Weltweit einzigartig und jetzt online: Das Klugsche Gesangbuch von 1533 – eine Kooperation der Staatsbibliothek zu Berlin mit der Stiftung Luthergedenkstätten in Sachsen-Anhalt

Im Herbst 2021 wurde das Stammbuch von Valentin Winsheim (1521–1591) mit handschriftlichen Einträgen bedeutender Reformatoren von der Staatsbibliothek zu Berlin an die Stiftung Luthergedenkstätten in Sachsen-Anhalt übergeben. Gleichzeitig wurden 17 Lutherdrucke der Stiftung in der Staatsbibliothek digitalisiert.

Ein Beitrag von Evelyn Hanisch

Ein verschollen geglaubtes Stammbuch kehrt zurück …

Das kleine Freundschaftsalbum im Duodez-Format (9,5 x 7 cm) legte Valentin Winsheim während seiner Pfarrtätigkeit im thüringischen Tennstedt an. Von 1557 bis zu seinem Tod im Jahr 1591 versammelte er darin 34 Einträge in lateinischer, griechischer und deutscher Sprache. Darunter befinden sich unter anderem Einträge der Reformatoren Philipp Melanchthon (1497–1560) und Justus Menius (1499–1558), dem Humanisten Joachim Camerarius (1500–1574) und der Freifrau Lucretia von Berlepsch, geb. von Schleinitz (1542–1611).

Das Stammbuch, das seit 1913 im Besitz der Lutherhalle gewesen war, wurde 1976 aus der Wittenberger Dauerausstellung gestohlen und galt seitdem als verschollen. 2002 wurde es von der Staatsbibliothek zu Berlin bei einer Auktion der Galerie Bassenge erworben – in Unkenntnis darüber, dass es sich um Diebesgut handelte. Im letzten Jahr erfolgte nun nach Abschluss einer Vereinbarung die Rückgabe an die Stiftung Luthergedenkstätten. Damit wird das Stammbuch zukünftig wieder Bestandteil der Dauerausstellungen im Luther- oder Melanchthonhaus sein.

… und ist der Auftakt einer Kooperation

Mit der Rückgabe wurde eine Kooperation zwischen der Stiftung Luthergedenkstätten in Sachsen-Anhalt und der Staatsbibliothek zu Berlin initiiert. Gegenstand dieser Kooperation sind 17 Drucke des frühen 16. Jahrhunderts, die die Stiftung der Staatsbibliothek leihweise zur Verfügung gestellt hat, um sie in Berlin zu digitalisieren, mit umfangreichen Strukturdaten zu erschließen und anschließend in den Digitalisierten Sammlungen einer breiten Öffentlichkeit präsentieren zu können. Bei den 17 Drucken handelt es sich überwiegend um frühreformatorische Schriften Martin Luthers, die zwischen 1518 und 1523 gedruckt wurden, sowie um ein ganz besonders wertvolles, unikal überliefertes Gesangbuch.

Illustriertes Titelblatt des Klugschen Gesangbuchs von 1533 (VD16 ZV 6453). Reformationsgeschichtliche Forschungsbibliothek Wittenberg – Stiftung Luthergedenkstätten, Wittenberg. Lizenz: CC BY-NC-ND 4.0.

Das Klugsche Gesangbuch

Das sogenannte Klugsche Gesangbuch ist eine von Martin Luther persönlich zusammengestellte Sammlung volkssprachiger (Kirchen-)Lieder, die er bei Josef Klug in Wittenberg erstmals 1529 drucken ließ. Von 1533 bis 1545 wurden mindestens vier weitere Ausgaben mit Klugs Druckersignet mit dem Motiv der Lutherrose über dem Baum des Lebens herausgegeben (VD16 ZV 6453, G 842, G 849, G 850). Da von der Erstausgabe heute kein einziges Exemplar mehr vorhanden ist, erscheint das Wittenberger Exemplar der zweiten Ausgabe von 1533 umso kostbarer. Das von außen unscheinbare Bändchen mit braunem Ledereinband wurde im Jahr 1932 von der Lutherhalle aus Privatbesitz erworben und ist heute das einzige nachgewiesene Exemplar weltweit.

