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Stefan Aust: “Hitlers erster Feind” – Lesung am 17. Oktober um 18 Uhr

 

Stefan Aust: Hitlers erster Feind. Der Kampf des Konrad Heiden. Rowohlt Verlag. Buchcover

Lesung und Gespräch

Stefan Aust:
Hitlers erster Feind. Der Kampf des Konrad Heiden

 

Einführung: Barbara Schneider-Kempf (Generaldirektorin der Staatsbibliothek zu Berlin) und André Schmitz (Vorsitzender der “Freunde der Staatsbibliothek zu Berlin e. V.”)
Moderation: Johannes Tuchel (Leiter der Gedenkstätte Deutscher Widerstand)

Dienstag, 17. Oktober 2017
18 Uhr, Dietrich-Bonhoeffer-Saal, Haus Potsdamer Straße 33
Eintritt frei, um Anmeldung unter freunde@sbb.spk-berlin.de wird gebeten

 

 

 

Konrad Heiden war einer seiner schärfsten Kritiker, und doch soll Hitler sich bei Veranstaltungen manchmal geweigert haben, mit seiner Rede zu beginnen, bevor er nicht eingetroffen war. Geboren 1901 in München gehörte Heiden als Mitarbeiter der angesehenen «Frankfurter Zeitung» zu den ersten Publizisten, die den Aufstieg der Nazis bereits in München Anfang der zwanziger Jahre kritisch begleiteten. «Marsch ohne Ziel, Taumel ohne Rausch, Glauben ohne Gott und selbst in seinem Blutdurst ohne Genuß» – so charakterisierte er die Bewegung in einem Buch, das Ende 1932 im Rowohlt Verlag herauskam. Im März 1933 zur Flucht gezwungen, setzte Heiden seinen Kampf gegen das Regime fort. Auf seiner zweibändigen Hitler-Biographie, die 1936/37 in der Schweiz herauskam, bauten fast alle späteren Lebensbeschreibungen des Diktators auf. Nach Aufenthalten im Saarland und Frankreich gelangte Heiden 1940 in die USA. Dort galt er als führender Experte für das NS-Regime und dessen «Staatsfeind Nr. 1». 1966 starb er in New York.
Stefan Aust porträtiert diesen faszinierenden Mann und lässt aus seiner Perspektive Hitlers Aufstieg und Herrschaft lebendig werden.

 

Stefan Aust, Fotograf: Oliver Schulze, Rechte bei N24 Media GmbH.

 

 

Stefan Aust, geboren 1946, ist Herausgeber der Welt, der Welt am Sonntag und von N24. Zuvor war er 14 Jahre Chefredakteur des Nachrichtemagazins Der Spiegel sowie Gründer und Geschäftsführer von Spiegel TV. Er schrieb zahlreiche Bücher, z. B. Der Baader Meinhof Komplex, Heimatschutz (2014, mit Dirk Laabs), und Digitale Diktatur (2014, mit Thomas Ammann).

Das Gebäude der Königlichen Bibliothek am Opernplatz in den Jahren 1774 bis 1909 – Werkstattgespräch am 24.10.

Wissenswerkstatt

Zwischen Mangelverwaltung und Innovation – Das Gebäude der Königlichen Bibliothek in Berlin am Opernplatz in den Jahren 1774 bis 1909

Werkstattgespräch mit Dr.-Ing. Elke Richter, BTU Cottbus-Senftenberg
Einführung von Barbara Schneider-Kempf, Generaldirektorin der Staatsbibliothek zu Berlin
Dienstag, 24. Oktober 2017
18.15 Uhr
Dietrich-Bonhoeffer-Saal
Haus Potsdamer Straße
Eintritt frei, Anmeldung erbeten

 

Bis zum Umzug in ihr Haus Unter den Linden im Jahr 1909 hatte die Königliche Bibliothek zu Berlin als Vorgängerinstitution der heutigen Staatsbibliothek 125 Jahre lang ihren Sitz in dem Gebäude am Bebelplatz, das den leicht abwertenden Spitznamen „Kommode“ trägt. Im Gegensatz zu seiner barocken, schon damals nicht mehr modernen Architektursprache wurde mit dem Bau ein modernes Bibliothekskonzept verwirklicht, an dem sich die Entwicklung von der barocken Saalbibliothek zur Magazinbibliothek des 19. Jahrhunderts ablesen lässt.

Die Geschichte des Bibliotheksgebäudes ist geprägt von den Versuchen, die Buchunterbringung, die interne Abläufe und die Benutzbarkeit zu verbessern. In ihrem Vortrag beleuchtet Elke Richter die verschiedenen Umbau- und Erweiterungsmaßnahmen, in denen hochmoderne Entwicklungen des zeitgenössischen Bibliotheksbaus aufgegriffen wurden. Die Rolle der Oberbibliothekare im komplexen Netzwerk von Planungsbeteiligten wird ebenso betrachtet wie die Funktion des Bibliotheksgebäudes als Ort von Beziehungen zwischen Bibliothekaren und Nutzern und zwischen Menschen und Büchern.

Das Werkstattgespräch wird begleitet von einer Kabinettausstellung mit ausgewählten Beständen der Staatsbibliothek zum Gebäude der Königlichen Bibliothek.

 

Alle Veranstaltungen der Wissenswerkstatt.

Wissenswerkstatt-Workshop Haus Potsdamer Straße | SBB-PK CC NC-BY-SA

Wissenswerkstatt im Februar

In unserer Wissenswerkstatt vermitteln wir Ihnen elektronische Ressourcen oder Internetquellen zu Ihrem Fach, zeigen Ihnen Wege auf, wie Sie schnell und treffsicher zu den gewünschten Suchergebnissen kommen, elektronische Texte oder Digitalisate finden und diese weiter verarbeiten können. Im Februar möchten wir Sie zu folgenden Workshops einladen:

 

Wie finde ich was und wie geht es weiter? Strategien für die erfolgreiche Recherche
Donnerstag, 9. Februar, 15.00 Uhr

„Ich hab noch einen Laptop in Berlin…“ – Recherchieren nach Berlin-Beständen
Donnerstag, 16. Februar, 16.00 Uhr

Fragestunde Philologien
Donnerstag, 23. Februar, 15.30 Uhr

Fragestunde Bild-Datenbanken
Dienstag, 28. Februar, 17.00 Uhr

Außerdem findet im Januar und Februar unsere Asien-Reihe  statt, in der wir Ihnen u. A. unser Portal CrossAsia vorstellen.

 

Zur Übersicht der Wissenswerkstatt

Ein Angebot der Staatsbibliothek zu Berlin und ihrer Kooperationspartner.

