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Auf der Suche nach der Hörspielkunst. Ästhetische Diskurse im Hörspiel der Nachkriegszeit

Gastbeitrag von Luisa Drews

Als der deutschsprachige Rundfunk nach dem Zweiten Weltkrieg seine Tätigkeit unter der Aufsicht der vier Besatzungsmächte aufnahm, hatte das Hörspiel bereits eine zwanzigjährige Geschichte hinter sich. Die in diesen Jahren gemachten Erfahrungen hatten jedoch weniger die Form einer Entwicklung als vielmehr diejenige verschiedener Versuche und Konzepte, die zum Teil abgebrochen, zum Teil nicht weiterverfolgt worden waren. Dass es zu keiner stringenten Entwicklung des Hörspiels gekommen war, hatte nicht zuletzt mit dem politischen Wechsel und den damit verbundenen institutionellen Neustrukturierungen zu tun. Die Modelle, die zwischen 1924 und 1945 für das Hörspiel erwogen und erprobt worden waren – wie die didaktischen Hörmodelle des Weimarer Radios und die politischen Kurzhörspiele während des Nationalsozialismus –, waren daher nur bedingt auf die Erfordernisse des Rundfunks nach 1945 zu übertragen. Hinzu kamen der weitgehend ungeklärte Status der Gattung Hörspiel im System der Künste und das Fehlen eines Bewusstseins für die Selbstständigkeit des Hörspiels und seiner Eigengesetzlichkeiten. Während man in den 1920er und 1930er Jahren noch offen darüber diskutiert hatte, wo das Hörspiel im Spannungsfeld von Film, Drama und Lesung zu verorten sei, hatte sich der Spielraum des Hörspiels in den 1930er und 1940er Jahren auf eine Konzeption verengt, die stark an die Theaterdramaturgie angelehnt war. Um einen politischen Neubeginn des Rundfunks und einen ästhetischen Neuanfang des Hörspiels zu markieren, waren nach 1945 also Abgrenzungen zur jüngsten Radiogeschichte und Standortbestimmungen in der Debatte der frühen Hörspieljahre nötig.

Für die Alliierten war der Rundfunk ein Medium der Demokratisierung in doppelter Hinsicht; sie sahen in ihm einen zu demokratisierenden institutionellen Apparat und ein Mittel der allgemeinen gesellschaftlichen Demokratisierung. Zu diesen Instrumenten zählten beispielsweise der Schulfunk und Sendungen, die der Erwachsenenbildung dienen sollten, Rundfunkschulen und Nachwuchskurse, in denen das zukünftige journalistische Personal herangebildet wurde, Sendereihen, die die Hörer*innen einzubeziehen suchten und Sendereihen, die sich mit der nationalsozialistischen Vergangenheit auseinandersetzten (z.B. die Rundfunkberichterstattung über die Nürnberger Prozesse 1945 und 1946 oder Sendereihen, die den Sprachstil des Nationalsozialismus kritisch analysierten). Dem Hörspiel, das den westdeutschen konfessionellen Medien (wie z.B. die ‚Funk-Korrespondenz‘ des Katholischen Rundfunk-Instituts und der Spezialdienst ‚Kirche und Rundfunk‘ des Evangelischen Pressedienstes) als „Krönung der Rundfunkarbeit“ galt, sollte in diesem Projekt der Demokratisierung eine besondere Stellung zukommen. Dies hatte mehrere Gründe. Die Verantwortung und Bedeutung, die mit der Arbeit am Hörspiel verbunden waren, wurden zum einen aus der starken Hörerbeteiligung an Hörspielsendungen abgeleitet: Was verhältnismäßig viele Menschen empfangen konnten, was viele interessierte und von vielen tatsächlich gehört wurde, durfte, so die Logik, nicht nachlässig behandelt werden. Zum anderen verursachte das Hörspiel im Vergleich mit anderen massenmedialen Kunstformen die geringsten Produktionskosten, es konnte also mit verhältnismäßig geringen Mitteln Bildung mit Unterhaltung verknüpfen und relativ viele Menschen erreichen. Es konnte, wie Eugen Kurt Fischer für das westdeutsche Hörspiel 1960 feststellte, als „Grenzfall (der indirekten Bildungsarbeit)“ erscheinen.