Bereits 1524 wurde von dem Komponisten und Kantor Johann Walther (1496–1570) ein Gesangbuch für den evangelischen Chorgesang, das Geystliche gesangk Buchleyn (VD16 L 4776) mit 38 deutschen und fünf lateinischen Liedern veröffentlicht, denen als offizielle Approbation ein Vorwort Martin Luthers vorangestellt ist. Erst im Jahr 1529 gibt Luther selbst das Gesangbuch Geistlich Lieder auffs new gebessert heraus, das in der Forschung als das Klugsche Gesangbuch bezeichnet wird. Das erste darin enthaltene Vorwort ist jenes aus dem Waltherschen Gesangbuch und wendet sich an die Jugend, die in Musik und anderen Künsten erzogen werden müsse, „damit sie der buellieder und fleischlichen gesenge los würde/ und an der selbigen stat etwas heilsames lernete“. Im zweiten Vorwort formuliert Luther seine Sorge um einen „Wildwuchs“ an Liedern „das auch die ersten unser lieder je lenger je felscher gedruckt werden/ hab ich sorge“ aber auch an Liederbüchern: „Also ists auch … viel andern büchern gangen/ Summa/ Es wil je der meuse mist unter dem Pfeffer sein.“ Um diesen Mäusemist aus seinem evangelischen Gesangbuch fernzuhalten, bittet und mahnt er eindringlich „alle/ die das reine wort lieb haben/ wolten solchs unser büchlin hinfurt/ on unser wissen und willen/ nicht mehr bessern odder mehren.

Martin Luthers Kirchenlied „Ein feste Burg ist unser Gott“ mit Noten im Klugschen Gesangbuch (VD16 ZV 6453). Reformationsgeschichtliche Forschungsbibliothek Wittenberg – Stiftung Luthergedenkstätten, Wittenberg. Lizenz: CC BY-NC-ND 4.0.

Eine Tradition nimmt ihren Anfang

Das Klugsche Gesangbuch gilt in der Forschung nicht nur als das erste durchgängig illustrierte evangelische Gesangbuch, sondern ist zudem für Luthers bekanntes Kirchenlied Ein feste Burg ist unser Gott, dessen Melodie Johann Walther komponierte, die früheste Quelle. Die Abfolge der Lieder beginnt mit „der unsern Lieder“, womit Luthers eigene verfasste oder übersetzte Lieder gemeint sind, die nach dem Kirchenjahr, dem Katechismus, dem Psalter, darunter eben auch der 46. Psalm „Deus noster refugium et virtus“, und anderen liturgischen Gesängen angeordnet sind. Mit „andere/ der unsern lieder“ schließen sich Lieder von Personen aus Luthers Umkreis an. Im Anschluss „folgen etliche geistliche lieder/ von den Alten gemacht„, also vorreformatorisches Liedgut. Nach „geistliche lieder/ durch andere/ zu dieser zeit gemacht“, darunter mehrere Lieder des evangelischen Predigers und Liederdichters Paulus Speratus (1484–1551), beschließen zahlreiche „lieder aus der heiligen schrifft/ so die lieben Patriarchen und Propheten vorzeiten gemacht und gesungen haben“ das Büchlein.

Ausschnitt aus dem Holzschnitt Mariä Verkündigung, der Luthers Übersetzung des „Magnificat“ im Klugschen Gesangbuch (VD16 ZV 6453) illustriert. Reformationsgeschichtliche Forschungsbibliothek Wittenberg – Stiftung Luthergedenkstätten, Wittenberg. Lizenz: CC BY-NC-ND 4.0.

Begleitet werden die Lieder von insgesamt 21 Holzschnitten mit biblischen Motiven, die im Umkreis Georg Lembergers entstanden sind, wobei sechs Abbildungen doppelt bzw. dreifach verwendet wurden. Mit dieser speziellen Anordnung von Liedern in Kombination mit Notation, kleinen Gebeten und Illustrationen etabliert das Klugsche Gesangbuch einen Kanon, der von fast allen späteren Gesangbüchern übernommen wurde.

Auf Spurensuche im Klugschen Gesangbuch

Handschriftlicher Besitzvermerk von Ernst Salomon Cyprianus im Klugschen Gesangbuch (VD16 ZV 6453) auf dem vorderen Vorsatzblatt. Reformationsgeschichtliche Forschungsbibliothek Wittenberg – Stiftung Luthergedenkstätten, Wittenberg. Lizenz: CC BY-NC-ND 4.0.