Political agency through representation: Emperor William I as monarchical political actor

Gastbeitrag von Frederik Frank Sterkenburgh, The University of Warwick

Scholarly literature with regard to German Emperor William I shows an important discrepancy. On the one hand, William is considered politically feeble because of his chancellor Otto von Bismarck’s overbearing personality. According to this point of view, he grew, from 1871, an imperial figurehead, albeit an unwilling one. On the other hand, historians such as Andreas Biefang and Alexa Geisthövel have demonstrated that William consciously sought to craft his public image making use of the emerging mass printed media. From this angle, much greater agency appears to be ascribed to the monarch. Both perspectives follow a wider body of scholarship that sees monarchs in the second half of the 19th century as growing into symbolic figureheads with declining political powers, while also being forced to adapt to the changing media landscape. This begs the important question whether we need a more differentiated definition of political agency. A renewed look at the sources allows us to reconsider these arguments with regard to 19th century monarchs in general and William I in particular.

To develop a new definition of monarchical political agency, we can draw on cultural approaches to political history. Barbara Stollberg-Rilinger has argued that all political entities depend on representation in order to become a political reality. Only through representation a political order can be mediated in a conceivable manner. To this end, all political representations depend on symbolic acts in order to emphasize the particular political order they seek to create and reaffirm. Andreas Biefang has defined symbolic acts as all forms that are connected with political communication, such as language, architecture and ceremonial. Importantly, such representations need to be perceived by and resonate with the intended audience in order to become effective. Defining political agency in this manner allows to establish which groups are deemed instrumental in upholding the political order. Such a definition is particularly applicable to William, for whom relying on institutional or geographical dominance was of little use to effectuate his political agency because of Bismarck’s dominant role in the governmental executive, on the one hand, and the persistence of other German states, dynasties and identities after 1871, on the other.

The Newspaper Department of the Staatsbibliothek zu Berlin provides a rich corpus of contemporary material to subject this definition to scrutiny of the sources. In particular, the wide variety of newspapers with different political, regional and religious backgrounds offered a chance to consider in what manner and to which audiences William communicated the political order that he stood for, so as to make both his role as imperial figurehead and the monarchical form acceptable to as large a part of the population as possible. In addition, through the detailed descriptions of events that many 19th century newspapers provide, they fill in gaps in knowledge not provided by archival sources, such as about clothing or gestures. In the context of cultural history and cultural approaches to political history, these are important indicators of how power structures, political orders and the accompanying discourses are communicated.

An example drawn from newspaper accounts can make this clear. In 1876, the annual military manoeuvres were held for the first time outside Prussia, so as to include military units from other German states and contribute to the integration of the German Empire. William attended these military manoeuvres as they offered him a chance to acknowledge the other German states and dynasties. Newspaper accounts provide the details: He did this, amongst other things, by wearing the uniform or medals from the respective state he visited. As the Kreuzzeitung described the manoeuvres held in Saxony in 1876, ‘Se. Maj. der Kaiser und König, welcher durch Seine auch hier allgemein in Erstaunen setzende Frische und Rüstigkeit Freude in weitesten Kreisen und Jubel hervorrief, trug preußische große Generals-Uniform mit den Abzeichen eines General-Feldmarschalls, das lichtblaue schmal gelb geränderte große Band des K.sächsischen Militär-Heinrich-Ordens, die preußischen Kriegs-Orden und das Großkreuz des Heinrich-Ordens mit dem Lorbeerkranze, das einzige, welches mit diesem Schmucke vorhanden ist, und welches König Johann dem König Wilhelm am 9. October 1870 verliehen hat.’ Upon his departure from Leipzig after the military manoeuvres, William had published a letter to the mayor, written by either himself or the cabinet, which included his statement that ‘Mir ist hier, wo vor 63 Jahren der erste Schritt für die Vereinigung Deutschlands mit blutigen Opfern erkämpft wurde, überall eine so wohlthuende Darlegung der Sympathie für die Einigkeit Deutschlands, verbunden mit warmer und treuer Anhänglichkeit an den Landesherrn entgegengetreten, daß es Mir, ein wahres Herzensbedürfniß ist, Meiner freudigen Befriedigung hierüber Worte zu geben. Der Name der Stadt Leipzig ist bisher jederzeit unter den ersten genannt worden, wo es die Ehre und Größe Deutschlands galt.‘

Such newspaper accounts give insight into William’s political agency in two respects. First, they demonstrate how he acknowledged the dynastic-federalist nature of the German Empire. Through descriptions of the uniform he wore and the medals he had pinned on his uniform, it can be established that William used these symbols to acknowledge and underline the dynastic-federal character of the German Empire. Although the example quoted here applies to Saxony, we may assume that similar acts were carried out with regard to other German states. This suggests an active approach of William to the construction of the German Empire and challenges arguments about him as a Prussian king being a reluctant German Emperor.

The second point is the historical narrative provided by the letter William had handed to the mayor. Important here is the reference to the Napoleonic wars, and the battle of Leipzig in 1813 in particular, which is presented as a stepping stone towards eventual German unification in 1871. In this manner, William contributed to the construction of a historical narrative in which Prussia’s role in German history was underlined. Although such messages were readily relayed in private, they were written with the intention of being published in newspapers. There is a specific importance in the fact that these symbolic acts were noticed, both by the audience directly present and in newspaper coverage. Therefore, newspaper coverage provides a means to gauge to what extent William’s use of symbolic acts was circulated and popularized.

A further result of the research conducted in the Newspaper Department are much richer contours of how William framed his status and his monarchical power in relation to different geographical, religious and historical contexts. An example can illustrate this. In October 1880, William attended the dedication of the Cologne Cathedral. The Kölnische Zeitung wrote that ‘Wer immer seit zwei Mensenaltern ein Herz und einen guten Wunsch hatte für das deutsche Vaterland, der hatte auch ein Herz und eine Gabe für den Dom von Köln, und es war eine bedeutsame Fügung in dem Geschicke der Völker, das des deutschen Reiches Gründer auch des Kölner Domes Vollender sein sollte, dieses schicksalvollen Wunderwerkes, das wie kein zweites seit der ersten Grundsteinlegung bis zur Krönung seiner Türme ein Wahrzeichen und Symbol gewesen des deutschen Reiches und der Geschicke der deutschen Nation’. By contrast, the Frankfurter Zeitung wrote, more perceptively, that ‘Dieser Feier, die eine kirchliche sein soll, wohnte der Klerus nicht bei. Im Dom waren heute die zelebrierenden Priester zugegen und ein Weihbischof, welcher Kaiser Wilhelm empfing, im Uebrigen, zeigte sich weder in den Straßen, noch auf dem Festplatze ein Geistlicher. Zog man die große Menge aufgebotenen Militärs und die in Uniform erschienen Fürstlichkeiten in Betracht, so konne man eher an ein militärisches Fest glauben…’ Apart from such diverging appreciations, it is also telling that the Kölnische Zeitung spent several pages on its coverage, while the Frankfurter Zeitung’s comments come from the barely three columns on the bottom of its front page covering the event. This not only reflects these newspapers being of Catholic and of liberal orientation respectively, but also the one being a local and the other a national newspaper.

