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SBB-PK, Ms. germ. fol. 245, Bl. 62v (Public Domain Mark 1.0)

Digitale Lektüretipps 43: Vom göttlichen Fußabdruck bis zur Herrenpartie – eine digitale Blütenlese zum heutigen Feiertag

Ein Beitrag aus unserer Reihe Sie fehlen uns – wir emp-fehlen Ihnen: Digitale Lektüretipps aus den Fachreferaten der SBB

Der Feiertag Christi Himmelfahrt ist als Gelegenheit, ein verlängertes Wochenende zu genießen, zwar immer hochwillkommen – im Gegensatz etwa zu Weihnachten spielt das Fest jedoch außerhalb kirchlicher Kontexte kaum eine Rolle, oder, um es mit dem Theologen Karl Barth (1886-1968) zu sagen: „viele Menschen [begehen] gerade den Himmelfahrtstag […] als einen Freudentag ohne Christus; es liegt eine gewisse schöne Ehrlichkeit darin.“[1] Zu Barths Äußerung später mehr – zunächst soll ein kleiner Streifzug durch die Jahrhunderte und die digitalen Bestände der Staatsbibliothek zeigen, dass der heutige Feiertag auch in historischer Perspektive von häufig wechselnden Auffassungen und Bewertungen betroffen war.

Einen Überblick dazu bieten die einschlägigen Artikel der Nachschlagewerke Theologische Realenzyklopädie und Religion in Geschichte und Gegenwart.

Demnach hat sich das Himmelfahrtsfest in frühchristlicher Zeit erst schrittweise etabliert. Zunächst war es nur ein unselbständiger Teil der 50-tägigen Freudenzeit nach Ostern (Pentekoste), später wurden Christi Himmelfahrt und die Sendung des Heiligen Geistes (Pfingsten) gemeinsam am 50. Tag der Pentekoste gefeiert. Die bis heute gebräuchliche Praxis eines eigenständigen Himmelfahrtsfestes am 40. Tag nach Ostern – gemäß der biblischen Angabe in der Apostelgeschichte (Apg 1,3)[2] – setzte sich erst gegen Ende des 4. Jahrhunderts durch, bezeugt etwa in einer zwischen 386 und 397 in Antiochien gehaltenen Predigt des für seine Eloquenz bekannten Kirchenvaters Johannes Chrysostomos („Goldmund“).[3]

Im Mittelalter war der Feiertag bereits fest im Kirchenjahr verankert. Aus theologischer Perspektive verstand man die Himmelfahrt in dieser Zeit als Entrückung der menschlichen Natur Christi in den Himmel, also als leiblichen Ortswechsel. Diese körperliche Dimension des Geschehens zeigt sich besonders deutlich in bildlichen Darstellungen, etwa in dem Bildtypus des „Entschwebens“, der im 13.-15. Jahrhundert verbreitet war. Die obere Körperhälfte Jesu ist dabei bereits in den Wolken verschwunden, während die Beine noch zu sehen sind, wie etwa in dieser Handschrift aus dem frühen 15. Jahrhundert, die Heinrichs von München Weltchronik überliefert:

SBB-PK, Ms. germ. fol. 1416, Bl. 261r (Public Domain Mark 1.0)

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In manchen Fällen wird die Dynamik und Körperlichkeit des Vorgangs darüber hinaus durch Fußabdrücke des Entschwebenden verdeutlicht, die noch auf dem Boden zu sehen sind, wie in dieser Handschrift des Speculum humanae salvationis dt. aus dem 2. Viertel des 15. Jahrhunderts:

SBB-PK, Ms. germ. fol. 245, Bl. 62v (Public Domain Mark 1.0)

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In der Bibel ist zwar nur von den elf Jüngern als Zeugen der Himmelfahrt die Rede, aber in mittelalterlichen Darstellungen und Nacherzählungen ist stets auch Maria, die Mutter Jesu, anwesend. So entspinnt sich etwa in der Weltchronik Heinrichs von München nach Jesu Abschiedsrede ein emotionaler Dialog zwischen Mutter und Sohn (SBB-PK, Ms. germ. fol. 1416, Bl. 261r):

Maria sprach: Mein herr, mein sun, / Wie schol ich, dein armew muter, tun? / Nu wild du, herr, von mir varen / Owe, wer schol mich pewaren? / Du verst auf ze himelreich, / Liebs chind, wem laest du mich?