Im Laufe der Jahrhunderte ist das Gesangbüchlein durch mehrere Hände gegangen, die ihre (Provenienz-)Spuren hinterlassen haben. Der früheste Besitzvermerk auf der Rückseite des Titelblatts stammt von Georg Paulus Retsch von 1718. Leider ist eine Person dieses Namens nicht identifizierbar. Im Jahr 1736 lässt sich der evangelische Theologieprofessor in Coburg, Oberkonsistorialrat und Bibliothekar in Gotha Ernst Salomon Cyprian (1673–1745) als nächster Besitzer des Gesangbuches ausmachen. Er hinterließ sein Autogramm auf der Rückseite des Vorsatzblattes mit dem Hinweis „Libellus rarissimus“. Nach seinem Tod ging das Büchlein bereits 1749 in den Besitz des evangelischen Theologen, Diakons und Bibliothekars in Arnstadt Johann Christian Olearius (1699–1776) über, wie auf dem Titelblatt unterhalb der Titeleinfassung ersichtlich ist.

Besitzstempel von Unbekannt. Enthalten im Klugschen Gesangbuch (VD16 ZV 6453) und in der Theologia teütsch (VD16 T 891). Reformationsgeschichtliche Forschungsbibliothek Wittenberg – Stiftung Luthergedenkstätten, Wittenberg. Lizenz: CC BY-NC-ND 4.0.

Zeitlich als letzter Besitzer hat sich ein C. W. Witthauer handschriftlich auf dem Vorsatzblatt verewigt. Womöglich besteht ein Zusammenhang mit dem eigentümlichen Stempel in der oberen rechten Ecke derselben Seite, der einen runden Glaskolben in einem dreifüßigen Ständer in einem Kreis mit breitem Rand darstellt und den Eigentümer vielleicht als Apotheker ausweist. Ob der unbekannte C. W. Witthauer dem fränkisch-thüringischen Geschlecht Witthauer angehörte, deren verschiedene Stammlinien zahlreiche Theologen, Apotheker- und Arztfamilien hervorbrachten, und mit dem Lehrer Christian Wilhelm Witthauer (1823–1886) aus dem Familienzweig Kühndorf identisch ist, konnte nicht verifiziert werden. Aber zumindest die letzte Provenienzspur ist wieder eindeutig: Der Eingang des wertvollen Gesangbuches in den Bestand der Lutherhalle im Jahr 1932 wird durch einen ovalen Besitzstempel mit der Inschrift „Lutherhalle, Wittenberg“ bezeugt.

Luthers Flugschriften

Handschriftliche Randnotizen von unbekannter Hand in Martin Luthers Auslegung der zehn Gebote „Decem praecepta Wittenbergensi predicata populo“ (VD16 L 4321). Reformationsgeschichtliche Forschungsbibliothek Wittenberg – Stiftung Luthergedenkstätten, Wittenberg. Lizenz: CC BY-NC-ND 4.0.

Bei den anderen 16 Drucken dieses gemeinsamen Digitalisierungsprojektes handelt es sich fast ausschließlich um frühe Werke Martin Luthers von 1518 bis 1523, die überwiegend zur Gattung der Flugschriften zählen und daher besonders geeignet waren, Reformationspropaganda zu verbreiten. Darunter auch zwei Werke, die bislang noch nicht digital zugänglich waren. Zum einen der Ende August 1518 bei Johann Rhau-Grunenberg in Wittenberg erschienene Sermo de virtute excommunicationis (VD16 L 6031), eine Predigt über die Kraft des Bannes, die Luther am 16. Mai 1518 gehalten hatte. Zum anderen der Sermon Martini Luters von der geburt Christi (VD16 L 6538), der von Wolfgang Stöckel 1523 in Leipzig gedruckt wurde. Hervorzuheben wegen der zahlreichen handschriftlichen Anmerkungen ist auch Luthers Auslegung der zehn Gebote Decem praecepta Wittenbergensi praedicata populo (VD16 L 4321), die im Juni 1518 bei Johann Rhau-Grunenberg in Wittenberg herausgebracht wurde. Zwei weitere Drucke entstammen jedoch nicht Luthers Autorschaft. Die umfangreiche Handlung oder Acta gehaltener Disputation zu Bern (VD16 H 502), ein protokollartiger Bericht der Berner Religionsgespräche, die im Januar 1528 zwischen bedeutenden Anhängern der Reformation und Vertretern der päpstlichen Kirche gehalten wurden und im selben Jahr bei Johann Prüß in Straßburg publiziert wurden. Außerdem die Antwort- und Verteidigungsschrift des Dominikaners Silvestro Mazzolini da Prieri (1456–1523) auf eine ihm von Martin Luther zugesendete Dialogschrift. Diese Replica. F. Syluestri Prieriatis, sacri Palatij Apostolici Magistri, Ad F. Martinum Luther Ordinis Eremitarum (VD16 M 1754) wurde, erweitert durch ein spöttisches Vorwort Luthers, im Januar 1519 bei Melchior Lotter in Leipzig veröffentlicht und ein Exemplar samt Begleitbrief Luthers an Silvestro Mazzolini nach Italien gesendet.

