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Aus dem Nachlass Gunther Erdmann (Signatur: 55 Nachl 111/H,46) - Staatsbibliothek zu Berlin – PK - Lizenz: CC BY-NC-SA

Seine Musik brachte Kinderaugen zum Leuchten

Der komplett erschlossene Nachlass (55 Nachl 111) des Komponisten Gunther Erdmann ist jetzt in der Staatsbibliothek

Aus dem Nachlass Gunther Erdmann (Signatur: 55 Nachl 111/H,46) - Staatsbibliothek zu Berlin – PK - Lizenz: CC BY-NC-SA

Aus dem Nachlass Gunther Erdmann (Signatur: 55 Nachl 111/H,46) – Staatsbibliothek zu Berlin – PK – Lizenz: CC BY-NC-SA

Vielleicht werden sich einige, die ihre Kindheit in Ostdeutschland verbracht hatten, an Lieder wie etwa „der kleine freche Spatz vom Alexanderplatz“ von Gunther Erdmann (1939-1996) erinnern. Der bis zur Wende gefeierte Komponist mit dem dichten dunklen Haar und dem markanten Rauschebart hat fast sein ganzes Leben für die Kindheit und Jugend komponiert. Doris Winkler vom Chorverband Berlin ist es zu verdanken, dass der Nachlass von Gunther Erdmann, der auch ein Stück Musikgeschichte der DDR ist, gerettet werden konnte und nun in der Musikabteilung für die Nachwelt zugänglich ist. Besonders beeindruckt der umfangreiche kompositorische Teil des Nachlasses, der neben zahlreichen persönlichen Dokumenten auch Fotos und Tonträger enthält: Sein Œuvre umfasst Instrumental- und Filmmusik, Sololieder, Revuen und eine Kinderoper. Es war sein Hauptanliegen, Chormusik v.a. für junge Leute zu schreiben. Dabei sollte der 1939 im Thüringischen Oberdorla bei Mühlhausen geborene Erdmann zunächst die Schuhwerkstatt des Vaters übernehmen, übte aber viel lieber Cello und Klavier in der Volksmusikschule und zog schon bald als Korrepetitor beim „Republik-Ensemble der Deutschen Volkspolizei“ durch die DDR, wie die im Nachlass erhaltenen Berichtshefte und Lehrlingszeugnisse aus dem Weißenfelser Schuhkombinat „Banner des Friedens“ belegen.

 

Aus dem Nachlass Gunther Erdmann (Signatur: 55 Nachl 111/H,46) - Staatsbibliothek zu Berlin – PK - Lizenz: CC BY-NC-SA

Aus dem Nachlass Gunther Erdmann (Signatur: 55 Nachl 111/H,46) – Staatsbibliothek zu Berlin – PK – Lizenz: CC BY-NC-SA

1966, nach dem Studium an der Hochschule für Musik „Hanns Eisler“, übernahm er als musikalischer Leiter fast 20 Jahre erfolgreich zusammen mit der Choreographin und Tänzerin Anni Sauer das Kinder- und Jugendensemble „Musik und Bewegung“ am „Haus der Jungen Talente“ in Berlin. Über diese Arbeit, die er stets mit seinem kompositorischen Grundsatz „so einfach wie möglich, so kompliziert wie nötig“ zu erfüllen suchte, schrieb Erdmann im Januar 1985: „Kinder haben eine unglaubliche Phantasie. Sie sind nicht nur aktive Zuhörer, sie können gar nicht passiv sein und urteilen durch ihre Anteilnahme. Jedes Kind ist musikalisch. Es genügt nicht nur, Kompositionen für Kinder zu schreiben, man muß sich selbst mit ihnen beschäftigen, muß ihre Wünsche, Träume, Freude und Traurigkeit genau kennen. Das ist die beste Basis zur Schaffung neuer Musik für Kinder.“ Dabei versuchte Erdmann, den Bewegungsdrang von Kindern geschickt mit der Artikulation von Sprache und Klängen zu verquicken.

 

Einige Werke aus seinem Nachlass sind heute zwar als Ergebnis einer ideologischen Vereinnahmung durch die SED-Machthaber durchaus kritisch zu sehen. Andere Werke wirken hingegen erstaunlich zeitlos, entspringen stets der Erlebniswelt des Kindes. Abzählreime finden sich neben Kalauern, Zungenbrechern oder Kurzgeschichten und Gedichten von Eva Strittmatter, Sarah Kirsch, James Krüss etc. Ebenso bediente Erdmann auch das traditionelle Kinderlied aus Deutschland (neben dem Liedgut aus „sozialistischen Brüderländern“) im gemäßigt modernen Tongewand.

Notenhandschrift „Aj-lju-lju“ aus dem Nachlass Gunther Erdmann (Signatur: 55 Nachl 111/A,296 (1)) - Staatsbibliothek zu Berlin – PK - Lizenz: CC BY-NC-SA

Notenhandschrift „Aj-lju-lju“ aus dem Nachlass Gunther Erdmann (Signatur: 55 Nachl 111/A,296 (1)) – Staatsbibliothek zu Berlin – PK – Lizenz: CC BY-NC-SA

Anfang der 1980er Jahre kam sein Interesse für jiddische Folklore hinzu. Neben der Pentatonik reizte ihn die eigenartige Melange aus heiterer Lebensfreude und tiefem Schmerz, die in seinem Zyklus „Tumbalaleika“ oder in der Motette „Ghetto“ erfahrbar wird. 1990 komponierte er sein letztes Chorwerk „Die Welt ist ein Käfig voller Narren“. Nach dem Mauerfall wurde es ruhiger um den Komponisten; er vereinsamte sogar zunehmend − ein Schicksal, das er mit vielen Komponisten der untergegangenen DDR teilte.

[Text von Jean Christophe Gero]

Notendruck „Die Welt ist ein Käfig voller Narren“ aus dem Nachlass Gunther Erdmann (Signatur: 55 NB 18046-1) - Staatsbibliothek zu Berlin – PK - Lizenz: CC BY-NC-SA

Notendruck „Die Welt ist ein Käfig voller Narren“ aus dem Nachlass Gunther Erdmann (Signatur: 55 NB 18046-1) – Staatsbibliothek zu Berlin – PK – Lizenz: CC BY-NC-SA

Wissenswerkstatt-Workshop Haus Potsdamer Straße | SBB-PK CC NC-BY-SA

Workshop zur DDR-Geschichte am 15.10.

Workshop
“Von Ausreiseantrag bis Zentralkomitee DDR Geschichte online – das Portal DDR- Presse sowie Quellen, Fakten, Archive und Aufarbeitung”

Donnerstag, 15. Oktober
17.00 Uhr
Schulungsraum im Lesesaal, Haus Potsdamer Straße
Treffpunkt: Eingangshalle (I-Punkt)

In diesem Workshop stellen wir Ihnen verschiedenste Online-Quellen zur DDR-Geschichte vor. Einen Schwerpunkt bildet die Einführung in unser Portal „DDR-Presse“, das die Volltextrecherche in drei DDR-Tageszeitungen über mehr als 40 Jahren ermöglicht. Danach lernen sie verschiedene Online-Quellen kennen – von Statistiken über interne Dokumente des Ministeriums für Staatssicherheit bis zu illegal im Samisdat veröffentlichten Zeitschriften.

Wir zeigen Ihnen, wie sie thematische und biographische Informationen finden und welche Archive sie nutzen können. Und wir informieren Sie über verschiedenste thematische Portale – vom Nationen Verteidigungsrat über Jugendopposition und Punk bis zum Möbeldesign.

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