These divergences in treatment are significant in so far as they point to the workings of William’s political agency. The examples of the newspapers demonstrate that William’s symbolic acts were picked up by newspapers differently, contributing to them being circulated to a wider audience. As such, newspapers helped give contours to William’s imperial role, adapting it to different regions, social groups and confessional belongings. They helped shape perceptions of the monarchy, but it is not simply the case that newspapers forced the monarch to react. The examples demonstrate that William used this medium clearly to his own advantage. Newspapers thus extended the political leverage of the monarch, representing not just national audiences, but regional and local constituencies that could be related to and addressed. In this sense, newspapers form an important tool for analysing the political agency of nineteenth-century monarchs in general and William I in particular, because they became such important carriers of cultural meaning that went far beyond specific political decisions. As such they crafted a particular form of political influence based on dominating popular perception that a cultural approach to political history can reveal.

 

Primary sources

Frankfurter Zeitung, 17 October 1880.

Kölnische Zeitung, 15 October 1880.

Königlich Privilegirte Berlinische Zeitung von Staats- und Gelehrten Sachen. Vossische Zeitung, 9 September 1876.

Neue Preußische Zeitung / Kreuzzeitung, 17 September 1882.

 

Secondary literature

Biefang, Andreas, Die andere Seite der Macht. Reichstag und Öffentlichkeit im >>System Bismarck<< 1871-1890 (Düsseldorf 2009).

Biefang, Andreas, Michael Epkenhans and Klaus Tenfelde, ‘Das politische Zeremoniell im Deutschen Kaiserreich 1870-1918. Zur Einführung’ in: Andreas Biefang, Michael Epkenhans and Klaus Tenfelde, eds., Das politische Zeremoniell im Deutschen Kaiserreich 1871-1918 (Düsseldorf 2008) 11-28.

Clark, Christopher, Iron Kingdom. The rise and downfall of Prussia, 1600-1947 (Cambridge, Massachusetts 2006).

Geisthövel, Alexa, ‘Nahbare Herrscher. Die Selbstdarstellung preußischer Monarchen in Kurorten als Form politischer Kommunikation im 19. Jahrhundert’ in: Forschung an der Universität Bielefeld 24 (2002) 32-37.

Geisthövel, Alexa, ‘Den Monarchen im Blick. Wilhelm I. in der illustrierten Familienpresse’ in: Habbo Knoch and Daniel Morat eds., Kommunikation als Beobachtung. Medienwandel und Gesellschaftsbilder 1880-1960 (Munich 2003) 59-80.

Geisthövel, Alexa, ‘Wilhelm I. am ‘historischen Eckfenster’: Zur Sichtbarkeit des Monarchen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts’ in: Jan Andres, Alexa Geisthövel and Matthias Schwengelbeck eds., Die Sinnlichkeit der Macht. Herrschaft und Representation seit der Frühen Neuzeit (Frankfurt am Main 2005) 163-185.

Stollberg-Rilinger, Barbara, ‘Was heißt Kulturgeschichte des Politischen?’ in: Barbara Stollberg-Rilinger ed., Was heißt Kulturgeschichte des Politischen? (Berlin 2005) 9-24.

Schwengelbeck, Matthias, ‘Monarchische Herrschaftsrepräsentationen zwischen Konsens und Konflikt: Zum Wandel des Huldigings- und Inthronisationszeremoniells im 19. Jahrhundert’ in: Jan Andres, Alexa Geisthövel and Matthias  Schwengelbeck eds., Die Sinnlichkeit der Macht. Herrschaft und Representation seit der Frühen Neuzeit (Frankfurt am Main 2005) 123-162.

Vogel, Jakob, ‘Rituals of the ‘Nations in Arms’: military festivals in Germany and France, 1871-1914’ in: Karin Friedrich ed., Festive culture in Germany and Europe from the sixteenth to the twentieth century (Lewiston 2000) 245-264.

 

Herr Frederik Frank Sterkenburgh, The University of Warwick, war im Rahmen des Stipendienprogramms der Stiftung Preußischer Kulturbesitz im Jahr 2016 als Stipendiat an der Staatsbibliothek zu Berlin. Forschungsprojekt:“Monarchical rule and political culture in Imperial Germany: the reign of William I, 1870 – 1888”

Werkstattgespräch zu Wilhelm I. am 21. 6. 2016

Prunkstück Lutherbibel – drei Brüder aus dem Hause Anhalt bestellen in der Cranach-Werkstatt

Die auf Pergament gedruckte Johannbibel in der Ausstellung „Bibel – Thesen – Propaganda“.

Handkolorierte Bibeln, mit zusätzlicher individueller Bildausstattung und auf Pergament gedruckt, wurden als Luxusprodukte hergestellt und blieben aufgrund des Preises meist dem Hochadel vorbehalten. Gerade aus der Wittenberger Cranach-Werkstatt stammen viele sorgfältig produzierte Prachtbibeln mit dem Text der Lutherübersetzung, hier eine von Hans Lufft 1541 gedruckte und von Lucas Cranach d. J. für Johann IV. von Anhalt gestaltete Pergamentbibel in zwei Bänden. Die Fürsten von Anhalt sind bis heute bekannt für ihre bibliophilen Neigungen und die Pracht ihrer Bücher und Bucheinbände aus dem 16. Jahrhundert.

Margarethe Fürstin_von_Anhalt am Hausaltar.

Margarethe Fürstin von Anhalt am Hausaltar.

Die drei Söhne des Fürsten Ernst von Anhalt und der Margarethe von Münsterberg

Zunächst sah es nicht gut aus für die Verbreitung der Lutherbibel in Anhalt-Dessau: Im Gegensatz zu den anhaltinischen Landesteilen Köthen und Bernburg, die bereits 1525/1526 zur Reformation übergangen waren, sorgte die Fürstinwitwe Margarethe (1473-1530), die seit dem Tod ihres Mannes die Regentschaft in Anhalt-Dessau übernommen hatte, für ein striktes Festhalten am katholischen Glauben. Margarethe sah sich in ihrer Haltung auch von ihrem Cousin, dem Erzbischof Albrecht von Magdeburg, bestärkt und versuchte beispielsweise 1525 ein Bündnis der schärfsten Gegner der Reformation in Dessau zu initiieren, um die Ausbreitung des neuen Glaubens zu bekämpfen.