(Maria sagte: Mein Herr, mein Sohn, wie soll es mir, deiner armen Mutter, ergehen? Nun willst du, Herr, von mir gehen. Ach, wer soll sich um mich kümmern? Du steigst hinauf ins Himmelreich, liebes Kind, und wem vertraust du mich an?)

Jesus tröstet sie nicht nur damit, dass der Jünger Johannes (Anklang an den Passionsbericht im Johannesevangelium, Joh 19,25-27) und alle anderen Jünger und Jüngerinnen sich um sie kümmern werden, sondern kündigt ihr auch ihre leibliche Aufnahme in den Himmel an, gewissermaßen als Parallele zu seiner eigenen Himmelfahrt.

Gerade der aus mittelalterlicher Perspektive zentrale körperliche Aspekt des Himmelfahrtsgeschehens war in der frühen Neuzeit jedoch immer wieder Gegenstand theologischer Dispute. So vertraten die Reformatoren Huldrych Zwingli (1484-1531) und Johannes Calvin (1509-1564) im Abendmahlsstreit die Position, dass Christus, wenn er leiblich in den Himmel gefahren sei, unmöglich im gewandelten Brot und Wein der Abendmahlsfeier leiblich präsent sein könne. Martin Luther (1483-1546) dagegen lehnte eine räumlich-körperliche Himmelfahrtsvorstellung grundsätzlich ab und sah in der Himmelfahrt eine Erhebung Christi über das Kreatürliche insgesamt.

Seit der Aufklärung wurde die Vorstellung einer tatsächlichen Himmelfahrt Christi zunehmend als problematisch empfunden, da sie dem damaligen rationalistischen Weltbild widersprach. Zeitgenössische Theologen versuchten, die Himmelfahrt mythologisch-symbolisch zu deuten oder fokussierten sich kurzerhand auf andere Aspekte der biblischen Erzählung. So stützt sich etwa Friedrich Daniel Ernst Schleiermacher (1768-1834) in seiner 1816 in der Berliner Dreifaltigkeitskirche gehaltenen Himmelfahrtspredigt auf die Abschiedsworte Jesu an die Jünger nach dem Matthäusevangelium (Mt 28,16-20), das die Himmelfahrt gar nicht explizit erwähnt, denn: „Wie wenig wir nun vermögen, das, was die heiligen Bücher [über die Himmelfahrt] enthalten, aufzulösen, so verweilen wir am besten bei demjenigen, wovon wir das klarste Bewußtseyn erlangen können, was wir lebendig fühlen und was uns immer mehr mit ihm, dem wir angehören, verbindet.“[4]

Doch nun zurück zu Karl Barth. Für ihn hatte die Himmelfahrt wieder eine zentralere und positivere Bedeutung. Sie kann zwar „für die Menschenwelt [bedeuten], daß sie ohne Christus auskommt: sie braucht ihn nicht im Geschäft, sie braucht ihn nicht im Wirtshaus, sie braucht ihn nicht in der Schule und im Rathaus“ (S. 193) – das ist die eingangs erwähnte „schöne Ehrlichkeit“ des „Freudentags ohne Christus“. Doch dieser Dimension der Himmelfahrt als Verabschiedung Jesu aus der Welt der Menschen stellt Barth eine Lesart gegenüber, in der die Himmelfahrt den Menschen „zugleich die Richtung, den Inhalt und das Gesetz für [das] ganze Leben“ (S. 198) geben kann, indem sie zu einer Ausrichtung auf „de[n] Himmel der Güte und des Vertrauens, de[n] Himmel des wirklichen Lebens“ anregt. Interessanterweise liegt für Barth das Potential des Himmelfahrtsberichtes dabei gerade in seiner Unerhörtheit, in dem rationalen Skandalon, das die aufgeklärten Theologen so sehr störte: „An der Himmelfahrt müssen wir verstehen, daß wir Gott und Christus nicht verstehen“.[5]

Die hierzulande verbreitete (Un-)Sitte, Christi Himmelfahrt als „Vatertag“ mit einer trinkfreudigen Herrenpartie zu begehen und -gießen, ist übrigens angesichts der langen und wechselvollen Tradition des Feiertags eine noch ganz junge Episode: Sie stammt erst aus dem späten 19. Jahrhundert.

