Beiträge für Forschung und Kultur

20 Jahre Zeitungsabteilung im Westhafen

Heute vor 20 Jahren, am Montag, dem 22. September 1997, öffnete erstmals der Lesesaal der Zeitungsabteilung im Berliner Westhafen. Die provisorische Unterbringung in einem eigens zu diesem Zweck umgebauten ehemaligen Getreidespeicher war notwendig geworden, um das Haus Unter den Linden umfassend sanieren und restaurieren zu können.

Mit einem Bestand von mehr als 200.000 Originalbänden und über 250.000 Mikroformen, bei  aktuell 280 laufenden Zeitungsabonnements (davon 155 aus dem Ausland) ist die Zeitungssammlung der Staatsbibliothek zu Berlin die größte ihrer Art in Deutschland. Während viele Bibliotheken in den letzten Jahrzehnten aus Platz- und Kostenersparnisgründen Zeitungsbände ausgeschieden und laufende Abonnements gekündigt haben, konnte die Abteilung ihre Sammlung vor allem durch Schenkungen und Bestandsübernahmen von anderen Einrichtungen sinnvoll ergänzen und erweitern. So verwundert es nicht, dass viele historische, deutschsprachige Zeitungen im gedruckten Original nur noch in der Staatsbibliothek vorhanden sind, die – aller Digitalisierung zum Trotz – vor allem von Forschungseinrichtungen, Museen und Gedenkstätten für hochwertige Reproduktionen sehr stark nachgefragt und genutzt werden.

Die mit nur 14 MitarbeiterInnen vergleichsweise kleine Abteilung zählt aber mit über 4.500 aktiven Lesern, durchschnittlich 21.000 in den Lesesaal bereitgestellten Medien pro Jahr, über 1.000 positiv bearbeiteten Fernleihbestellungen und mehr als 2.500 beantworteten mündlichen und schriftlichen Anfragen pro Jahr zu den gefragtesten in der Nutzung der archivierten Materialien. Das aus den Beständen der Zeitungsabteilung digitalisierte historische „Berliner Tageblatt, 1878-1928“ ist im europäischen Portal „Europeana Newspapers“ die mit Abstand am stärksten genutzte elektronische Ressource in diesem Portal überhaupt.

Wenn die Abteilung im Jahr 2019 endlich in die neuen Räume im Haus Unter den Linden ziehen wird, wird damit für Viele ein lang ersehnter Wunsch in Erfüllung gehen, nur Einige werden vielleicht die Ruhe und Abgeschiedenheit des Westhafens vermissen.

Neu im VD 17: Buchbestand der St. Bartholomäuskirche in Röhrsdorf bei Meißen

Weiteres Projekt zur Erfassung kleinerer Bibliotheksbestände in der VD 17-Datenbank erfolgreich abgeschlossen! Nochmals 185 Nova gefunden!

Ein Beitrag von Friederike Willasch.

Emblematische Darstellung von Bibelsprüchen in einem Gebetbuch von 1692. Kirchenbibliothek der St. Bartholomäuskirche Röhrsdorf. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Das Interesse von Bibliotheken und Institutionen an einem Nachweis ihrer Bestände im „Verzeichnis der im deutschen Sprachraum erschienenen Drucke des 17. Jahrhunderts“ (VD 17) ist groß – gerade auch bei kleineren Sammlungen. Die Staatsbibliothek zu Berlin als eine der VD 17-Trägerbibliotheken übernimmt immer wieder die Verzeichnung, wie etwa 2015 für die St. Nikolai-Kirchenbibliothek Spandau. Aktuell hat die Abteilung Historische Drucke die einschlägigen Bibliotheksbestände der St. Bartholomäuskirche in Röhrsdorf bei Meißen komplett im VD 17 erfasst. Und auch darunter befanden sich Drucke, die bisher nicht im VD 17 nachgewiesen waren.

Die Kirchenbibliothek zu Röhrsdorf

Im Jahr 1737 wurde die St. Bartholomäuskirche zu Röhrsdorf im barocken Stil neu gebaut und 1750 zusätzlich aufgestockt, um Platz für ein Archiv und eine Bibliothek zu schaffen. Unterstützt wurde die Kirche dabei von ihrem Patronatsherrn Johann August von Ponickau (1718-1802). Er schenkte der Kirche 200 Bände theologischen Inhalts aus seiner Privatbibliothek, die zu einem Fundament des Bibliotheksbestandes wurden.

