Interview mit Linda Aßmann (Bestandsentwicklung und Metadaten)

Linda Aßmann arbeitet in der Abteilung Bestandsentwicklung und Metadaten (IIA) der Staatsbibliothek. Sie hat uns jeweils zu Beginn unserer Ausbildung die theoretischen Hintergründe beim Erfassen von Büchern beigebracht und ist auch jetzt noch stets für uns da, wenn sich Fragen ergeben.
Sie hat sich netterweise dazu bereiterklärt, an einem kurzen Interview mit uns teilzunehmen. Lesen Sie hier ihre Antworten auf Fragen rund um die Arbeit in der SBB.


Auszubildende: Welche Tätigkeit übst du aus?

Linda Aßmann: Ich habe das große Glück, einen sehr abwechslungsreichen Arbeitsplatz zu haben. Also grundsätzlich arbeite ich in der Abteilung Bestandsentwicklung, im Referat Buchbearbeitung, und hier im Sachgebiet der Monografien, inklusive Antiquaria. Das heißt, wir bearbeiten hier den Printzugang, der so alltäglich anfällt, wir bearbeiten die Rechnungen. Lieferantenkommunikation gehört auch dazu. Alle Probleme, die hier so auftauchen, bearbeiten wir. Darüber hinaus bin ich in der Ausbildung tätig, bilde das Team mit Ute Röbke für den Praxisbegleitenden Unterricht. Das sind insgesamt fünf Wochen, in denen das erste Lehrjahr der FaMI-Azubis das RDA-regelgerechte Formalerschließen im K10plus, also unserem Verbundkatalog, lernt. Und dann bin ich noch bei der Gruppe der Metadatenbearbeitung dabei, bearbeite E-Books und habe die stellvertretende Sachgebietsleitung inne. Ich hoffe, ich habe nichts vergessen…

AB: Das klingt ja schon nach einer ganzen Menge grundsätzlicher Tätigkeiten.

LA: Ja, stimmt. Ja, die Woche ist voll.

AB: Was schätzt du denn am meisten daran?

LA: In der Ausbildung mag ich es gerne, mit den jungen Leuten zusammen zu sein, aus dem ganz einfachen Grund: Es hält einen jung. Es ändert die Perspektive, es ändert auch meine Sicht darauf, was wichtig ist, den jungen Menschen beizubringen, was sie brauchen. Das ist tatsächlich auch ein Abwägen, was wichtig für euch ist, euch damit nicht zu überladen, und euch einfach so das Essenzielle beizubringen.
Bei den Metadaten macht mir besonders Spaß, dass ich das Gefühl habe, mich persönlich weiterzuentwickeln, weil es viel mit Dingen zu tun hat, die ich außerhalb meiner Ausbildung selbst nicht sehr vertiefen konnte, weil das immer sehr auf einem theoretischen Level verblieben ist. Aber hier arbeite ich tatsächlich mit der Kommandozeile [Teil eines Computerprogramms, das eine Textzeile als Eingabe vom Benutzenden entgegennimmt und im Kontext interpretiert] und ich habe verschiedene Werkzeuge, die ich benutzen kann, die mir vorher völlig fremd waren. Hier merke ich also ganz doll den Wandel dieser Bibliothekswelt und da freue ich mich für mich persönlich, dass ich mich da weiterentwickeln kann.
Und ansonsten mag ich hier an meiner Tätigkeit im Sachgebiet das Großraumbüro (…). Ich mag die Interaktion mit meinen Kolleginnen und Kollegen. Ich finde, das macht vieles einfacher. Ich mag diese große Gruppe hier und dieses Miteinander. Es gibt eigentlich wenig, was ich an meinem Job nicht mag…

AB: Das klingt so schön, dass du dich hier so wohl fühlst. Es gibt ja auch die Meinung unter Kolleg*innen, dass der Großraum gar nicht so ihr Ding ist, aber es ist schön, dass es bei dir anders ist.