Bei der Aufwertung der Rolle des Hörspiels nach 1945 ging es aber um noch mehr. Die Anforderungen an die und Förderung der Hörspielkunst schienen mit der Bildung und Schulung des Gehörs zusammenzuhängen. Was Theoretiker unterschiedlicher Provenienz von den 1920er bis in die 1940er Jahre gefordert hatten, nämlich die Herausbildung einer „Hörkultur“, kehrte nach 1945 im Zeichen der allgemeinen gesellschaftlichen Demokratisierung wieder. Die Erziehung zum richtigen Hören, die von Wort- und Musiksendungen gleichermaßen verlangt wurde, war deshalb so bedeutend, weil die Art des Hörens als Ausdruck der Beziehung zwischen Rundfunk und Hörpublikum verstanden wurde. Passive Rezeptionshaltungen und die Verschlechterung der Sprachgewandtheit wurden auch dem gegenwärtigen Betrieb des modernen Massenmediums Rundfunk zur Last gelegt, in dem zunehmend Unterhaltungsaspekte wichtiger wurden. Und weil die Hörer*innen nicht zu einer „Hördiät“, d.h. einem gezielten Auswahlhören, gezwungen werden konnten und auch längere Sendepausen keine Option waren (schließlich war man gerade erst dabei, den Sendebetrieb über den Tagesverlauf auszuweiten), musste die Erziehung zum Rundfunkhören durch eine Aktivierung der Sendeprogramme erfolgen. Wenn die einzelnen Hörer*innen sich persönlich angesprochen fühlten und es gelänge, den uninteressierten Dauerhörer aus seiner Passivität zu locken, dann würde der Rundfunk seiner erzieherischen Bedeutung gerecht, schrieb etwa Ludwig Stöcker 1950 in der Zeitschrift ‚Rufer und Hörer‘. Maßnahmen, von denen man sich eine Aktivierung des Hörens versprach, waren Hörerwettbewerbe, die regelmäßige Befragung des Publikums nach seinem Geschmack, die Einbindung von Hörer*innen in die Mitarbeit am Programm und auch Sendereihen, die exemplarisch gute und schlechte Musikstücke gegenüberstellten, um so das Ohr der Hörer*innen für künstlerische Qualitätsunterschiede zu schärfen. Das Hörspiel hingegen wurde als genuin aktivierende Sendeform des Radios verstanden: Erst durch aufmerksames Zuhören über einen längeren Zeitraum, so glaubte man, treten die Hörer*innen in Kontakt mit dem aus Sprache, Musik und Geräuschen bestehenden Hörwerk, bringen ihre Vorstellungskraft ein und werden Teil des Schöpfungsprozesses. Hörspielförderung bedeutete daher automatisch Förderung und Heranbildung aktiver Hörer*innen.