Die Bestände der Kirchenbibliothek zu Röhrsdorf konnten außerdem durch Schenkungen und Nachlässe der ansässigen Pfarrer weiter wachsen. So stiftete zum Beispiel der Pfarrer Theodor Wilhelm Schmidt (1704–1779) der Bibliothek neben seiner Sammlung 100 Taler, deren Zinsen zur Anschaffung neuer Bücher verwendet werden sollten.

Der jetzt in der VD 17-Datenbank nachgewiesene Bestand der Kirchenbibliothek beläuft sich auf 1.570 Titel. Es handelt sich zu einem überwiegenden Teil um Dissertationen, von denen – kaum überraschend – ca. 70% theologische Dissertationen sind. Daneben finden sich insbesondere Funeralschriften wie Leichenpredigten, die auch im „Katalog der Leichenpredigten und sonstiger Trauerschriften“ – herausgegeben von Rudolf Lenz – erfasst wurden. Eine große Anzahl der Leichenpredigten ist dabei Adeligen gewidmet und kann Einblicke in die Geschichte einiger sächsischer Adelsfamilien geben. Andere Gelegenheitsschriften des Bestandes wurden anlässlich von Festen und Einladungen, Einweihungen oder Amtsantritten angefertigt. Weitere typische Gattungen des Bestandes sind theologische Kommentare und Streitschriften, Gebet- oder Gesangbücher, darüber hinaus Predigten.

Interessant sind besonders die 185 bisher noch nicht im VD 17 nachgewiesenen Drucke, die – soweit konservatorisch möglich – durch die Staatsbibliothek zu Berlin im Rahmen des noch bis 2018 laufenden VD 17-Unika Projekts digitalisiert werden konnten. Sie stehen der Forschung jetzt über die Digitalisierten Sammlungen der Staatsbibliothek zur Verfügung. Auch unter diesen Nova, die etwa 12% des VD 17-Bestandes der Kirchenbibliothek ausmachen, finden sich überwiegend Dissertationen und viele Gelegenheitsschriften. Bemerkenswert ist aber, dass ca. 40% der im Bestand vorhandenen Gebet- und Gesangbücher erstmalig im VD 17 verzeichnet werden konnten.

Bücher aus dem Besitz der Familie von Ponickau

Charakteristisch für viele Bände aus der Kirchenbibliothek ist die auffällige Prägung des Schriftzuges „Der Kirche zu Roehrsdorff“ auf dem vorderen Buchdeckel. Einige Bücher liefern darüber hinaus Hinweise auf ihre Vorbesitzer, wie handschriftliche Vermerke oder Supralibros. Allein der einstige Patronatsherr der Kirche, Johann August von Ponikau, hinterließ solche Spuren in 9 Exemplaren. Auf dem Titelblatt eines Gebet- und Andachtsbuches findet sich unten rechts – fast unbemerkt neben dem auffälligen schwarz-roten Titel – sein handschriftlicher Namenszug „J A v Ponicau“.

Namenszug von Johann August von Ponickau in einem Gebetbuch von 1700. Kirchenbibliothek der St. Bartholomäuskirche Röhrsdorf. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Johann August von Ponickau stammte aus einem sächsischen Adelsgeschlecht und war Hofrat des Herzogs Friedrich III. von Sachsen-Gotha-Altenburg, bevor er nach dem Tod seines Vaters zunächst auf den Familienbesitz Klipphausen in der Nähe von Röhrsdorf zurückkehrte und später nach Dresden umzog. Am kursächsischen Hof in Dresden war der bibliophile Adelige überaus geschätzt und erhielt 1751 den Titel eines Geheimen Kriegsrats. Dank eines beachtlichen Erbes konnte Johann August von Ponickau eine ansehnliche Büchersammlung mit ca. 14.000 Bänden aufbauen, die er katalogisieren ließ und deren Benutzung er für wissenschaftliche Studien gestattete. Sein Interesse galt vor allem der sächsischen Geschichte.

Eine fast vollständige Erblindung und der Mangel an eigenen Nachkommen veranlassten ihn, nach einer geeigneten Unterbringung für seine Sammlung zu suchen. Neben der Stiftung an die Kirchenbibliothek zu Röhrsdorf überließ er den Großteil seiner Privatbibliothek deshalb 1789 der Universität Wittenberg. Dort überstand sie Anfang des 19. Jahrhunderts zunächst unsichere Zeiten, als napoleonische Truppen die Stadt Wittenberg besetzten und die Universitätsbibliothek überstürzt geräumt werden musste. Eine Verlegung des Bestandes nach Dresden gelang nicht rechtzeitig vor Beginn der Befreiungskriege 1813, sodass die Ponickau-Sammlung zwischengelagert werden musste und erst nach dem Krieg wieder zurück nach Wittenberg gebracht werden konnte. Mit den folgenden territorialen Verschiebungen wurde auch der Verbleib der Ponickau-Sammlung neu geregelt. Da die Universitäten in Wittenberg und Halle zusammengelegt wurden, zog die Ponickau-Sammlung nach Halle um und ist dort heute als Sondersammlung Bibliotheca Ponickaviana ein bedeutender Bestand der Universitäts- und Landesbibliothek Sachsen-Anhalt.