LA: Ja, ich glaube, das ist einfach eine Geschmacksfrage. Der Großraum bietet für uns sehr viel, zumal jeder von uns in der Nische bleiben kann, in der er sitzt. Das heißt, haben wir mal einen schlechten Tag oder müssen uns mal konzentrieren – hier kommt ja alles Menschliche zusammen – bietet der Großraum trotzdem alles. Wir nehmen hier Rücksicht aufeinander, Gruppengespräche à 20 Mann in voller Lautstärke sind hier natürlich nicht drin. Wir passen uns an und passen aufeinander auf.

AB: Und es gibt ja auch Trennwände, mit denen man sich einigeln kann.

LA: Genau, das ist halt auch ein Sichtschutz, damit hier jeder auch ein bisschen seine Privatsphäre hat.

AB: Wieso hast du dir die SBB als Arbeitsort ausgesucht, wenn man denn von „ausgesucht“ sprechen kann?

LA: Tatsächlich bin ich schon seit 2005, mit einer kurzen Unterbrechung, bei der Stabi, weil ich dort auch meine FaMI-Ausbildung begonnen habe. „Ausgesucht“ in dem Sinne ist ein schönes Wort, weil ich als 19-jährige damals natürlich nicht einordnen konnte, was die Staatsbibliothek ist und ihre Funktion für die Bibliothekswelt. Was die Staatsbibliothek von anderen Bibliotheken in Berlin unterscheidet. Das heißt, ich war ziemlich naiv, muss ich ehrlich zugeben. Und es ist nicht so, dass ich es mir ausgesucht habe: Ich war Nachrückerin und hatte eher das Glück, dass ich genommen wurde.
Dann hatte ich das große Glück, dass ich einen Anschlussvertrag bekommen habe nach der Ausbildung, hier in der Abteilung II A. Als dann die Stelle auslief, war ich für acht Jahre in der Ostasienabteilung. Da hat man mir für meine berufliche Weiterentwicklung die Möglichkeit gegeben, Teilzeit zu arbeiten und den Bachelorabschluss im [Bibliothekswissenschafts-] Studium zu machen. Das bindet, das hat auch etwas mit Dankbarkeit zu tun. Damit, dass es einfach möglich war, dass ich studieren konnte neben der Arbeit.
Dann habe ich aber leider keinen Anschlussvertrag mehr bekommen als Bachelorabsolventin und war dann gezwungen, die Staatsbibliothek zu verlassen. Das hat mir unwahrscheinlich geholfen, weil die zwei Jahre an einer anderen Bibliothek hier in Berlin Spaß gemacht haben und ereignisreich waren. Aber ich war sehr glücklich, als ich wieder zurückkommen konnte, denn die Staatsbibliothek bietet mir persönlich einfach ein abwechslungsreiches Arbeitsgebiet. Und ich kann sagen, dass das vielleicht in anderen Bibliotheken nicht so möglich ist, obwohl ich mir nicht sicher bin, weil ich nur zwei Jahre über den Tellerrand geguckt habe.

AB: Welche Bibliothek war das?

LA: Das war die Bibliothek der Beuth Hochschule. Die hat jetzt ihren Namen geändert [in Berliner Hochschule für Technik]. Das war eine sehr kleine Bibliothek. Ich glaube, wir waren insgesamt so viele in der Bibliothek, wie wir hier im Sachgebiet sind.

AB: Kontrastreich!

LA: Kontrastreich, anderes Publikum, andere Anforderungen der Nutzer. Andere Schwerpunkte, anderes Budget, anderer Etat. Also ganz anders. Sehr nett, auf eine andere Art und Weise als hier. Aber dann bin ich wieder hergekommen. Also, ich gehöre fast zum Inventar, zumindest, was mein Berufsleben betrifft, habe ich so das Gefühl.

AB: Was ist dein Lieblingsort hier in der Staatsbibliothek?

