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Frau Prof. Rabinowitsch-Kempner und der „Moabiter Milchkrieg“

02.10.2026/0 Kommentare/in Feuilleton, Foyer, Porträtsammlung, SBB-Startseite/von Thomas Parschik

Die Dame auf dem Foto ist Frau Prof. Lydia Rabinowitsch-Kempner, geb. Rabinowitsch. 1871 kam sie im litauischen Kowno zur Welt. Dort betrieben ihre Eltern eine Brauerei. Zunächst studiere sie Pädagogik, Germanistik und Naturwissenschaften in Bern, später Botanik und Zoologie in Zürich. 1894 schrieb Sie ihre Abschlußarbeit „Beiträge zur Entwicklungsgeschichte der Fruchtkörper einiger Gastromyzeten“ und promovierte mit „summa cum laude“. Vor ihr hatten erst drei Frauen in Zürich einen Doktorgrad erworben. Danach war sie unter der Leitung Robert Kochs als unbezahlte Assistentin am Königlich Preußischen Institut für Infektionskrankheiten in Berlin tätig.

Ab 1896 arbeitete Rabinowitsch zudem am Women’s Medical College of Pennsylvania. Dort wurde sie 1898 zur ordentlichen Professorin für Bakteriologie ernannt. Im selben Jahr heiratete sie ihren Kollegen Dr. Walter Kempner. 1899 kam der Sohn Robert, 1901 die Tochter Nadja zur Welt. 1903 folgte der Sohn Walter.

1900 gründete Dr. Rabinowitsch-Kempner gemeinsam mit der Physikerin Dr. Else Neumann den Verein zur Gewährung zinsfreier Darlehen an studierende Frauen. Nach dem Unfalltod Neumanns während eines Blausäure-Experiments übernahm sie den Vorsitz des Vereins. Vom Institut für Infektionskrankheiten wechselte sie 1903 zum Pathologischen Institut der Charité. Dort war sie 16 Jahre ohne Bezahlung tätig.

Carl Bolle hatte im Jahr 1887 die Meierei C. Bolle gegründet. Um die Zeit der Jahrhundertwende war sie das größte und leistungsfähigste Molkereiunternehmen Berlins. C. Bolle war durch eine disziplinierte Arbeitsorganisation gekennzeichnet, die Qualitätskontrollen beim Kauf der Milch und beim Verkauf der Milch- und Butter einschloß. Die Berliner Bevölkerung verbrauchte täglich bis zu 400.000 Liter Milch. Die Ware wurde mit zeitweise 250 Pferdegespannen transportiert. Die Besatzung bestand aus einem Kutscher, dem „Bolle“, und einem Milchmädchen, das die Ware an die Tür brachte und die Einnahmen in einer umgebundenen Ledertasche verstaute, dem „Bolle-Mädel“. Im Gegensatz zu zahlreichen anderen Unternehmern unterstützte C. Bolle seine über 2.500 Arbeiter sozial, beispielsweise durch den Bau von Mietshäusern.

Inbetriebnahme des 200. Bolle-Milchverkaufswagens im Jahr 1903

Der Konkurrenzkampf zwischen den Milchhändlern wurde mit harten Bandagen geführt. Es kam zu Preiskämpfen, Verleugnungen, Pressekampagnen und Kannendiebstählen. Im Kontext dieser Ereignisse, die von der Presse als „Berliner Milchkrieg“ bezeichnet wurden, steht die Auseinandersetzung zwischen Rabinowitsch-Kempner und C. Bolle, der sogenannte „Moabiter Milchkrieg“.

Prekäre Wohnverhältnisse in den Berliner Arbeitervierteln beförderten die Verbreitung von Krankheiten wie Cholera, Pocken, Typus und Tuberkulose. Viele Kinder starben an Lungentuberkulose. Rabinowitsch-Kempner hatte nachgewiesen, daß Tuberkulose über infizierte Milch auf Menschen übertragbar ist. Deshalb ordnete der Berliner Senat an, daß die aus Berliner Molkereien stammende Milch untersucht werden müsse.