Damit war klar: Solange ihre Mutter lebte, durften die drei Söhne Johann (1504-1551), Georg (1507-1553) und Joachim (1509-1561) die lutherische Lehre nicht offen unterstützen. Allerdings hatten die beiden älteren Söhne Johann und Georg bereits enge Kontakte zu Martin Luther und seinem Umfeld und so führten die Brüder 1534, nach dem Tod Margarethes, auch in Anhalt-Dessau die Reformation ein. Insbesondere der als Siebzehnjähriger zum Priester geweihte zweitgeborene Sohn Georg, der inzwischen Dompropst in Magdeburg geworden war, erwies sich als eifriger Förderer des lutherischen Glaubens und erhielt den Beinamen „der Gottselige“. Als im Bistum Merseburg ebenfalls der evangelische Glaube Einzug gehalten hatte, versah Georg als evangelischer Koadjutor von 1545 bis 1549 dort die Aufgaben des ehemaligen Bischofs. Nachdem die drei Brüder einige Jahre lang gemeinsam regiert hatten, teilten sie im Jahre 1544 das Fürstentum auf: Johann IV. regierte im Zerbster Landesteil, Georg III. erhielt Plötzkau und Joachim I. Dessau. Georg und Johann starben unverheiratet und kinderlos, Johann erlitt kurz nach der Landesteilung einen Schlaganfall und erholte sich davon bis zu seinem Tode nicht mehr. Aus Johanns 1534 geschlossener, trotz intensiver Vermittlungsbemühungen Luthers höchst unglücklich verlaufender Ehe mit der jüngsten Tochter des brandenburgischen Kurfürsten Joachim I. und Witwe des Pommern-Herzogs Georg I., Margareta (1511-1577) stammten jedoch wieder drei Söhne, so dass sich die komplizierte Geschichte der anhaltinischen Landesteilungen fortsetzte.

Die drei Brüder Johann, Georg und Joachim von Anhalt

Die drei Brüder Johann, Georg und Joachim von Anhalt

Die Lutherbibeln der drei Brüder

Die für Johann hergestellte Bibel enthält heute nur noch eine zusätzlich eingefügte Miniaturmalerei von Lucas Cranach dem Jüngeren, die wohl auf 1543/1544 zu datierende Allegorie auf Gesetz und Gnade bzw. Gesetz und Evangelium. Hier wird in vielen detailreichen Szenen, gewissermaßen als durch den links verdorrten, rechts grünen Baum geteiltes „Wimmelbild“ eine zentrale reformatorische Botschaft dargestellt: Allein Christus, der stellvertretend für den Menschen gestorben ist, kann die auf der linken Bildseite dargestellte Verurteilung durch das Gesetz aufheben. Nur durch seinen Glauben (sola fide) wird der Mensch der göttlichen Vergebung in Form des erlösenden Blutstrahls teilhaftig. Gut bezeugt ist, dass der erste Band der Johannbibel bis mindestens 1668 auch noch zwei von Lucas Cranach dem Jüngeren gemalte Porträts enthielt, die wohl Johanns Brüder Georg und Joachim darstellten. Nach 1819 war dann nur noch das Georg-Porträt vorhanden, und auch dieses ist heute – nachdem es zwischen 1928 und 1939 herausgelöst und in den Bestand der Handschriftenabteilung überführt worden war – verschollen. Immerhin existiert eine 1923 veröffentlichte Abbildung dieses Porträts, das auf das Jahr 1554 datiert gewesen sein soll und damit erst nach Johanns und Georgs Tod hinzugefügt worden sein müsste.

Allegorie auf Gesetz und Gnade von Lucas Cranach d. J. im zweiten Band der Johannbibel. Abteilung Historische Drucke. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Allegorie auf Gesetz und Gnade von Lucas Cranach d. J. im zweiten Band der Johannbibel. Abteilung Historische Drucke. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Auch Georg und Joachim besaßen handkolorierte Prachtbibeln der 1541 von Hans Lufft gedruckten Ausgabe. Die Georgsbibel wurde als dreibändige Pergamentbibel angefertigt und ebenfalls von Lucas Cranach dem Jüngeren mit zusätzlichen Miniaturmalereien ausgestattet und handkoloriert. Neben einer der Johannbibel sehr ähnlichen, auf 1544 datierten Ausführung von „Gesetz und Gnade“ enthält die Georgsbibel als weiteres „Extra“ noch ein Melanchthon-Porträt. Aus dem Besitz Joachims I. ist dagegen lediglich ein handkoloriertes Papierexemplar in zwei Bänden nachgewiesen, deren Einbanddeckel auf das Jahr 1542 datiert sind. Eine dritte Pergamentbibel des Druckes von 1541 ist zwar erhalten, ihr Auftraggeber lässt sich jedoch nicht zweifelsfrei identifizieren: Es handelt sich um die Zerbster Prachtbibel oder Rathausbibel, ein wohl ebenfalls für einen fürstlichen Auftraggeber aus dem Hause Anhalt hergestelltes dreibändiges Exemplar. Alle drei Pergamentausgaben waren offenbar in geblümten schwarzen Samt gebunden.

Wo befinden sich die Bibeln der drei Brüder heute?

Befindet sich die Georgsbibel zusammen mit der Büchersammlung dieses Fürsten bis heute in Dessau, inzwischen in der Anhaltinischen Landesbücherei, so gelangten die Bibeln der Brüder Johann und Joachim auf ganz unterschiedlichen Wegen nach Berlin und in die Bestände der heutigen Staatsbibliothek. Fürst Johann Georg II. von Anhalt (1627-1693) schenkte die zweibändige Johannbibel um 1659 dem Großen Kurfürsten: In diesem Jahr heiratete Johann Georg mit Henriette Katharina von Oranien eine Schwester der Ehefrau des Großen Kurfürsten, der gerade im Begriff war, seine „Kurfürstliche Bibliothek zu Cölln an der Spree“ als öffentliche Institution zu etablieren. Damit gehört die Johannbibel zum Gründungsbestand der heutigen Staatsbibliothek und wird bereits im 1668 fertiggestellten ersten Katalog der neuen Bibliothek im Berliner Schloss beschrieben.

Die auf Papier gedruckte, aber ebenfalls handkolorierte Bibel des jüngsten Bruders Joachim gelangte – dies belegt eine in beiden Bänden angebrachte Notiz von 1586 – zunächst in den Besitz des kunstsinnigen Pommern-Herzogs Philipp II. (1573-1618), der bereits als Zwölfjähriger eine eigene Bücher- und Bildersammlung besaß. Der evangelische Bischof von Cammin und brandenburgische Statthalter Ernst Bogislaw von Croy (1620-1684), der von seinem Onkel Bogislaw XIV. den gesamten persönlichen Besitz der 1637 mit diesem letzten Pommern-Herzog ausgestorbenen Greifenherzöge geerbt hatte, vermachte den Hauptteil seiner Bibliothek zusammen mit der Bibel Joachims testamentarisch dem Großen Kurfürsten. Damit gelangte auch die Bibel des Jüngsten der drei Brüder bereits im 17. Jahrhundert in den Bestand der Kurfürstlichen Bibliothek, heute der Staatsbibliothek zu Berlin.