LA: Das ist der Lesesaal [im Haus Potsdamer Straße], auch wenn ich damit in meiner alltäglichen Arbeit ganz wenig Kontakt habe. Aber ich mag diese großen Treppen, diese überdimensionalen Lampen. Ich bin immer sehr ehrfürchtig. Als Auszubildende bin ich da immer hochgegangen und konnte gar nicht glauben, dass sich hinter so einer doch sehr schlichten Fassade, auch wenn es ein Sharoun-Bau ist, tatsächlich sowas auftut. Und am meisten mochte ich, und das habe ich bei anderen auch gemerkt, wenn man sich auf die oberste Treppe stellt und den ganzen Lesesaal überblickt, das finde ich ziemlich imposant. Und ich mag die Atmosphäre im Lesesaal. Also jetzt gerade ist es ja sehr leer. Aber dieses konzentrierte Arbeiten, die Ruhe… das ist schon was Schönes. Und was ich noch gerne mag… Das Urbane Gewässer dort vorne [am Potsdamer Platz] im Sommer ist schön, ich glaube das sieht jeder so (…). Und im Haus 1 [Unter den Linden] bin ich leider nicht oft, aber ich glaube, da gibt es auch ganz tolle Orte. Der Eingang ist ja da auch Wahnsinn!

AB: Worauf kannst du hier bei der Arbeit nicht verzichten? Was brauchst du unbedingt?

LA: Einen Computer. Also ich brauche Technik, den Internetzugang, die Programme. Zurzeit ist es ja ein bisschen anders organisiert bei uns [Wechsel zwischen Präsenz- und Homeoffice-Tagen]. Die zwei Tage, die wir zurzeit hier anwesend sind, sind eigentlich dafür da, den Printzugang abzuarbeiten, sodass ich hier wirklich nur mit physisch vorhandenen Medien arbeite.
Wenn ich allerdings im Homeoffice bin, dann muss der VPN-Tunnel stehen, dann muss das E-Mail-Programm funktionieren und dann brauche ich auch all die Programme, die mir dabei helfen, E-Books zu bearbeiten, Metadaten abzuholen und sie zu bearbeiten (…).

AB: Erinnerst du dich an ein Kompliment, das dir bei der Arbeit gemacht wurde?

LA: Ja, ganz viele tatsächlich. Ich erinnere mich gerne an die Nutzerinnen und Nutzer, die sich, wenn man die E-Books freischaltet, persönlich bedanken. Ich finde, das ist in dieser Zeit, wo alles so anonym ist und man ja eigentlich nur ein Service-Dienstleister ist, immer bemerkenswert, dass die sich eine Minute Zeit nehmen, um sich zu bedanken.
Dann komme ich wieder zur Ausbildung zurück: Zu merken, dass ihr dem folgen könnt, was wir euch beizubringen versuchen, dass das erfolgreich ist und dass wir als Team sehen können, wie ihr vorankommt – ich finde, das sind schöne Momente. Weil der Aufwand sich lohnt, aber auch, weil man einfach sehen kann, dass das Sinn macht, was wir hier machen. Euer Danke ist immer schön. Also eigentlich ist es immer schön, wenn man eine Anerkennung kriegt. Das muss kein Wort sein, das können auch Gesten sein (…).
Der Nutzerkontakt ist immer etwas, was mich freut, denn den habe ich zurzeit wenig. Und eigentlich machen wir das hier alles ja auch für die Nutzer. Die Massen an Büchern, die wir hier bewegen und bereitstellen, die Metadaten, die wir erschließen (…).

AB: Welches Buch hast du zuletzt gelesen und welches ist dein Lieblingsbuch, wenn du eines hast?

LA: Ich bin immer so schlecht darin, mir Autoren zu merken… Also, das letzte Buch, das ich ausgelesen habe, war „Miroloi“ [von Karen Köhler]. Das ist eine Geschichte von einer jungen Frau, die im Dorf nicht anerkannt wird, weil sie anders ist und die sich mit den alltäglichen Repressalien auseinandersetzen muss. Auf meiner Merkliste ist gerade „Kinder von Hoy“ [von Grit Lemke]. Ich hoffe, dass ich’s ab dem 4. März bekomme!