 

Wer den Feiertag übrigens musikalisch begehen möchte, kann dies ebenfalls mit digitalen SBB-Beständen tun: Hier ist ein Autograph des Himmelfahrts-Oratoriums „Lobet Gott in seinen Reichen“ (BWV 11) und der Himmelfahrts-Kantate „Gott fähret auf mit Jauchzen“ (BWV 43) von Johann Sebastian Bach (1685-1750) zu finden. Wem das Entziffern der Handschrift zu knifflig ist, kann die Kantatenpartitur hier auch in einer gedruckten Ausgabe lesen. Und wer die Werke stattdessen oder zusätzlich akustisch genießen will, findet verschiedene Aufnahmen in der Naxos Music Library.

 

[1] Predigt zu Himmelfahrt (13. Mai 1915), in: Karl Barth, Gesamtausgabe, Bd. I.27, hg. v. Hermann Schmidt, Zürich: Theologischer Verlag 1996, S. 192-199, hier S. 193. Elektronische Ausgabe: Digital Karl Barth Library, Alexander Street Press, LLC, 2007.

[2] Der Bibeltext kann hier in verschiedenen Versionen nachgelesen werden.

[3] Näheres hier: Nathalie Rambault, La fête de l’Ascension à Antioche d’après l’homélie de Jean Chrystostome In Ascensionem Christi, in: Preaching after Easter: Mid-Pentecost, Ascension, and Pentecost in Late Antiquity, hg. v. Richard W. Bishop, Johan Leemans und Hajnalka Tamas, Leiden: Brill 2016, S. 141-157 (DOI 10.1163/9789004315549_007). Originaltext der Predigt in der Patrologia Graeca.

[4] Nachzulesen hier in: Friedrich Schleiermacher, Kritische Gesamtausgabe. Predigten: Abteilung III. Band 5: Predigten 1816-1819, hg. v. Katja Kretschmar u. Michael Pietsch, Berlin: De Gruyter 2014, hier S. 11. Weitere Himmelfahrtspredigten aus den Jahren 1818 und 1819 auf S. 429f. und 624-627.

[5] Predigt zu Himmelfahrt (17. Mai 1917), in: Karl Barth, Gesamtausgabe, Bd. I.32, hg. v. Hermann Schmidt, Zürich: Theologischer Verlag 1999, S. 179-186, hier S. 180. Elektronische Ausgabe: Digital Karl Barth Library, Alexander Street Press, LLC, 2007.

Bibel, Sachsenspiegel & Co.: Recht und Religion in den deutschen Drucken des 16. Jahrhunderts

Zum Abschluss des Projektes VD16 digital möchten wir Ihnen einen tieferen Einblick in den Bestand geben, der nun digital zur Verfügung steht, und dadurch Leserinnen und Leser zum Stöbern anregen – unser zweiter Beitrag stellt die theologischen und juristischen Werke aus dem Projektbestand näher vor.

Ein Beitrag von Evelyn Hanisch und Friederike Willasch.

Das Wissensgebiet Theologie

Ein Großteil der Drucke des Projektes VD16 digital ist theologischer und religiöser Art und entspringt damit einem typischen Wissensgebiet des 16. Jahrhunderts. In der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts nahm religiöse Literatur mehr als 40% der gesamten Buchproduktion ein und spiegelte damit das Bedürfnis der Bevölkerung nach Information und Diskussion in einer Zeit des konfessionellen Umbruchs wider. Durch den Buchdruck verloren die römische Kirche und der geistliche Stand das Monopol über die Veröffentlichung von Glaubensinhalten – das kam vor allem dem reformatorischen Gedankengut zugute.