Vom 3.2. bis 2.4.2017 können Sie neben der Johannbibel auch noch ein weiteres Prunkstück aus der Cranach-Werkstatt, die 1561 gedruckte Ebeleben-Bibel, und viele weitere Objekte zur Lutherbibel selbst bei uns in der Staatsbibliothek in Augenschein nehmen.

Handkoloriertes Schöpfungsbild aus dem ersten Band der Johannbibel. Abteilung Historische Drucke. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Handkoloriertes Schöpfungsbild aus dem ersten Band der Johannbibel. Abteilung Historische Drucke. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Die erste Koch-Show in den Niederlanden? Die Glaubensküche oder der Reformationsschmaus

Das zur Toleranz mahnende Flugblatt “Cucina opiniorum” in der Ausstellung „Bibel – Thesen – Propaganda“.

Ein Beitrag von Christiane Caemmerer.

Porträt Dirk Volkertszoon Coornhert, Kupferstich/Radierung von Philibert Bouttats,um 1700. Handschriftenabteilung. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Porträt Dirk Volkertszoon Coornhert, Kupferstich/Radierung von Philibert Bouttats,um 1700. Handschriftenabteilung. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Dieser fast wie ein Comicstrip gestaltete Kupferstich mit graviertem Text entstand anonym (ca. 1570 bis 1600) und geht auf eine niederländische Vorlage zurück. Zu dieser Zeit war die Vormachtstellung der katholischen Kirche dort bereits gebrochen, die protestantischen Konfessionen der Calvinisten und Lutheraner hatten sich ausdifferenziert, ja, es entwickelten sich ständig neue Glaubensrichtungen und Vorstellungen. Jeder glaubte, was er glaubte, glauben zu wollen.

So suggeriert es zumindest dieses Blatt, das auf eine Vorlage des Niederländers Dirk Volkertszoon Coornhert (1522-1590) zurückgeht. Coornhert war Schriftsteller, Sprachpurist, Jurist, Politiker, Theologe, Musiker und Kupferstecher, lebte mal in den Niederlanden, mal in Deutschland und setzte sich als Katholik mit dem Katholizismus ebenso auseinander wie mit dem Calvinismus. Er lehnte die Vorstellung der Erbsünde ebenso ab wie die der Prädestination, trat für eine Kirche ein, die nicht auf die Konfessionen festgelegt sein sollte, und war einer der führenden Vertreter der Toleranzidee in den Niederlanden.

Calvin, Luther, Papst und Wiedertäufer (Ausschnitte aus "Culina opiniorum"). Lizenz: CC-BY-NC-SA

Calvin, Luther, Papst und Wiedertäufer (Ausschnitte aus “Cucina opiniorum”). Lizenz: CC-BY-NC-SA

Zur Toleranz mahnt auch das Geschehen in der auf dem Kupferstich abgebildeten Küche. Die Vertreter der unterschiedlichen konfessionellen Gruppen essen jeder sein eigenes Süppchen:

  • Calvin schneidet einen Kalbsbraten und schmeckt ihn mit Orangen ab: „Dit Calf fyn istt zu essen mit safft von Orangen“. Genau so hatte sich der Calvinismus in den Niederlanden mit dem Haus Oranje verbunden.
  • Luther spielt die Laute – „Ick slac den Luyt teer“ – und beschließt mal vom Gebratenen zu kosten und mal von dem Brei, den der Papst neben ihm mit langen Zähnen isst. „Ay die Pap ist vergifft und so bitter als Gall.“ Der Brei ist bitter, denn in ihm wurden nur die äußeren Schalen, nicht die Kerne, verkocht und die Süße der „Romaney“-Sauce fehlt ganz. Das bemäkeln auch die Katzen, die dem Papst auf der Schulter sitzen. Im Niederländischen heißt diese Stelle: „Waerom dees Catten lieken niet als sy plagen“ und weist damit auf die Widerständigkeit der Katholiken (Catten lieken) hin.
  • Der Wiedertäufer leckt auch lieber die Pfanne mit Bratensaft aus als vom Brei des Papstes zu kosten und weiß, dass er dies nur so ruhig machen kann, so lange die Köchin Vernunft/Ratio die Mahlzeiten zubereitet. Er will genießen, ohne sich die Finger nass zu machen, d.h. sich auf die Auseinandersetzungen einzulassen.
  • Auf dem Kaminsims sitzen die Vertreter der religiösen Toleranz um Charitas als Repräsentantin der Mitmenschlichkeit. Die Magd Eintracht/Concordia hat einen Hirsch gebracht, der als niederländischer „hert“ mit dem niederländischen „hart“, dem Herzen, zusammen gedacht werden kann. In ihrer Rede wird auch der Initiator des Blattes in einem Wortspiel verraten: „koer“ und „hertz“. Im Niederländischen: „koer […] hert“ wird allgemein als Anspielung auf Coornhert gelesen. Die Köchin Vernunft gibt ihren Gästen diätetische Ratschläge, was die Bekömmlichkeit der Speisen angeht. Sie hat als Personifikation der Redlichkeit und Bescheidenheit den vorigen Koch abgelöst, der wie ein Tyrann nur römisch-katholisch gekocht hat.

Der deutsche Text lässt deutlich die niederländische Vorlage erkennen, dennoch sind die meisten Wortspiele, auf denen das Blatt aufbaut, ganz gut zu verstehen. Allerdings fehlt bei unserem Blatt die Erklärung des deutschen Übersetzers, die andere Ausgaben des Blattes haben. Dieser führt die Wortspiele auf das Niederländische zurück und erklärt sie. Es gibt noch weitere Druckvarianten des Blattes. So sind zum einen das niederländische Blatt aus dem Rijksmuseum, das unter dem Titel: „De Rede maant de kerken tot verdraagzaamheid“ im selben Zeitraum erschienen ist, und zum anderen das ebenfalls niederländische Blatt mit französischer Zusammenfassung der Kunstsammlungen der Feste Coburg „seitenverkehrt“ in ihrer Darstellung. Sie beginnen von links nach rechts gelesen mit dem Brei essenden Papst und halten somit die Chronologie der reformatorischen Bewegungen ein, während das Blatt der Staatsbibliothek mit dem Calvinismus beginnt und das Geschehen in der niederländischen Glaubensküche von der Gegenwart aus betrachtet. Im Mittelpunkt aber steht immer die Idee der religiösen Toleranz, wie sie Dirk Volkertszoon Coornhert in seinen Bildern, Schauspielen Dialogen und öffentlichen Disputationen vertrat.

Vom 3.2. bis 2.4.2017 können Sie dieses und viele weitere Objekte zur reformationszeitlichen Propaganda, aber auch moderne Comicstrips selbst bei uns in der Staatsbibliothek in Augenschein nehmen.