Interessanterweise ging mit der hohen Wertschätzung der Hörspielkunst, wie sie Ende der 1940er Jahre auch vonseiten der Westalliierten formuliert worden war, noch keine auf ähnlichem Reflexionsniveau geführte ästhetische Debatte einher. Dies wird verständlich, wenn man das Hörspiel im Kontext der Rundfunkentwicklung betrachtet. Die Zukunft des Hörspiels war Ende der 1940er Jahre völlig offen. Angesichts des neuen, aufkommenden Mediums Fernsehen war unklar, welche Form das Hörspiel annehmen würde, wie sich Hörfunk und Fernsehen zueinander verhalten würden und ob es sich überhaupt lohnen würde, eine eigene Hörspielkunst zu entwickeln, wenn diese in ein paar Jahren ohnehin obsolet werden könnte. Diese Fragen lassen sich in zahlreichen Periodika nachvollziehen, die sich im Bestand der Staatsbibliothek befinden, z.B. in ‚Theater der Zeit‘, ,Rufer und Hörer‘ und ‚Rundfunk und Fernsehen‘, aber auch in ‚Berlin hört und sieht‘ und der wohl bekanntesten Programmzeitschrift der Jahre, ‚Hör zu!‘. Die Verwirrung um die zukünftigen Zuständigkeiten innerhalb des Mediensystems war ästhetischen Debatten, die die medialen Spezifika der Formen in Rechnung stellten, nicht zuträglich; vielmehr spiegelten die zeitgenössischen Vergleiche eine implizite und unhinterfragte Gattungshierarchie. Während etwa das jüngere Hörspiel noch immer an den Maßstäben des älteren, etablierten Dramas gemessen wurde und zugleich das kommende Fernsehspiel fürchten musste (weil mit diesem die Hoffnung auf eine Zusammenführung von Ton und Bild verknüpft war), war das noch nicht entwickelte Fernsehspiel seinerzeit in den Diskursen bedroht vom Film und von der Bühne. Was das Verhältnis von Drama und Hörspiel anging, sah es damals nicht besser aus. Tatsächlich gab es einige, die der Ansicht waren, dass es keiner besonderen Hörspieldramaturgie bedürfe, weil es das Hörspiel an sich nicht gäbe. Viele Autoren behaupteten, dass das Hörspiel lediglich eine neue technische Ausdrucksform des Dramas darstelle und somit dessen vermeintlich ewigen dramaturgischen Gesetzen zu unterstellen sei. Diese Sichtweise, die ihre Wurzeln in der Frühzeit des Rundfunks hatte und besonders in den Hörspieltheorien nationalsozialistischer Autoren verfestigt worden war, wirkte beispielsweise sehr prominent bei Gottfried Müller nach. Dessen mehrfach wiederaufgelegtes Standardwerk zur ‚Dramaturgie des Theaters und des Films‘, das 1941 erstmals erschienen war und 1952 in erweiterter Form seine fünfte Auflage erlebte, wurde erst in der sechsten Auflage von 1954 um ein eigenes Kapitel zur „Dramaturgie des Hörspiels“ erweitert. Doch auch hier ging es letztlich nur darum, der Hörspielform jegliche Relevanz abzusprechen und die Inhalte des Hörspiels als das Maßgebliche zu setzen (so auch unverändert in der 7. Auflage von 1962).

Eberhard von Wiese: Was heißt eigentlich „funkgerecht“? Kleine Winke für Hörspiel-Autoren und solche, die es werden wollen. In: Hör zu! (1947), S. 8. - SBB-Signatur: 2‘‘ 2 Per 515-1/2.1946/47

Eberhard von Wiese: Was heißt eigentlich „funkgerecht“? Kleine Winke für Hörspiel-Autoren und solche, die es werden wollen. In: Hör zu! (1947), S. 8. – SBB-Signatur: 2° 2 Per 515-1/2.1946/47

Nur vereinzelte Stimmen wie die von Gerhard Mehnert gestanden dem Hörspiel, dem Ende der 1940er Jahre eine eigene Theorie und Ästhetik verwehrt blieb, eine pragmatische Zuwendung zu. Mehnert forderte eine Zusammenfassung von handwerklichen Regeln, die den technischen Vorläufigkeiten Rechnung tragen sollten, und bezeichnete dieses Desiderat als „Hörspielmethodologien“. Die Dissertationsschrift von Ernst Theodor Rohnert aus dem Jahr 1947, die sich nachdrücklich dafür einsetzte, das Missverständnis von der Verwandtschaftsbeziehung zwischen Drama und Hörspiel zu beseitigen und den Weg frei zu machen für die Ausprägung einer eigengesetzlichen Hörspielform, musste – aufgrund ihrer Entstehungsumstände als universitäre Qualifikationsschrift – weitgehend ungehört bleiben. Erst Anfang der 1950er Jahre mehrten sich die Stimmen in den Zeitschriften ‚Rufer und Hörer‘ und ‚epd/Kirche und Rundfunk‘, die vor einer zu starken Orientierung am Theater warnten und die Kunstform Hörspiel zu stärken suchten. Dass es nach Meinung verschiedener Zeitgenossen Ende der 1940er Jahre noch keine eigentliche Rundfunk- oder Hörspielkunst gab, war eine grundlegende Schwierigkeit dabei, das Hörspiel unmittelbar in die Umerziehungs- und Demokratisierungsvorhaben der Sender einzubeziehen. Das Hörspiel war unmittelbar nach dem Krieg mit hohen gesellschaftlichen und moralischen Ansprüchen beladen und zentrales Element eines Umgestaltungsprozesses geworden, ohne dass es eine grundlegende Verständigung über Formfragen des Hörspiels oder überhaupt über die Radiogattung Hörspiel in Deutschland gegeben hatte, die als Basis ihrer Umsetzung hätte dienen können. Ein weiteres Problem bestand im Fehlen von deutschsprachigen Rundfunkautor*innen für das Hörspiel. Hinzu kam, dass die öffentliche Kritik, die man als Wegweiser und Berater der Hörer*innen in einem demokratischen System für unabdingbar hielt, erst im Entstehen begriffen war.