Die Lutherbibel

Die deutschsprachige Bibel war dabei ein wegweisender Druck, der die Bevölkerung unabhängiger von Priestern und Pfarrern werden ließ. Im Rahmen von VD16 digital wurden über 100 Bibelausgaben digitalisiert. Darunter sind natürlich die Bibelübersetzungen von Martin Luther. Dabei sind das Septembertestament und Dezembertestament von 1522 sowie die erste vollständige Lutherbibel von 1534 in sechs Teilen mit je einem eigenen Titelblatt von herausragender Bedeutung. Außerdem finden sich darunter auch buchkünstlerische Schätze wie die handkolorierte Prachtbibel aus dem Besitz von Joachim von Anhalt-Dessau.

Eigenhändige Unterschrift Martin Luthers in einer Wittenberger Bibelausgabe von 1541 (VD16 B 2712). Abteilung Historische Drucke. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Eine Attraktion ist die Lutherbibel von 1541 aus dem Besitz von Luthers Schüler Matthias Wanckel. Der Einband ist aufwendig verziert und mit Beschlägen und Schließen ausgestattet. Der Rückdeckel weist das Jahr 1542 als Herstellungsdatum des Einbandes und „Mathias Wanckelivs“ als seinen Besitzer aus. Dieses Exemplar wird durch die Personen einzigartig, die im 16. Jahrhundert ihre Spuren in dem Band hinterließen. Martin Luther selbst notierte eine Anmerkung zur Bibelstelle Johannes 5,39 mit eigenhändiger Unterschrift.

Doch damit nicht genug – hinzu kommen zwei weitere Autographen vom August 1547 aus der Feder von Johannes Bugenhagen und Caspar Cruciger. Diese Provenienzspuren in ihrer Summe geben einen Einblick in das soziale Netzwerk Luthers. Alle drei waren Weggefährten Luthers und Bugenhagen und Cruciger sogar an der Bibelübersetzung beteiligt. Bugenhagen kam 1521 nach Wittenberg und wurde Pfarrer der Stadtkirche. Er war einer der engsten Freunde und Berater Luthers und hielt sogar bei dessen Begräbnis eine Predigt. Gemeinsam mit dem Theologieprofessor Cruciger durchlebte Bugenhagen die Belagerung Wittenbergs im Schmalkaldischen Krieg und die folgende Kapitulation im Mai 1547.

Nicht nur Bibeln

Damit erschöpfte sich aber keinesfalls das theologische Schrifttum des 16. Jahrhunderts. Der theologische Diskurs und Glaubenskampf – und damit auch Martin Luthers Ideen – wurden vor allem durch Flugschriften befördert. Auch das Erbauungsschriftum nahm einen breiten Platz in der Buchproduktion des 16. Jahrhunderts ein. Das Gebet als persönlicher Zugang zu Gott war ein zentrales Element der Glaubenspraxis und äußerte sich typografisch in der Literaturgattung des evangelischen Gebetbuches. Ein typisches Beispiel ist der im Rahmen des Projektes digitalisierte Band „Christliche Schul und Haußgebetlein“. Des Weiteren bot Erbauungsliteratur, die in der Tradition der spätmittelalterlichen Gattung der Ars moriendi stand, den Menschen Unterstützung und Orientierung. Diese Literatur unterstützte die Gläubigen, mit Gebeten und Anweisungen den Anfechtungen des Teufels zu widerstehen,  wie zum Beispiel das in mehreren Auflagen erschienene Buch des lutherischen Theologen Kaspar Kantz mit dem Titel „Wie man den Krancken und sterbenden Menschen ermanen, troesten, und Gott befehlen sol”. Diese Ausgabe aus dem Jahr 1568 ist – wie die meisten Ausgaben der Erbauungs- und Trostschriften für Sterbende – auf jeder Seite mit aufwendigen Randleisten ausgestattet.

