Schlagt die Bücher zu, und macht die Köpfe auf – Von höherem Blödsinn und Herrn Tucholsky in der Staatsbibliothek
Motto: Das größte Insekt ist der Elephant.
Anfang Dreißig war Kurt Tucholsky, als er 1922 in der Stabi den Realkatalog konsultierte. Zu diesem Zeitpunkt war er bereits ein bekannter Journalist und lebte in der Kaiserallee 79 (heute Bundesallee) in Friedenau, 2. Etage, Telefonanschluss: Rheingau 679. In dem damals erst acht Jahre existierenden Katalogsaal im Gebäude Unter den Linden 38 stand also der coole Bürgerschreck unter der imposanten Gewölbedecke und studierte den Katalogteil Allgemeine Literaturgeschichte mit der Sachstelle Ana (Aussprüche, Notizen, Anekdoten). Woher wissen wir das?
Am 3. August 1922 erschien unter seinem Pseudonym Peter Panter in der Weltbühne der Beitrag Galletiana über die Sphären der Staatsbibliothek, einen ebenso schrägen wie aufrechten Professor aus Gotha und bittersüße Erinnerungen an die Schulzeit. Vorangestellt ist das vielversprechende Motto: Südamerika ist krumm. Bereits im ersten Satz wird Tucholskys, sagen wir, schmerzhaftes Verhältnis zum Preußentums deutlich: „Beschäftigt mit meinem Werk: „Die Hämorrhoiden in der Geschichte des preußischen Königshauses“, blätterte ich neulich versonnen in einem Katalog der Staatsbibliothek“. Der diensthabende Bibliothekar hätte ihm anbieten können: Keine Hämorrhoiden mehr!, erschienen 1851. Aber ob Herr Dr. jur. Tucholsky daran Interesse hatte? Die folgenden Sätze zeigen, wie ambivalent er Ort und Katalogwerk wahrnahm: „Das ist eine freundliche Arbeit. Schon nach vier Seiten hat mein geübtes Philologengehirn vergessen, wozu ich eigentlich hergekommen bin, und strahlend versenke ich mich in das Meer von Geschreibsel… Hier ist es schön still, in der Bibliothek. Draußen klingeln die Bahnen: hier muffeln kurzsichtige Professoren in dicken Wälzern, freundliche, wenn auch großfüßige Mädchen laufen hin und her, die Bibliothekare sehen aus, als wollten sie alle Studenten, die nicht Bescheid wissen, auffressen – eine Insel der Seligen.“ Bei den Bahnen wird es sich um die Linien der Elektrischen auf der Charlotten- und Dorotheenstraße gehandelt haben, zum Beispiel die 6 (Ostring) oder die 32, die von Reinickendorf zum Görlitzer Bahnhof fuhr. Und wer waren die großfüßigen Mädchen und die strengen Bibliothekare? Wir wissen es nicht.
Umso mehr bekannt ist der Realkatalog, dessen Aufbau um die Mitte des 19. Jahrhunderts in der Königlichen Bibliothek begann. Es handelt sich um einen Sachkatalog in Bandform, der rund drei Millionen Bücher und Zeitschriftenbände nach inhaltlichen Kriterien verzeichnete. Heute steht seine Historische Systematik online zu Verfügung. Und nun zu Tucholskys Katalogband. Er schrieb: „Und wie ich da so blättere, stoße ich auf ‚Gallettiana‘. Was ist das? Wer ist Galletti? Ein Druckfehler für Valetti? Ich bat um das Buch. Und habe lange nicht so gelacht. Das Buch heißt so: Gallettiana. Unfreiwillige Komik in Aussprüchen des Professors am Gymnasium zu Gotha Joh. G. Aug. Galletti. Mit einem Bildnis Gallettis.“ Die Katalogseite, auf die Tucholsky blickte, existiert noch heute. Von den Galletiana wurden drei Ausgaben, darunter die erste 1866, handschriftlich eingetragen. Für die Ausgabe 1909 klebte man, damals sehr modern, eine gedruckte Titelaufnahme ein. Heute finden sich um einige der Signaturen Bleistiftkreise. Sie entstanden nach dem Zweiten Weltkrieg, als mitten im Kalten Krieg die Bibliothekarinnen in Ostberlin so kennzeichneten, dass die Exemplare in der Westdeutschen Bibliothek Marburg vorhanden waren. Damit ging diese Information für Forschende nicht verloren.