Die Sammlungen Augustin und Knaake

Allen 17 Werken ist gemeinsam, dass die Exemplare der Staatsbibliothek zu Berlin fast ausschließlich zu den Kriegsverlusten zählen oder nie in ihrem Bestand waren. Dagegen gehören die Exemplare der Stiftung Luthergedenkstätten von jeher zum Grundbestand der Lutherhalle, die 1883 als reformationsgeschichtliches Museum gegründet worden war. Ein Teil der Drucke ist Bestandteil der bereits seit 1860 im Predigerseminar Wittenberg aufbewahrten Sammlung Augustin, die von der preußische Krone aufgekauft und der Lutherhalle geschenkt wurde. Die Sammlung Augustin ist nach dem evangelischen Theologen und Halberstädter Oberdomprediger Christian Friedrich Bernhard Augustin (1771–1856) benannt und umfasst etwa 5.000 Drucke der Reformationszeit, darunter jeweils ca. 1.200 Drucke Martin Luthers und seiner Zeitgenossen sowie etwa 2.600 Flugschriften der Reformationszeit, Lebensbeschreibungen Luthers und seiner Weggefährten.

Der andere Teil gehört zu der Sammlung Knaake, die nach dem Begründer der Weimarer Lutherausgabe Joachim Karl Friedrich Knaake (1835–1905) benannt ist. Er versammelte in seiner Bibliothek die drei größten und wertvollsten Privatsammlungen an Lutherdrucken, von denen er bereits zu Lebzeiten mehr als die Hälfte für die Finanzierung der Lutherausgabe verkaufen musste und deren erste und zweite Sammlung von der Königlichen Bibliothek zu Berlin erworben wurden. Im Jahr 1893 wurden 3.027 der 4.168 Titel der Königlichen Bibliothek an die Lutherhalle in Wittenberg weiterverkauft.

Ausschnitt der grün kolorierten Titelblatteinfassung von Martin Luthers Predigt zum Dreikönigstag von 1521 (VD16 L 5503). Reformationsgeschichtliche Forschungsbibliothek Wittenberg – Stiftung Luthergedenkstätten, Wittenberg. Lizenz: CC BY-NC-ND 4.0.

Alle Spuren führen nach Wittenberg

Auch diese beiden früheren Eigentümer, Augustin und Knaake, sind als eigene Provenienzspur nachgewiesen. Zu dem bereits oben erwähnten Stempel wurden zwei weitere Stempel des Lutherhauses als Provenienz erfasst, die in den Lutherdrucken als Besitznachweis vorhanden sind: Der erste runde Stempel mit Lutherrose und Beschriftung „Lutherhalle Wittenberg“, der von dem zweiten Stempel mit gleichem Motiv und der Beschriftung „Lutherhalle Lutherstadt Wittenberg“, vermutlich ab 1938, abgelöst wurde.

Alle 17 Drucke befinden sich nun wieder in der Reformationsgeschichtlichen Forschungsbibliothek in Wittenberg. Drei davon, darunter auch das Klugsche Gesangbuch sind sogar in der Dauerausstellung des Lutherhauses Wittenberg zu besichtigen – ein guter Grund, die Lutherstadt Wittenberg zu besuchen!

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