Culina opiniorum, Kupferstich nach Dirk Volkertszoon Coornhert. Handschriftenabteilung. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Cucina opiniorum, Kupferstich nach Dirk Volkertszoon Coornhert. Handschriftenabteilung. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Probleme mit gekrönten Häuptern – Martin Luthers „Dezembertestament“ von 1522

Die verbesserte zweite Auflage der Luther’schen Übersetzung des Neuen Testaments in der Ausstellung „Bibel – Thesen – Propaganda“.

Ein Beitrag von Andreas Wittenberg.

Titelblatt des "Dezembertestaments". Abteilung Historische Drucke. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Titelblatt des “Dezembertestaments”. Abteilung Historische Drucke. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Seinen durch die Verhängung von Kirchenbann und Reichsacht erzwungenen Aufenthalt als „Junker Jörg“ auf der Wartburg vom 4. Mai 1521 bis zum 1. März 1522 nutzte Martin Luther für die Übersetzung des Neuen Testaments in die deutsche Sprache. Nach seiner Rückkehr nach Wittenberg wurde der Text insbesondere unter Mitarbeit von Philipp Melanchthon überarbeitet. Den Auftrag zum Druck erhielt die Wittenberger Offizin von Melchior Lotter d. J., Verleger waren Christian Döring und Lucas Cranach d. Ä. Weder der Name des Übersetzers noch die des Druckers und der Verleger wurden genannt. Die Nachfrage nach dem wegen des Erscheinungsmonats als „Septembertestament“ bezeichneten Druck des Jahres 1522 war so überwältigend, dass die ungewöhnlich hohe Auflage von 3.000 Exemplaren innerhalb kurzer Zeit vollständig vergriffen war.

Gut, dass man schon an einer zweiten, verbesserten Auflage arbeitete. Diese erschien drei Monate später – wiederum gedruckt von Melchior Lotter d. J. – und ging als das „Dezembertestament“ in die Geschichte ein.

Korrektur der Kronen

Neben vielen Korrekturen des Textes fallen insbesondere die Veränderungen bei einigen Holzschnitten zur Offenbarung des Johannes auf. In den Illustrationen des „Septembertestaments“ tragen einige außerordentlich negativ belegte Figuren wie das „Tier aus der Tiefe“ und die auf der siebenköpfigen Bestie reitende „Hure Babylon“ Kronen, die starke Ähnlichkeit mit der päpstlichen Tiara aufweisen. Dies führte auf katholischer Seite zu heftigen Protesten, etwa durch den albertinischen Sachsen-Herzog Georg den Bärtigen. Deshalb wurden diese Holzstöcke für die zweite Auflage in der Werkstatt von Lucas Cranach d. Ä. erneut bearbeitet und die Kronen so verändert, dass sie keinen Anstoß mehr erregen konnten. Ergebnis dieser Korrektur war unter anderem eine auffallend große, nun völlig leer erscheinende Stelle über dem Kopf der dargestellten Frauenfigur.

Die „Hure Babylon“ aus dem September- und dem Dezembertestament (Holzschnitt aus der Werkstatt Lucas Cranachs d. Ä.). Abteilung Historische Drucke. Lizenz CC-BY-NC-SA

Die „Hure Babylon“ aus dem September- und dem Dezembertestament (Holzschnitt aus der Werkstatt Lucas Cranachs d. Ä.). Abteilung Historische Drucke. Lizenz CC-BY-NC-SA

Der Siegeszug der Luther-Übersetzung ging weiter: Bis 1534 wurde das Neue Testament Martin Luthers allein in Wittenberg vierzehn Mal in hochdeutscher und sieben Mal in niederdeutscher Sprache gedruckt. Und 1534 – in dem mit neuen Holzschnitten des Monogrammisten MS ausgestatteten Druck von Hans Lufft – trägt die “Hure Babylon” wieder eine Tiara!

Katholische “Korrekturbibel” von Hieronymus Emser

Ein interessanter, fast ein wenig kurios wirkender Umstand sei noch erwähnt: 1527 wollte der entschiedene Luther-Gegner Herzog Georg der Bärtige von Sachsen der lutherischen eine katholische Übersetzung entgegen stellen, um den Einfluss von Luthers Neuem Testament zurückzudrängen. Er beauftragte den in Schwaben geborenen Hofkaplan Hieronymus Emser, eine Übersetzung im traditionellen Sinne nach der lateinischen Vulgata anzufertigen. Allerdings folgte Emser bis auf einige oberdeutsche Wendungen weitgehend der ostmitteldeutschen Luther-Übersetzung. Da es in Dresden keine Bildvorlagen zur Offenbarung des Johannes gab, wurden zudem die Illustrationen in Wittenberg gekauft. So erscheint die “Hure Babylon” aus Luthers “Dezembertestament” auch in der 1527 in Dresden gedruckten katholischen Gegenbibel – allerdings in der “entschärften” Kronen-Fassung.

Rückkehr aus Polen am Nikolaustag 2000

Das hier gezeigte Exemplar des “Dezembertestaments” wurde durch die Königliche Bibliothek zu Berlin im Jahr 1836 zusammen mit der gesamten Bibliothek des preußischen Generalpostmeisters Karl Ferdinand Friedrich von Nagler erworben. Während des Zweiten Weltkrieges wurde es zusammen mit weiteren Beständen der Bibliothek auf heute polnisches Gebiet verlagert. Am 6. Dezember 2000 überreichte der polnische Ministerpräsident Jerzy Buzek diesen Band im Warschauer Parlament dem damaligen deutschen Bundeskanzler Gerhard Schröder – so kehrte das „Dezembertestament“ nach Berlin zurück.

Vom 3.2. bis 2.4.2017 können Sie dieses und viele weitere Objekte zur Lutherbibel bis hin zur Bibelübersetzung des ersten Chinesen in Deutschland selbst bei uns in der Staatsbibliothek in Augenschein nehmen.

Erhalt uns Herr bei Deinem Wort! – Reformationspropaganda im Bild

Kolorierte Flugblatt-Illustration zum Kampflied der Reformation in der Ausstellung „Bibel – Thesen – Propaganda“

Ein Beitrag von Christiane Caemmerer

Dieser schablonenkolorierte Holzschnitt gehört zu den protestantischen Propagandaflugblättern der Reformationszeit. Er stammt wohl aus der Cranach-Werkstatt und wurde nach 1548 vermutlich in Magdeburg von Pancraz Kempff gedruckt. Damit stammt das Flugblatt aus der Zeit der heftigen Auseinandersetzungen um das Augsburger Interim – ein Reichsgesetz, mit dem Kaiser Karl V. nach dem Sieg über den Schmalkaldischen Bund das Reich religiös wieder einen und gleichzeitig seine Macht konsolidieren wollte.