Schmuck im Druck: die Initiale

Gestaltungsreichtum: links eine gerahmte Initiale zum ersten Buch Mose (VD16 B 2694), in der Mitte eine Initiale umgeben von der biblischen Szene der Opferung Isaaks (VD16 ZV 8842) und rechts eine freistehende, ornamental gestaltete Initiale (VD16 ZV 1230). Abteilung Historische Drucke. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Charakteristisch für die Buchproduktion des 16. Jahrhunderts sind außerdem schmückende Initialen. Dieses typografische Element stammte noch aus der Handschriftenproduktion, als fertige Manuskripte in Handarbeit verziert und koloriert wurden. Im Druck musste nun für den Anfangsbuchstaben Raum im Satz gelassen werden, um dann die vom Formschneider aus Holz geschnittenen Zierbuchstaben einzufügen. Für ein harmonisches Satzbild wurden Schriftsatz und illustratorische Elemente typografisch aufeinander abgestimmt.

Das Wissensgebiet Recht

Wie die Theologie hatte auch die Rechtswissenschaft bereits eine schriftliche Tradition vor dem Buchdruck. Schrift entwickelte sich zum Medium der Information und der Speicherung von Wissen. Eines der ältesten und bedeutendsten Rechtsbücher in deutscher Sprache war der Sachsenspiegel. Zunächst ohne herrschaftlichen Auftrag von Eike von Repgow im 12. Jahrhundert verfasst, wurde der Text erweitert und ergänzt, glossiert und kommentiert, gewann an Legitimität und wurde schließlich als autoritatives Rechtsbuch angenommen.

Textgestaltung am Beispiel des Sachsenspiegels

Sachsenspiegel (Lehnrecht) von 1467 (Signatur: Ms. germ. fol. 9) im Vergleich mit einem Druck des Augsburger Buchdruckers Johann Otmar von 1508 (VD 16 D 741). Handschriftenabteilung / Abteilung Historische Drucke. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Neben einer großen Anzahl an Handschriften, welche die Textentwicklung begleiteten, sind auch viele gedruckte Ausgaben bzw. Auszüge des Sachsenspiegels überliefert. Dabei wurde nicht nur der Text übernommen; bis ins 16. Jahrhundert orientierte sich auch die Seitengestaltung an der Handschrift. Vier Ausgaben bzw. Auszüge des Gesetzestextes wurden im Rahmen des Projektes digitalisiert.

Das Titelblatt im Wandel

Im Vergleich: Die Titelblätter von Sachsenspiegel-Ausgaben von 1501 (VD16 D 733) und von 1582 (VD16 D 739). Abteilung Historische Drucke. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Ein Wandel zeigt sich dagegen beim Titelblatt und führt damit eine entscheidende Entwicklung des 16. Jahrhunderts vor Augen. Bereits in einer Ausgabe von 1501 gab es eine Art Titelblatt mit einem dreizeiligen Schriftblock im oberen Drittel der Seite beginnend mit: „Hie hebt sich an der Sachssenspiegel“. Dieses Titelblatt musste aber in Zusammenhang mit dem Kolophon am Ende des Buches gelesen werden. Eine erste Seite mit Titel, Erscheinungsjahr und Druckort, das den modernen Vorstellungen eines Titelblatts entspricht, entwickelte sich erst im Laufe des 16. Jahrhunderts wie in einer späteren Ausgabe des Sachsenspiegels zu sehen ist.

Informationssysteme für Experten: Dissertationen und Disputationen

Eine weitere Gattung, die sich mit dem Buchdruck ausdifferenzierte und dessen Produktion sprunghaft anstieg, waren Dissertationen und Disputationen. Sowohl für die Theologie als auch für die Rechtswissenschaft gewannen diese Hochschulschriften als Informationsspeicher von gelehrtem Spezialwissen, Ergebnissen und Theorien an Bedeutung und befeuerten den akademisch-wissenschaftlichen Diskurs. Gleichzeitig waren insbesondere in der Theologie Dissertationen und Disputationen als Argumentationsquelle ein Mittel des Glaubenskampfes und der Verbreitung von konfessionellem Denken und vor allem eine Form der gelehrten Streitkultur – gerade in Ergänzung zu den Flugschriften, die sich eher an ein breites Publikum richteten. Etwa 10% des Projektes VD16 digital sind Dissertationen und stammen vor allem aus der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts.