Anlage für den Büchertransport in der Preußische Staatsbibliothek um 1930 – bpk-Fotoarchiv Nr. 70145547
Als Tucholsky hier stand, war der Bestand Unter den Linden noch vollständig. Er füllte also einen Leihschein aus, der mit der Rohrpost in den richtigen Magazinbereich raste. Anschließend fuhr das Buch mit der Buchtransportanlage zur Buchausgabe im Erdgeschoss, unter dem Vestibül (heute Garderobe). Tucholsky war begeistert: „Dieser Galletti war… Professor am Gothaer Gymnasium, und seine bei ihm geblüht habenden Kathederblüten sind in dem Büchelchen gesammelt. Es ist herrlich.“ Lernen also auch wir ihn etwas näher kennen:
Johann Georg August Galletti wurde am 19. August 1750 in Altenburg geboren. Sein Vater war der aus der Toskana stammende Opernsänger und herzogliche Cammer Musicus am Gothaer Hoftheater Giovanni Andrea Galletti, seine Mutter die Sängerin Elisabeth Heugel aus Mannheim. Galletti studierte Rechtswissenschaft, Geschichte und Geografie in Göttingen, war zunächst Hauslehrer und schließlich ab 1778 Gymnasialprofessor am Gothaer Gymnasium Illustre. 1816 wurde er zum herzoglichen Hofrat und „Historiograph des gothaischen Landes“ ernannt. Mit 69 Jahren trat er schließlich in den Ruhestand. Galletti veröffentlichte neben seiner Lehrtätigkeit auch eigene Werke, z.B. eine vierbändige Geschichte und Beschreibung des Herzogthums Gotha.
Mit zunehmendem Alter muss es in seinem Unterricht immer häufiger zu Versprechern und eigenartigen Sprüchen und Herleitungen gekommen sein. Auch Namen konnte er sich nur schwer merken. War er lediglich zerstreut oder litt er eventuell an einer Demenz? Gleich nach seinem Tod war im Neuen Nekrolog der Deutschen zu lesen: „Sein sonst gefälliger Redefluß wurde in der letzten Zeit oft durch ein widriges Stammeln unterbrochen; auch hatte er das mit manchen gelehrten Männern gemein, daß er sich selbst beim Ertheilen des Unterrichts zuweilen vergaß und eben deswegen oft versprach.“ – „Die Versehen, welche ihm beim mündlichen Vortrage entschlüpften, kann man weniger als ein „versprechen“ als ein „verdenken“ nennen“, schrieb der Leiter der Nicolaischen Buchhandlung Gustav Parthey. Als Gallettiana wurden die Geistesblitze schließlich ehrenvoll bezeichnet und als „höherer Blödsinn“. Der Historiker August Beck und Absolvent des Gothaer Gymnasiums schrieb über ihn: „Solche Mängel wurden aber durch den Adel seines Geistes verdeckt.“ Auch Tucholsky bemerkte, dass Galletti nicht einfach nur schrullig war, sondern etwas Geniales hatte: „Das sind gar keine Witze mehr – das ist wirklich die Luft dieser Schulstuben.“ Und wer kann Gallettis Wahrheiten schon widersprechen?
- Motto: Gotha ist nicht nur die schönste Stadt in ganz Italien, sondern sie hat auch viele Gelehrte gestiftet. – Das wusste schon Andy Möller, der 1992 gesagt haben soll: „Mailand oder Madrid, Hauptsache Italien.“
(108) Nach der Schlacht von Leipzig sah man Pferde, denen 3, 4 und noch mehr Beine abgeschossen waren, herrenlos herumlaufen.
(229) Als Humboldt den Chimborasso bestieg, war die Luft so dünn, daß er nicht mehr ohne Brille lesen konnte.
(260) In England sollen 25 Millionen Schafe sein; das ist aber unwahrscheinlich: denn so viel Schafe lassen sich gar nicht berechnen.
(305) Regen und Wasser gibt es wohl mehr als Menschen.
(311) Das größte Insekt ist der Elephant.
(351) In der Mathematik gibt es viele Lehrsätze, welche sich nur dadurch beweisen lassen, dass man von vorne anfängt.
(364) Der Lehrer hat immer Recht, auch wenn er Unrecht hat. – Wozu Tucholsky natürlich anmerkte: „Lachen Sie nicht: das glaubt jeder preußische Schulrat – und so sieht er aus.“
(381) Es gibt viele, die nicht reden, wenn sie verstummen sollten, und andre, die nicht fragen, wenn sie geantwortet haben.
(392) Widersprechen Sie nicht dem, was ich niemals gesagt habe.
(396) Schlagt die Bücher zu, und macht die Köpfe auf, damit nichts mehr hineingeht.
Seine Gedankenkurven wurden zuerst von seinen Schülern mündlich verbreitet und dann schriftlich dokumentiert. Die erste Ausgabe „Gallettiana, 1750 bis 1828, Ergötzlich und nachdenklich zu lesen“ erschien als gedrucktes Manuskript 1866 in Berlin bei Gustav Parthey und die zweite 1867. Bis in die Gegenwart wurden nun immer wieder neue Auflagen gedruckt und teilweise auch mit Sprüchen anderer Herkunft ergänzt.
Die Bücher von Kurt Tucholsky wurden am 10. Mai 1933 auf dem Opernplatz verbrannt. Die Exemplare seiner Werke in der Staatsbibliothek versah man mit dem Sperrvermerk SM (Sondermagazin). Im Zweiten Weltkrieg wurden die Bestände zum Schutz vor Bombenangriffen an dreißig verschiedene Orte, meist östlich der Oder, verbracht. Nicht alle Bücher kamen zurück. Die erste Ausgabe der Gallettiana muss heute zu unseren Kriegsverlusten gerechnet werden. In den 60er Jahren wurden zwei Exemplare der Ausgabe 1867 aus der Bibliothek des deutschen Kommunisten und Bibliothekars Bruno Kaiser erworben. Diese Bände besitzen noch den historischen Verlagseinband. Das Exemplar mit der Signatur 19 ZZ 18378 war zuvor einmal im Besitz des Kartografen Bruno Hassenstein, auch ein Gothaer Bürger.
„Bring die ältesten deutschen Männer auf ihre Schulzeit zu sprechen – du wirst in den meisten Fällen ein Wachsfigurenkabinett verschrullter Tröpfe vorgeführt bekommen.“ Als Tucholsky dies 1922 in seinem Beitrag über die Gallettiana schrieb, konnte er nicht ahnen, dass 1944 ein Kinofilm mit dem Titel Die Feuerzangenbowle nach genau diesem Sujet entstand.
Vermutlich hätten sich Tucholsky und Galletti hervorragend verstanden und bei Wein und Pfeife stundenlange Gespräche geführt, gern auch aneinander vorbei. Aber auch Kurzweil kann erlahmen und so merkt Galletti an:
„Ich bin so müde, daß ein Bein das andere nicht sieht.“ (406)

SBB-PK




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Photo: Lukáš Kubík

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