Das Fehlen einer „prästabilisierten Ästhetik des Rundfunks“, das Martin Kunrath 1951 in der Zeitschrift ‚Rufer und Hörer‘ beklagte, und die damit einhergehenden Unsicherheiten brachten aber nicht nur Hemmnisse mit sich, sondern eröffneten, wie mein Dissertationsprojekt zu zeigen versucht, eine für das Hörspiel nach vielen Seiten offene Lage. Diese Lage ist von der Forschung bislang unzureichend charakterisiert worden, dominieren für das westdeutsche Hörspiel dort doch noch immer festgefahrene Vorstellungen von einem traditionellen, sogenannten Literarischen Hörspiel der 1950er und einem innovativen und experimentellen, sogenannten Neuen Hörspiel ab den späten 1960er Jahren, während das Hörspiel der DDR deutlich weniger Beachtung in der Forschung erfahren hat. Das westdeutsche Hörspiel der späten 1940er und 1950er Jahre ist aber, so meine These, deutlich vielschichtiger als bislang angenommen. Auch lässt sich eine kategorische Abgrenzung der Hörspieldiskussion und -praxis in Ost und West nicht aufrechterhalten, da Autor*innen genauso wie Hörspiele oft von verschiedenen Rundfunkanstalten produziert wurden. Zudem sind die Bezüge zwischen den ästhetischen Schriften zum Hörspiel von ost- und westdeutscher Seite in den Blick zu nehmen. Hinzu kommt, dass die ästhetischen Diskurse und Versuche des Nachkriegshörspiels sich mit Positionen und Praktiken der 1920er, 1930er und 1940er Jahre auseinandersetzen. Meinem Forschungsprojekt geht es also um eine bislang nicht geschriebene Geschichte der Neuansätze und Anknüpfungspunkte, Versuche und Bemühungen um eine Medienästhetik des Hörspiels nach 1945.

Sound Studio, WDR Cologne / Electr.Music Technology / Sound Engineering. - 'Composing' of electronic music at a recording studio of Westdeutscher Rundfunk broadcasting company in Cologne with tape recorder, scissors, folding rule and score. - Photo, undated (1950s). - Quelle: Britannica ImageQuest © akg-images / For Education use only

Sound Studio, WDR Cologne / Electr.Music Technology / Sound Engineering. – ‘Composing’ of electronic music at a recording studio of Westdeutscher Rundfunk broadcasting company in Cologne with tape recorder, scissors, folding rule and score. – Photo, undated (1950s). – Quelle: Britannica ImageQuest © akg-images / Universal Images Group / For Education use only