Der Holzschnitt zeigt im oberen Bildbereich das Weltgericht mit Gottvater, Christus und dem heiligen Geist in Gestalt einer Taube in den Wolken. Darunter sinken die katholische Geistlichkeit und die Türken in die Hölle hinab, gezogen und gepiesackt von kleinen Teufeln. Links stehen Martin Luther, Johann Friedrich der Großmütige von Sachsen, bereits mit der Gesichtsnarbe aus der Schlacht bei Mühlberg (1547), sowie Landgraf Philipp von Hessen, Georg Spalatin, Philipp Melanchthon und Jan Hus als Vorläufer der Reformation. Rechts steht eine Gruppe von Frauen, unter ihnen Sibylla von Kleve-Jülich-Berg, die Frau des sächsischen Kurfürsten, und Katharina von Bora. Dazu im Hintergrund wahrscheinlich Lukas Cranach der Jüngere mit seiner Familie. Die Gruppe der Reformatoren und ihrer Angehörigen trägt eine Miene der inneren Gelassenheit zur Schau, während die höheren Mächte die Probleme lösen.

Justus Jonas (1493–1555). Handschriftenabteilung. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Justus Jonas (1493–1555). Handschriftenabteilung. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Den originalen Aufbau des Flugblattes kann man an dem 1858 hergestellten Faksimile eines unkolorierten, aber vollständigen Exemplars dieses Flugblattes sehen. Was im kolorierten Original der Staatsbibliothek fehlt, ist der zugehörige Text und damit Luthers Lied von 1541/42. Es war kurz nach der Niederlage des kaiserlichen Heeres in Ofen (Budapest) 1541 gegen Suleiman II. zusammen mit den andern Türkenschriften Luthers im Auftrag des sächsischen Kurfürsten Johann Friedrich dem Großmütigen entstanden. Bereits der Titel erinnert an die allein auf das göttliche Wort gerichtete protestantische Glaubenslehre. In den ersten drei Strophen bittet Luther in drastischen Worten die Trinität um Beistand gegen die Bedrohung durch die Türken und das Papsttum. Zwei von Justus Jonas 1545 ergänzte Strophen nehmen diese Bitte um die tatkräftige göttliche Hilfe auf: „So werden sie erkennen doch/ das du vnser Got lebest noch/ vnnd hilffst gewaltig deiner schar/ die sich auf dich verlassen gar.“ Dieses gelassene „Sich verlassen“ auf den göttlichen Beistand zeigen dann auch die auf dem Holzschnitt abgebildeten Vertreter der Reformation.

Das Lied war in seiner ersten Strophe von Luther als Kinderlied apostrophiert worden und wurde regelmäßig in den Gottesdiensten gesungen. Es gehört zu den umstrittensten evangelischen Kirchenliedern, da hier zum Mord an den Gegnern aufgerufen wird. In den Jahren 1547/48 und 1550 wurde es immer wieder verboten, da man die Vergeltung des Kaisers fürchtete, aber auch umgedichtet und persifliert: „Erhalt uns, Herr, bei deiner Wurst, / Sechs Maß, die löschen einen den Durst,“ so lautete eine Variante aus katholischer Feder. Die außerordentliche Beliebtheit dieses lutherischen Kampfliedes zeigen auch die etwa hundert im 16. und 17. Jahrhundert publizierten Liedflugschriften, deren Lieder nach der Melodie von “Erhalt uns Herr bei Deinem Wort” zu singen waren.

Kurfürst Johann Friedrich I. von Sachsen (1503-1554). Handschriftenabteilung. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Kurfürst Johann Friedrich I. von Sachsen (1503-1554). Handschriftenabteilung. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Zum Zeitpunkt, als dieser Druck entstand, hatte sich die Welt Johann Friedrichs von Sachsen, des Auftraggebers des Luther-Liedes, völlig verändert. Bis 1547 war er der Kurfürst von Sachsen, Förderer der Reformation und Gönner Martin Luthers, mit Philipp von Hessen Führer des Schmalkaldischen Bundes, des militärischen Beistandspaktes der protestantischen Fürsten und Reichsstädte. Im Schmalkaldischen Krieg aber wurde er 1547 in der Schlacht bei Mühlberg von den kaiserlichen Truppen vernichtend geschlagen, verhaftet, seiner Kurwürde enthoben und zum Tode verurteilt. Das Todesurteil wurde in eine langjährige Gefängnisstrafe umgewandelt. Einer der großen Helden der Reformation und Kämpfer für den wahren Glauben war geschlagen und wurde nun als Märtyrer der Reformation inszeniert. Aus der Schlacht hatte er eine lange Gesichtsnarbe davon getragen, die er jetzt mit großer Würde trug. Obwohl Johann Friedrich große Besitzungen und politischen Einfluss verloren hatte, blieb er in religiösen Fragen fest und widerstand allen Versuchen der kaiserlichen Seite – darunter Nahrungsentzug und verschärfte Gefangenschaft – ihn zur Unterzeichnung des Interims zu bewegen. So inszeniert ihn inmitten seiner Mitstreiter auch dieses Blatt der protestantischen Propaganda für den neuen Glauben.

Vom 3.2. bis 2.4.2017 können Sie dieses und viele weitere Objekte zum medialen Kampf um den wahren Glauben selbst bei uns in der Staatsbibliothek in Augenschein nehmen.

Koloriertes Flugblatt zum Luther-Lied "Erhalt uns Herr bei Deinem Wort", Handschriftenabteilung. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Koloriertes Flugblatt zum Luther-Lied “Erhalt uns Herr bei Deinem Wort”, Handschriftenabteilung. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Luftwaffeninspekteur Steinhoff, Verteidigungsminister Schmidt, Bundeskanzler Brandt, Generalinspekteur de Maizière, Heeresinspekteur Schnez | Bundesarchiv: B 145 Bild-F030710-0026, Lothar Schaack (Bundesarchiv_B_145_Bild-F030710-0026,_Bonn,_Bundeskanzler_Brandt_mit_Bundeswehrführung.jpg ) Wikimedia Commons - CC-BY-SA 3.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/de/), zugeschnitt.

Die Bundeswehr – ein militärisches oder ein politisches Projekt? Werkstattgespräch mit Prof. Dr. Sönke Neitzel am 22.11.