Namenszug von Johanna Sophia von Ponickau in einem Spener’schen Gebetbuch. Kirchenbibliothek der St. Bartholomäuskirche Röhrsdorf. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Durch die Provenienzangaben ist der Bestand der Kirchenbibliothek zu Röhrsdorf auch Ausdruck ponickauischer Familiengeschichte. Denn Besitzvermerke in etwa 70 Exemplaren – manchmal sind sogar mehrere Vorbesitzer zu identifizieren – weisen auf die verwandtschaftlichen Verzweigungen der Familie von Ponickau mit der sächsisch-meißnischen Adelsfamilie von Miltitz und mit der Familie von Löschbrandt hin. So vermerkte zum Beispiel Johanna Sophia von Ponickau, eine Tante Johann Augusts, die 1701 in die Familie von Miltitz einheiratete, ihren Namen handschriftlich in einem mit Goldschnitt und verzierten Schließen versehenen Gebetbuch. Die evangelischen Gebetbücher dienten der privaten Erbauung, was auch eine Erklärung dafür sein kann, dass etwa ein Viertel dieser Besitzvermerke aus dem Umfeld der Familie von Ponickau in Gebetbüchern auftritt. Diese Bücher waren für den Gebrauch bestimmt und überdauerten daher nicht immer Jahrhunderte. Eine vollständige Erfassung aller Ausgaben aus dem 17. Jahrhundert ist kaum möglich und jeder Nachweis ein Gewinn.

Ein Kooperationsprojekt wie dieses lebt von guter Zusammenarbeit und Unterstützung vor Ort: Unser Dank gilt Pfarrer Christoph Rechenberg und Holger Reichmann, die mit ihrem Engagement und den geleisteten Vorarbeiten dieses Projekt erst möglich gemacht haben.

Embleme christlicher Tugenden in Johann Arndts Paradiesgärtlein (1686). Kirchenbibliothek der St. Bartholomäuskirche Röhrsdorf. Lizenz: CC-BY-NC-SA

 

Heinz Mack – ein großartiger neuer Träger der Moses-Mendelssohn-Medaille

Seit 1993 wird die Moses Mendelssohn Medaille an verdienstvolle Persönlichkeiten verliehen, die sich im Sinne und in der Tradition des Denkens von Moses Mendelssohn für Toleranz und Völkerverständigung und gegen Fremdenfeindlichkeit engagiert haben. Die mit der Medaille geehrten Persönlichkeiten stehen in ihrem Wirken mit den Zielen des Moses Mendelssohn Zentrum und der Staatsbibliothek in Übereinstimmung und fördern mit ihrem Engagement die Verbreitung des Toleranzgedanken in der Gesellschaft.

Am Abend des 6. September verliehen – im Otto Braun-Saal des Hauses am Kulturforum – Professor Dr. Julius H. Schoeps, Vorstandsvorsitzender der Moses Mendelssohn-Stiftung und ich gemeinsam die Moses Mendelssohn Medaille an den Künstler und Mitbegründer der Gruppe ZERO. Die Laudatio übernahm Professor Dr. Jürgen Wilhelm, Vorsitzender der Landschaftsversammlung und des Landschaftsausschusses des Landesverbandes Rheinland.

In meiner Begrüßung der Gäste führte ich aus:

 

Sehr geehrte Damen und Herren,

lieber Herr Professor Schoeps,

verehrter Herr Mack, sehr geehrter Herr Professor Wilhelm,

liebe Freundinnen und Freunde der Staatsbibliothek,

 

Wir ehren heute Abend Heinz Mack und zwar vor dem Hintergrund der Erinnerung an Moses Mendelssohn. Wer mit der Moses Mendelssohn Medaille ausgezeichnet wird, muß sich verdient gemacht haben mit einem Engagement, das einen gesellschaftspolitischen Mehrwert besitzt. Und eben dies zeichnet viele Werke von Heinz Mack, deren Kennzeichen zunächst die Abstraktion der Formensprache ist, aus: ihre gedankliche Verwurzelung im Politischen, in der so schwierigen deutschen Geschichte. Ich möchte dies, meine Damen und Herren, an einem einzigen Beispiel ganz konkret verdeutlichen und Ihnen – Professor Wilhelm als Laudator wird dies in weitaus größerer Breite und Tiefe unternehmen – auch von meiner Seite aus zu beweisen versuchen, warum Heinz Mack ein sehr verdienter Träger unserer heute zu vergebenden Auszeichnung ist.