Für das Nachvollziehen dieser Suchbewegung sind die Bestände der Staatsbibliothek zu Berlin eine wichtige Ressource; die Online-Systematik des historischen Altbestands verzeichnet unter dem Schlagwort „Hörspiel“ 12 Systemstellen. Allein im Notationsbereich Xa 7430/200 ‑ Xa 7455/2220, der Film und Hörspiel betrifft, sind 615 Einträge verzeichnet. Beispielhaft für die Bezugnahmen des Nachkriegshörspiels auf die deutsche Rundfunktradition ist der 1951 in der BRD gegründete ‚Hörspielpreis der Kriegsblinden‘ zu nennen, der an Vorstellungen des ‚blinden Hörens‘ aus den 1920er Jahren und die Bemühungen der sozialen Radiohilfe anknüpfte. Dahinter stand ein Bündel von Überzeugungen, etwa, dass das neue Medium gerade für blinde Menschen zur „Erlösung“ werden könne, weswegen ihnen möglichst kostenfrei Zugang zum Rundfunk verschafft werden solle, dass blinde Menschen die besseren Radiohörer*innen seien usw. Der ‚Hörspielpreis der Kriegsblinden‘ vertiefte diesen Zugang durch eine Hörspieljury, die zur Hälfte aus im Krieg erblindeten Soldaten, zur Hälfte aus Fachkritikern bestand. Das hierfür wesentliche Zeitschrifteninstrument ‚Der Kriegsblinde. Zeitschrift für Verständnis und Verständigung‘, das seit 1949 herausgegeben wurde, liegt ebenso in den Magazinen der Staatsbibliothek wie sein in den Jahren 1917 bis 1944 publizierter Vorgänger ‚Der Kriegsblinde. Zeitschrift der National-sozialistischen Kriegsopferversorgung‘.

Es sind aber auch – bedingt durch die verschiedenen Methoden und Praktiken, welche die Alliierten in ihre Besatzungszonen brachten – neue Schwerpunkte und Fragen entstanden, die sich ohne diese äußeren Impulse nicht verstehen lassen. Die USA und England brachten beispielsweise eine im Vergleich zu Nachkriegsdeutschland weit fortgeschrittene Debatte zur Hörerforschung in die Rundfunkanstalten, die das soziologische und ästhetische Verständnis von Hörprozessen auf ein neues Reflexionsniveau stellte und auch in den Hörspielen selbst thematisiert wurde. Die theoretischen Überlegungen zum Status von Klangobjekten, wie sie von der Pariser Gruppe um Pierre Schaeffer im Bereich der ‚musique concrète‘ experimentell erkundet und diskutiert wurden, trafen auf die Versuche des Kölner Studios für elektronische Musik; beide Bewegungen änderten das Verständnis von Klangproduktion und  Hören grundlegend und lassen sich auch im Hörspiel der Zeit nachweisen. Um die Debatten der verschiedenen Rundfunkländer speziell zu technischen Fragen zu verfolgen, ist in der Online-Systematik ein Einstieg über den Notationsbereich Techn. III 16 b 1 empfehlenswert; derzeit sind hier 248 Rundfunkperiodika verschiedener Sprachen und Länder gelistet. Nicht zuletzt sind auch jene sprachspielerischen Hörspielversuche der frühen 1950er Jahre zu nennen, die weder in dadaistischer Lautpoesie noch im „doppelten Imperativ ‚hörspiel‘“ (Jandl/Mayröcker 1970) der späten 1960er Jahre aufgehen.

Während meines zweimonatigen Forschungsaufenthalts an der Staatsbibliothek habe ich mich insbesondere auf die Hörspieldebatte der späten 1940er und frühen 1950er Jahre konzentriert. Die Bestände zeigen, dass es verkürzt wäre, von einem Vakuum der Hörspieldiskussion nach 1945 zu sprechen und machen deutlich, welches Potential gerade Forschungsbemühungen eignet, die diese Übergangsjahre in den Blick nehmen.

 

Frau  Luisa Drews, Universität Wien, Österreich, war im Rahmen des Stipendienprogramms der Stiftung Preußischer Kulturbesitz im Jahr 2020 als Stipendiatin an der Staatsbibliothek zu Berlin. Forschungsprojekt: “Blindes Hören. Medien- und Gattungsästhetik von Radio und Hörspiel in den 1950er und 1960er Jahren”

Political agency through representation: Emperor William I as monarchical political actor

Gastbeitrag von Frederik Frank Sterkenburgh, The University of Warwick

Scholarly literature with regard to German Emperor William I shows an important discrepancy. On the one hand, William is considered politically feeble because of his chancellor Otto von Bismarck’s overbearing personality. According to this point of view, he grew, from 1871, an imperial figurehead, albeit an unwilling one. On the other hand, historians such as Andreas Biefang and Alexa Geisthövel have demonstrated that William consciously sought to craft his public image making use of the emerging mass printed media. From this angle, much greater agency appears to be ascribed to the monarch. Both perspectives follow a wider body of scholarship that sees monarchs in the second half of the 19th century as growing into symbolic figureheads with declining political powers, while also being forced to adapt to the changing media landscape. This begs the important question whether we need a more differentiated definition of political agency. A renewed look at the sources allows us to reconsider these arguments with regard to 19th century monarchs in general and William I in particular.

