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Dialektal schwankend – die erste Übersetzung der Lutherbibel in eine andere Sprache

12.02.2017/0 Kommentare/in Bibel-Thesen-Propaganda, Foyer, SBB-Startseite/von Michaela Scheibe

Das niedersorbische Neue Testament des Mikławš Jakubica von 1548 in der Ausstellung „Bibel – Thesen – Propaganda“.

Ein Beitrag von Vaclav Zeman.

Erste Seite der sorbischen Übersetzung. Handschrift. Handschriftenabteilung. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Das niedersorbische Neue Testament von 1548 ist einmalig: Die 669 Seiten zählende Papierhandschrift von Mikławš Jakubica wurde 1548 vollendet und enthält eine komplette Übersetzung des Neuen Testamentes ins Niedersorbische und damit die erste Übersetzung der Lutherbibel in eine andere Sprache. Die Übersetzung des lutherischen Neuen Testamentes stammt von der östlichen Grenze des sorbischen Sprachgebietes. Der Übersetzer, über den kaum gesicherte Erkenntnisse vorliegen, nennt sich Mikławš Jakubica und war vermutlich ein dort beheimateter protestantischer Geistlicher.

Zur Einordnung der Sprache dieser Übertragung sowie zum Entstehungsort gibt es seit über 100 Jahren unterschiedliche Ansichten, deren Spuren sich auch in der Handschrift finden:

Auf einem eingeklebten Zettel auf dem vorderen Spiegel vermerkte der polnische Sorabist Andrzej Kucharski bei seinem Aufenthalt in Berlin am 10. März 1827, dass das „Testamentum Novum polonicum“ genannte Manuskript „nicht polnisch aber wendisch wie man in [der] Lausitz spricht“ sei. Und weiter: „Die Sprache ist eine Mittelsprache zwischen der Ober und Niederlausitzischen wie um Muskau, Spremberg und Senftenberg gesprochen wird … eigentlich also ist das Testamentum Novum Sorabicum, denn so wird die Wendische Sprache lateinisch und von den Wenden selbst genannt.“ Ein auf den 4. Juli 1862 datierter, vorgehefteter Zettel vermerkt dagegen die Einschätzung von C.A. Jentzsch aus dem Königreicht Sachsen: „Die Sprache ist mehr oberlausitzisch wendisch als niederlausitzisch wendisch… doch finden sich in dem Manuskript auch viele böhmische Worte…“.

Der evangelische Pfarrer Mikławš Jakubica benutzte als Grundlage für seine Übersetzung die Lutherbibel, die lateinische Vulgata und tschechische Vorlagen. Die von Jakubica verwendete tschechische Vorlage ist aber bis heute unbekannt. Er ließ sich daneben von tschechischer Lexik und Orthographie inspirieren und beeinflussen. Man findet in der Übersetzung sogar Sätze, die nicht in dem Lutherschen Neuen Testament vorkommen. Jakubica wollte mit seinem sorbischen Neuen Testament eine kirchensprachliche Terminologie entwickeln und ein besseres Kirchenverständnis der um Sorau lebenden wendischen Bevölkerung schaffen. Am Ende der Übersetzung betonte er, dass er das Neue Testament zu Lob und Ehre der sorbischen Sprache und des sorbischen Volkes übersetzt habe.

Die Freiräume für Initialen und Anmerkungen für den Buchdrucker verweisen auf die beabsichtigte Drucklegung, aber Jakubicas Handschrift blieb ungedruckt. Nach der Schlacht bei Mühlberg im Jahre 1547 verbot Kaiser Ferdinand alle evangelischen Druckereien. Da somit der geplante Druck des niedersorbischen Testamentes unmöglich wurde, ließ Jakubica sein Manuskript in Leder binden. Gebrauchsspuren deuten darauf hin, dass die Handschrift längere Zeit in einer Kirchengemeinde in Gebrauch war. Die Handschrift wurde erst Anfang des 19. Jahrhunderts von Andrzej Kucharski in der Königlichen Bibliothek zu Berlin wieder entdeckt. Alle Forscher, die sich daraufhin mit dem von Jakubica übersetzten Neuen Testament beschäftigten, hoben die Uneinheitlichkeit seiner Sprache hervor. Seine Sprache war ostniedersorbisch, aber dialektal uneinheitlich.

Jakubicas Übersetzung des Neuen Testaments gehört zu den größten zusammenhängenden und ältesten Sprachdenkmälern des Sorbischen aus dem 16. Jahrhundert. Für die slawische Minderheit in Deutschland ist diese Übersetzung das bedeutendste und damit wertvollste Zeugnis der sorbischen Sprache und der sorbischen Kultur- und Kirchengeschichte; zugleich stellt sie eine wichtige Quelle für die gesamte westslawische historische Dialektologie dar. Ihre wissenschaftsgeschichtliche Bedeutung für die Sorabistik seit dem 19. Jahrhundert ist hoch; nicht zuletzt, weil die Übersetzung der Lutherbibel ins Niedersorbische das erste schriftliche Sprachdokument einer slawischen Minderheit in Deutschland darstellt. Die sorbische Sprache gehört heute zu den gefährdeten Sprachen dieser Welt.

Die niedersorbische Übersetzung der Lutherbibel ist zusammen mit anderen frühen Übertragungen wie etwa die chinesische Übersetzung des Lukasevangeliums durch Fung Asseng sowie viele weitere Objekte rund um die Lutherbibel sind vom 3.2. bis 2.4.2017 in der Staatsbibliothek zu sehen.

Ende der sorbischen Übersetzung (Bl. 332v/333r). Handschriftenabteilung. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Schlagworte: Ausstellung, Bibel, Handschrift, Kulturelles Erbe, Martin Luther, Mikławš Jakubica, Reformation, Sorbisch
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https://blog.sbb.berlin/wp-content/uploads/Jakubica_Finis_PPN618423583_00000673.jpg 770 1368 Michaela Scheibe https://blog.sbb.berlin/wp-content/uploads/stabi-logo-kante.png Michaela Scheibe2017-02-12 09:00:002026-06-24 10:01:07Dialektal schwankend – die erste Übersetzung der Lutherbibel in eine andere Sprache
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