Digitale Lektüretipps 62: Mein lieber Schwan – Baudelaire zum 200. Geburtstag

Ein Beitrag aus unserer Reihe Sie fehlen uns – wir emp-fehlen Ihnen: Digitale Lektüretipps

Noch heftiger als sonst sehnen die meisten unter uns sicherlich die untrüglichsten Vorboten des Frühlings herbei: die kräftigeren Strahlen der Sonne und den morgendlichen Gesang der Vögel. Doch ein Vogel ist noch viel mehr als nur ein „Anzeiger“ des Frühjahrs.

Für unseren heutigen Jubilar Charles Baudelaire, dessen 200. Geburtstag dieser Blogpost gilt, ist der Vogel ein genuines Symbol für den Dichter, für den poète maudit. In den Fleurs du Mal lässt er nämlich als Dichter-Alter-Ego gleich zwei Vögel auftreten: In Spleen et Idéal den « albatros » (Albatros), in den Tableaux parisiens den « cygne » („Schwan“, aber aussprachegleich zu « signe »/„Zeichen“).

Auch heute ist eine Auseinandersetzung mit Baudelaire und insbesondere mit den Fleurs du Mal lohnend, deren zweite Auflage mit 126 Gedichten in sechs Abteilungen (Spleen et Idéal, Tableaux parisiens, Le Vin, Fleurs du Mal, Révolte, La Mort) erstmals 1861 erschienen ist und die durch den Abdruck in der sog. Pléiade-Ausgabe meist als Referenztext angesehen wird. Das machen auch die letzte deutsche Neuübersetzung deutlich, die anlässlich des 150. Todestages am 31. August 2017 von Rowohlt herausgebracht und mit dem Eugen-Helmlé-Übersetzerpreis ausgezeichnet wurde, oder die in einem renommierten Wissenschaftsverlag nach Baudelaire benannte Reihe.

Wer glaubt, dass diese Beschäftigung mit Baudelaire als einem zentralen Dichter moderner europäischer Lyrik nur etwas für Neuphilologen ist, irrt aber. Hier soll nicht die Rede sein von den zahllosen intertextuellen Verweisen und Anleihen bei der Bildersprache, für die schon die eingangs erwähnte, letztlich bis auf den altgriechischen Dichter Pindar (6. Jh. v. Chr.) zurückreichende Vogelsymbolik [1]  ein beredtes Zeugnis ablegen könnte. So findet sich in den Fleurs du Mal neben den drei Gedichten mit nur lateinischem Titel (Sed non satiata, Semper eadem, Moesta et errabunda) auch ein gänzlich neulateinisches Gedicht (Franciscae meae laudes) und in die Pléiade-Ausgabe [2] sind neulateinische Dichtungen aufgenommen, die Baudelaire bereits als Pennäler Preise bei mehreren Concours eingebracht haben und die immer noch einer gründlichen wissenschaftlichen Aufarbeitung harren.

Neben der Poesie selbst bieten die Briefe eine weitere Möglichkeit, sich dem Dichten und Denken Baudelaires zu nähern: Dies wird bald anhand einer digitalen Edition der Korrespondenz Baudelaires noch einfacher möglich sein: Diese Edition soll die Transkription und das Faksimile von etwa 1.550 Briefmanuskripten enthalten, die Baudelaire zwischen Januar 1832 und März 1866 an verschiedene Empfänger schickte. Diesem Korpus werden alle 211 an Baudelaire gerichteten Briefe hinzufügt, die bis heute bekannt sind.

Und was wäre Lyrik ohne ihr musikalisches Klangbild, wie wir alle spätestens seit dem Nobelpreis für Bob Dylan wissen? Auf den Seiten des Baudelaire Song Project kommen auch Musikinteressierte auf ihre Kosten. Das Projekt hat das Ziel, alle musikalischen Vertonungen der Gedichte Baudelaires aufzuzeichnen und es wird von Helen Abbott (University of Birmingham) in Zusammenarbeit mit Mylène Dubiau (Université Toulouse II) geleitet.

Wem also die Vögel draußen noch zu zaghaft sind, der könnte hier Baudelaires « albatros » lauschen.

Anmerkungen

[1] Dabei setzt sich Pindar metapoetologisch mit dem edelsten aller antiken Vögel, dem Adler des Zeus, gleich, während er seine Berufsgenossen abfällig als Krähen bezeichnet. Die bis heute rekurrente Redensart des sterbenden, klagenden Schwans ist bereits seit der attischen Tragödie (5. Jh. v. Chr.) nachweisbar. Die meist-rezipierten Schwanenstellen liefert zweifellos Platon (428/427–348/347 v. Chr.), bei dem der Schwan in allgemeinerer Art und Weise nicht nur für einen musisch begabten Menschen, sondern auch für Unsterblichkeit und Innovation steht. Spätestens zur Zeit des Hellenismus (ab 323 v. Chr.) ist der Schwan zur lexikalisierten Metapher geworden, der zusammen mit einem (oft in eine gelehrte Anspielung gekleideten) Ethnonym für den Dichter oder die Dichterin steht.

[2] Text: S. 225–235, Anmerkungen: S. 1270–1273. Übrigens können Sie derzeit auch Bände, die sonst in der Handbibliothek im Haus Potsdamer Straße als Präsenzbestand stehen, zur Ausleihe bestellen (weitere Informationen dazu finden Sie hier).

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