Weiter geht es im nächsten Beitrag unserer Reihe zum Projekt VD16 digital mit Illustrationen in wissenschaftlichen Werken!

Bibliophilie und Landadel in Thüringen – die Ebeleben-Bibel

Von Lucas Cranach d. J. gestaltete vierbändige Pergamentbibel von 1561/1562 in der Ausstellung „Bibel – Thesen – Propaganda“.

Familienporträts aus dem 2. bis 4. Band der Ebeleben-Bibel. Abteilung Historische Drucke. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Luther-Porträt, Lutherrose und Wappen der Familien Ebeleben und Carlowitz. Abteilung Historische Drucke. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Einmalig ist diese von Lucas Cranach d. J. gestaltete Pergamentbibel nicht zuletzt durch ihren Auftraggeber, der als einfacher Landadliger keineswegs dem Hochadel angehörte und sich dennoch eine derart hochpreisige bibliophile Kostbarkeit leistete. Nikolaus von Ebeleben stammte aus dem thüringischen Ebeleben bei Sondershausen und war mit Margarethe von Carlowitz verheiratet. Er studierte in Erfurt und Leipzig, unternahm Bildungsreisen nach Paris und Bologna. 1549 wurde er Domherr in Meißen, 1552 stand er in kurfürstlich sächsischen Diensten als Gesandter in Böhmen, 1568-1574 war er Amtshauptmann in Sangerhausen. 1563 erwarb Ebeleben das Gut Balgstedt bei Freyburg an der Unstrut. 1579 verstarb er hoch verschuldet als Domherr in Merseburg.

Ebeleben besaß eine kostbare Büchersammlung von ca. 400 Werken, meist in wertvollen Einbänden. Nach seinem Tod wurde seine Bibliothek durch den Buchbinder Marcus Bachmann aus Merseburg und den Buchhändler Jacob Apel aus Leipzig (gest. 1584) verzeichnet und taxiert. Ein Großteil des Buchbesitzes gelangte nach Leipzig an den in Auerbach geborenen Juristen Johann Stromer (1526-1607) und wurde anschließend weiter verkauft. Die vierbändige Pergamentbibel erwarb der Kurfürst von Brandenburg. Damit gehörte diese besondere Bibel mit großer Wahrscheinlichkeit bereits zum Gründungsbestand der Kurfürstlichen Bibliothek.

Datierung und Schlangensignet auf dem Luther-Porträt. Abteilung Historische Drucke. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Nur drei Exemplare der 1561 auf Pergament gedruckten Bibel aus der Offizin des Wittenberger Druckers Hans Lufft sind heute noch bekannt. Die beiden anderen Exemplare hatten fürstliche Auftraggeber und besitzen Widmungsbilder Sigismunds von Brandenburg und Albrechts von Preußen.

Das Berliner Exemplar enthält im ersten Band ein Porträt Martin Luthers mit einer elaborierten Darstellung der Lutherrose (diese besondere Lutherrose ist auch das Erkennungszeichen für unseren Ausstellungs-Blog), die Bände 2 bis 4 sind dagegen mit Familienporträts und den Familienwappen von Ebeleben und Carlowitz geschmückt: Hier finden sich die einzigen bekannten Bildnisse des Nikolaus von Ebeleben, seiner Frau und drei ihrer Kinder.

Nur das Luther-Porträt ist datiert und signiert: über der linken Schulter findet sich in Gold die Jahreszahl 1562 und das berühmte Cranach’sche Schlangensignet mit angewinkelten Flügeln.

Im Schriftfeld unter dem Luther-Porträt ist ein lateinisches Lobgedicht auf den Reformator eingetragen, der wohl von dem Dichter und Altertumskundler Georg Fabricius (1516-1571) stammt:

Inter Theologos est gloria prima Lutherus,
Nam Christi merito nemo magis tribuit.
Huic par est nullus: placeat, non deneger eius,
Discipulus: cui laus contigit ista, sat est.