Und mein Lieblingsbuch ist… (…) Alle meine Freundinnen werden lachen. Wisst ihr, warum? Weil ich dieses Buch immer an alle, von denen ich weiß, dass sie es mögen, verschenke, wenn sie Geburtstag haben. Es ist verfilmt worden, der Film war ganz ekelhaft, also ich mochte ihn überhaupt nicht… „Der Distelfink“ [von Donna Tartt], das fand ich wirklich richtig gut und hab es ganz schnell durchgelesen. (…)

AB: Auf welche Frage hattest du zuletzt keine Antwort? Und konntest du die Antwort dann vielleicht doch noch finden?

LA: Ja, es gibt immer so Sachen… Gerade, wenn es sich um Sachen dreht, wo man von der buchbinderischen Seite her entscheiden muss, wie der Bestand eingegliedert wird. Ich hab’s sogar hier (Nimmt ein Buch mit Beilage in die Hand.)! Es ist ein Band für den Rara-Lesesaal. Wir haben einen Supplementband, der passt jetzt nicht hier hinten in den Band rein. Und normalerweise ist es so, dass wir ihn beschneiden können, sodass er passend gemacht wird. Aber über Dinge, die für den Rara-Lesesaal sind [und deshalb besonders wertvoll sind], traue ich mich einfach nicht zu entscheiden. Das heißt, ich muss immer Rücksprache mit Kolleginnen aus der Einbandstelle halten oder aus anderen Sachgebieten, die dann qualifiziert sind (…). Die dann Dinge entscheiden können, weil sie mehr Erfahrung haben. Und ja, es gibt immer Dinge, die ich nicht sofort beantworten kann, wo ich selbst nachschlagen muss. Aber das ist wieder der Vorteil am Großraumbüro. Meine Vorgesetzte ist immer zu erreichen, oder ich stehe auf und frage einfach Kolleginnen oder Kollegen.

AB: Du weißt also immer, wo eine Lösung zu finden ist.

LA: Genau, das ist ganz schön. Und wenn die Kollegin mir in dem Moment nicht helfen kann, kann sie mir aber vielleicht sagen: ‚Ach, aber frag doch den und den!‘

AB: Das spricht ja auch für die SBB, dass niemand im Regen stehengelassen wird.

LA: Du musst nur wissen, an wen du dich wenden kannst, wo du die Information herkriegst. Manchmal ist das auch abteilungsübergreifend. Aber ganz ehrlich: Ich glaube, das ist doch überall gleich. Also da, wo es funktioniert, fragt man sich gegenseitig.

AB: Wenn du drei Wünsche frei hättest, welche wären das? Vielleicht auch auf‘s Arbeiten bezogen.

LA: Das ist eine Frage auf die ich tatsächlich keine Antwort habe… Okay, der bauliche Zustand muss verbessert werden, aber da sind wir uns einig. Und das wird passieren, wir müssen da einfach nur ein bisschen Geduld haben. Also, für mein alltägliches Arbeitsumfeld wäre das das einzige, wo ich sagen würde, da ist eindeutig eine Verbesserung notwendig.
Ansonsten hoffe ich, dass sich mein Arbeitsgebiet von den Aufgaben her nicht verändert, dass es so bleiben kann, wie es ist. Dass ich eine freie Zeiteinteilung habe, wann ich Dinge bearbeiten kann. Das geht natürlich nicht bei Termindruck, das ist mir klar.
Ich würde, wenn die Pandemie vorbei ist, gerne mal wieder mein ganzes Sachgebiet sehen. Es gibt Kolleginnen, die habe ich seit Beginn der Pandemie 2019 nicht mehr persönlich gesehen! Und das macht das Aufrechterhalten dieses Zusammenhalts und dieses Teamgefühls sehr schwierig. Ja, das würde ich mir wünschen! Ich würde gerne mal wieder mit allen zusammensitzen und sie mal wieder sehen. Das waren drei, oder (lacht)?

AB: Ja, das waren drei. Vielen lieben Dank für das Gespräch!

 

Das Interview fand am 28. Februar 2022 im Rahmen des FaMI-Takeovers des ersten und dritten Ausbildungsjahres statt. 

0 Kommentare

Ihr Kommentar

An Diskussion beteiligen?
Hinterlassen Sie uns einen Kommentar!

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.