To develop a new definition of monarchical political agency, we can draw on cultural approaches to political history. Barbara Stollberg-Rilinger has argued that all political entities depend on representation in order to become a political reality. Only through representation a political order can be mediated in a conceivable manner. To this end, all political representations depend on symbolic acts in order to emphasize the particular political order they seek to create and reaffirm. Andreas Biefang has defined symbolic acts as all forms that are connected with political communication, such as language, architecture and ceremonial. Importantly, such representations need to be perceived by and resonate with the intended audience in order to become effective. Defining political agency in this manner allows to establish which groups are deemed instrumental in upholding the political order. Such a definition is particularly applicable to William, for whom relying on institutional or geographical dominance was of little use to effectuate his political agency because of Bismarck’s dominant role in the governmental executive, on the one hand, and the persistence of other German states, dynasties and identities after 1871, on the other.

The Newspaper Department of the Staatsbibliothek zu Berlin provides a rich corpus of contemporary material to subject this definition to scrutiny of the sources. In particular, the wide variety of newspapers with different political, regional and religious backgrounds offered a chance to consider in what manner and to which audiences William communicated the political order that he stood for, so as to make both his role as imperial figurehead and the monarchical form acceptable to as large a part of the population as possible. In addition, through the detailed descriptions of events that many 19th century newspapers provide, they fill in gaps in knowledge not provided by archival sources, such as about clothing or gestures. In the context of cultural history and cultural approaches to political history, these are important indicators of how power structures, political orders and the accompanying discourses are communicated.

An example drawn from newspaper accounts can make this clear. In 1876, the annual military manoeuvres were held for the first time outside Prussia, so as to include military units from other German states and contribute to the integration of the German Empire. William attended these military manoeuvres as they offered him a chance to acknowledge the other German states and dynasties. Newspaper accounts provide the details: He did this, amongst other things, by wearing the uniform or medals from the respective state he visited. As the Kreuzzeitung described the manoeuvres held in Saxony in 1876, ‘Se. Maj. der Kaiser und König, welcher durch Seine auch hier allgemein in Erstaunen setzende Frische und Rüstigkeit Freude in weitesten Kreisen und Jubel hervorrief, trug preußische große Generals-Uniform mit den Abzeichen eines General-Feldmarschalls, das lichtblaue schmal gelb geränderte große Band des K.sächsischen Militär-Heinrich-Ordens, die preußischen Kriegs-Orden und das Großkreuz des Heinrich-Ordens mit dem Lorbeerkranze, das einzige, welches mit diesem Schmucke vorhanden ist, und welches König Johann dem König Wilhelm am 9. October 1870 verliehen hat.’ Upon his departure from Leipzig after the military manoeuvres, William had published a letter to the mayor, written by either himself or the cabinet, which included his statement that ‘Mir ist hier, wo vor 63 Jahren der erste Schritt für die Vereinigung Deutschlands mit blutigen Opfern erkämpft wurde, überall eine so wohlthuende Darlegung der Sympathie für die Einigkeit Deutschlands, verbunden mit warmer und treuer Anhänglichkeit an den Landesherrn entgegengetreten, daß es Mir, ein wahres Herzensbedürfniß ist, Meiner freudigen Befriedigung hierüber Worte zu geben. Der Name der Stadt Leipzig ist bisher jederzeit unter den ersten genannt worden, wo es die Ehre und Größe Deutschlands galt.‘

Such newspaper accounts give insight into William’s political agency in two respects. First, they demonstrate how he acknowledged the dynastic-federalist nature of the German Empire. Through descriptions of the uniform he wore and the medals he had pinned on his uniform, it can be established that William used these symbols to acknowledge and underline the dynastic-federal character of the German Empire. Although the example quoted here applies to Saxony, we may assume that similar acts were carried out with regard to other German states. This suggests an active approach of William to the construction of the German Empire and challenges arguments about him as a Prussian king being a reluctant German Emperor.

