Geschäftsklimaforschung – zum Potential der historischen Jahresberichte deutscher Handelskammern für die Digital Humanities
Die nach wie vor überraschend schwache wissenschaftliche Rezeption der historischen Jahresberichte deutscher Handelskammern sorgte bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts für Erstaunen: „Wie kommt es nun“ – so 1905 Martin Behrend in einem Beitrag für das renommierte Archiv für Sozialwissenschaft und Sozialpolitik –, „dass die […] stets mit der größten Gewissenhaftigkeit von Männern der Praxis erstatteten Berichte für die Männer der Wissenschaft nicht ungleich wertvoller sind, als das heute der Fall ist?“[1] Und auch 120 Jahre später hat dieser Befund des späteren Rektors der Mannheimer Handelshochschule nichts an Gültigkeit verloren: Von wenigen Ausnahmen abgesehen (Fischer, Lichter, Will), wird diese seit den 1850er Jahren in hoher regionaler Dichte überlieferte zweiteilige Quellengattung bis heute vorrangig für die Redaktion von Festschriften einzelner Industrie- und Handelskammern herangezogen – ihr eminentes, vor allem aus der Verbindung qualitativer und quantitativer Informationen resultierendes Forschungspotential bleibt dagegen weitgehend ungenutzt.
So beginnen die Handelskammern ihre ab 1871 zunehmend standardisierten Jahresberichte mit einer differenzierten Einschätzung der Wirtschaftslage des eigenen Sprengels, in deren Zentrum ausgewählte, zuvor mithilfe deutschlandweit identischer Fragebögen ermittelte Stimmungsbilder und Zukunftserwartungen einzelner Unternehmen stehen. Diesem verbalen Teil folgt ein umfänglicher statistischer Anhang mit aggregierten Daten zur regionalen Entwicklung von Industrie, Handel und Gewerbe – eine charakteristische Dualität, die geradezu zur Anwendung von Mixed Methods-Ansätzen der Digital Humanities wie Sentiment Detection und Tabellenextraktion etwa zur Modellierung kollektiver Konjunkturbarometer in Anlehnung an den ifo-Geschäftsklimaindex einlädt.
Konzeptionell vorbereitet wurde eine solche konjunkturhistorische Untersuchung 2011 von Margrit Grabas auf Basis der Jahresberichte der 1863 gegründeten Handelskammer Saarbrücken, aus denen sie – unter Adaption von Jürgen von Kruedeners Methodik zur quantifizierenden Textanalyse – einen regionalen Geschäftsklimaindex für die Zeit zwischen 1869 und 1900 synthetisieren konnte.
Völlig klar, dass sich unter digitalen Bedingungen Möglichkeiten und Reichweite dieses Forschungsdesigns vervielfachen: Damit sind einerseits die Chancen des algorithmischen Text Mining für die wirtschaftshistorische Sentimentanalyse angesprochen, wie sie z.B. im Rahmen des Teilprojekts More than a Feeling des DFG-Schwerpunktprogramms Experience and Expectation. Historical Foundations of Economic Behavior ausgelotet werden. Zum anderen spiegelt diese Einschätzung die drastisch verbesserte Verfügbarkeit dieser so lange von der Forschung übersehenen (nicht zuletzt da fragmentiert überlieferten) Quellengattung im Zuge unseres von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderten Digitalisierungsprojekts Regionale Wirtschaftsentwicklung in qualitativ-quantitativer Doppelperspektive – die Jahresberichte deutscher Handelskammern des langen 19. Jahrhunderts im Open Access. Im Rahmen dieses im Herbst 2024 gestarteten, auf 36 Monate konzipierten Vorhabens stehen bereits knapp 1.800 Handelskammerberichte online zur Verfügung, weitere 1.600 sind bereits digitalisiert und zahlreiche Bände warten noch in den Startlöchern – oder vielmehr: in der Vorkammer.
[1] Martin Behrend: Zur Reform der Handelskammerberichte, in: Archiv für Sozialwissenschaft und Sozialpolitik 20 (1905), S. 431–448; hier S. 435.
Projektnummer 529670445







Foto: Gabriele Kaiser, privat



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