Wissenswerkstatt
Die Bundeswehr – ein militärisches oder ein politisches Projekt?
Werkstattgespräch mit Prof. Dr. Sönke Neitzel,
Universität Potsdam
Dienstag, 22. November
18.15 Uhr
Dietrich-Bonhoeffer-Saal, Haus Potsdamer Straße
Eintritt frei, Anmeldung erbeten

 

Der Vortrag verortet die Bundeswehr im Spannungsfeld zwischen den gesellschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen der Bundesrepublik sowie den militärinternen Aufgaben und Zielen. Dabei wird die außenpolitische Bedeutung der Streitkräfte in ihrer 60-jährigen Geschichte ebenso vermessen, wie ihre innenpolitische Rolle und schließlich ihre militärischen Leistungsfähigkeit im Kalten Krieg und heute. Der Vortrag versucht hinter die Kasernenmauern zu blicken und vor allem das Innenleben der Bundeswehr auszuleuchten und so zu einem kritisch-reflektierten Umgang mit den Streitkräften beizutragen.

Sönke Neitzel, Professor für Militärgeschichte /Kulturgeschichte der Gewalt an der Universität Potsdam. Er lehrte an den Universitäten Mainz, Bern, Saarbrücken, Glasgow und der LSE. Seine Forschungen haben sich vor allem mit dem Zeitalter der Weltkriege befasst. Zur Zeit arbeitet er an einer Studie über deutsche Militärkulturen im 20. Jahrhundert.

 

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Sofort gestrichen – Luther komponiert zu einem seiner Choräle

Das Autograph des Vaterunser-Liedes von 1539 mit Melodie-Entwurf in der Ausstellung „Bibel – Thesen – Propaganda“

Ein Beitrag von Christiane Caemmerer

Luther im Studierzimmer mit Laute. Lithographie 19. Jh. Handschriftenabteilung. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Luther im Studierzimmer mit Laute. Lithographie 19. Jh. Handschriftenabteilung. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Der Gemeindegesang gehörte zu den wesentlichen Neuerungen des protestantischen Gottesdienstes. Während bisher die Gläubigen den Worten des Priesters während der Messe und der Eucharestiefeier lauschten und nur im Rahmen der Liturgie einmal respondierten, weist ihnen Martin Luther mit Gebet und Lobgesang eine aktive Rolle im Gottesdienst zu. Für ihn war der Gemeindegesang von großer Bedeutung für die religiöse Unterweisung der Gläubigen. Hier konnten sie sich ihrer selbst und ihres Glaubens versichern. So brachte Luther seine eigene Liebe zur Musik – er war ein begeisterter Sänger und Lautenspieler ‑ in die 1523 begonnene Reform des Gottesdienstes ein. Rund 40 Lieder schrieb er seit 1523/24, wobei er häufig an alte Hymnen und Antiphonstrophen anknüpfte.

Immer noch im Dunkeln aber liegt, inwieweit Luther seine Verse auch mit Melodien versah. Die oft zunächst auf Flugblättern verbreiteten Lieder haben immer wieder unterschiedliche Melodien, was vermuten lässt, dass sie aus der Feder von Musikern aus dem Umfeld der Drucker stammten. Daneben unterstützte auch der Hofmusiker und Kantor aus Torgau Johann Walter Luther in musikalischen Fragen.

Dennoch gibt es an der Staatsbibliothek ein Zeugnis, das Luther als Liedautor und Komponist zeigt: das Autograph seines Vaterunser-Liedes. Es stammt aus der privaten Sammlung des Mitinhabers des Musikverlags Breitkopf und Härtel, Hermann Härtel (1803-1875), die 1969 von der Staatsbibliothek Preußischer Kulturbesitz erworben wurde. Auf dem stark beschnittenen Blatt schrieb Luther sein Lied nieder und versuchte gleichzeitig eine Melodie zu skizzieren, die er aber bereits hier als für den Gesang untauglich erkannt und energisch durchgestrichen hat. Das heutige evangelische Kirchengesangbuch nennt neben Luther auch den Tischsegen des Mönchs von Salzburg und eine Melodie aus dem Gesangbuch der Böhmischen Brüder von 1531 als Quellen für die Musik, und ein Vergleich der Melodien bestätigt die Ähnlichkeit.

Die Niederschrift der Verse mag nicht der erste Entwurf Luthers sein, aber das Blatt zeigt, wie intensiv der Reformator am Text gearbeitet hat. Besonders die sechste Strophe hat er immer wieder neu formuliert und sie auf der zweiten Seite noch einmal in der neuen Fassung ins Reine geschrieben. In neun Strophen werden neben der Anrede und dem abschließenden „Amen“ die sieben Bitten des Vaterunser in einer je eigenen Strophe benannt und ausgelegt. Die Strophen sind mit ihren sechs paargereimten vierhebigen Jamben als Volksliedstrophen ausgewiesen, d.h. sie sind gut sangbar und leicht zu merken.

Das Vaterunser-Lied ist eines der acht Katechismus-Lieder Luthers, in denen Luther seine Christenlehre in Lieder und Musik übertrug und so die Glaubensinhalte memorierbar machte, so dass sie sich in das Gedächtnis der Gläubigen einschrieben. Damit ergänzt er lyrisch-musikalisch seine Arbeiten am Katechismus, der 1529 in Wittenberg als Deudsch Catechismus (Der große Katechismus) und Enchiridion (Der kleine Katechismus) erschien. Hier stellt er die zehn Gebote, das Glaubensbekenntnis, das Vaterunser, sowie die Taufe und das Abendmahl (mit Beichte) dar und legt sie im Sinne der evangelischen Glaubenslehre aus. Der Kleine Katechismus ist bis heute Teil der evangelischen Gesangbücher.

Luther verfasste die hier vorgestellten Verse zwischen 1538 und 1539. Sie wurden zunächst als Einblattdruck unter dem Titel „Das Vater vnser kurtz ausgelegt, vnd jnn Gesang weyse gebracht“ 1539 veröffentlicht wurden. Ein Exemplar des Liedflugblatts befindet sich noch in der Sächsischen Landesbibliothek – Staats- und Universitätsbibliothek Dresden (SLUB). Im gleichen Jahr erschien das Lied mit der heute noch gesungenen Melodie in dem von Valentin Schumann herausgegebenen und gedruckten Gesangbuch „Geistliche lieder, auffs new gebessert und gemehrt, zu Wittenberg. Leipzig: Valentin Schumann, 1539“.

Vom 3.2. bis 2.4.2017 können Sie dieses und viele weitere Objekte zu Martin Luther als Liederdichter und zur lutherischen Kirchenmusik selbst bei uns in der Staatsbibliothek in Augenschein nehmen – darunter auch Johann Sebastian Bachs Autograph zum Reformationsfest 1725.

 

Martin Luther: Vaterunser-Lied. 1539. Autograph. Handschriftenabteilung. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Martin Luther: Vaterunser-Lied. 1539.
Autograph. Handschriftenabteilung. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Martin Luther: Vaterunser-Lied. 1539. Autograph, Rückseite. Handschriftenabteilung. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Martin Luther: Vaterunser-Lied. 1539.
Autograph, Rückseite.
Handschriftenabteilung. Lizenz: CC-BY-NC-SA