Eine bereits im 16. Jahrhundert kursierende deutsche Übersetzung dazu lautet:

Der Mann Gottes Lutherus ist/
Und bleibt gewiß zu jeder Frist/
Unter der Theologen Schar
Der best/ Ja ein Kron fürwar.
Denn er dem Verdienst Jesu Christ
Am meisten eignet und zumißt.
Seins gleich nicht ist/ Wer ihm nachschlägt/
Und Christum/ gleich wie er/ fürträgt/
Hat Lobs genug/ denn er gewiß
Lutheri rechter Jünger ist.

Schriftfeld unter dem Luther-Porträt. Abteilung Historische Drucke. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Das Bild der Lutherrose ist mit zwei Schriftfeldern zum Thema “Freude und Trauer” ausgestattet, über der Rose findet sich zunächst eine Art lateinisches Wappengedicht zu den Symbolen des Kreuzes, der Rose und des Herzens und den stets mit Trauer vermischten Freuden des Lebens. Im Schriftfeld unter der Rose steht zunächst ein in den Tischreden überlieferter lateinischer Spruch Martin Luthers, gefolgt von einem deutschen Gedicht:

Schriftfeld unter der Lutherrose. Abteilung Historische Drucke. Lizenz: CC-BY-NC-SA

In luctu gaudium: in gaudio luctus:
Gaudium in Domino: lugendum in nobis.
(In Trauren Freud, In Freuden Trauren; Fröhlich im Herrn, Traurig in uns seyn).

Sünden meidenn Ist einn Schrein,
Gedult inn Leidenn leg darein,
Wolthat vor arges thu – Das zu
Trost Inn armut, nun Schleuß zu.

Luther selbst liefert in einem Brief an den Nürnberger Ratsherrn Lazarus Spengler (8. Juli 1530) eine detaillierte Interpretation der Symbolik der Lutherrose als “Merkzeichen” seiner Theologie (WA BR 5, Nr. 1628):

“Das erst sollt ein Kreuz sein, schwarz im Herzen, das seine natürliche Farbe hätte, damit ich mir selbst Erinnerung gäbe, daß der Glaube an den Gekreuzigten uns selig machet. Denn so man von Herzen glaubt, wird man gerecht. Ob’s nun wohl ein schwarz Kreuz ist, mortifizieret und soll auch wehe tun, dennoch läßt es das Herz in seiner Farbe, verderbt die Natur nicht, das ist, es tötet nicht, sondern erhält lebendig …
Solch Herz aber soll mitten in einer weißen Rosen stehen, anzuzeigen, daß der Glaube Freude, Trost und Friede gibt, darum soll die Rose weiß und nicht rot sein; denn weiße Farbe ist der Geister und aller Engel Farbe. Solche Rose stehet im himmelfarben Felde, daß solche Freude im Geist und Glauben ein Anfang ist der himmlische Freude zukünftig, jetzt wohl schon drinnen begriffen und durch Hoffnung gefasset, aber noch nicht offenbar. Und in solch Feld einen goldenen Ring, daß solch Seligkeit im Himmel ewig währet und kein Ende hat und auch köstlich über alle Freude und Güter, wie das Gold das höchste, köstlichste Erz ist.“

In der Ausstellung Bibel – Thesen – Propaganda können Sie diese prächtige thüringische Familienbibel zusammen mit vielen weiteren Objekten zur Entstehung und Verbreitung der Luther-Bibel noch bis zum 2.4.2017 in der Staatsbibliothek selbst in Augenschein nehmen und dort auch die bereits seit 1524 belegte Verwendung der Lutherrose als Schutzmarke für die Wittenberger Lutherdrucke nachvollziehen. Und Sie können die 1541 gedruckte und von Lucas Cranach d. J. für den Fürsten Johann IV. von Anhalt gestaltete Pergamentbibel bestaunen!