In der Innenstadt von Düsseldorf erinnerte die nach dem Krieg neuentstandene Berliner Allee an das Schicksal Berlins seit den Jahren der Luftbrücke und der Teilung der Stadt – und gleich benachbart befand sich der „Platz der Deutschen Einheit“ – verkehrumtost, zugig und ohne rechten ‚Ankerpunkt‘. Das Bekenntnis zur deutschen Einheit war in den achtziger Jahren ohnehin unmodisch geworden; eher floskelhaft wurde der politische Anspruch an die Wiedervereinigung aufrechterhalten, aber eine Verwirklichung schien unsagbar fern. Heinz Mack aber nahm sich der Herausforderung an und schuf einen Wasserbrunnen, eine der bis heute bedeutendsten Skulpturen in der an Kunst nicht eben armen Stadt Düsseldorf. Es geht um drei hintereinander stehende große Dreiecke aus Aluminium. Unterschiedlich groß sind diese leuchtenden Dreiecke, denn sie stehen für die Bundesrepublik Deutschland, die DDR und für Berlin, für West-Berlin als, wie man damals sagte, besondere politische Einheit. Zwischen 1986 und 1988 schuf Heinz Mack dieses Werk, das plötzlich ein neues Bewußtsein schuf für Getrenntes, das doch eigentlich vereint gehört.

 

Bei Nacht so effektvoll wie am Tag… – Foto: Ute Mack

Frau Ute Mack hat uns freundlicherweise zwei Bilder dieser Installation zur Verfügung gestellt, die ich die Freude habe, Ihnen präsentieren zu können. Doch zurück zu eben diesem Werk von Heinz Mack!

Als noch niemand an Willy Brandts Worte denken konnte vom Zusammenwachsenden, was zusammen gehört, verdeutlichte uns Heinz Mack mit den ganz identisch aussehenden, bloß in der Größe unterschiedlichen Dreiecken: eigentlich sind wir doch von ganz gleicher Gestalt und sollten jeden Tag so zusammenhalten und beieinanderstehen, wie es die drei stählernen Dreiecke so vorbildlich zeigen. Dreiecke sind es, die an Segel erinnern, an Segel, die Aufbruch verkünden und Fortentwicklung. Das alles umspült von Wasserfontänen, die manch einen an das Panta Rhei denken ließen, an das ‚Alles fließt‘ auch der politischen Weltgeschichte.

Ein Jahr später fiel die Mauer. Nicht wegen des Wasserbrunnens von Heinz Mack. Doch er schuf ein künstlerisch geformtes politisches Symbol in der besten aufklärerischen Tradition eines Moses Mendelssohn, er erinnerte an lange Vergessenes und gedanklich Verschüttetes, nämlich an das Verbindende im Trennenden. Zwei sich feindlich gegenüberstehende Staaten ganz unterschiedslos ihren Eindruck entfalten zu lassen, mit einer Perspektive nämlich, daß derjenige, der frontal vor den drei Segeln steht, nur noch ein einziges der Dreiecke sieht und damit einer gedanklichen Verschmelzung den Weg ebnet, das war ein prophetisches Zeichen.

Auch im Jahr 2017 – dreißig Jahre nach der Konzeption und im dritten Jahrzehnt des wiedervereinten Deutschland – noch immer von bestechender Wirkung – Foto: Heinz Mack

Ich erwähne diesen Brunnen auch deshalb in solcher Ausführlichkeit, weil wir zur heutigen Verleihung der Moses-Mendelssohn-Medaille wieder in Berlin zusammengekommen sind, der Stadt, in der Moses Mendelssohn 43 Jahre seines Lebens verbrachte, der Stadt aber auch, die wie keine zweite unter der deutschen Teilung gelitten hat und wie keine andere den Segen der Wiedervereinigung dankbar erfährt, Tag für Tag, auch noch 28 Jahre später.

Heinz Mack hat sich der deutschen Teilung künstlerisch angenommen, er hat einen bleibenden Beitrag zur Völkerverständigung geleistet und er ist ein großartiger neuer Träger der Moses-Mendelssohn-Medaille, die die Moses Mendelssohn-Stiftung in diesem Jahr zum zweiten Mal gemeinsam mit der Staatsbibliothek vergibt. Seien Sie alle herzlich willkommen; das Wort übergebe ich nun an den Vorstandsvorsitzenden der Moses Mendelssohn-Stiftung, Herrn Professor Schoeps.