Im Auftrag der Firma Bolle untersuchte Rabinowitsch-Kempner Milchproben auf Tuberkulose. Im Jahr 1904 stellte sie fest, daß die ihr übergebenen Proben von angeblich unpasteurisierter Milch in Wahrheit abgekocht waren. Sie war darüber sehr aufgebracht, beschaffte sich ungekochte Bolle-Milch und fand darin Tuberkelbazillen. Eine Freundin, die Hispanistin Clotilde Schlayer, berichtet: „Es war tatsächlich von der Meierei abgekochte Milch zur Untersuchung geschickt worden. Lydia R. K. war darüber entrüstet gewesen und hatte die Probe zurückgewiesen mit den Worten: ‚Sagen Sie mal, sind sie eigentlich verrückt?‘ (Sie erzählte es ganz dramatisch, indem sie sich sogar an die Stirn tippte.)  Daraufhin wurde sie von Bolle mit dem sie einen jahrelangen Vertrag hatte, fristlos entlassen und klagte auf Zahlung des ihr vertragsgemäß noch zustehenden Gehalts.“ Es folgte ein langwieriger Prozeß unter großer medialer Aufmerksamkeit, den Rabinowitsch-Kempner dank ihrer wissenschaftlichen Beweisführung schließlich gewann. Seither darf in Berlin nur noch staatlich kontrollierte, von Tuberkuloseerregern freie Milch verkauft werden.

1912 verlieh Kaiser Wilhelm II. Rabinowitsch-Kempner einen Professorentitel. Damit war sie in Preußen die erste Frau Professor. Doch trotz des Titels und ihrer Verdienste fand sie keine Anstellung an einer deutschen Universität. 1920 starb ihr Mann Walter, 1932 die Tochter Nadja, beide ausgerechnet an Tuberkulose. Nach der Machtergreifung wurde Rabinowitsch-Kempner aus rassischen Gründen zwangsweise pensioniert. Sie verstarb 1935 nach schwerer Krankheit. Ihre letzte Ruhestätte auf dem Parkfriedhof Lichterfelde ist heute ein Ehrengrab des Landes Berlin. Im Berliner Bezirk Mitte trägt eine Straße ihren Namen. Der Sohn Robert wurde Jurist. Bei den Nürnberger Kriegsverbrecherprozesse, war er Stellvertreter des US-amerikanischen Chefanklägers Robert H. Jackson. Der Sohn Walter studierte wie seine Eltern Medizin. Er war der Hausarzt des Lyrikers Stefan George.

Die Porträt-Sammlung mit ca. 100.000 Druckgrafiken, Fotografien, Zeichnungen und Gemälden gehört zu den großen, bedeutenden Sondersammlungen der Staatsbibliothek. Das Foto von Frau Prof. Rabinowitsch-Kempner hat die Signatur Portr. Slg / Med. kl / Rabinowitsch-Kempner, Lydia, Nr. 1 . Es gehört zum Bestand der Atlantic Photo Gesellschaft . Diese Fotoagentur bestand von 1919-1944 unter wechselnden Namen. Zum Entstehungszeitpunkt unseres Fotos hieß sie Deutsche Presse-Photo-Zentrale.

Wer mehr über das Leben der verdienten Medizinerin erfahren möchte, lese „So wollen denn auch wir in diesem Sinne handeln : die Bakteriologin Lydia Rabinowitsch-Kempner (1871-1935)“ von  Katharina Graffmann-Weschke, unsere Signatur: 10 A 138230 .

 

Schlagworte: Atlantic Photo Gesellschaft, Carl Bolle, Deutsche Presse-Photo-Zentrale, Lydia Rabinowitsch, Lydia Rabinowitsch-Kempner, Medizin, Moabiter Milchkrieg, Portrait, Tuberkulose
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https://blog.sbb.berlin/wp-content/uploads/rabinowitsch-kempner.jpg 720 1280 Thomas Parschik https://blog.sbb.berlin/wp-content/uploads/stabi-logo-kante.png Thomas Parschik2026-10-02 12:53:172026-10-02 12:53:17Frau Prof. Rabinowitsch-Kempner und der „Moabiter Milchkrieg“
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