The second point is the historical narrative provided by the letter William had handed to the mayor. Important here is the reference to the Napoleonic wars, and the battle of Leipzig in 1813 in particular, which is presented as a stepping stone towards eventual German unification in 1871. In this manner, William contributed to the construction of a historical narrative in which Prussia’s role in German history was underlined. Although such messages were readily relayed in private, they were written with the intention of being published in newspapers. There is a specific importance in the fact that these symbolic acts were noticed, both by the audience directly present and in newspaper coverage. Therefore, newspaper coverage provides a means to gauge to what extent William’s use of symbolic acts was circulated and popularized.

A further result of the research conducted in the Newspaper Department are much richer contours of how William framed his status and his monarchical power in relation to different geographical, religious and historical contexts. An example can illustrate this. In October 1880, William attended the dedication of the Cologne Cathedral. The Kölnische Zeitung wrote that ‘Wer immer seit zwei Mensenaltern ein Herz und einen guten Wunsch hatte für das deutsche Vaterland, der hatte auch ein Herz und eine Gabe für den Dom von Köln, und es war eine bedeutsame Fügung in dem Geschicke der Völker, das des deutschen Reiches Gründer auch des Kölner Domes Vollender sein sollte, dieses schicksalvollen Wunderwerkes, das wie kein zweites seit der ersten Grundsteinlegung bis zur Krönung seiner Türme ein Wahrzeichen und Symbol gewesen des deutschen Reiches und der Geschicke der deutschen Nation’. By contrast, the Frankfurter Zeitung wrote, more perceptively, that ‘Dieser Feier, die eine kirchliche sein soll, wohnte der Klerus nicht bei. Im Dom waren heute die zelebrierenden Priester zugegen und ein Weihbischof, welcher Kaiser Wilhelm empfing, im Uebrigen, zeigte sich weder in den Straßen, noch auf dem Festplatze ein Geistlicher. Zog man die große Menge aufgebotenen Militärs und die in Uniform erschienen Fürstlichkeiten in Betracht, so konne man eher an ein militärisches Fest glauben…’ Apart from such diverging appreciations, it is also telling that the Kölnische Zeitung spent several pages on its coverage, while the Frankfurter Zeitung’s comments come from the barely three columns on the bottom of its front page covering the event. This not only reflects these newspapers being of Catholic and of liberal orientation respectively, but also the one being a local and the other a national newspaper.

These divergences in treatment are significant in so far as they point to the workings of William’s political agency. The examples of the newspapers demonstrate that William’s symbolic acts were picked up by newspapers differently, contributing to them being circulated to a wider audience. As such, newspapers helped give contours to William’s imperial role, adapting it to different regions, social groups and confessional belongings. They helped shape perceptions of the monarchy, but it is not simply the case that newspapers forced the monarch to react. The examples demonstrate that William used this medium clearly to his own advantage. Newspapers thus extended the political leverage of the monarch, representing not just national audiences, but regional and local constituencies that could be related to and addressed. In this sense, newspapers form an important tool for analysing the political agency of nineteenth-century monarchs in general and William I in particular, because they became such important carriers of cultural meaning that went far beyond specific political decisions. As such they crafted a particular form of political influence based on dominating popular perception that a cultural approach to political history can reveal.

 

Primary sources

Frankfurter Zeitung, 17 October 1880.

Kölnische Zeitung, 15 October 1880.

Königlich Privilegirte Berlinische Zeitung von Staats- und Gelehrten Sachen. Vossische Zeitung, 9 September 1876.

Neue Preußische Zeitung / Kreuzzeitung, 17 September 1882.

 

Secondary literature

Biefang, Andreas, Die andere Seite der Macht. Reichstag und Öffentlichkeit im >>System Bismarck<< 1871-1890 (Düsseldorf 2009).

Biefang, Andreas, Michael Epkenhans and Klaus Tenfelde, ‘Das politische Zeremoniell im Deutschen Kaiserreich 1870-1918. Zur Einführung’ in: Andreas Biefang, Michael Epkenhans and Klaus Tenfelde, eds., Das politische Zeremoniell im Deutschen Kaiserreich 1871-1918 (Düsseldorf 2008) 11-28.

