wird es voraussichtlich noch mindestens einen weiteren DH-Rundgang in der Staatsbibliothek geben.

Weiterführende Links

 

Die Ur- und Frühgeschichte in der Staatsbibliothek und gleich nebenan

Vom 5. bis zum 8. Mai 2016 findet unter dem Titel „Archäologie & Macht. Positionsbestimmungen für die Zukunft der Vergangenheitsforschung“ im Vortragssaal des Kulturforums, Matthäikirchplatz, 10785 Berlin die Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Ur- und Frühgeschichte statt.

Die Veranstalterin schreibt hierzu: „Archäologie wird in einem komplexen Kräftespiel betrieben, in dem sich auch entscheidet, wie viel fachlich gesteuerte staatliche Archäologie es künftig noch geben wird. Andere Akteure gewinnen rapide an Einfluss, z.B. in Sozialen Medien. Gesetze, welche die Archäologie massiv beeinflussen, werden beschlossen – und die Archäologie agiert und reagiert kaum. …“. Gesucht werden Lösungen aus diesem Dilemma, damit die Erforschung der Vergangenheit eine Zukunft hat. Nebenbei sind auch die beruflichen Perspektiven der Archäologenzunft im Blick zu behalten.

Zum Programm kommen Sie hier:

http://www.dguf.de/index.php?id=392

Informationen zur Anmeldung erhalten Sie hier:

http://www.dguf.de/index.php?id=384

Die Teilnahmegebühr beträgt 70 € bzw. 45 € für Studierende und DGUF-Mitglieder (Aufschlag von 10 € bei Anmeldung im Tagungsbüro).

Die Deutsche Gesellschaft für Ur- und Frühgeschichte e. V. (DGUF) ist mit mehr als 700 Mitgliedern die größte deutschlandweit auf dem Gebiet der Ur- und Frühgeschichte tätige Vereinigung, in der an Archäologie interessierte Bürgerinnen und Bürger ebenso wie Forschende zusammengeschlossen sind. Die DGUF bündelt die Interessen der in der Ur- und Frühgeschichte tätigen Gelehrten sowie der Öffentlichkeit mit einem Interesse an der heimischen Archäologie. Die Gründung des Verbandes 1969 war ein Politikum, weil mit der Namensgebung die geplante Wiederbegründung eines anderen, durch die allzu enge Verstrickung in den Nationalsozialismus desavouierten Verbandes erfolgreich obstruiert wurde. Die ehemalige Deutsche Gesellschaft für Vorgeschichte war 1909 von dem einstmals führenden, aber heute stark umstrittenen Prähistoriker Gustaf Kossinna gegründet worden.

Im Bestandsaufbau der Staatsbibliothek zu Berlin und ihrer Vorgängerinstitutionen besitzt die Literatur zur heimischen Ur- und Frühgeschichte einen hohen Stellenwert. Die Veröffentlichungen der Landesämter für Archäologie und Denkmalpflege werden vollständig gesammelt. Weltweit werden die wissenschaftlich relevanten Neuerscheinungen recht intensiv erworben, dabei zunehmend auch elektronische Publikationen. Mehr dazu können Sie hier erfahren:

http://staatsbibliothek-berlin.de/recherche/fachgebiete/altertumswissenschaften/

 

Werkstattgespräch zur Ästhetik, Ideologie und Poetizität der deutschen Schriftmuster am 3.5.

Werkstattgespräch
“Salvator. Goethe. Radio.” Ästhetik, Ideologie und Poetizität der deutschen Schriftmuster
Dr. Thomas Rahn, Freie Universität Berlin

Dienstag, 3. Mai
18.15 Uhr
Konferenzraum 4, Haus Unter den Linden
(Eingang Dorotheenstraße 27)
Treffpunkt: Eingangshallsbereich (Rotunde)
Anmeldung


Der Vortrag widmet sich, mit Schwerpunkt auf dem Zeitraum zwischen 1870 und 1950, der Geschichte und Gestaltung einer wenig beachteten Gattung von Werbematerial: Die Schriftmusterhefte und Kataloge der Buchdruckereien und Schriftgießereien sind nicht allein als ästhetisch ambitionierte Leistungsschau des jeweils aktuellen Schriftdesigns interessant, sie lassen auch durch ihre Textauswahl die Strategie erkennen, einzelne Schriften jeweils mit einem bestimmten Programm zu versehen, sprich: mit konkreten semantischen Feldern zu verknüpfen. Gezeigt werden soll die funktionale und inszenatorische Bandbreite der Schriftmuster zwischen kalkulierter Ideologisierung (etwa ‚deutscher‘, ‚ökonomischer‘ oder ‚idyllischer‘ Schriften) einerseits und der quasipoetischen ‚typographie automatique‘ assoziativer (und manchmal ironischer) Wortkombinationen andererseits.

 

Eine Veranstaltung aus der Reihe Die Materialität von Schriftlichkeit.

Weitere Termine der Wissenswerkstatt