Clark, Christopher, Iron Kingdom. The rise and downfall of Prussia, 1600-1947 (Cambridge, Massachusetts 2006).

Geisthövel, Alexa, ‘Nahbare Herrscher. Die Selbstdarstellung preußischer Monarchen in Kurorten als Form politischer Kommunikation im 19. Jahrhundert’ in: Forschung an der Universität Bielefeld 24 (2002) 32-37.

Geisthövel, Alexa, ‘Den Monarchen im Blick. Wilhelm I. in der illustrierten Familienpresse’ in: Habbo Knoch and Daniel Morat eds., Kommunikation als Beobachtung. Medienwandel und Gesellschaftsbilder 1880-1960 (Munich 2003) 59-80.

Geisthövel, Alexa, ‘Wilhelm I. am ‘historischen Eckfenster’: Zur Sichtbarkeit des Monarchen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts’ in: Jan Andres, Alexa Geisthövel and Matthias Schwengelbeck eds., Die Sinnlichkeit der Macht. Herrschaft und Representation seit der Frühen Neuzeit (Frankfurt am Main 2005) 163-185.

Stollberg-Rilinger, Barbara, ‘Was heißt Kulturgeschichte des Politischen?’ in: Barbara Stollberg-Rilinger ed., Was heißt Kulturgeschichte des Politischen? (Berlin 2005) 9-24.

Schwengelbeck, Matthias, ‘Monarchische Herrschaftsrepräsentationen zwischen Konsens und Konflikt: Zum Wandel des Huldigings- und Inthronisationszeremoniells im 19. Jahrhundert’ in: Jan Andres, Alexa Geisthövel and Matthias  Schwengelbeck eds., Die Sinnlichkeit der Macht. Herrschaft und Representation seit der Frühen Neuzeit (Frankfurt am Main 2005) 123-162.

Vogel, Jakob, ‘Rituals of the ‘Nations in Arms’: military festivals in Germany and France, 1871-1914’ in: Karin Friedrich ed., Festive culture in Germany and Europe from the sixteenth to the twentieth century (Lewiston 2000) 245-264.

 

Herr Frederik Frank Sterkenburgh, The University of Warwick, war im Rahmen des Stipendienprogramms der Stiftung Preußischer Kulturbesitz im Jahr 2016 als Stipendiat an der Staatsbibliothek zu Berlin. Forschungsprojekt:“Monarchical rule and political culture in Imperial Germany: the reign of William I, 1870 – 1888”

Werkstattgespräch zu Wilhelm I. am 21. 6. 2016

Werkstattgespräch zu Wilhelm I. & dem politischen Gefüge des Kaiserreichs am 21.6.

Wissenswerkstatt
Monarchical rule and political culture in Imperial Germany – the reign of William I
Werkstattgespräch in englischer Sprache mit Frederik Frank Sterkenburgh
Department of German Studies – The University of Warwick,
2016 Stipendiat im Stipendienprogramm der SPK

Dienstag, 21. Juni
18.15 Uhr
Schulungsraum im Lesesaal, Haus Potsdamer Straße
Treffpunkt in der Eingangshalle (I-Punkt)
Eintritt frei, Anmeldung erbeten

This Werkstattgespräch will use the dedication of the Cologne Cathedral in October 1880 to illustrate some of the practices with which German Emperor William I (1797-1888) exercised his monarchical role. Historical assessments of William still revolve around the idea that he was a reluctant German Emperor, content with remaining a King who epitomized Prussian virtues and consistently overruled by chancellor Otto von Bismarck. Such judgments easily overlook to what extent William was a political actor in his own right and a key figure in the operating of the Hohenzollern monarchical system. The 1880 Dombaufeier can demonstrate how William was part of the Empire’s political decision making process, projected his understanding of the Empire in public, drew on particular historical narratives to legitimize his reign and positioned himself in the Kulturkampf. In this manner, William can be placed squarely in the historical context and political culture of the early German Empire.

Poster zur Veranstaltung
Alle Termine der Wissenswerkstatt

Stipendienprogramm der SPK an der Staatsbibliothek zu Berlin